Kategorie-Archiv: Deutschland

200. Geburtstag von Heinrich Thorens

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Heinrich Thorens (1817–1864)

Heinrich Thorens war einer der Männer, die einen bedeutenden Beitrag zum Entstehen der Brüderversammlungen in Deutschland gegeben haben, ohne dabei jedoch persönlich besonders hervorzutreten.

So schrieb Paul Krumme 1990 in der Zeitschrift Die Wegweisung.1 Heinrich Thorens’ Geburtstag jährt sich heute zum 200. Mal;2 aus diesem Anlass soll Krummes kurzer Artikel, der meines Wissens die einzige in sich abgeschlossene Veröffentlichung über Thorens geblieben ist, hier vollständig wiedergegeben werden.

Er wurde 1817 als Sohn eines Gastwirts im Kanton Neuchâtel (französische Schweiz)3 geboren, lernte aber schon früh, auf der höheren Stadtschule in Biel, auch die deutsche Sprache.

Um das Jahr 1830 kamen während einer Erweckungsbewegung in der Westschweiz viele Menschen zum Glauben. Zu denen, die das Heil in dem Herrn Jesus fanden, gehörte auch Heinrich Thorens.

Durch John Nelson Darby, der Anfang der vierziger Jahre in der Schweiz weilte und wirkte, wurde Thorens mit der biblischen Lehre über Heilsgewißheit, Bedeutung der Versammlung/Gemeinde des Herrn, Nachfolge usw. bekannt. Als Folge davon trat er aus der Staatskirche aus.

Thorens wurde Musterzeichner. Um sich in diesem Beruf weiterzubilden, begab er sich um 1841/42 nach Lyon, dem Zentrum der französischen Seidenindustrie. Zu dieser Zeit hielt sich auch der etwa gleichaltrige Hermann Heinrich Grafe dort auf. Die beiden jungen Männer lernten sich kennen und schlossen Freundschaft. Thorens ging zu der kleinen Brüderversammmlung in Lyon, während sich Grafe der dortigen Freien Gemeinde anschloß.

Grafe hatte in Wuppertal-Barmen zusammen mit seinem Schwager eine Textilfirma, Grafe und Neviandt. Er stellte 1846 Heinrich Thorens als Musterzeichner ein. Mit ihm hatte er für seinen Betrieb einen fähigen und fleißigen Mitarbeiter bekommen, aber weit höhere Bedeutung sollte Thorens’ Übersiedlung nach Westdeutschland auf geistlichem Gebiet haben.

Da der junge Schweizer schon durch das Gedankengut der „Brüder“ geprägt war, besuchte er die gerade im Entstehen begriffenen Brüderversammlungen in Düsseldorf und Hilden. Bald hatte er enge Verbindung mit Julius Anton von Poseck und William H. Darby (einem Bruder John Nelson Darby’s) und lernte auch die „Lehrbrüder“ (zu denen auch Carl Brockhaus zählte) des „Evangelischen Brüdervereins“ kennen, der im Juli 1850 gegründet worden war. Bei regelmäßigen Zusammenkünften in den Wohnungen Grafe’s und C. Brockhaus’ konnte Thorens die ihm klargewordenen Grundsätze des Wortes Gottes weitergeben. Wie sehr er dadurch auch Carl Brockhaus beeinflußte, geht aus einem Schriftstück hervor, das dessen ältester Sohn Ernst verfaßte und in dem es heißt, daß „besonders Bruder Thorens“ dazu beitrug, daß das Verständnis seines Vaters über die Wahrheit, das Wesen der Versammlung Christi, ihre Einheit durch den Geist Gottes, ihre Verbindung mit dem Haupt droben und ihre himmlische Stellung wuchs.4

Aufgrund seiner Gesinnung und von Demut geprägten Haltung war Heinrich Thorens allgemein geschätzt. Er nutzte jede freie Zeit, um das Evangelium von dem Herrn Jesus zu verkündigen.

Er war es gewohnt, einen bedeutenden Teil seines Einkommens für mildtätige Zwecke und für die Arbeit im Werk des Herrn zur Verfügung zu stellen. Infolge dessen stand nach seinem frühen Tod im Jahre 18645 seine Familie fast mittellos da. Jedoch kamen sowohl die Firma Grafe und Neviandt als auch die Elberfelder Brüderversammlung für ihre Bedürfnisse auf.

In Heinrich Thorens sehen wir ein deutliches Beispiel dafür, wie wunderbar die Wege des Herrn verlaufen. Ein junger Mann wird in seiner Heimat – der Schweiz – mit biblischem Gedankengut vertraut, das Brüdern in England neu geschenkt worden war. In Frankreich lernt er einen Deutschen kennen, der ihn als Mitarbeiter in seine Firma nach Westdeutschland holt, und in diesem Raum kann er sein Schriftverständnis weitergeben und dadurch wesentliche Anstöße geben zu einer „Glaubensbewegung“, die sich bald über weite Teile Deutschlands erstrecken sollte. Gott plant im voraus jeden Schritt der Gläubigen und fügt alles so zusammen, daß es zum Bau und zur Auferbauung des wunderbaren Organismus des „Leibes des Christus“ beiträgt!

Einige weitere Einzelheiten aus Thorens’ Leben erfahren wir aus der Grafe-Biografie von Walther Hermes (die zweifellos auch Krummes Hauptquelle war):

Als einst ein Heimarbeiter eine fehlerhafte Webarbeit ablieferte und damit auffiel, schob dieser die Schuld auf den Musterzeichner, den er nicht zugegen glaubte. Thorens stand auf, sich zu rechtfertigen, unterdrückte aber plötzlich seine Rede und ging wortlos an sein Pult zurück. Als ihm in jenen unruhigen Zeiten auf der Ronsdorfer Landstraße einmal ein Wegelagerer Uhr und Geld abforderte, gab er dieses sogleich her, wies dann aber den Räuber ernst und liebevoll auf die Folgen seiner Tat hin, worauf ihm dieser, der wohl erst ein Anfänger in diesem bösen Handwerk war, beschämt beides zurückgab. Seine ganze freie Zeit widmete er dem Werk des Herrn, für den er in den Kreisen der Weber mit Wort und Schrift zu werben suchte, wobei er manche Arme und Kranke besuchte, deren es damals in den Auswirkungen der Cholerazeit viele gab.6

Am Rande sei noch erwähnt, dass die bekannte Schweizer Firma Thorens, die zuerst Musikdosen und andere Musikapparate, im 20. Jahrhundert aber vor allem hochwertige Plattenspieler herstellte, 1883 von Heinrich Thorens’ in Elberfeld geborenem Sohn Hermann (1856–1943) gegründet wurde.

150. Geburtstag von Franz Kaupp

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Franz Kaupp (1866–1945)

„Eine der wichtigsten Lehrautoritäten der ‚Christlichen Versammlung‘ in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Württemberger Franz Kaupp“ – dieser Einschätzung Volker Jordans1 wird man sicherlich zustimmen können. Kaupp, dessen Geburtstag sich heute zum 150. Mal jährt, stammte wie der gleichaltrige Otto Schröder aus einfachen Verhältnissen und hatte keine Möglichkeit, eine höhere Schule zu besuchen, eignete sich aber im Selbststudium so umfassende Kenntnisse der Bibel einschließlich ihrer Grundsprachen an, dass seinem Urteil in Auslegungsfragen größtes Gewicht beigemessen wurde2 – und das nicht nur in „geschlossenen“, sondern auch in „offenen“ Kreisen.

Tatsächlich erschienen die meisten schriftlichen Fragenbeantwortungen Kaupps nicht im Botschafter des Heils in Christo (das Christian Writings Archive verzeichnet hier nur wenige Artikel aus den Jahren 1934–37), sondern in den Handreichungen aus dem Worte Gottes, der bedeutendsten Zeitschrift der deutschen Offenen Brüder. Eine heimliche Sympathie für den „offenen“ Standpunkt kann daraus sicher nicht abgeleitet werden, wohl aber doch die Bereitschaft, über den „exklusiven“ Tellerrand hinauszublicken und mit (etwas) anders denkenden Christen zusammenzuarbeiten.

Kaupps gesammelte Fragenbeantwortungen wurden 1968 vom Ernst-Paulus-Verlag in Buchform veröffentlicht (²1972), eingeleitet durch ein kurzes Lebensbild, das Arend Remmers über weite Strecken wörtlich in sein Buch Gedenket eurer Führer (1983, ²1990) übernahm. Es bildet auch die Grundlage für Volker Jordans Kapitel über Kaupp, das ab heute als separate Datei auf bruederbewegung.de zur Verfügung steht.

Einige Artikel und Fragenbeantwortungen Kaupps sind auch einzeln online zugänglich:

 


200. Geburtstag von Philipp und Carl Richter

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Philipp Richter (1816–1914), gemalt von seinem Enkel Paul Feller

„Wer schreibt, der bleibt“, sagt ein Sprichwort. Das gilt in gewisser Weise auch für die Kirchengeschichte: Diener Gottes, die Schriften hinterlassen haben, bleiben der Nachwelt in der Regel besser und länger im Gedächtnis als solche, deren Dienst vorwiegend mündlicher Art war. In die letztere Kategorie fallen zweifellos die Dillenburger Zwillingsbrüder Philipp und Carl Richter, die zu den Gründervätern der Brüderbewegung im Dillkreis gehörten und viele Jahre als Evangelisten und Lehrer in ihrer Heimatregion und darüber hinaus aktiv waren. Ihr Geburtstag jährt sich heute zum 200. Mal.

Dabei sind die Informationen über Carl (oder Karl) noch spärlicher als die über Philipp, der immerhin bis 1914 lebte, also fast 100 Jahre alt wurde. In seinem 40. Todesjahr (1954) gelang es der Zeitschrift Die Botschaft noch, Zeitzeugenerinnerungen an ihn zu sammeln und zu einem Gedenkartikel zu verarbeiten; dieser wurde 2014 zu seinem 100. Todestag in orthografisch modernisierter, annotierter und illustrierter Form in Zeit & Schrift wiederabgedruckt. Die zeichengetreue Originalfassung ist seit heute auf bruederbewegung.de zu finden.

Wiederholt erwähnt werden die Brüder Richter auch in zwei Arbeiten von August Jung: im Artikel „Die Anfänge der Brüderbewegung im Dillkreis, besonders in Manderbach“, erschienen in der Festschrift 150 Jahre Christliche Versammlung Manderbach (2003), S. 24–37, und im gleichnamigen (aber nicht damit identischen) Festvortrag zum selben Anlass.

200. Geburtstag von Julius Anton von Poseck

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Julius Anton von Poseck (1816–1896)

Es gibt wohl kein Lied aus den Kreisen der Brüderbewegung, das in der Christenheit so bekannt geworden ist wie „Auf dem Lamm ruht meine Seele“. Die Website Liederdatenbank verzeichnet allein aus den letzten vier Jahrzehnten sieben Liederbücher verschiedenster Herkunft, in die es aufgenommen wurde – von den Gemeindeliedern der Baptisten und FeGs über Jesus unsere Freude vom Gnadauer Gemeinschaftsverband und Singt zu Gottes Ehre vom Blauen Kreuz bis hin zu Lied des Lebens von „Jugend mit einer Mission“. Tonaufnahmen von Doris Loh bis Helmut Jost, Übersetzungen ins Englische und Niederländische sowie ein Buchtitel von Jost Müller-Bohn sind weitere Zeugen seiner Popularität. Der Autor dieses „Klassikers“, mit vollem Namen Julius Anton Eugen Wilhelm von Poseck, wurde heute vor 200 Jahren im pommerschen Zirkwitz (heute Cerkwica in Polen) geboren.

Weniger bekannt ist, dass der seit über 150 Jahren gesungene Wortlaut durchaus nicht den ursprünglichen Vorstellungen des Dichters entspricht. Tatsächlich mussten sich alle Lieder Posecks – nach heutigem Kenntnisstand lassen sich nur noch fünf mit einiger Gewissheit ihm zuordnen1 – mehr oder weniger einschneidende Änderungen gefallen lassen, als sie in das „kanonische“ Liederbuch der deutschen „Brüder“, die von Carl Brockhaus herausgegebene Kleine Sammlung geistlicher Lieder, aufgenommen wurden. Ausgerechnet „Auf dem Lamm ruht meine Seele“ traf es dabei mit am härtesten: Von den eigentlich elf Strophen wurden sechs getilgt, die fünf beibehaltenen wurden umgeschrieben (besonders die letzte ist kaum noch wiederzuerkennen), und eine Strophe wurde (wahrscheinlich von Carl Brockhaus) neu hinzugedichtet.

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Titelseite der „Lieder für die Kinder Gottes“ (²1856)

Wie Poseck selbst sich seine Lieder vorgestellt hatte, ist uns durch das von ihm herausgegebene Liederbuch Lieder für die Kinder Gottes (2. Auflage, Hilden 18562) glücklicherweise noch bekannt. Auch wenn man manche der späteren Veränderungen durchaus als Verbesserungen empfinden mag – oder ist es nur eine Frage der Gewohnheit? –, sollen in diesem Gedenkartikel einmal die Originalfassungen zu ihrem Recht kommen – als kleine Reverenz an einen Bruder mit „nicht alltägliche[r] Dichtergabe“,3 der in Deutschland wegen seiner „Gelehrtheit“ nicht recht willkommen war und deshalb die zweite Hälfte seines Lebens in England verbrachte.4

Das Lied „Auf dem Lamm ruht meine Seele“ trug in Posecks Liedern für die Kinder Gottes die Nummer 91:5

Auf dem Lamm ruht meine Seele,
Schauet still dies Wunder an:
„Alle, alle meine Sünden
Durch Sein Opfer weggethan!“

Sel’ger Ruhort! Süßer Frieden,
Auf dem Lamme so zu ruhn!
Wo Gott Selber mit mir ruhet
Der ich Ihm versöhnet nun.

Hier fand Ruhe mein Gewissen;
Denn Sein Blut, es war der Quell,
Der mein Kleid von allen Sünden
Hat gewaschen weiß und hell.

Hier seh’ ich die Morgenröthe
Offen steht des Himmels Thor;
Meine Seele im Triumphe
Schwinget sich zu Gott empor.

Hier muß der Verkläger weichen;
Denn für mich ward Gottes Lamm
Einst zur Schlachtbank hingeführet,
Hat den Mund nicht aufgethan.

Seele, klammre Dich im Glauben
Fest an Deinen Heiland an.
Sieh, Er ist für Dich gestorben,
Daß Du lebest Ihm fortan.

Geh nach Weisheit zu dem Lamme;
Lern’ hier Gottes Sinn verstehn;
Lern’ des Vaters Herrlichkeiten,
Täglich neue Wunder sehn.

Tränke Dich aus diesen Quellen
Wahrer Demuth, Lieb’ und Gnad’.
Dann, o Seele, ruhst du sicher,
Wandelst sicher deinen Pfad.

Jesu, Deine Gnade leitet
Mich der sel’gen Wohnung zu,
Die dort in des Vaters Hause
Selber mir bereitet du.

Dann wird Dich mein Auge sehen,
Dessen Lieb’ ich hier geschmeckt,
Dessen Treu ich hier erfahren,
Der mir Gottes Herz entdeckt.

Wenn der Lohn von deinen Schmerzen:
Deine Gott erkaufte Schaar –
Bringt in Zions heil’ger Ruhe
Gotteslamm ihr Loblied dar.

Ähnlich starke Veränderungen wie „Auf dem Lamm ruht meine Seele“ erfuhr das Lied „Jesu, Quelle unsrer Freuden“ (Nr. 94): Es wurde von fünf auf zwei Strophen gekürzt, die nunmehr zweite Strophe wurde völlig umgedichtet, und die 2. und 4. Zeile wurden um jeweils zwei Silben verlängert:

Jesu, Quelle unsrer Freuden,
Trost in allem Leid!
Der Du Selber gingst durch Leiden
Ein zur Herrlichkeit.
Hier von unserm Pilgerlauf
Schauen wir zu Dir hinauf,
Rings umschränkt,
Hart bedrängt,
Stärke uns im Glaubensstreit.

Sieh, Dein Feind schlägt Deine Glieder
Mit gar großer Macht,
Glaubt, er hätte bald darnieder
Deinen Leib gebracht.
Aber seine Macht, sie raubt
Nicht dem Leib sein mächtig Haupt,
Das Du bist,
Jesus Christ,
Der vom Himmel uns bewacht.

All sein Toben und sein Wüthen,
Seine Ränk’ und List,
Sein Gewehr und Machtaufbieten
Doch vergebens ist.
Christi Leib bezwingt er nicht,
Christi Geist, den dämpft er nicht.
In uns ist
Jesus Christ
Mächt’ger, als der draußen ist.

Starkes Haupt der schwachen Glieder!
Aus der Herrlichkeit
Schaust Du auf die Deinen nieder,
Die für Dich im Streit.
All’ in jedem Ort und Land,
Groß und Klein sind Dir bekannt;
Jeden Schlag,
Spott und Schmach,
Fühlst Du als Dein eigen Leid.

Halt’ uns nah Dir alle Stunden,
Daß nicht, Jesu, wir
Sünd’gend Dich, o Haupt, verwunden,
Das geblutet hier.
Festen Schritt und brennend Licht!
Denn Du, Herr, verziehest nicht!
Bald nach Streit,
Kreuz und Leid,
Triumphirt die Braut mit Dir.

Kaum besser erging es dem Lied 77 „Hochgebenedeiter“ (der zugegebenermaßen etwas befremdliche Titel wurde in „Gott, mein treuer Leiter“ geändert): Fünf von acht Strophen gingen verloren, die übrigen wurden gründlich revidiert:

Hochgebenedeiter!
Deine Macht reicht weiter,
Als die Sonne scheint.
Du Selbst willst uns schützen,
Soll’n auf Dich uns stützen,
Unsichtbarer Freund!
Steh uns bei,
Im Glauben treu,
Trotz des Lebens Truggestalten
An Dir fest zu halten.

So im heil’gen Bunde
Bist Du jede Stunde
Uns, o Helfer, nah.
Nimm, was Du willst nehmen,
Es soll uns nicht grämen,
Denn Du liebst uns ja.
Reben, wir,
Im Weinstock, Dir,
Gib, daß wir trotz Sturmes Schalten
An Dir fest nur halten.

Wir sind in der Wüste,
Fern der Heimath Küste,
Müd’ und unterdrückt.
Doch zu allen Stunden
Wird in Dir gefunden
Ruh’, die uns erquickt.
Uns, verbannt
Im fremden Land,
Stärkest Du mit Segenswalten,
Wenn wir fest Dich halten.

Unsre frühern Träume,
Gleich wie leere Schäume,
Lassen wir zurück.
Was ist Erdenwonne?
Nebel vor der Sonne!
Der uns trübt den Blick.
Unsre Freud’
Und Sonn’ im Leid,
Strahlst und wärmst Du ohn’ Erkalten,
Wenn wir fest Dich halten.

Hoffnungen der Erde,
Freunde und Gefährte,
Schwinden wie ein Trug.
Und wenn sie uns fehlen,
Bist Du, Trost der Seelen,
Freund und Hoffnung g’nug.
Wenn uns blieb
Nicht Freund noch Lieb’,
Wird’s uns desto wen’ger spalten,
Wenn wir fest Dich halten.

Will es oft uns dünken,
Als ob wir versinken
In der Wüste Sand;
Sieh, eh’ wir es denken,
Zeigst Du, uns zu tränken,
Uns der Quelle Rand.
„Halte dich
Doch fest an Mich!“
Flüsterst Du mit Liebestönen,
Stillest unsre Thränen.

Glaub’ und Hoffnung müssen
Unter Kümmernissen
Hier ernähren sich.
Doch wir sind zufrieden,
Bitten nichts hienieden,
Brauchen nichts als Dich.
Ruhig still
In Gottes Will’,
Sanft ergeben in Dein Walten,
Sind, die fest Dich halten.

Grab und Satan schrecket
Uns nicht, denn uns wecket
Unser Gott einst auf.
Der den Tod bezwungen,
Uns durch Blut errungen,
Stärkt hier unsern Lauf.
Gläub’gem Muth
Weicht Jordan’s Fluth,
Muß vor unserm Fuß sich spalten,
Wenn wir fest Dich halten.

Vergleichsweise ungeschoren kam dagegen Lied 66 „O Gottes Sohn! Vor aller Zeit geboren!“ davon: Es verlor nur seine erste Strophe, blieb aber sonst gut erkennbar:

O Gottes Sohn!
Vor aller Zeit geboren!
Eh’ Erd’ und Himmel ward, aller Engel Preis!
Des Vaters Lust und Freud’,
Du spieltest vor Ihm allezeit.
Warst Weisheit Seiner Stärke;
Der Meister Seiner Werke.
Und solchen Himmel, solchen Gott,
Konntst Du verlassen Ihn?

O Gottes Lamm!
Für Sünder hier erwürget!
Die Erde, die Du schufst, ach, sie trug Dein Kreuz!
Was führte Dich herab
In Armuth, Fluch und Tod und Grab? –
Die Braut, die Dir gegeben
Dein Gott, mit Dir zu leben,
Mit Dir zu thronen königlich,
Sie zog hernieder Dich.

Gott und das Lamm, –
O Quelle aller Freuden! –
Ist unser, wir sind Sein, jetzt und ewiglich!
Die Braut hast Du erkauft,
Und sie mit Deinem Geist getauft.
Die Liebe zog Dich nieder!
Sie zieht zu Dir uns wieder.
Was wär’ der Himmel ohne Dich,
Und alle Herrlichkeit?

Komm, Jesu, komm!
Wir sehnen uns, zu schauen
Das Antlitz unsers Herrn, der uns Gott erkauft.
Der, Seines Vaters Bild,
Sein Herz und Seinen Himmel füllt.
Auf fremden Erdenwegen
Wir seufzen Dir entgegen,
Bis unser Loblied voll ertönt
Dem Lamm, das uns versöhnt.

Am geringfügigsten schließlich wurde in Lied 9 „Jesus kam hernieder“ (heute: „Herr, Du kamst hernieder“) eingegriffen:

Jesus kam hernieder,
Hat uns versöhnt;
Ging zum Vater wieder,
Ward am Thron gekrönt.
Sein Eigenthum
Sind wir, Gott zum Ruhm;
Sind durch Ihn vertreten
Dort im Heiligthum.
Ewige Gnade,
Mein Bruder Du!
O welch’ hohe Gabe,
Welch’ sel’ge Ruh!

Wir, die Deinen beten
Freimüthiglich,
Weil Du sie vertreten
Hohepriesterlich.
Dein Angesicht
Ist auch jetzt gericht’t
Auf die Brüder alle,
O Du läßt sie nicht.
Dein treues Lieben,
Dein Opfertod
Brachte uns den Frieden,
Du treuer Gott!

Stehe auf vom Throne,
Du Gotteslamm!
Nimm die Braut zum Lohne,
O mein Bräutigam!
Sie ist ja Dein;
Rufe bald sie heim!
In des Vaters Wohnung
Führ’ sie mit Dir ein.
An Deinem Herzen
Trifft sie kein Leid;
Nahen keine Schmerzen
In Ewigkeit.

Lebensbilder Julius Anton von Posecks auf dem aktuellen Stand der Forschung (seit 2002 liegt ja die Monografie von August Jung vor, die auch bereits in mehreren Punkten korrekturbedürftig ist) sind online leider nicht verfügbar. Ich verweise hier auf den Artikel von Arend Remmers aus Gedenket eurer Führer und auf die deutschsprachige Wikipedia, deren Poseck-Artikel ich mir demnächst einmal vornehmen werde.


150. Geburtstag von Otto Schröder

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Otto Schröder (1866–1941)

Die deutsche Brüderbewegung wurde – anders als die englische – in ihren ersten Jahrzehnten nicht von Akademikern und Angehörigen der höheren Schichten geprägt, sondern von Kleinbürgern, Handwerkern und „einfachen Leuten“. So war auch der Berliner „Lehrbruder“ Otto Schröder, dessen Geburtstag sich heute zum 150. Mal jährt, von Beruf eigentlich Schuhmacher. Durch jahrelanges intensives Selbststudium hatte er sich jedoch mit der Bibel derart vertraut gemacht, dass über seine Vorträge gesagt werden konnte:

Die tiefe Erkenntnis war für manche einfachen Christen fast zu hoch. Wenn er auch zu Unbekehrten sprechen konnte, so war er doch ganz Lehrer, der „das Wort der Wahrheit recht teilte“. Es war stets ein hoher Genuss, ihn über schwierige Bibeltexte reden zu hören, wie z.B. über den Segen Josephs. Dabei war er in seiner ganzen Art ein bescheidener und vor allem ein sehr schweigsamer Mann, weshalb er manchmal verkannt wurde.

Von etwa 1904 bis zum Verbot der „Christlichen Versammlung“ 1937 war Schröder vollzeitlich im „Werk des Herrn“ tätig. Dem BfC schloss er sich – im Gegensatz zu den meisten anderen „Reisebrüdern“ – nicht an. Das Ende der Verbotszeit erlebte er leider nicht mehr: Er starb 1941 im Alter von 75 Jahren.

Ein von Friedrich Briem sen. verfasstes erbauliches Lebensbild Schröders erschien 2003 in Zeit & Schrift (daraus auch das obige Zitat).

Frankfurter „Nichtbündler“ vor Gericht

strafsacheDie Geschichte der „Nichtbündler“, d.h. derjenigen Angehörigen der „Christlichen Versammlung“, die sich nach dem Verbot vom April 1937 nicht dem vom NS-Staat geförderten „Bund freikirchlicher Christen“ anschlossen, ist durch die Arbeiten von Gerhard Jordy1, Friedhelm Menk2, Hartmut Kretzer3, Andreas Liese4 und Volker Jordan5 inzwischen recht gut erforscht. Dennoch kommen immer noch neue Namen und Dokumente ans Licht.

Ein Bruder aus dem Rhein-Main-Gebiet schickte mir kürzlich ein Urteil des „Sondergerichts für den Bezirk des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main“ vom 30. November 1942 zu, das in der bisherigen Literatur noch nicht erwähnt worden zu sein scheint.6 Es richtet sich gegen vier „Schwestern“ und einen „Bruder“ aus Frankfurt, denen vorgeworfen wurde, sich „im Sinne der verbotenen Sekte ‚Christliche Versammlung‘“ betätigt zu haben, indem sie illegale Zusammenkünfte besuchten und sich an Geldsammlungen beteiligten. Vier der Angeklagen – Lea Pelet, Frieda Hornung geb. Eichinger, Karl Bernhardt und Anna Ulbrich geb. Krebs – wurden zu 200 bzw. 400 RM Geldstrafe, eine – Luise Wolf – zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt.

Die Begründung im Fall Luise Wolf verdient es, vollständig zitiert zu werden:

Dagegen konnte eine Geldstrafe bei der Angeklagten Wolf, obwohl auch sie ein Geständnis abgelegt hat und noch unbestraft ist, den Strafzweck nicht erfüllen. Sie ist eine fanatische Anhängerin der verbotenen CV. und war sich der Strafwürdigkeit ihrer Handlungsweise voll bewusst. Während die übrigen Angeklagten versprochen haben, sich fortan nicht mehr im Sinne der verbotenen CV. zu betätigen, hat die Angeklagte Wolf eine derartige Versicherung nicht abgegeben, sondern lediglich erklärt, sie wisse noch nicht, wie sie sich künftig einstellen solle. Ihr muss daher nachdrücklich zum Bewusstsein gebracht werden, dass sie Anordnungen der Reichsregierung bedingungslos zu befolgen hat. Das kann aber nur durch eine Gefängnisstrafe geschehen. Eine solche von 2 Monaten erschien als angemessene aber auch ausreichende Sühne.

Es wäre interessant zu erfahren, wie es dieser mutigen Bekennerin weiter ergangen ist!

Eine gescannte Version des Urteils und zweier ergänzender Dokumente kann hier heruntergeladen werden (PDF, 11 Seiten; 7,3 MB).


100. Todestag von Georg von Viebahn

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Georg von Viebahn

Heute vor 100 Jahren starb der bekannte „General und Evangelist“ Georg von Viebahn. Aus diesem Anlass veröffentlicht bruederbewegung.de sechs historische Kurzbiografien und Porträts in zeichengetreuen Neueditionen:

  • Friedrich Wilhelm von Viebahn: Georg von Viebahn. Ein Streiter Jesu Christi (1918). Dieses Lebensbild wurde von Viebahns ältestem Sohn als Einleitung zu einer Auswahl aus der Traktatserie Zeugnisse eines alten Soldaten an seine Kameraden verfasst. Wichtige Quelle für alle späteren Biografien [18 Seiten, 154 KB].
  • Emil Dönges: General von Viebahn. Ein Gedenkblatt von Freundeshand (aus: Gedenk-Blätter aus ernster Zeit, um 1919). Der Autor, einer der führenden deutschen Geschlossenen Brüder der zweiten Generation, war mit Viebahn befreundet und sprach u.a. auf seiner Trauerfeier in Berlin. Besonders interessant sind einige persönliche Erinnerungen und Bezüge zur Brüderbewegung [11 Seiten, 123 KB].
  • Ernst Modersohn: Georg von Viebahn (aus: Menschen, durch die ich gesegnet wurde, 1937; wiederabgedruckt in Die Botschaft, 1951). In diesem Auszug aus seinen Lebenserinnerungen fasst der bekannte Pfarrer und Allianzmann Modersohn den „besonderen Auftrag“ Viebahns in vier Punkten zusammen [5 Seiten, 72 KB].
  • Ernst Lange: Zum hundertjährigen Geburtstag von Georg von Viebahn (aus: Die Botschaft, 1940). Der Verfasser dieses äußerst respektvollen Porträts war ein bekannter Offener Bruder und gehörte dem von Viebahn begründeten „Verband gläubiger Offiziere“ an [5 Seiten, 58 KB].
  • Anonym: Eine Erinnerung an General von Viebahn (aus: Die Botschaft, 1952). Zunächst wird eine Zeitungsnotiz zur Aufhebung des Viebahn’schen Familienfriedhofs in Engers kommentiert, anschließend folgen Erinnerungen eines Bruders Ö. aus Solingen, der Viebahn während seiner Soldatenzeit in den 1890er Jahren kennengelernt hatte [4 Seiten, 62 KB].
  • Kurt Karrenberg: Ein Streiter Gottes (aus: Die Botschaft, 1966). Dieser – leicht verspätet erschienene – Gedenkartikel zum 50. Todestag Viebahns, geschrieben vom damaligen Schriftleiter der Botschaft, fasst im Wesentlichen die Biografie Friedrich Wilhelm von Viebahns zusammen [7 Seiten, 80 KB].

Einige weitere Lebensbilder und Erinnerungen sind ebenfalls online zugänglich:

  • Arend Remmers: Georg von Viebahn (1840–1915) (aus: Gedenket eurer Führer. Lebensbilder einiger treuer Männer Gottes, Hückeswagen ²1990, S. 134–139)

Verweisen möchte ich schließlich noch auf die von Martin Arhelger bereitgestellte umfangreiche Sammlung von Zeitschriftenbänden und Broschüren Viebahns (darunter auch die bekannte Schrift Was ich bei den Christen gefunden habe, die sich nur im Namen Jesu versammeln [1902]; Neuedition auf bruederbewegung.de) sowie auf den bedeutsamen Briefwechsel zwischen Viebahn und Rudolf Brockhaus, dem führenden deutschen Geschlossenen Bruder im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts (Viebahn an Brockhaus, 14. Dezember 1905; Brockhaus an Viebahn, 15. Januar 1906).

150. Todestag von Wilhelm Alberts

„Alberts, Schwarz, Bröcker, Weber, Eberstadt, Effey“ – diese Namensliste ist in nahezu jeder ausführlicheren Darstellung der deutschen Brüdergeschichte zu finden.1 Es handelt sich um die sechs Brüder, die am 11. Dezember 1852 zusammen mit Carl Brockhaus aus dem Evangelischen Brüderverein austraten bzw. austreten mussten, weil sie sich die Ansichten John Nelson Darbys zu eigen gemacht hatten. Über die meisten von ihnen wissen wir kaum mehr als die Namen; nur Wilhelm Alberts ist uns dank der Nachforschungen des letzten Brüdervereinsvorsitzenden Hans Horn etwas besser bekannt.2

Bildquelle: http://www.wiehl.de/bilder/drinhausenbig.jpg
Wiehl um 1850

Wilhelm Alberts wurde am 5. April 1823 in Dörnen bei Wiehl (heute ein Stadtteil im Südwesten Wiehls) geboren und erlernte das Handwerk des Klempners oder Blechschlägers. Durch den Nümbrechter Pfarrer Ernst Hermann Thümmel (1815–1887) kam er zum Glauben und erhielt bald Gelegenheit, in „erweckten“ Versammlungen das Wort zu ergreifen. 1850 trat er in den neu gegründeten Evangelischen Brüderverein ein und wurde für ein Tagesgehalt von 20 Silbergroschen hauptamtlicher „Lehrbruder“. Max Goebel, ein landeskirchlicher Kritiker des Brüdervereins, berichtete 1854, dass Alberts

zuerst in den Gemeinden Lennep und Lüttringhausen, und später in verschiedenen Gemeinden der Aggersynode sehr stark besuchte aber auch heftig angefeindete Versammlungen hielt. Während seines anfänglichen Wirkens in der Synode Lennep machte er auf die dortigen Pfarrer theilweise den Eindruck eines bescheidenen, wohlmeinenden, gläubigen Mannes […]. Alberts verbreitete seit 1852 bedenkliche Lehren von der Unverlierbarkeit des Gnadenstandes, der absoluten Prädestination und seiner Sündlosigkeit, so daß nun selbst die frömmeren und entschiedeneren Pfarrer der Aggersynode sein Treiben je länger je mehr mißbilligten. So hat er Pfingsten 1852 zu Nallingen in der Gemeinde Marienberghausen das heilige Abendmahl unter Gesang, Schriftlesung und abwechselnden knieenden Gebeten mehrer Brüder mit 12–14 (später gar mit 40) Personen beiderlei Geschlechts durch gegenseitige Austheilung von ungesegnetem Weißbrod und Wein (aus einer Tasse) gefeiert, was er selber aber nur ein Liebesmahl oder eine testamentliche Handlung nannte. Diese Feier wurde monatlich gehalten. Alberts selber war schon 1852 Wiedertäufer geworden, indem er sich mit einigen Anverwandten – wahrscheinlich von Lindermann3 – wiedertaufen ließ; und sammelte in seiner Heimath aus Verwandten und Freunden eine Gemeinde von zwanzig Personen, die 1853 ihren Austritt aus der evangelischen Kirche förmlich notariell erklärten.4

Vorausgegangen war dieser Gemeindegründung die „darbystische Krise“5 im Brüderverein. Horn schreibt:

Aus den fragmentarischen Berichten hinsichtlich des Inhaltes seiner [Alberts’] Predigt kann man die Spuren einer immer stärkeren Hinwendung zu den speziellen Lehren der sogenannten Brüderbewegung erkennen, die durch den Engländer John Nelson Darby einen mächtigen Auftrieb in Europa erfuhr. […] Es ist keine Frage, daß im Brüderverein Alberts neben Carl Brockhaus der entschiedenste Verteidiger der Lehren der Brüderbewegung war.6

Da der Brüderverein keine „separatistischen Bestrebungen“ duldete, wurden Alberts und seine Freunde am 11. Dezember 1852 zum Austritt gedrängt. Für Alberts hatte das durchaus existenzielle Konsequenzen: Er musste sich wieder einen Brotberuf suchen und begann als „Ackerer“ in der Landwirtschaft zu arbeiten. Seine Predigttätigkeit setzte er jedoch fort – nun freilich unter noch größeren Anfeindungen. Im Siegerland beispielsweise wurde er 1853 einmal verhaftet, und die zum „Liebesmahl“ Versammelten wurden von der Polizei auseinandergetrieben.

Die von Alberts an seinem Wohnort Großfischbach gegründete Gemeinde, die auch Carl Brockhaus auf seinen Reisen wiederholt besuchte, wurde „Brüderverein der Gläubigen“ oder „Freie Brüdergemeinde“ (!) genannt. Horn kommentiert:

Ganz entsprechend dem ihnen eigenen Gemeindeverständnis vermeidet man jede Bezeichnung, die als eine neue Freikirche verstanden werden könnte. Wie ernsthaft das Bestreben war, sich auf den Bahnen der Urgemeinde zu bewegen, erkennt man an dem interessanten Vorschlag, der bei einer Versammlung in der Gemeinde Marienberghausen unterbreitet, aber dann doch nicht verwirklicht wurde, nämlich die Gütergemeinschaft unter den Gläubigen einzuführen. […] Die Versammlungen selbst verliefen nach Auskunft des Bürgermeisters Möller „still und friedlich“, ihren Teilnehmern stellte er in „moralischer und sittlicher Beziehung“ ein sehr gutes Zeugnis aus.7

Wilhelm Alberts wurde nur 42 Jahre alt. Der „rastlose Wanderprediger“8 starb heute vor 150 Jahren in Rumeln im Kreis Moers (heute ein Stadtteil von Duisburg). Seine Nachwirkung fasst Horn wie folgt zusammen:

Die zahlreichen Kleinkreise der Brüderbewegung, die unmittelbar oder mittelbar von ihm gegründet wurden, haben ihn überlebt, aber im Laufe der Jahrzehnte seinen Namen auf Grund ihrer gewollten Interessenlosigkeit an der Geschichte verblassen lassen oder sogar vergessen. Wie viele es gewesen sind, läßt sich nicht mehr feststellen. Aber wir dürfen aus den vorhandenen Quellen schließen, daß die ältesten Zellen der Brüderbewegung im Oberbergischen, im Siegerland, und auch in angrenzenden Gebieten zu einem großen Teil auf diesen Vorkämpfer reiner geistgewirkter Christengemeinden zurückgehen.9

Die 20-seitige Arbeit von Horn ist auf bruederbewegung.de digital zugänglich.


Historische Adressbücher der deutschen Brüderbewegung

Das antikonfessionelle Selbstverständnis der Brüderbewegung brachte es mit sich, dass einige Jahrzehnte vergingen, bevor (mehr oder weniger offizielle) Versammlungsverzeichnisse erstellt wurden. In Großbritannien scheint dies zuerst 1873 bei den Geschlossenen Brüdern der Fall gewesen zu sein:1 Im Januar dieses Jahres erschien eine 26-seitige List of Meetings, deren Herausgeber sich hinter den (zweifellos pseudonymen) Initialen „Y. Z.“ versteckte, aber immerhin seine Adresse angab. Aktualisierte Auflagen folgten 1877 und 1882. John Nelson Darby betrachtete solche Verzeichnisse eher skeptisch, unternahm aber nichts dagegen:

As to the danger of slipping into sectarianism, that is, making ourselves a body apart, I recognise it fully […]. The printed list of meetings tended to it, for evil slips in unintentionally, and for this reason I never would have anything to say to it, though very convenient, and done with this view.2

Alle drei Ausgaben der List of Meetings verzeichneten in einem unpaginierten Anhang auch ausgewählte Versammlungen im Ausland:

The following is not intended in any way as a complete list. A few only are given, to whom reference can be made.

Aus Deutschland wurden jeweils zehn vorwiegend großstädtische Versammlungen genannt, aber nicht jedes Mal dieselben: Elberfeld, Düsseldorf, Mühlheim (bei Köln), Wiesbaden, Breslau, Stuttgart und Tübingen erschienen in allen Verzeichnissen; 1873 wurden sie um Homberg am Rhein, Offenbach und Mannheim ergänzt, 1877 und 1882 dagegen um Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main.

Ein noch detaillierteres Adressbuch, das offenbar auch für das Ausland Vollständigkeit anstrebt, wurde 1880 anonym unter dem schlichten Titel References veröffentlicht. Es liegt in zwei (allenfalls minimal voneinander abweichenden) Versionen vor, die auf Februar 18803 bzw. März 1880 datiert sind. Nach 61 Seiten Versammlungsadressen, -zeiten und Kontaktpersonen aus Großbritannien und Irland beginnt die Seitenzählung wieder von vorn, und es folgen 28 Seiten „Foreign References“. Deutschland ist mit 209 Versammlungen vertreten (nach Provinzen geordnet), von denen sich allerdings mindestens 46 heute außerhalb der deutschen Grenzen befinden4 (wie bereits Breslau in den zuvor erwähnten Verzeichnissen).

Eine vergleichbar umfassende Liste der deutschen Versammlungen aus dem 19. Jahrhundert ist sonst nicht bekannt; in Deutschland selbst erschien erst um 1905 ein erstes eigenes Verzeichnis. Nach der mir vorliegenden digitalen Version zu urteilen, enthält es nicht nur keinen Herausgebernamen und kein Erscheinungsjahr, sondern noch nicht einmal einen Titel; die Datierung „um 1905“ ergibt sich aus einer handschriftlichen Notiz auf einem anderen Exemplar.5 Auf 49 Seiten werden (wiederum nach Provinzen geordnet) immerhin 453 Geschlossene Versammlungen im damaligen deutschen Reichsgebiet genannt, also mehr als doppelt so viele wie 1880; etwa 102 der Orte gehören heute nicht mehr zu Deutschland. Sieben weitere Seiten des Büchleins sind Österreich-Ungarn (3 Versammlungen) und der Schweiz (34 Versammlungen) gewidmet.

Möglicherweise handelte es sich bei diesem titellosen Verzeichnis bereits um die erste Auflage des Kleinen Wegweisers; unter diesem Titel erschien jedenfalls spätestens seit der Zeit des Ersten Weltkriegs alle drei bis fünf Jahre ein quasi offizielles Adressbuch der deutschen Geschlossenen Brüder, in dem nicht nur Versammlungsorte und Kontaktpersonen, sondern auch die Zeiten der Zusammenkünfte mitgeteilt wurden. Herausgeber war Fritz Feldhoff (1874–1950) aus Duisburg, von Beruf Prokurist, ab 1925 vollzeitlicher „Reisebruder“.6 Die älteste mir zugängliche Ausgabe stammt vom Juli 1920; ihr Vorwort beginnt folgendermaßen:

Zum drittenmal erscheint der „Der kleine Wegweiser“, allerdings diesmal verändert. Im Kriege hat er hauptsächlich den Soldatenbrüdern gedient; nun möchte er allen Geschwistern, besonders denen, die oft auf Reisen sind, beim Aufsuchen der Versammlungen eine Hilfe sein. Unser Heft will es ermöglichen, die Reisen von vornherein so einzurichten, daß keine Versammlung versäumt zu werden braucht.

Mindestens die zweite, möglicherweise auch die erste Auflage des Kleinen Wegweisers muss also während des Ersten Weltkriegs erschienen sein. Die Ausgabe von 1920 listet in alphabetischer Reihenfolge insgesamt 447 Versammlungen (von denen mindestens drei auch nach damaligem Verständnis bereits im Ausland lagen7). Interessanterweise fand an etwa einem Viertel dieser Orte kein Brotbrechen statt, sondern nur „Erbauungs-“ und/oder Gebetsstunden, sodass eigentlich nur von 330 bis 345 „vollwertigen“ Versammlungen gesprochen werden kann.8

Vier weitere Ausgaben des Kleinen Wegweisers sind digital verfügbar (in wechselnder Scanqualität):

Die Ausgabe von 1936 dürfte die letzte vor dem Verbot der Geschlossenen Versammlungen im April 1937 gewesen sein. Sie verzeichnet in nun schon bewährter alphabetischer Manier 729 Versammlungen im damaligen Deutschen Reich9 – ein erstaunlicher Anstieg seit 1920. An mindestens 522, höchstens 547 Orten10 wurde das Brot gebrochen. Der Anhang bietet eine repräsentative Auswahl ausländischer Versammlungen; die Angaben für Österreich (3 Versammlungen) und die Schweiz (39 Versammlungen) könnten vollständig sein.

Auch die Offenen Brüder empfanden – vielleicht wegen ihrer starken Betonung der Unabhängigkeit der Ortsgemeinde – offenbar erst spät das Bedürfnis nach einem Adressbuch. 1897 brachte Joseph W. Jordan eine erste List of Some Meetings in the British Isles and Regions Beyond heraus,11 1904 folgte eine zweite Auflage. In deren internationalem Teil sind auch 20 deutsche Gemeinden verzeichnet, und zwar in Berlin,12 Rehe (Westerwald), Bad Homburg, Beeck (bei Duisburg, zwei Adressen), Beuel (bei Bonn), Duisburg, Elberfeld, Bad Godesberg, Holten (bei Oberhausen), Kupferdreh (bei Essen), Neviges (bei Velbert), Solingen, Velbert, Vohwinkel, Wermelskirchen, Dresden, Leipzig, Klafeld (bei Siegen), Grüne (bei Iserlohn) und Stuttgart.

Das älteste in Deutschland selbst erschienene Adressbuch der Offenen Brüder trägt den schlichten Titel Anschriftenverzeichnis und wurde bei Zeuner & Co. in Bad Homburg gedruckt. Angaben über Herausgeber und Erscheinungsjahr fehlen; das im Christian Brethren Archive in Manchester aufbewahrte Exemplar ist jedoch mit dem handschriftlichen Vermerk „Septb. 1923“ versehen. Enthalten sind insgesamt 206 Adressen, bei denen es sich allerdings zum großen Teil um Einzelpersonen und nicht um Gemeinden zu handeln scheint; nur bei 66 Adressen werden Veranstaltungszeiten genannt, bei 56 davon auch Zusammenkünfte am Sonntag (also ggf. Brotbrechen13). Ergänzend werden 24 Adressen in Holland (davon 17 mit Veranstaltungszeiten) und 9 Adressen in der Schweiz (alle ohne Veranstaltungszeiten) mitgeteilt.

Eine zweite Auflage dieses Verzeichnisses liegt mir nicht vor, jedoch eine dritte (Juni 1927)14 und eine vierte (September 1932). Als Herausgeber firmiert in der dritten Auflage Christian Schatz, in der vierten Fritz Koch, Christian Schatz und Johannes Warns. Die dritte Auflage enthält 288 Adressen, davon 147 mit Veranstaltungszeiten, davon wiederum 123 am Sonntag; in der vierten, leider sehr unübersichtlich gestalteten sind bereits 211 Adressen mit dem Vermerk „VR“ (= Versammlungsraum) und/oder mit Veranstaltungszeiten versehen, davon 150 am Sonntag, davon wiederum 101 eindeutig als „B“ (= Brotbrechen) gekennzeichnet. Auch diese beiden Verzeichnisse werden durch Adressen im Ausland ergänzt.

Nachdem sich die Offenen Brüder 1934 lose als „Kirchenfreie christliche Gemeinden“ (KcG) organisiert hatten, traten sie 1937 in den von den Geschlossenen Brüdern gegründeten „Bund freikirchlicher Christen“ (BfC) ein und gaben – vermutlich noch im selben Jahr15 – ein Verzeichnis der ehemals „Kirchenfreien christlichen Gemeinden“ in Deutschland nunmehr Gemeinden des „Bundes freikirchlicher Christen“ heraus. Es listet in beispielloser Übersichtlichkeit 135 durchnummerierte Gemeinden mit ihren „Ortsbeauftragten“ auf, allerdings ohne Veranstaltungszeiten.

Ein Gesamtverzeichnis des BfC erschien zwischen Mai und August 1939.16 Es besteht aus einem alphabetischen und einem nach Bezirken geordneten Teil und enthält insgesamt 590 Gemeinden, davon 535 mit Brotbrechen (etwa 71 der Orte liegen heute außerhalb Deutschlands). Welche der 522 bis 729 Geschlossenen Versammlungen aus dem letzten Kleinen Wegweiser von 1936 im BfC-Verzeichnis fehlen, also offenbar dem Bund nicht beitraten, wäre eine eigene Untersuchung wert.

Aus der Nachkriegszeit teile ich hier nur noch ein Verzeichnis der Geschlossenen Versammlungen von Ende 1956 mit.17 Es verzichtet wiederum völlig auf Herausgebernamen, Titel und Erscheinungsjahr und nennt alphabetisch die Adressen, Zeiten und Kontaktpersonen von 222 Versammlungen in der damaligen Bundesrepublik, davon 213 mit Brotbrechen.


Jean Emil Leonhardt (1853–1918)

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Jean Emil Leonhardt

Die Anfänge der „Offenen Brüder“ in Deutschland sind im Vergleich zu denen der „Geschlossenen“ noch immer relativ wenig erforscht. Von Jean E. Leonhardt, dem Begründer der wohl ersten1 offenen Brüdergemeinde Deutschlands (Bad Homburg), war in der bisherigen Literatur2 noch nicht einmal der zweite Vorname vollständig bekannt. Anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Gemeinde brachte die Frankfurter Neue Presse 2012 einen kurzen, aber recht interessanten Artikel,3 in dem unter anderem dieses „Rätsel“ gelöst wird. Weitere Details über Leonhardt kamen letztes Jahr im Rahmen einer Artikelserie derselben Zeitung über den Ersten Weltkrieg ans Licht (Teil 1: Lebensmittel für die Front; Teil 2: Arzneimittel und Liebesgaben für Soldaten). In diesem Zusammenhang erschien auch ein großes Foto Leonhardts.