200. Geburtstag von Julius Anton von Poseck

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Julius Anton von Poseck (1816–1896)

Es gibt wohl kein Lied aus den Kreisen der Brüderbewegung, das in der Christenheit so bekannt geworden ist wie „Auf dem Lamm ruht meine Seele“. Die Website Liederdatenbank verzeichnet allein aus den letzten vier Jahrzehnten sieben Liederbücher verschiedenster Herkunft, in die es aufgenommen wurde – von den Gemeindeliedern der Baptisten und FeGs über Jesus unsere Freude vom Gnadauer Gemeinschaftsverband und Singt zu Gottes Ehre vom Blauen Kreuz bis hin zu Lied des Lebens von „Jugend mit einer Mission“. Tonaufnahmen von Doris Loh bis Helmut Jost, Übersetzungen ins Englische und Niederländische sowie ein Buchtitel von Jost Müller-Bohn sind weitere Zeugen seiner Popularität. Der Autor dieses „Klassikers“, mit vollem Namen Julius Anton Eugen Wilhelm von Poseck, wurde heute vor 200 Jahren im pommerschen Zirkwitz (heute Cerkwica in Polen) geboren.

Weniger bekannt ist, dass der seit über 150 Jahren gesungene Wortlaut durchaus nicht den ursprünglichen Vorstellungen des Dichters entspricht. Tatsächlich mussten sich alle Lieder Posecks – nach heutigem Kenntnisstand lassen sich nur noch fünf mit einiger Gewissheit ihm zuordnen1 – mehr oder weniger einschneidende Änderungen gefallen lassen, als sie in das „kanonische“ Liederbuch der deutschen „Brüder“, die von Carl Brockhaus herausgegebene Kleine Sammlung geistlicher Lieder, aufgenommen wurden. Ausgerechnet „Auf dem Lamm ruht meine Seele“ traf es dabei mit am härtesten: Von den eigentlich elf Strophen wurden sechs getilgt, die fünf beibehaltenen wurden umgeschrieben (besonders die letzte ist kaum noch wiederzuerkennen), und eine Strophe wurde (wahrscheinlich von Carl Brockhaus) neu hinzugedichtet.

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Titelseite der „Lieder für die Kinder Gottes“ (²1856)

Wie Poseck selbst sich seine Lieder vorgestellt hatte, ist uns durch das von ihm herausgegebene Liederbuch Lieder für die Kinder Gottes (2. Auflage, Hilden 18562) glücklicherweise noch bekannt. Auch wenn man manche der späteren Veränderungen durchaus als Verbesserungen empfinden mag – oder ist es nur eine Frage der Gewohnheit? –, sollen in diesem Gedenkartikel einmal die Originalfassungen zu ihrem Recht kommen – als kleine Reverenz an einen Bruder mit „nicht alltägliche[r] Dichtergabe“,3 der in Deutschland wegen seiner „Gelehrtheit“ nicht recht willkommen war und deshalb die zweite Hälfte seines Lebens in England verbrachte.4

Das Lied „Auf dem Lamm ruht meine Seele“ trug in Posecks Liedern für die Kinder Gottes die Nummer 91:5

Auf dem Lamm ruht meine Seele,
Schauet still dies Wunder an:
„Alle, alle meine Sünden
Durch Sein Opfer weggethan!“

Sel’ger Ruhort! Süßer Frieden,
Auf dem Lamme so zu ruhn!
Wo Gott Selber mit mir ruhet
Der ich Ihm versöhnet nun.

Hier fand Ruhe mein Gewissen;
Denn Sein Blut, es war der Quell,
Der mein Kleid von allen Sünden
Hat gewaschen weiß und hell.

Hier seh’ ich die Morgenröthe
Offen steht des Himmels Thor;
Meine Seele im Triumphe
Schwinget sich zu Gott empor.

Hier muß der Verkläger weichen;
Denn für mich ward Gottes Lamm
Einst zur Schlachtbank hingeführet,
Hat den Mund nicht aufgethan.

Seele, klammre Dich im Glauben
Fest an Deinen Heiland an.
Sieh, Er ist für Dich gestorben,
Daß Du lebest Ihm fortan.

Geh nach Weisheit zu dem Lamme;
Lern’ hier Gottes Sinn verstehn;
Lern’ des Vaters Herrlichkeiten,
Täglich neue Wunder sehn.

Tränke Dich aus diesen Quellen
Wahrer Demuth, Lieb’ und Gnad’.
Dann, o Seele, ruhst du sicher,
Wandelst sicher deinen Pfad.

Jesu, Deine Gnade leitet
Mich der sel’gen Wohnung zu,
Die dort in des Vaters Hause
Selber mir bereitet du.

Dann wird Dich mein Auge sehen,
Dessen Lieb’ ich hier geschmeckt,
Dessen Treu ich hier erfahren,
Der mir Gottes Herz entdeckt.

Wenn der Lohn von deinen Schmerzen:
Deine Gott erkaufte Schaar –
Bringt in Zions heil’ger Ruhe
Gotteslamm ihr Loblied dar.

Ähnlich starke Veränderungen wie „Auf dem Lamm ruht meine Seele“ erfuhr das Lied „Jesu, Quelle unsrer Freuden“ (Nr. 94): Es wurde von fünf auf zwei Strophen gekürzt, die nunmehr zweite Strophe wurde völlig umgedichtet, und die 2. und 4. Zeile wurden um jeweils zwei Silben verlängert:

Jesu, Quelle unsrer Freuden,
Trost in allem Leid!
Der Du Selber gingst durch Leiden
Ein zur Herrlichkeit.
Hier von unserm Pilgerlauf
Schauen wir zu Dir hinauf,
Rings umschränkt,
Hart bedrängt,
Stärke uns im Glaubensstreit.

Sieh, Dein Feind schlägt Deine Glieder
Mit gar großer Macht,
Glaubt, er hätte bald darnieder
Deinen Leib gebracht.
Aber seine Macht, sie raubt
Nicht dem Leib sein mächtig Haupt,
Das Du bist,
Jesus Christ,
Der vom Himmel uns bewacht.

All sein Toben und sein Wüthen,
Seine Ränk’ und List,
Sein Gewehr und Machtaufbieten
Doch vergebens ist.
Christi Leib bezwingt er nicht,
Christi Geist, den dämpft er nicht.
In uns ist
Jesus Christ
Mächt’ger, als der draußen ist.

Starkes Haupt der schwachen Glieder!
Aus der Herrlichkeit
Schaust Du auf die Deinen nieder,
Die für Dich im Streit.
All’ in jedem Ort und Land,
Groß und Klein sind Dir bekannt;
Jeden Schlag,
Spott und Schmach,
Fühlst Du als Dein eigen Leid.

Halt’ uns nah Dir alle Stunden,
Daß nicht, Jesu, wir
Sünd’gend Dich, o Haupt, verwunden,
Das geblutet hier.
Festen Schritt und brennend Licht!
Denn Du, Herr, verziehest nicht!
Bald nach Streit,
Kreuz und Leid,
Triumphirt die Braut mit Dir.

Kaum besser erging es dem Lied 77 „Hochgebenedeiter“ (der zugegebenermaßen etwas befremdliche Titel wurde in „Gott, mein treuer Leiter“ geändert): Fünf von acht Strophen gingen verloren, die übrigen wurden gründlich revidiert:

Hochgebenedeiter!
Deine Macht reicht weiter,
Als die Sonne scheint.
Du Selbst willst uns schützen,
Soll’n auf Dich uns stützen,
Unsichtbarer Freund!
Steh uns bei,
Im Glauben treu,
Trotz des Lebens Truggestalten
An Dir fest zu halten.

So im heil’gen Bunde
Bist Du jede Stunde
Uns, o Helfer, nah.
Nimm, was Du willst nehmen,
Es soll uns nicht grämen,
Denn Du liebst uns ja.
Reben, wir,
Im Weinstock, Dir,
Gib, daß wir trotz Sturmes Schalten
An Dir fest nur halten.

Wir sind in der Wüste,
Fern der Heimath Küste,
Müd’ und unterdrückt.
Doch zu allen Stunden
Wird in Dir gefunden
Ruh’, die uns erquickt.
Uns, verbannt
Im fremden Land,
Stärkest Du mit Segenswalten,
Wenn wir fest Dich halten.

Unsre frühern Träume,
Gleich wie leere Schäume,
Lassen wir zurück.
Was ist Erdenwonne?
Nebel vor der Sonne!
Der uns trübt den Blick.
Unsre Freud’
Und Sonn’ im Leid,
Strahlst und wärmst Du ohn’ Erkalten,
Wenn wir fest Dich halten.

Hoffnungen der Erde,
Freunde und Gefährte,
Schwinden wie ein Trug.
Und wenn sie uns fehlen,
Bist Du, Trost der Seelen,
Freund und Hoffnung g’nug.
Wenn uns blieb
Nicht Freund noch Lieb’,
Wird’s uns desto wen’ger spalten,
Wenn wir fest Dich halten.

Will es oft uns dünken,
Als ob wir versinken
In der Wüste Sand;
Sieh, eh’ wir es denken,
Zeigst Du, uns zu tränken,
Uns der Quelle Rand.
„Halte dich
Doch fest an Mich!“
Flüsterst Du mit Liebestönen,
Stillest unsre Thränen.

Glaub’ und Hoffnung müssen
Unter Kümmernissen
Hier ernähren sich.
Doch wir sind zufrieden,
Bitten nichts hienieden,
Brauchen nichts als Dich.
Ruhig still
In Gottes Will’,
Sanft ergeben in Dein Walten,
Sind, die fest Dich halten.

Grab und Satan schrecket
Uns nicht, denn uns wecket
Unser Gott einst auf.
Der den Tod bezwungen,
Uns durch Blut errungen,
Stärkt hier unsern Lauf.
Gläub’gem Muth
Weicht Jordan’s Fluth,
Muß vor unserm Fuß sich spalten,
Wenn wir fest Dich halten.

Vergleichsweise ungeschoren kam dagegen Lied 66 „O Gottes Sohn! Vor aller Zeit geboren!“ davon: Es verlor nur seine erste Strophe, blieb aber sonst gut erkennbar:

O Gottes Sohn!
Vor aller Zeit geboren!
Eh’ Erd’ und Himmel ward, aller Engel Preis!
Des Vaters Lust und Freud’,
Du spieltest vor Ihm allezeit.
Warst Weisheit Seiner Stärke;
Der Meister Seiner Werke.
Und solchen Himmel, solchen Gott,
Konntst Du verlassen Ihn?

O Gottes Lamm!
Für Sünder hier erwürget!
Die Erde, die Du schufst, ach, sie trug Dein Kreuz!
Was führte Dich herab
In Armuth, Fluch und Tod und Grab? –
Die Braut, die Dir gegeben
Dein Gott, mit Dir zu leben,
Mit Dir zu thronen königlich,
Sie zog hernieder Dich.

Gott und das Lamm, –
O Quelle aller Freuden! –
Ist unser, wir sind Sein, jetzt und ewiglich!
Die Braut hast Du erkauft,
Und sie mit Deinem Geist getauft.
Die Liebe zog Dich nieder!
Sie zieht zu Dir uns wieder.
Was wär’ der Himmel ohne Dich,
Und alle Herrlichkeit?

Komm, Jesu, komm!
Wir sehnen uns, zu schauen
Das Antlitz unsers Herrn, der uns Gott erkauft.
Der, Seines Vaters Bild,
Sein Herz und Seinen Himmel füllt.
Auf fremden Erdenwegen
Wir seufzen Dir entgegen,
Bis unser Loblied voll ertönt
Dem Lamm, das uns versöhnt.

Am geringfügigsten schließlich wurde in Lied 9 „Jesus kam hernieder“ (heute: „Herr, Du kamst hernieder“) eingegriffen:

Jesus kam hernieder,
Hat uns versöhnt;
Ging zum Vater wieder,
Ward am Thron gekrönt.
Sein Eigenthum
Sind wir, Gott zum Ruhm;
Sind durch Ihn vertreten
Dort im Heiligthum.
Ewige Gnade,
Mein Bruder Du!
O welch’ hohe Gabe,
Welch’ sel’ge Ruh!

Wir, die Deinen beten
Freimüthiglich,
Weil Du sie vertreten
Hohepriesterlich.
Dein Angesicht
Ist auch jetzt gericht’t
Auf die Brüder alle,
O Du läßt sie nicht.
Dein treues Lieben,
Dein Opfertod
Brachte uns den Frieden,
Du treuer Gott!

Stehe auf vom Throne,
Du Gotteslamm!
Nimm die Braut zum Lohne,
O mein Bräutigam!
Sie ist ja Dein;
Rufe bald sie heim!
In des Vaters Wohnung
Führ’ sie mit Dir ein.
An Deinem Herzen
Trifft sie kein Leid;
Nahen keine Schmerzen
In Ewigkeit.

Lebensbilder Julius Anton von Posecks auf dem aktuellen Stand der Forschung (seit 2002 liegt ja die Monografie von August Jung vor, die auch bereits in mehreren Punkten korrekturbedürftig ist) sind online leider nicht verfügbar. Ich verweise hier auf den Artikel von Arend Remmers aus Gedenket eurer Führer und auf die deutschsprachige Wikipedia, deren Poseck-Artikel ich mir demnächst einmal vornehmen werde.


Anmerkungen:

  1. Vier der früher mit ihm in Verbindung gebrachten Lieder haben sich inzwischen als Werke anderer Autoren herausgestellt („Bis unser Lauf zu Ende“, „Herr, Du hast überwunden“, „O Gott, an Deiner Gnade“ und „Von Deiner Gnade will ich singen“), neun weitere sind lediglich Übersetzungen aus dem Englischen oder Französischen („Bilde unsre Herzen“, „Dank, o Vater, Deiner Gnade“, „Diese Welt ist eine Wüste“, „Du gabst, o Herr, Dein teures Blut“, „Hoffnung unsrer Herzen“, „Nichts, o Jesu, finde ich hienieden“, „O Glück unaussprechlich! Gott zürnet nicht mehr“, „Welche Liebe! Jesus betet“ und „Wo nichts ich seh als eine Wüste“). Den aktuellen Forschungsstand spiegelt das „Autoren- und Rechteverzeichnis“ in der Kleinen Sammlung Geistlicher Lieder, Hückeswagen (CSV) 2012 wider.
  2. Die 1. Auflage von ca. 1853 und der Anhang Einige neue Lieder von 1855 sind anscheinend verschollen.
  3. W[alther] Hermes: Hermann Heinrich Grafe und seine Zeit. Ein Lebens- und Zeitbild aus den Anfängen der westdeutschen Gemeinschaftsbewegung, Witten (Bundes-Verlag) 1933, S. 153.
  4. Gustav Ischebeck schreibt (offenbar unter Anführung einer Zeitzeugenaussage): „v. Poseck wurde 1857 von Darby mit nach England genommen, ‚damit er aus dem Gefecht komme; er war den Elberfeldern zu sehr Gelehrter, und sie kamen mit ihm nicht gut aus.‘“ („Blätter aus vergangenen Tagen“, 16. Fortsetzung, Der Gärtner 27 [1919], S. 82f., hier 82.)
  5. Im Gegensatz zu den anderen vier Liedern erschien dieses noch nicht in der 1. Auflage der Kleinen Sammlung geistlicher Lieder (1858), sondern erst in der 2. Auflage (1861).

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