Archiv für den Monat: November 2015

Mehr über Henry Heath

Das meiste, was wir über Henry Heath wissen, verdanken wir Pickerings Chief Men among the Brethren;1 auch spätere Autoren (sofern sie Heath überhaupt erwähnen) schöpfen offenbar vorwiegend aus dieser Quelle.2 Dass in Chief Men ein falsches Todesjahr angegeben wird, habe ich in meinem Beitrag zum 200. Geburtstag Heaths bereits erwähnt; es hätte allerdings auch Pickering selbst schon auffallen können – immerhin waren die Letters of the Late Robert Cleaver Chapman, die Heaths Tod im Januar 1899 belegen, schon 1903 erschienen. Auf eine noch ältere und aufschlussreichere Quelle bin ich erst nach Verfassen meines Blogeintrags gestoßen; es handelt sich um einen Nachruf in der Zeitschrift North Africa vom Februar 1899.

north_africaNorth Africa war das Organ der Anfang der 1880er Jahre gegründeten überkonfessionellen „North Africa Mission“,3 als deren Sekretär der Offene Bruder Edward Henry Glenny (1852–1926) fungierte.4 In seiner regelmäßigen Rubrik “To the Friends of the North Africa Mission” meldete er im Februar 1899 den Tod dreier Freunde der Mission: Philip Gough,5 Henry Heath und William Thomas Berger.6 Der Abschnitt über Heath lautet wie folgt:

In the early hours of the first of January, as the New Year broke, Mr. Henry Heath, another life-long personal friend, reached home. In addition to sometimes helping financially, he was a regular reader of our paper, or it was read to him, and we may rest assured that the work was borne up before the Master whom he loved. He was a devoted, gifted, and eminent servant of Christ, but being very modest and retiring, was not so widely known as he otherwise might have been, though probably a considerable number of our readers may have known him. He was born in the year 1815, and converted early in life. At the age of nineteen he had a serious illness, and it was feared he might die of consumption, but the passage of Scripture, “I shall not die, but live and declare the works of the Lord,” was strongly impressed upon his mind. He was at first a schoolmaster, and then was associated with Mr. Robert Chapman, of Barnstaple, in Christian work. In 1841 he went to labour in Spain, and was in Malaga and Gibraltar for over a year at a time when work in Spain was very much more difficult than at present. He kept up his Spanish reading, though he did not return to that country again. In 1848 he was married, and entered upon Christian work at Hackney, and made this his centre of life and service till 1869. His tall, commanding figure, he must have stood 6 feet 2 or 3 inches, impressed itself vividly on my infant mind; he had an eagle eye, and his face was grave and serious, though it not infrequently relaxed into a pleasant smile. I owe much to his prayers, his holy example, and his calm faith, and now, after sixty or seventy years of service, he has reached home. He was buried at Woolpit, where he resided for the last thirty years, though during the last five years he had moved about rather more.

I was commissioned by members of Mr. Heath’s family to inform Mr. W. T. Berger, of Cannes, of his decease, as they had been closely associated in Christian work at Hackney; but on January 9th, before my letter could reach him, he, too, was called to the presence of the Master.7

Die Beschreibung von Heaths Charakter (“very modest and retiring”) und seinen wichtigsten Lebensstationen stimmt durchaus mit dem Bericht in Chief Men among the Brethren überein; eine ganze Reihe von Informationen sind jedoch völlig neu. Ich fasse sie stichwortartig zusammen:

  • frühe Bekehrung
  • lebensbedrohliche Krankheit im Alter von 19 Jahren
  • Missionseinsatz in Spanien 1841/428
  • Heirat 18489
  • Zusammenarbeit mit William Thomas Berger in Hackney10
  • Unterstützung der „North Africa Mission“
  • Reisetätigkeit in den letzten fünf Lebensjahren

Alles dies war offenbar auch „C. J. H.“, dem Verfasser der Heath-Biografie in Chief Men among the Brethren, nicht bekannt – andernfalls hätte er sicher zumindest einiges davon erwähnt. Auch die spätere Brüdergeschichtsschreibung scheint Glennys Nachruf nicht verarbeitet zu haben, sodass er als veritable (wenn auch kleine) Entdeckung gelten kann.


200. Geburtstag von Henry Heath

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Henry Heath

Es gibt „Brüder“, die sozusagen im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen: Sie reisen, halten Vorträge, schreiben Artikel oder Bücher, beeinflussen Entscheidungen. Andere wirken eher im Stillen: lokal begrenzt, ohne großes Aufsehen, aber nicht weniger treu. Ein solcher Bruder war Henry Heath, der heute vor 200 Jahren in Teignmouth (Devon) geboren wurde.

Das Früheste, das wir aus Heaths Leben wissen, ist, dass er um 1839 in dem Dorf Tawstock , etwa 80 km nordwestlich seines Geburtsorts gelegen, als Lehrer eingestellt wurde. Bald machte er Bekanntschaft mit Robert Cleaver Chapman, der im benachbarten Barnstaple seit einigen Jahren eine Gemeinde nach Art der „Brüder“ leitete. Heath besuchte Chapmans Vorträge und lernte hier die Heilige Schrift als inspiriertes und lebendiges Wort Gottes kennen. Die Folge war, dass er seinen Plan, Geistlicher in der anglikanischen Kirche zu werden, aufgab. Er schloss sich der Gemeinde in Barnstaple an und entwickelte sich dort zu einem begabten Prediger und Leiter.1

Um 1848 zog Heath in das Dorf Hackney nordöstlich von London (heute ein Stadtteil Londons), um 1869 dann nach Woolpit, einem entlegenen Dorf in der Grafschaft Suffolk im Osten Englands. Sein Biograf berichtet:

Here this faithful servant of the Lord spent nearly thirty years of his life, putting into practice the text that came so forcibly to him many years previous: “Seekest thou great things for thyself? seek them not” (Jer. 45. 5). Hidden away from the multitude, unseen and unheard by the many, yet through the power of the Holy Spirit being a great blessing to those with whom he came in contact. People from fifteen different villages (some of them six miles away) would come regularly to Woolpit room to have the privilege of sitting under his ministry, and go away refreshed and strengthened.2

Henry Heath starb am 1. Januar 1899 im Alter von 83 Jahren.3 Sein ehemaliger Mentor, der inzwischen 96-jährige Robert Chapman, schrieb zwei Wochen später in einem Brief:

It is well with our dear departed Brother Heath – it is well – it is well. He is with the Lord whom he so loved and so faithfully served, and is looking onward to the gathering together of the redeemed.4

Heaths Name wurde unter den Offenen Brüdern noch lange in Ehren gehalten und häufig in einem Atemzug mit zwei anderen Henrys, Henry Groves und Henry Dyer, genannt.5 Sein Lebensbild aus Chief Men among the Brethren ist online verfügbar.


150. Todestag von Wilhelm Alberts

„Alberts, Schwarz, Bröcker, Weber, Eberstadt, Effey“ – diese Namensliste ist in nahezu jeder ausführlicheren Darstellung der deutschen Brüdergeschichte zu finden.1 Es handelt sich um die sechs Brüder, die am 11. Dezember 1852 zusammen mit Carl Brockhaus aus dem Evangelischen Brüderverein austraten bzw. austreten mussten, weil sie sich die Ansichten John Nelson Darbys zu eigen gemacht hatten. Über die meisten von ihnen wissen wir kaum mehr als die Namen; nur Wilhelm Alberts ist uns dank der Nachforschungen des letzten Brüdervereinsvorsitzenden Hans Horn etwas besser bekannt.2

Bildquelle: http://www.wiehl.de/bilder/drinhausenbig.jpg
Wiehl um 1850

Wilhelm Alberts wurde am 5. April 1823 in Dörnen bei Wiehl (heute ein Stadtteil im Südwesten Wiehls) geboren und erlernte das Handwerk des Klempners oder Blechschlägers. Durch den Nümbrechter Pfarrer Ernst Hermann Thümmel (1815–1887) kam er zum Glauben und erhielt bald Gelegenheit, in „erweckten“ Versammlungen das Wort zu ergreifen. 1850 trat er in den neu gegründeten Evangelischen Brüderverein ein und wurde für ein Tagesgehalt von 20 Silbergroschen hauptamtlicher „Lehrbruder“. Max Goebel, ein landeskirchlicher Kritiker des Brüdervereins, berichtete 1854, dass Alberts

zuerst in den Gemeinden Lennep und Lüttringhausen, und später in verschiedenen Gemeinden der Aggersynode sehr stark besuchte aber auch heftig angefeindete Versammlungen hielt. Während seines anfänglichen Wirkens in der Synode Lennep machte er auf die dortigen Pfarrer theilweise den Eindruck eines bescheidenen, wohlmeinenden, gläubigen Mannes […]. Alberts verbreitete seit 1852 bedenkliche Lehren von der Unverlierbarkeit des Gnadenstandes, der absoluten Prädestination und seiner Sündlosigkeit, so daß nun selbst die frömmeren und entschiedeneren Pfarrer der Aggersynode sein Treiben je länger je mehr mißbilligten. So hat er Pfingsten 1852 zu Nallingen in der Gemeinde Marienberghausen das heilige Abendmahl unter Gesang, Schriftlesung und abwechselnden knieenden Gebeten mehrer Brüder mit 12–14 (später gar mit 40) Personen beiderlei Geschlechts durch gegenseitige Austheilung von ungesegnetem Weißbrod und Wein (aus einer Tasse) gefeiert, was er selber aber nur ein Liebesmahl oder eine testamentliche Handlung nannte. Diese Feier wurde monatlich gehalten. Alberts selber war schon 1852 Wiedertäufer geworden, indem er sich mit einigen Anverwandten – wahrscheinlich von Lindermann3 – wiedertaufen ließ; und sammelte in seiner Heimath aus Verwandten und Freunden eine Gemeinde von zwanzig Personen, die 1853 ihren Austritt aus der evangelischen Kirche förmlich notariell erklärten.4

Vorausgegangen war dieser Gemeindegründung die „darbystische Krise“5 im Brüderverein. Horn schreibt:

Aus den fragmentarischen Berichten hinsichtlich des Inhaltes seiner [Alberts’] Predigt kann man die Spuren einer immer stärkeren Hinwendung zu den speziellen Lehren der sogenannten Brüderbewegung erkennen, die durch den Engländer John Nelson Darby einen mächtigen Auftrieb in Europa erfuhr. […] Es ist keine Frage, daß im Brüderverein Alberts neben Carl Brockhaus der entschiedenste Verteidiger der Lehren der Brüderbewegung war.6

Da der Brüderverein keine „separatistischen Bestrebungen“ duldete, wurden Alberts und seine Freunde am 11. Dezember 1852 zum Austritt gedrängt. Für Alberts hatte das durchaus existenzielle Konsequenzen: Er musste sich wieder einen Brotberuf suchen und begann als „Ackerer“ in der Landwirtschaft zu arbeiten. Seine Predigttätigkeit setzte er jedoch fort – nun freilich unter noch größeren Anfeindungen. Im Siegerland beispielsweise wurde er 1853 einmal verhaftet, und die zum „Liebesmahl“ Versammelten wurden von der Polizei auseinandergetrieben.

Die von Alberts an seinem Wohnort Großfischbach gegründete Gemeinde, die auch Carl Brockhaus auf seinen Reisen wiederholt besuchte, wurde „Brüderverein der Gläubigen“ oder „Freie Brüdergemeinde“ (!) genannt. Horn kommentiert:

Ganz entsprechend dem ihnen eigenen Gemeindeverständnis vermeidet man jede Bezeichnung, die als eine neue Freikirche verstanden werden könnte. Wie ernsthaft das Bestreben war, sich auf den Bahnen der Urgemeinde zu bewegen, erkennt man an dem interessanten Vorschlag, der bei einer Versammlung in der Gemeinde Marienberghausen unterbreitet, aber dann doch nicht verwirklicht wurde, nämlich die Gütergemeinschaft unter den Gläubigen einzuführen. […] Die Versammlungen selbst verliefen nach Auskunft des Bürgermeisters Möller „still und friedlich“, ihren Teilnehmern stellte er in „moralischer und sittlicher Beziehung“ ein sehr gutes Zeugnis aus.7

Wilhelm Alberts wurde nur 42 Jahre alt. Der „rastlose Wanderprediger“8 starb heute vor 150 Jahren in Rumeln im Kreis Moers (heute ein Stadtteil von Duisburg). Seine Nachwirkung fasst Horn wie folgt zusammen:

Die zahlreichen Kleinkreise der Brüderbewegung, die unmittelbar oder mittelbar von ihm gegründet wurden, haben ihn überlebt, aber im Laufe der Jahrzehnte seinen Namen auf Grund ihrer gewollten Interessenlosigkeit an der Geschichte verblassen lassen oder sogar vergessen. Wie viele es gewesen sind, läßt sich nicht mehr feststellen. Aber wir dürfen aus den vorhandenen Quellen schließen, daß die ältesten Zellen der Brüderbewegung im Oberbergischen, im Siegerland, und auch in angrenzenden Gebieten zu einem großen Teil auf diesen Vorkämpfer reiner geistgewirkter Christengemeinden zurückgehen.9

Die 20-seitige Arbeit von Horn ist auf bruederbewegung.de digital zugänglich.


100. Todestag von George Frederic Trench

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George Frederic Trench

Wie die meisten britischen und irischen Offenen Brüder der zweiten und dritten Generation ist George Frederic Trench im deutschen Sprachraum kaum bekannt. Er erhielt jedoch einen Platz in Henry Pickerings Chief Men among the Brethren1 – Grund genug, auch an dieser Stelle einmal an ihn zu erinnern.

Trenchs Vater Frederic FitzJohn Trench (1808–1859) war ursprünglich Kavallerieoffizier in Indien und später Pfarrer im irischen Staplestown. George Frederic,2 sein dritter Sohn, wurde am 6. August 1841 geboren. Zum Glauben kam er im Konfirmationsalter durch eine Ansprache des bekannten Erweckungspredigers Henry Grattan Guinness (1835–1910). Während seines Studiums am Trinity College in Dublin, das er mit einem B.A. abschloss, lernte er den gleichaltrigen Robert Anderson (1841–1918) kennen, der ebenfalls ein bekannter Offener Bruder werden sollte und mit dem er zeitlebens freundschaftlich verbunden blieb. Gemeinsam unternahmen sie in den 1860er Jahren erfolgreiche Evangelisationsreisen durch Irland.

1868 heiratete Trench Frances Charlotte Talbot-Crosbie, eine Tochter des Offenen Bruders William Talbot Talbot-Crosbie (1817–1899), und ließ sich an deren Heimatort Ardfert im Südwesten Irlands nieder. In den folgenden Jahrzehnten engagierte er sich stark als Evangelist, Prediger und Autor bei den Offenen Brüdern und darüber hinaus;3 das Christian Brethren Archive verzeichnet 15 Bücher und Schriften von ihm,4 hinzu kommen zahlreiche Beiträge zu den Zeitschriften The Witness, The Christian u.a. Pickering schreibt über seinen Dienst:

Having received clear light on the evil of Sec­tarianism in his younger days, he was clear in heart and ways to the end. No man was more loyal to the truths dear to those who seek to gather in the Worthy Name alone. An ardent worker, a diligent student, an able minister of the Word, ever a friend of the young, and interested in young men, also in policemen, soldiers, and other special branches of work, his influence was most widely extended by his pen.5

George Frederic Trench starb heute vor 100 Jahren und wurde auf dem protestantischen Friedhof von Dublin (Mount Jerome Ceme­tery) begraben. Sein von Pickering verfasstes Lebensbild ist online verfügbar.


150. Todestag von William Trotter

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William Trotter

William Trotter ist der Nachwelt vor allem als Verfasser der Schrift The Whole Case of Plymouth and Bethesda in Erinnerung geblieben, einer wichtigen, wenn auch etwas einseitigen zeitgenössischen Darstellung der Vorgänge, die 1848 zur Trennung zwischen Geschlossenen und Offenen Brüdern führten (die heute erhältliche Ausgabe trägt den Titel The Origin of (so-called) Open-Brethrenism; eine stark bearbeitete deutsche Übersetzung erschien – wahrscheinlich in den späten 1930er Jahren – beim Raven-Verlag Rückbrodt in Leipzig). Weniger bekannt ist, dass Trotter auch zwei umfangreiche Bände über Prophetie (die fast 500-seitigen Plain Papers on Prophetic and Other Subjects [PDF] und die knapp 200-seitigen Eight Lectures on Prophecy) sowie einige kleinere Schriften hinterließ.1

Geboren wahrscheinlich 1818 in Yorkshire,2 kam Trotter mit 12 Jahren zum Glauben und begann bereits zwei Jahre später zu predigen. Mit 19 Jahren wurde er zum Prediger der Methodist New Connexion berufen. Zweifel an der Berechtigung des geistlichen Standes und eine Meinungsverschiedenheit mit der Kirchenleitung über die finanzielle Versorgung der Prediger und ihrer Witwen führten jedoch 1841 dazu, dass er sein Amt niederlegen musste;3 spätestens 1844 gehörte er der jungen Brüdergemeinde in Otley an. Er wurde ein treuer Freund und Gefolgsmann des 18 Jahre älteren John Nelson Darby, von dem er folgenden bekannt gewordenen Ausspruch überlieferte:

The secret of peace within and power without is to be occupied with good – ever and always to be occupied with good.4

William Trotter wurde nur 47 Jahre alt. Er starb heute vor 150 Jahren in Falsgrave bei Scarborough (North Yorkshire).5 Neatby schreibt über ihn:

William Trotter of York, an ex-Methodist minister, is more highly spoken of by every one that knew him than almost any other Plymouth Brother; and his untimely death, while he was yet under fifty, was felt to be a heavy loss of the kind that Christians can least afford.6

Online zugängliche Kurzbiografien Trotters stammen von Henry Pickering, John Bjorlie  und Gordon A. Rainbow.