Schlagwort-Archiv: Gedenktage

100. Todestag von Edward Kennaway Groves

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Edward Kennaway Groves (1836–1917)

Im Gegensatz zu seinem Vater Anthony Norris Groves ist Edward Kennaway Groves nicht übermäßig bekannt – am ehesten vielleicht noch als Autor des Buches Conversations on “Bethesda” Family Matters (1885). Um als geistliches Vorbild oder als “Chief Man among the Brethren” verehrt zu werden, war er wohl psychisch zu labil und theologisch zu unberechenbar; sein Leben weist einige Brüche auf und hat etwas Tragisches an sich, aber gerade das macht ihn vielleicht interessanter und sympathischer als so manchen „Glaubenshelden“, dessen Leben glatt und ohne große Schwierigkeiten verlief.

Edward Kennaway Groves wurde am 11. August 1836 in der indischen Stadt Madras geboren, wo sein Vater als Missionar tätig war. Im Alter von 7½ Jahren schickte man ihn zur Ausbildung nach England; er besuchte verschiedene Schulen und studierte 1852 am Londoner Royal College of Chemistry. Nach dem Tod seines Vaters kehrte er 1853 nach Indien zurück und widmete sich knapp 20 Jahre lang – teils gemeinsam mit seinen Halbbrüdern Henry und Frank – verschiedenen geschäftlichen Unternehmungen (u.a. Zuckerraffinerie, Landmaschinenreparatur). Infolge einer wirtschaftlichen Krise erlitt er 1872 jedoch einen Nervenzusammenbruch, der die Behandlung in einer Heilanstalt notwendig machte.

Nach seiner Genesung übersiedelte Groves 1874 mit seiner Familie – er war seit 1864 mit Isabella geb. Reeve verheiratet und hatte drei Kinder – dauerhaft nach England. Er ließ sich in Bristol nieder, trat der bekannen Bethesda Chapel seines Onkels Georg Müller bei, freundete sich mit dessen Mitarbeiter George Frederic Bergin (1843–1912) an und stieg bald auch selbst in den Leitungskreis von Bethesda auf. Um neuen Mitgliedern die Grundsätze der Gemeinde nahezubringen, begann er 1879 mit der Arbeit an seinem bereits erwähnten Buch Conversations on “Bethesda” Family Matters. Das letzte Kapitel über die Trennung von 1848 setzte seiner psychischen Gesundheit jedoch wieder derart zu, dass er 1880 zweimal in eine Heilanstalt eingewiesen werden musste, beim zweiten Mal für fast ein ganzes Jahr. Die Conversations on “Bethesda” Family Matters konnten – mit Zustimmung Georg Müllers – 1885 zwar noch erscheinen, aber das Stigma des “certified lunatic” (etwa: beglaubigten Geisteskranken) sollte Groves bis zum Ende seines Lebens anhaften.

1889 kam es zu einem ersten Zerwürfnis mit Bethesda, weil die Gemeindeleitung die von Groves’ Tochter Constance gewünschte Auflösung ihrer Verlobung nicht akzeptieren wollte. Groves nahm vorerst weiter an den Zusammenkünften teil, hielt sich aber mit Wortbeiträgen zurück und veröffentlichte stattdessen eine Reihe von Schriften mit zunehmend unorthodoxem Inhalt (u.a. Leugnung der Unsterblichkeit der Seele und der prämillennialen Wiederkunft Christi, Forderung nach Ausweitung der Dienste von Schwestern). Dadurch brachte er die Leitung von Bethesda endgültig gegen sich auf und wurde 1900 aus der Gemeinde ausgeschlossen.

Auf der Suche nach einer neuen geistlichen Heimat wandte sich Groves der Highbury Congregational Church in Bristol zu, der er bis zu seinem Lebensende verbunden blieb, ohne allerdings Mitglied zu werden. 1904 fasste er seine neueren Schriften in dem Band The Key of Knowledge And How to Use It zusammen, in dessen Anhang er auch einige Dokumente seiner Auseinandersetzungen mit Bethesda abdruckte. 1906 folgte George Müller and his Successors, ein im Wesentlichen autobiografisches Buch, das stellenweise jedoch auch Züge einer Abrechnung hat, insbesondere mit Müllers Nachfolgern James Wright (1825–1906) und George Frederic Bergin, seinem früheren Freund.

Edward Kennaway Groves starb am 16. Februar 1917, heute vor 100 Jahren, in seinem Haus in Bristol und wurde drei Tage später beigesetzt. Über sein Leben und Werk liegt ein 26-seitiger Artikel von John Owen (Brethren Historical Review 2011) und ein 210-seitiges, sehr lesenswertes Buch vom selben Autor vor (Tentmaker Press 2012).

1917-02-17 The Western Daily Press 8 Deaths (E K Groves)
The Western Daily Press, 17. Februar 1917, S. 8, Deaths

150. Geburtstag von Franz Kaupp

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Franz Kaupp (1866–1945)

„Eine der wichtigsten Lehrautoritäten der ‚Christlichen Versammlung‘ in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Württemberger Franz Kaupp“ – dieser Einschätzung Volker Jordans1 wird man sicherlich zustimmen können. Kaupp, dessen Geburtstag sich heute zum 150. Mal jährt, stammte wie der gleichaltrige Otto Schröder aus einfachen Verhältnissen und hatte keine Möglichkeit, eine höhere Schule zu besuchen, eignete sich aber im Selbststudium so umfassende Kenntnisse der Bibel einschließlich ihrer Grundsprachen an, dass seinem Urteil in Auslegungsfragen größtes Gewicht beigemessen wurde2 – und das nicht nur in „geschlossenen“, sondern auch in „offenen“ Kreisen.

Tatsächlich erschienen die meisten schriftlichen Fragenbeantwortungen Kaupps nicht im Botschafter des Heils in Christo (das Christian Writings Archive verzeichnet hier nur wenige Artikel aus den Jahren 1934–37), sondern in den Handreichungen aus dem Worte Gottes, der bedeutendsten Zeitschrift der deutschen Offenen Brüder. Eine heimliche Sympathie für den „offenen“ Standpunkt kann daraus sicher nicht abgeleitet werden, wohl aber doch die Bereitschaft, über den „exklusiven“ Tellerrand hinauszublicken und mit (etwas) anders denkenden Christen zusammenzuarbeiten.

Kaupps gesammelte Fragenbeantwortungen wurden 1968 vom Ernst-Paulus-Verlag in Buchform veröffentlicht (²1972), eingeleitet durch ein kurzes Lebensbild, das Arend Remmers über weite Strecken wörtlich in sein Buch Gedenket eurer Führer (1983, ²1990) übernahm. Es bildet auch die Grundlage für Volker Jordans Kapitel über Kaupp, das ab heute als separate Datei auf bruederbewegung.de zur Verfügung steht.

Einige Artikel und Fragenbeantwortungen Kaupps sind auch einzeln online zugänglich:

 


100. Todestag von Daniel Jacob Danielsen

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Daniel Jacob Danielsen (1871–1916)

Das Gebiet der heutigen Demokratischen Republik Kongo war von 1885 bis 1908 Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II. (1835–1909). Während dieser Zeit wurden die Kautschukvorkommen des Landes von europäischen Unternehmen mittels Sklaverei und Zwangsarbeit systematisch ausgeplündert, wobei es „massenhaft zu Geiselnahmen, Tötungen, Verstümmelungen und Vergewaltigungen“ kam (Wikipedia). Einer der Ersten, die dieses Unrecht öffentlich anprangerten, war der färöische Offene Bruder (Ludvig) Daniel Jacob Danielsen. Von 1901 bis 1903 als Ingenieur auf einer Missionsstation im Kongo tätig, erfuhr er aus erster Hand von den Gräueltaten und fertigte von etlichen Verstümmelungsopfern Beweisfotos an, die er Ende 1903 in Schottland und Anfang 1904 auf den Färöer-Inseln in mehreren Vortragsveranstaltungen öffentlich zeigte, womit er einen wesentlichen Beitrag zur Aufdeckung der Verbrechen leistete.

Genaueres über Danielsens Leben wissen wir erst seit wenigen Jahren durch die Forschungen des färöischen Historikers Óli Jacobsen. Geboren am 25. Juni 1871 in Kopenhagen als unehelicher Sohn einer färöischen Mutter, wuchs er auf den Färöer-Inseln auf. Mit 18 Jahren ging er nach Schottland, ließ sich zum Schiffsingenieur ausbilden und bereiste anschließend die Welt. Zum Glauben kam er 1897 nach einer Freiluftevangelisation in Glasgow. Er engagierte sich eine Weile in der Glasgower Seemannsmission und studierte dann ein Jahr an dem von Henry Grattan Guinness (1835–1910) gegründeten East London Institute for Home and Foreign Missions. Es folgte der oben erwähnte Missionseinsatz im Kongo, den er allerdings wegen seines aufbrausenden Temperaments schon nach zwei Jahren abbrechen musste (der Vorwurf, er habe Einheimische ausgepeitscht, erwies sich dagegen als Verleumdung).

Im Mai 1904 heiratete Danielsen die Färöerin Nicoline Henriette Niclasen (genannt Lina, 1878–1937), die er bei einem seiner Vorträge in Edinburgh kennengelernt hatte. Zwei Monate später kehrten sie auf die Färöer-Inseln zurück, wo Danielsen in den verbleibenden zwölf Jahren seines Lebens als Evangelist tätig war und zahlreiche Gemeinden der Offenen Brüder gründete. Er starb am 16. Oktober 1916, heute vor genau 100 Jahren, in der färöischen Hauptstadt Tórshavn. Kurz vor seinem Tod konnte er noch seinen Cousin Victor Danielsen (1894–1961) taufen, der später seine evangelistische Arbeit fortsetzte und die erste Bibelübersetzung in die färöische Sprache schuf.

Die Forschungsergebnisse Óli Jacobsens – sowohl sein 33-seitiger Artikel „Daniel J. Danielsen (1871–1916): The Faeroese who Changed History in the Congo“ (2012) als auch sein 200-seitiges Buch Daniel J. Danielsen and the Congo: Missionary Campaigns and Atrocity Photographs (2014) – sind online frei zugänglich. Einen knappen Überblick über Danielsens Leben bietet der Artikel in der englischsprachigen Wikipedia.

200. Geburtstag von Philipp und Carl Richter

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Philipp Richter (1816–1914), gemalt von seinem Enkel Paul Feller

„Wer schreibt, der bleibt“, sagt ein Sprichwort. Das gilt in gewisser Weise auch für die Kirchengeschichte: Diener Gottes, die Schriften hinterlassen haben, bleiben der Nachwelt in der Regel besser und länger im Gedächtnis als solche, deren Dienst vorwiegend mündlicher Art war. In die letztere Kategorie fallen zweifellos die Dillenburger Zwillingsbrüder Philipp und Carl Richter, die zu den Gründervätern der Brüderbewegung im Dillkreis gehörten und viele Jahre als Evangelisten und Lehrer in ihrer Heimatregion und darüber hinaus aktiv waren. Ihr Geburtstag jährt sich heute zum 200. Mal.

Dabei sind die Informationen über Carl (oder Karl) noch spärlicher als die über Philipp, der immerhin bis 1914 lebte, also fast 100 Jahre alt wurde. In seinem 40. Todesjahr (1954) gelang es der Zeitschrift Die Botschaft noch, Zeitzeugenerinnerungen an ihn zu sammeln und zu einem Gedenkartikel zu verarbeiten; dieser wurde 2014 zu seinem 100. Todestag in orthografisch modernisierter, annotierter und illustrierter Form in Zeit & Schrift wiederabgedruckt. Die zeichengetreue Originalfassung ist seit heute auf bruederbewegung.de zu finden.

Wiederholt erwähnt werden die Brüder Richter auch in zwei Arbeiten von August Jung: im Artikel „Die Anfänge der Brüderbewegung im Dillkreis, besonders in Manderbach“, erschienen in der Festschrift 150 Jahre Christliche Versammlung Manderbach (2003), S. 24–37, und im gleichnamigen (aber nicht damit identischen) Festvortrag zum selben Anlass.

100. Todestag von Paul Jacob Loizeaux

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Paul Jacob Loizeaux (1841–1916)

Wer hat den Tisch des Herrn? Diese Frage hat die „Brüder“ schon immer beschäftigt. Eine eher ungewöhnliche Antwort (zumindest für einen Geschlossenen Bruder) gab darauf der amerikanische „Grant-Bruder“ Paul Jacob Loizeaux – so ungewöhnlich, dass sich Rudolf Brockhaus 1925 veranlasst sah, im Botschafter des Heils in Christo eine Richtigstellung zu veröffentlichen.

Wer war Paul Jacob1 Loizeaux? Geboren wurde er im Oktober2 1841 als ältester Sohn des Seidenhändlers Jean Jacques Loizeaux (1816–1885) und seiner Frau Marie Susanne geb. Dusse (1819–1892) im nordfranzösischen Ort Lemé. 1850 zog die Familie, die seit Generationen protestantisch war, in den Süden Frankreichs, da es dort bessere protestantische Schulen gab. Als 1853 das Seidengewerbe in eine Krise geriet, emigrierten sie in die USA; nach kurzem Aufenthalt in Illinois ließen sie sich in Vinton (Iowa) nieder und begannen erfolgreich Landwirtschaft zu betreiben.

Paul Jacob besuchte von 1860 bis 1862 das Charlier Institute, eine höhere Schule in New York, und begann anschließend eine juristische Ausbildung in einer Anwaltskanzlei seiner Heimatregion. Aufgrund von Gewissensbedenken brach er diese jedoch bald wieder ab und kehrte als Lehrer ans Charlier Institute zurück. Er bemühte sich, ein moralisch einwandfreies Leben zu führen, und erhielt von seiner Kirche sogar eine Lizenz zum Predigen, war bis dahin aber noch nicht zum Evangelium der Gnade durchgedrungen; dies geschah erst, als er während eines Krankenbesuchs auf Römer 3 und die Rechtfertigung allein aus Glauben hingewiesen wurde. Loizeaux beschloss, seinen Beruf aufzugeben und sich fortan nur noch der Verkündigung dieser Botschaft zu widmen.

In New York hatte er Celia Sanderson (1842–1908) kennengelernt, die dort ebenfalls zur Schule ging und bereits den „Brüdern“ angehörte. Am 4. Februar 1868 heirateten die beiden in Celias Heimatstadt Milwaukee (Wisconsin) und zogen anschließend wieder nach Vinton. Durch Loizeaux’ Zeugnis fand ein großer Teil seiner Familie, darunter seine Eltern und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Timothée Ophir Loizeaux (1843–1927), zur Gewissheit des Heils. In Vinton und Umgebung entstanden mehrere Hausgemeinden.

Im Sommer 1870 besuchte Loizeaux die große Konferenz der „Brüder“ in Guelph (Ontario), zu der auch John Nelson Darby (1800–1882) angereist war. Das dort Gehörte beeindruckte ihn sehr, und so schloss er sich – ebenso wie mehrere andere Mitglieder seiner Familie – den „Brüdern“ an. 1876 gründete er gemeinsam mit seinem Bruder Timothée in Vinton den Schriftenverlag Bible Truth Depot, der 1879 nach New York verlegt wurde und sich dort unter dem Namen Loizeaux Brothers bald zu einem der wichtigsten amerikanischen Verlage der „Brüder“ entwickelte.

Ab 1881 wohnten die Brüder Loizeaux in dem ca. 40 km westlich von New York gelegenen Plainfield (New Jersey), wo sich auch Frederick William Grant (1843–1902) niederließ. Paul Loizeaux predigte viel in den umliegenden Versammlungen, verkündigte das Evangelium und schrieb etliche Broschüren und Zeitschriftenartikel.3 Die höchste Auflage (mehrere Millionen!) erreichte eine bereits 1871 erschienene Schrift über den zum Tode verurteilten Verbrecher Daniel Mann, der im Gefängnis von Kingston (Ontario) durch Loizeaux zum Glauben gekommen war.4 Über seine Evangelisationsweise berichtet Henry Allen Ironsides Biograf eine interessante Episode:5

Mr. Loizeaux war vor allen Dingen ein Evangelist, der durch sein kraftvolle Verkündigung viele Menschen ansprach.

Eines Abends begab sich Ironside früh zum Versammlungssaal. Er stand hinten in einer kleinen Nische, die durch eine Querwand vom Rest des Saales abgetrennt war. Da kamen zwei Männer herein und betraten gleich den Hauptraum. Einer der beiden sagte: „Ist dir aufgefallen, worin sich der Predigtstil Loizeaux’ von dem Ironsides unterscheidet?“

Harry hielt es für angebracht, seine unsichtbare Anwesenheit kundzutun, aber bevor er überlegen konnte, was er sagen solle, antwortete der zweite Mann dem Fragenden: „Die beiden kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen. Sie sind so grundverschieden.“

Jetzt war es zu spät, und im nächsten Augenblick hörte der unfreiwillige Lauscher den ersten Mann sagen: „Ja, aber es gibt eine Sache, die ins Auge fällt. Wenn Paul Loizeaux spricht, sagt er den Leuten immer, was sie bekommen werden, wenn sie zu Christus kommen. Harry Ironside dagegen sagt ihnen immer, was sie erwartet, wenn sie es nicht tun.“

Ironside wurde von diesem Gegensatz so getroffen, daß er das Gespräch später am Abend Mr. Loizeaux mitteilte. Jener sagte auf die für ihn typische Art: „Ja, mein lieber junger Bruder, das sollte uns zu denken geben. Wir dürfen niemals vergessen, daß unser großer Auftrag darin besteht, die Gnade Gottes zu verkünden.“

Als es 1884 zur „Grant-Trennung“ kam, blieben die Brüder Loizeaux treu auf der Seite Grants. Bei den späteren Vereinigungsgesprächen mit anderen „Brüder“-Gruppen spielte Paul Loizeaux meist eine führende Rolle, so bereits 1886, als William Kelly (1821–1906) nach Amerika kam, um die Aussichten für einen Zusammenschluss zwischen „Kelly-“ und „Grant-Brüdern“ zu erkunden (was letztlich an der Verbindung der „Grant-“ mit den „Stuart-Brüdern“ scheiterte, die Kelly nicht akzeptieren konnte). Der 1892 getroffenen Entscheidung der „Grant-Brüder“, auch Offene Brüder zum Brotbrechen zuzulassen, stand Loizeaux skeptisch gegenüber, trug sie aber doch mit – bevor sie 1893 und 1894 schrittweise wieder rückgängig gemacht wurde. 1909 reiste Loizeaux mit drei anderen führenden „Grant-Brüdern“ nach England, um einen möglichen Zusammenschluss mit den „Glanton-Brüdern“ zu erörtern, doch konnte darüber ebenfalls keine Einigung erzielt werden – Loizeaux nahm es den „Glanton-Brüdern“ übel, dass sie sich nicht eindeutig vom Ausschluss Clarence Esme Stuarts (1885) distanzieren wollten, und sprach sich schließlich gegen ein Zusammengehen mit ihnen aus. Den Aufenthalt in Europa nutzte er danach noch zu einem Besuch seiner französischen Heimat.

Wann Loizeaux seine kleine Broschüre über den Tisch des Herrn schrieb, ist unbekannt – sie erschien unter dem Titel The Lord’s Table: Who Has It? ohne Jahresangabe im Verlag Loizeaux Brothers. Den Hintergrund bildeten vermutlich die Gespräche mit anderen „Brüder“-Gruppen, die den Tisch des Herrn für sich allein beanspruchten. Das Fazit von Loizeaux’ Überlegungen lautete:

Es gibt auch nur einen Tisch des Herrn; der andere ist „der Tisch der Dämonen“ (1. Kor. 10, 21), und der Tisch des Herrn ist da, wo der „eine Leib“ des Herrn ist. Er gab ihn der „Versammlung, welche sein Leib ist“, und eine jede Teilkirche, die dessen ausschließlichen Besitz für sich in Anspruch nehmen würde, wäre damit ebenso stolz und überheblich, als wenn sie behaupten würde, ausschließlich der Leib des Herrn zu sein. […] Die wahre Kirche, der wahre Tisch des Herrn, die Gegenwart des Herrn in der Mitte der Seinen sind Dinge, die niemals Besitz einer Sekte sein können. Nie kann irgendein bestimmter Teil des Volkes Gottes diese Dinge in ausschließlicher Weise vorwurfslos für sich in Anspruch nehmen. Nur Hochmut kann dazu führen, und „Gott widersteht dem Hochmütigen“!6

Auch wenn in einer Gemeinde Missstände vorhanden seien, die eine Trennung erforderlich machten, bedeute das nicht, dass dort nicht mehr der Tisch des Herrn sei:

Wenn also eine Gemeinschaft von Gläubigen an Grundsätzen festhält, die durch das Wort Gottes verurteilt werden, oder wenn sie ungerecht handelt und sich weigert, Buße zu tun oder von der Ungerechtigkeit abzustehen, so können wir dennoch nicht behaupten, daß sie nicht mehr des Herrn Gegenwart in ihrer Mitte genießen oder den Tisch des Herrn haben. Diese Frage zu beantworten ist nicht unsere Angelegenheit. Wir haben nur einfach Gott in allen Dingen, die Sein Wort uns anbefiehlt, zu gehorchen.7

Als diese Äußerungen – und ähnliche von Samuel Ridout (1855–1930), einem anderen führenden „Grant-Bruder“ – Rudolf Brockhaus zu Gesicht kamen, reagierte er beunruhigt:

Hört und liest man doch heute oft Worte, die man bisher in der Mitte und in den Schriften der Brüder nicht zu hören oder zu lesen gewöhnt war. Es werden Ansichten geäußert, die befürchten lassen, daß man Grundsätze, die früher für göttlich gehalten wurden, bereits aufgegeben hat, oder daß man doch in Gefahr steht, sie aufzugeben.8

Als Beispiele zitiert Brockhaus zunächst zwei Sätze von Ridout:

So lehrt man z.B. in Verbindung mit der uns beschäftigenden Frage: „Der Tisch des Herrn wurde einst für Seine ganze Kirche gegeben und kann von diesem Gesichtspunkt aus von keiner Vereinigung von Gläubigen für sich, unter Ausschluß anderer, in Anspruch genommen werden“. Oder: „Der Besitz des Tisches des Herrn steht mit der Stellung des Christen in Verbindung und nicht mit seiner Treue im Wandel“.9

Dann folgt die bereits oben zititerte Äußerung von Loizeaux:

Ja, man hat sogar geschrieben: „Wenn eine Vereinigung von Christen Grundsätze festhält, die das Wort Gottes verurteilt, oder ein Unrecht begeht und sich nun weigert, im Gehorsam gegen Gott Buße zu tun, oder von der Ungerechtigkeit abzustehen, so maßen wir uns nicht an zu sagen, daß sie nicht länger des Herrn Gegenwart oder des Herrn Tisch in ihrer Mitte habe“. Das sind, wie gesagt, Worte, die mit dem, was wir bisher gehört und gelernt haben, in unmittelbarem Widerspruch stehen. Es ist aber immer eine ernste Sache, die alten Grenzen, die die Väter gesetzt haben, zu verrücken. Gottes Wort warnt uns davor in Sprüche 22, 28.10

Brockhaus hatte Ridout seine Bedenken zunächst brieflich mitgeteilt (12. Mai 1925, mitunterzeichnet von Johannes Nicolaas Voorhoeve) und verarbeitete sie anschließend zu dem bekannten Botschafter-Artikel „Der Tisch des Herrn“, der auch als separate Broschüre11 erschien:

Sie [die nachstehenden Gedanken] wurden anläßlich eines Briefwechsels über eine Zuchtfrage, deren Entscheidung eine schmerzliche und weitgehende Trennung nach sich gezogen hat,12 niedergeschrieben, um beide Seiten noch einmal an die einfachen Grundlinien des Wortes Gottes zu erinnern, sowohl hinsichtlich der Feier des Abendmahls und des Zusammenkommens im Namen Jesu „außerhalb des Lagers“, als auch einiger mit dem Tische des Herrn in Verbindung stehender Wahrheiten.13

Mit Loizeaux konnte sich Brockhaus nicht mehr persönlich auseinandersetzen, da er zu dieser Zeit schon nicht mehr unter den Lebenden weilte. Er starb am 3. Oktober 1916, heute vor genau 100 Jahren, an seinem Wohnort Plainfield und wurde auf dem Hillside Cemetery in Scotch Plains begraben.

Ironside fasst seinen Dienst wie folgt zusammen:

cultured and of magnetic personality, he became a spirit-filled and flaming evangelist and went everywhere proclaiming the Word, in self-denying dependence on the Lord.14

Später nennt er ihn noch

the able evangelist whose fiery eloquence had made him the outstanding preacher in this particular section of the movement.15

Online zugängliche Biografien Loizeaux’ sind mir keine bekannt. Die obigen Informationen entstammen im Wesentlichen den Büchern von Noel,16 Ironside17 und Ouweneel,18 überprüft und ggf. korrigiert durch die Broschüre A Good Soldier of Jesus Christ. A Short Memoir of Paul J. Loizeaux von Samuel Ridout (New York [Loizeaux Brothers] o.J.).


200. Geburtstag von Julius Anton von Poseck

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Julius Anton von Poseck (1816–1896)

Es gibt wohl kein Lied aus den Kreisen der Brüderbewegung, das in der Christenheit so bekannt geworden ist wie „Auf dem Lamm ruht meine Seele“. Die Website Liederdatenbank verzeichnet allein aus den letzten vier Jahrzehnten sieben Liederbücher verschiedenster Herkunft, in die es aufgenommen wurde – von den Gemeindeliedern der Baptisten und FeGs über Jesus unsere Freude vom Gnadauer Gemeinschaftsverband und Singt zu Gottes Ehre vom Blauen Kreuz bis hin zu Lied des Lebens von „Jugend mit einer Mission“. Tonaufnahmen von Doris Loh bis Helmut Jost, Übersetzungen ins Englische und Niederländische sowie ein Buchtitel von Jost Müller-Bohn sind weitere Zeugen seiner Popularität. Der Autor dieses „Klassikers“, mit vollem Namen Julius Anton Eugen Wilhelm von Poseck, wurde heute vor 200 Jahren im pommerschen Zirkwitz (heute Cerkwica in Polen) geboren.

Weniger bekannt ist, dass der seit über 150 Jahren gesungene Wortlaut durchaus nicht den ursprünglichen Vorstellungen des Dichters entspricht. Tatsächlich mussten sich alle Lieder Posecks – nach heutigem Kenntnisstand lassen sich nur noch fünf mit einiger Gewissheit ihm zuordnen1 – mehr oder weniger einschneidende Änderungen gefallen lassen, als sie in das „kanonische“ Liederbuch der deutschen „Brüder“, die von Carl Brockhaus herausgegebene Kleine Sammlung geistlicher Lieder, aufgenommen wurden. Ausgerechnet „Auf dem Lamm ruht meine Seele“ traf es dabei mit am härtesten: Von den eigentlich elf Strophen wurden sechs getilgt, die fünf beibehaltenen wurden umgeschrieben (besonders die letzte ist kaum noch wiederzuerkennen), und eine Strophe wurde (wahrscheinlich von Carl Brockhaus) neu hinzugedichtet.

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Titelseite der „Lieder für die Kinder Gottes“ (²1856)

Wie Poseck selbst sich seine Lieder vorgestellt hatte, ist uns durch das von ihm herausgegebene Liederbuch Lieder für die Kinder Gottes (2. Auflage, Hilden 18562) glücklicherweise noch bekannt. Auch wenn man manche der späteren Veränderungen durchaus als Verbesserungen empfinden mag – oder ist es nur eine Frage der Gewohnheit? –, sollen in diesem Gedenkartikel einmal die Originalfassungen zu ihrem Recht kommen – als kleine Reverenz an einen Bruder mit „nicht alltägliche[r] Dichtergabe“,3 der in Deutschland wegen seiner „Gelehrtheit“ nicht recht willkommen war und deshalb die zweite Hälfte seines Lebens in England verbrachte.4

Das Lied „Auf dem Lamm ruht meine Seele“ trug in Posecks Liedern für die Kinder Gottes die Nummer 91:5

Auf dem Lamm ruht meine Seele,
Schauet still dies Wunder an:
„Alle, alle meine Sünden
Durch Sein Opfer weggethan!“

Sel’ger Ruhort! Süßer Frieden,
Auf dem Lamme so zu ruhn!
Wo Gott Selber mit mir ruhet
Der ich Ihm versöhnet nun.

Hier fand Ruhe mein Gewissen;
Denn Sein Blut, es war der Quell,
Der mein Kleid von allen Sünden
Hat gewaschen weiß und hell.

Hier seh’ ich die Morgenröthe
Offen steht des Himmels Thor;
Meine Seele im Triumphe
Schwinget sich zu Gott empor.

Hier muß der Verkläger weichen;
Denn für mich ward Gottes Lamm
Einst zur Schlachtbank hingeführet,
Hat den Mund nicht aufgethan.

Seele, klammre Dich im Glauben
Fest an Deinen Heiland an.
Sieh, Er ist für Dich gestorben,
Daß Du lebest Ihm fortan.

Geh nach Weisheit zu dem Lamme;
Lern’ hier Gottes Sinn verstehn;
Lern’ des Vaters Herrlichkeiten,
Täglich neue Wunder sehn.

Tränke Dich aus diesen Quellen
Wahrer Demuth, Lieb’ und Gnad’.
Dann, o Seele, ruhst du sicher,
Wandelst sicher deinen Pfad.

Jesu, Deine Gnade leitet
Mich der sel’gen Wohnung zu,
Die dort in des Vaters Hause
Selber mir bereitet du.

Dann wird Dich mein Auge sehen,
Dessen Lieb’ ich hier geschmeckt,
Dessen Treu ich hier erfahren,
Der mir Gottes Herz entdeckt.

Wenn der Lohn von deinen Schmerzen:
Deine Gott erkaufte Schaar –
Bringt in Zions heil’ger Ruhe
Gotteslamm ihr Loblied dar.

Ähnlich starke Veränderungen wie „Auf dem Lamm ruht meine Seele“ erfuhr das Lied „Jesu, Quelle unsrer Freuden“ (Nr. 94): Es wurde von fünf auf zwei Strophen gekürzt, die nunmehr zweite Strophe wurde völlig umgedichtet, und die 2. und 4. Zeile wurden um jeweils zwei Silben verlängert:

Jesu, Quelle unsrer Freuden,
Trost in allem Leid!
Der Du Selber gingst durch Leiden
Ein zur Herrlichkeit.
Hier von unserm Pilgerlauf
Schauen wir zu Dir hinauf,
Rings umschränkt,
Hart bedrängt,
Stärke uns im Glaubensstreit.

Sieh, Dein Feind schlägt Deine Glieder
Mit gar großer Macht,
Glaubt, er hätte bald darnieder
Deinen Leib gebracht.
Aber seine Macht, sie raubt
Nicht dem Leib sein mächtig Haupt,
Das Du bist,
Jesus Christ,
Der vom Himmel uns bewacht.

All sein Toben und sein Wüthen,
Seine Ränk’ und List,
Sein Gewehr und Machtaufbieten
Doch vergebens ist.
Christi Leib bezwingt er nicht,
Christi Geist, den dämpft er nicht.
In uns ist
Jesus Christ
Mächt’ger, als der draußen ist.

Starkes Haupt der schwachen Glieder!
Aus der Herrlichkeit
Schaust Du auf die Deinen nieder,
Die für Dich im Streit.
All’ in jedem Ort und Land,
Groß und Klein sind Dir bekannt;
Jeden Schlag,
Spott und Schmach,
Fühlst Du als Dein eigen Leid.

Halt’ uns nah Dir alle Stunden,
Daß nicht, Jesu, wir
Sünd’gend Dich, o Haupt, verwunden,
Das geblutet hier.
Festen Schritt und brennend Licht!
Denn Du, Herr, verziehest nicht!
Bald nach Streit,
Kreuz und Leid,
Triumphirt die Braut mit Dir.

Kaum besser erging es dem Lied 77 „Hochgebenedeiter“ (der zugegebenermaßen etwas befremdliche Titel wurde in „Gott, mein treuer Leiter“ geändert): Fünf von acht Strophen gingen verloren, die übrigen wurden gründlich revidiert:

Hochgebenedeiter!
Deine Macht reicht weiter,
Als die Sonne scheint.
Du Selbst willst uns schützen,
Soll’n auf Dich uns stützen,
Unsichtbarer Freund!
Steh uns bei,
Im Glauben treu,
Trotz des Lebens Truggestalten
An Dir fest zu halten.

So im heil’gen Bunde
Bist Du jede Stunde
Uns, o Helfer, nah.
Nimm, was Du willst nehmen,
Es soll uns nicht grämen,
Denn Du liebst uns ja.
Reben, wir,
Im Weinstock, Dir,
Gib, daß wir trotz Sturmes Schalten
An Dir fest nur halten.

Wir sind in der Wüste,
Fern der Heimath Küste,
Müd’ und unterdrückt.
Doch zu allen Stunden
Wird in Dir gefunden
Ruh’, die uns erquickt.
Uns, verbannt
Im fremden Land,
Stärkest Du mit Segenswalten,
Wenn wir fest Dich halten.

Unsre frühern Träume,
Gleich wie leere Schäume,
Lassen wir zurück.
Was ist Erdenwonne?
Nebel vor der Sonne!
Der uns trübt den Blick.
Unsre Freud’
Und Sonn’ im Leid,
Strahlst und wärmst Du ohn’ Erkalten,
Wenn wir fest Dich halten.

Hoffnungen der Erde,
Freunde und Gefährte,
Schwinden wie ein Trug.
Und wenn sie uns fehlen,
Bist Du, Trost der Seelen,
Freund und Hoffnung g’nug.
Wenn uns blieb
Nicht Freund noch Lieb’,
Wird’s uns desto wen’ger spalten,
Wenn wir fest Dich halten.

Will es oft uns dünken,
Als ob wir versinken
In der Wüste Sand;
Sieh, eh’ wir es denken,
Zeigst Du, uns zu tränken,
Uns der Quelle Rand.
„Halte dich
Doch fest an Mich!“
Flüsterst Du mit Liebestönen,
Stillest unsre Thränen.

Glaub’ und Hoffnung müssen
Unter Kümmernissen
Hier ernähren sich.
Doch wir sind zufrieden,
Bitten nichts hienieden,
Brauchen nichts als Dich.
Ruhig still
In Gottes Will’,
Sanft ergeben in Dein Walten,
Sind, die fest Dich halten.

Grab und Satan schrecket
Uns nicht, denn uns wecket
Unser Gott einst auf.
Der den Tod bezwungen,
Uns durch Blut errungen,
Stärkt hier unsern Lauf.
Gläub’gem Muth
Weicht Jordan’s Fluth,
Muß vor unserm Fuß sich spalten,
Wenn wir fest Dich halten.

Vergleichsweise ungeschoren kam dagegen Lied 66 „O Gottes Sohn! Vor aller Zeit geboren!“ davon: Es verlor nur seine erste Strophe, blieb aber sonst gut erkennbar:

O Gottes Sohn!
Vor aller Zeit geboren!
Eh’ Erd’ und Himmel ward, aller Engel Preis!
Des Vaters Lust und Freud’,
Du spieltest vor Ihm allezeit.
Warst Weisheit Seiner Stärke;
Der Meister Seiner Werke.
Und solchen Himmel, solchen Gott,
Konntst Du verlassen Ihn?

O Gottes Lamm!
Für Sünder hier erwürget!
Die Erde, die Du schufst, ach, sie trug Dein Kreuz!
Was führte Dich herab
In Armuth, Fluch und Tod und Grab? –
Die Braut, die Dir gegeben
Dein Gott, mit Dir zu leben,
Mit Dir zu thronen königlich,
Sie zog hernieder Dich.

Gott und das Lamm, –
O Quelle aller Freuden! –
Ist unser, wir sind Sein, jetzt und ewiglich!
Die Braut hast Du erkauft,
Und sie mit Deinem Geist getauft.
Die Liebe zog Dich nieder!
Sie zieht zu Dir uns wieder.
Was wär’ der Himmel ohne Dich,
Und alle Herrlichkeit?

Komm, Jesu, komm!
Wir sehnen uns, zu schauen
Das Antlitz unsers Herrn, der uns Gott erkauft.
Der, Seines Vaters Bild,
Sein Herz und Seinen Himmel füllt.
Auf fremden Erdenwegen
Wir seufzen Dir entgegen,
Bis unser Loblied voll ertönt
Dem Lamm, das uns versöhnt.

Am geringfügigsten schließlich wurde in Lied 9 „Jesus kam hernieder“ (heute: „Herr, Du kamst hernieder“) eingegriffen:

Jesus kam hernieder,
Hat uns versöhnt;
Ging zum Vater wieder,
Ward am Thron gekrönt.
Sein Eigenthum
Sind wir, Gott zum Ruhm;
Sind durch Ihn vertreten
Dort im Heiligthum.
Ewige Gnade,
Mein Bruder Du!
O welch’ hohe Gabe,
Welch’ sel’ge Ruh!

Wir, die Deinen beten
Freimüthiglich,
Weil Du sie vertreten
Hohepriesterlich.
Dein Angesicht
Ist auch jetzt gericht’t
Auf die Brüder alle,
O Du läßt sie nicht.
Dein treues Lieben,
Dein Opfertod
Brachte uns den Frieden,
Du treuer Gott!

Stehe auf vom Throne,
Du Gotteslamm!
Nimm die Braut zum Lohne,
O mein Bräutigam!
Sie ist ja Dein;
Rufe bald sie heim!
In des Vaters Wohnung
Führ’ sie mit Dir ein.
An Deinem Herzen
Trifft sie kein Leid;
Nahen keine Schmerzen
In Ewigkeit.

Lebensbilder Julius Anton von Posecks auf dem aktuellen Stand der Forschung (seit 2002 liegt ja die Monografie von August Jung vor, die auch bereits in mehreren Punkten korrekturbedürftig ist) sind online leider nicht verfügbar. Ich verweise hier auf den Artikel von Arend Remmers aus Gedenket eurer Führer und auf die deutschsprachige Wikipedia, deren Poseck-Artikel ich mir demnächst einmal vornehmen werde.


150. Geburtstag von Otto Schröder

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Otto Schröder (1866–1941)

Die deutsche Brüderbewegung wurde – anders als die englische – in ihren ersten Jahrzehnten nicht von Akademikern und Angehörigen der höheren Schichten geprägt, sondern von Kleinbürgern, Handwerkern und „einfachen Leuten“. So war auch der Berliner „Lehrbruder“ Otto Schröder, dessen Geburtstag sich heute zum 150. Mal jährt, von Beruf eigentlich Schuhmacher. Durch jahrelanges intensives Selbststudium hatte er sich jedoch mit der Bibel derart vertraut gemacht, dass über seine Vorträge gesagt werden konnte:

Die tiefe Erkenntnis war für manche einfachen Christen fast zu hoch. Wenn er auch zu Unbekehrten sprechen konnte, so war er doch ganz Lehrer, der „das Wort der Wahrheit recht teilte“. Es war stets ein hoher Genuss, ihn über schwierige Bibeltexte reden zu hören, wie z.B. über den Segen Josephs. Dabei war er in seiner ganzen Art ein bescheidener und vor allem ein sehr schweigsamer Mann, weshalb er manchmal verkannt wurde.

Von etwa 1904 bis zum Verbot der „Christlichen Versammlung“ 1937 war Schröder vollzeitlich im „Werk des Herrn“ tätig. Dem BfC schloss er sich – im Gegensatz zu den meisten anderen „Reisebrüdern“ – nicht an. Das Ende der Verbotszeit erlebte er leider nicht mehr: Er starb 1941 im Alter von 75 Jahren.

Ein von Friedrich Briem sen. verfasstes erbauliches Lebensbild Schröders erschien 2003 in Zeit & Schrift (daraus auch das obige Zitat).

150. Todestag von John Griffith(s)

Der Bruder, dessen Todestag sich heute zum 150. Mal jährt, gehört sicher nicht zu den bekanntesten in der Geschichte der Brüderbewegung; tatsächlich sind sich die Historiker noch nicht einmal über seinen Namen einig: Während Brewer1, Rowdon2 und Ouweneel3 ihn Griffith nennen, heißt er bei Beattie4, Langford5, Embley6, Coad7, Rawson8 und Stunt9 Griffiths. Diese Diskrepanz findet sich allerdings auch bereits in zeitgenössischen Nachrufen: Das Hereford Journal schreibt Griffith,10 die medizinische Fachzeitschrift The Lancet dagegen Griffiths.11 Selbst das offizielle britische Testamentsregister Calendar of the Grants of Probate and Letters of Administration kann sich nicht entscheiden und bietet beide Formen: „GRIFFITH otherwise GRIFFITHS“.12

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Straßenfront des ersten Versammlungsgebäudes der „Brüder“ in Hereford, Bridge Street (Foto: Google Street View)

Wer war John Griffith(s)? Geboren wahrscheinlich 1799 in Wrexham (Wales),13 absolvierte er ein Medizinstudium und machte sich ab 1825 in Hereford einen Namen als talentierter Chirurg. Als 1837 durch die Predigt Percy Francis Halls eine Brüdergemeinde in Hereford entstand, schloss Griffith(s) sich ihr an und wurde bald einer der „führenden Brüder“ am Ort. Brewer schreibt über ihn:

Dr. John Griffith, the leading surgeon of the city, who threw open his heart, his house and his purse; he was an energetic man, full of love for the Gospel – would converse with his patients on their soul’s greatest need, keeping Capt. Rhind’s pictures of the Tabernacle on his consulting room table, explaining and enforcing the different teachings of the various parts. Some of his more wealthy visitors were offended and left, but soon returned because of his professional ability, so that his faithfulness was ultimately to him no loss.14

Beattie ergänzt:

For long years the good doctor was remembered as the great tract distributor, often throwing the Gospel messages out of his carriage as he went his rounds, which were by no means confined to the city. Of a kind and benevolent disposition, Dr. Griffiths had a hospitable heart of love for the people of God, and it is said that whenever a gifted brother came along he would invite brethren to breakfast to meet him; and as on Lord’s Day many would come long distances – some walking miles for the purpose of remembering the Lord in the breaking of bread – the doctor would have a cold luncheon laid out in a large room in his house for any – rich and poor alike – who cared to partake of it.15

Leider kam es 1849 zu Spannungen zwischen Griffith(s) und Hall:

Capt. Hall was a deep thinker and teacher, not having much fellowship with the direct Gospel testimony to the world, for he was not an evangelist of late years at least.16 Dr. Griffith on the contrary was an evangelist, and did not so much care for the deep teaching and wonderful expositions of Capt. Hall. The one was all for teaching the saints, the other was all for testimony to the world. Hence a growing coolness grew up between them, which culminated in an open rupture. Capt. Hall retired with his followers, and met in St. Owen Street, afterwards connecting the meeting with Mr. Darby’s.17

Griffith(s) und die urspüngliche Gemeinde in Hereford blieben in Gemeinschaft mit den Offenen Brüdern (denen sich auch Hall nach der Sufferings-of-Christ-Kontroverse 1866 wieder anschloss, allerdings nicht mehr in Hereford, sondern in Weston-super-Mare).

Ab 1852 begann Griffith(s)’ Gesundheit nachzulassen, sodass er seine berufliche Tätigkeit einschränken musste. Er starb am 2. Juni 1866, heute vor 150 Jahren, in seinem Haus in der St. Owen Street in Hereford. Das Hereford Journal widmete ihm eine Woche später folgenden Nachruf:18

DEATH OF JOHN GRIFFITH, ESQ., SURGEON. – The medical profession has lost one more of its most valued and skilled surgeons of this city. Mr. Griffith was the senior practitioner, and kept up a lucrative practice, extending from its commencement over 40 years. He succeeded his esteemed uncle, Mr. Griffith, who was Mayor of Hereford. The deceased has for a lengthened period suffered from physical debility, but while in good health he led a very active life, taking a leading part in most of the religious controversies of former days. He was a leading member of the Hereford Protestant Association, and was selected as one of a deputation to the Roman Catholics of Ireland. Some 25 years back he seceded from the evangelical party in the Church, and joined a new sect then springing into maturity, and familiarly designated the Plymouth Brethren. A diversity of opinion, either in discipline or doctrine, caused this new branch of dissent to sever themselves into two divisions. That difference of faith was never healed, and they in a turning point of time became separated and formed two “rooms,” where their tenets are regularly and systematically inculcated. We believe that Mr. Griffith, with his wonted energy, lent his purse and influence to the congregation which settled at the Barton. He had a peculiar habit of having long devoted himself to the distribution of religious tracts. We doubt if any single-handed gentlemen, at his own cost, ever gave so many thousand books and leaflets to the people in the highways and byeways as the deceased. His death occurred on Saturday last, to the regret of numerous friends, who knew how to appreciate his work and “labour of love.” The deceased was not married.19 The funeral took place on Thursday at the burying ground at the Barton, when a large congregation was present, the service being conducted by Mr. Mansel20 and Mr. Seward21.

Der Nachruf in The Lancet vom 30. Juni 1866 hebt naturgemäß mehr Griffith(s)’ medizinische Leistungen hervor, vermittelt aber ebenfalls einen Eindruck von seinem Charakter:22

Mr. John GRIFFITHS commenced practice in Hereford in the year 1825. Having passed his examinations four years previously, and made what was in those days the professional “grand tour,” he was appointed surgeon to the Hereford Infirmary, which post he held until 1839, and was specially noted for his operative skill. His health failed in 1852, and from that time he restricted his practice. During the latter years of his life he refused to see any new patients, though many old friends continued to avail themselves of his professional services to the last. He finally sank from renal disease, but never thoroughly rallied after an operation for calculus in the spring. He died on the 2nd of June, in the sixty-seventh year of his age. He was of an eminently original mind, somewhat brusque in manner, and a man of many whims; but his kindness of heart, his practical charity, and his unswerving rectitude, together with eminent professional skill, which gained him great local repute, will long cause his name to be remembered and respected.


150. Todestag von Henry Craik

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Henry Craik (1805–1866)

Heute vor 150 Jahren starb in Clifton (einem Vorort von Bristol) der engste Freund und Mitarbeiter Georg Müllers, Henry Craik, im noch nicht sehr fortgeschrittenen Alter von 60 Jahren. Über sein Leben habe ich bereits 2010 einen Wikipedia-Artikel geschrieben, sodass ich hier auf einen biografischen Abriss verzichte;1 stattdessen möchte ich die Aufmerksamkeit auf die erstaunlich ausführliche Presseberichterstattung lenken, die sein Tod auslöste.

Die Bristoler Tageszeitung The Western Daily Press widmete Craik am 24. Januar 1866 gleich zwei lange Artikel. Auf Seite 2 hieß es unter der Rubrik “Topics of the Day”:

One of the most devoted, learned, and amiable labourers in the Christian vineyard, the Rev. Henry Craik, passed from his labours into eternal rest late on Monday evening, in this city. Under date March 29, 1832, there is the following entry in the Narrative of the deceased gentleman’s fellow-labourer, Mr Müller, so well known throughout the Christian world as the founder of the Ashley Down Asylum for Orphans: – “I went to Shaldon this morning; brother Craik has left for Bristol for four weeks. I think he will only return to take leave, and that the Lord will give him work there. [What a remarkable presentiment, which came to pass, concerning my beloved brother and fellow-labourer.]” From that period, if we except the short interval of leave-taking which Mr Craik spent with his former flock at Shaldon and Teignmouth, he has, until struck down by his last painful illness, devoted himself to the work of the Christian ministry in Bristol with a zeal which nothing could damp; and we only state the simple truth when we say that while he was beloved by the people who had the benefit of his ministrations he won by his pure, consistent, Christian life, and by the devotion with which he threw all his energies into the performance of his work, the warmest esteem and the deepest respect of persons of all creeds capable of appreciating worth of more than an ordinarily rare kind. In another column a narrative of Mr Craik’s life will be found. It is necessarily imperfect, as indeed it is impossible to do justice to such a life within the brief limits of a newspaper article. He laboured long in this city, and the spirit in which he laboured and the faith with which he rested upon the promises of the Master, whom he served for the means necessary to enable him to prosecute his labours, were purely apostolic. Ever since, and for some time before, he came to Bristol, Mr Craik, like the colleague who now mourns his loss, depended for his living upon the willingness of the people to whom he ministered. With a faith which we need not say is rarely exhibited in these doubting days, he trusted not in man, but in God, for the “food and raiment” which he required. The dominant thought of his life was not how he might increase his store of the goods of this world, but how he could best promote the spiritual interests of his fellow-men. One, if not more than one, of the universities of his native country, on two occasions, offered him, as a mark of appreciation of his rare scholarship, the degree of D.D., but on both occasions he declined the honour. His modesty was as conspicuous as his worth, and his memory will dwell long in the hearts of all who had the privilege of his acquaintance.

Das angekündigte Lebensbild folgte auf Seite 3:

DEATH OF REV. HENRY CRAIK.

Our readers will receive this announcement, we feel sure, with deep and unfeigned sorrow. A truly good man – a great man, in the sense of high intellectual as well as high moral qualities – has been removed from us, after 34 years’ service as a devoted Christian minister in this city. Mr Craik’s death was not unexpected. A painful illness had confined him for several months to his house. In the summer, when upon an excursion in Scotland, the symptoms of a wasting internal disorder became apparent by increased feebleness and incapacity for study. Medical advice was sought; but it was not until he returned home to his residence in Hampton Park, Redland, and had consulted his own medical attendant (Mr Burleigh), along with Dr. Symonds, that a correct diagnosis was obtained. It was then found that Mr Craik was suffering from collapse of the pylorus – a disease always dangerous and difficult of cure, and one which soon showed the usual effects in his case. When the writer saw him, some three months since, he was painfully struck by the sad change in Mr Craik’s appearance. Although he was then able to drive out a little, he was a mere shadow of his former self; he was debarred from reading – a severe deprivation of one of his chief pleasures – he could not even bear the excitement of another reading to him, except at infrequent intervals, and he seemed altogether like a man who was slowly nearing the last stage of decay and dissolution. Yet his old cheerfulness and geniality were but slightly diminished; while his confidence in the end, his faith, his hope, were expressed in the same unaffected, unfaltering, manly tone and manner which always characterised him. To meet death was not to meet an enemy of whom he was afraid – it was to meet the conqueror of death, the Master whom he had served so lovingly, so cheerfully, and so acceptably, as many can testify in this city and elsewhere. Mr Craik lingered on, gradually growing weaker and weaker, until Monday night, when he died very calmly and peacefully. About nine o’clock a change was observed by his family, and an intimate friend and neighbour (Mr Charles Lemon) was sent for. The pulse was found to be gradually falling, and at 11.23 it ceased. It is common enough to praise men when they are dead, and to indulge indiscriminate laudations of them. Of all this Mr Craik had an instinctive abhorrence. Himself without a particle of pride or affectation – although he had, being among the first linguists in England, much to be proud of – he turned with surprise and regret at the assumption of superiority in others, especially when he knew, as he easily could know, that it was pretentious and unwarranted. We are only employing, however, the language of truth and soberness, when we say that Henry Craik’s religion was of the loftiest and purest description – that it was untarnished by worldly considerations, and that it combined as much of the spiritual and human nature in felicitous proportion as we have ever found or expect to find again. His very simplicity and child-like trustfulness charmed all classes. His piety, never ostentatious, never bordering upon personal merit, was so transparent that you could not help feeling and recognising its power and influence. The priestly character he could not assume, nor the perfunctory style of duty which some who disown the title of priest are apt to fall into. His whole life, his very soul, he gave entirely to the service of his Master and the welfare of his fellow-creatures. As he lived, so he died, in faith and hope. Who that knew him doubts his destiny? Of some men we may have doubts – of Henry Craik we can think only as we think of the saints and martyrs who walked for a while upon earth in a pilgrim’s journey to Heaven. Thousands will sorrow after him – his bereaved flock, and especially his self-sacrificing colleague, Mr George Muller, with whom he commenced his ministry in Bristol, and who regarded him in the truest sense as a brother. By the whole Christian community of this great city his memory will be cherished with affection, his character will be reverenced, and his life and labours will long be remembered with admiration and gratitude.

By the first part of Mr Muller’s “Narrative,” we find that Mr Craik left Teignmouth, where he then was a minister among “The Brethren,”2 for Bristol, on a visit of four weeks, on the 29th March, 1832. Mr Muller states that “it was there [Teignmouth] that I became (in 1829) acquainted with my beloved brother, friend, and present fellow-labourer, Henry Craik.” Mr Muller, at Mr Craik’s solicitations, followed him to Bristol, and on the 22nd April preached at Gideon Chapel, then occupied by the Brethren.3 It is well known that these remarkable men made a wonderful impression during this their first visit to the city. An entry of the “Narrative,” dated April 29, 1832, says: – “Brother Craik preached this evening at Gideon for the last time previous to our going. The aisles, the pulpit stairs, and the vestry were filled, and multitudes went away on account of the want of room.” The next entry, May 15, shows the decision to accept the invitation to settle in Bristol. “Just when I was in prayer,” writes Mr Muller, “concerning Bristol, I was sent for to come to brother Craik. Two letters had arrived from Bristol. The brethren assembling at Gideon accept our offer to come, under the conditions we have made, i.e., for the present to consider us only as ministering among them, but not in any fixed pastoral relationship, so that we may preach as we consider it to be according to the mind of God, without reference to any rules among them; that the pew-rents should be done away with; and that we should go on, respecting the supply of our temporal wants, as in Devonshire.” This last sentence means a great deal. In Devonshire these truly apostolic men literally laboured “without money and without price.” Occasionally they were reduced to such straits as to have neither money nor food; yet their wants were always supplied, without appealing for aid to friends or neighbours. They made no bargain in Bristol for salaries or residences. “A cheap lodging” at 18s a-week, consisting of two sitting-rooms and three bed-rooms, was deemed sufficient for them and their families. It was the year of the cholera, and during four months they held every morning a prayer meeting at Gideon, from six to eight o’clock, at which from two to three hundred people were present. Mr Muller says: “Though brother Craik and I visited many cholera cases, by day and by night, yet the Lord most graciously preserved our families from it.” That Mr Muller fully estimated Mr Craik’s preaching power may be seen by an entry of Oct. 1st, 1833: – “Many more are convinced of sin through brother Craik’s preaching than my own. This circumstance led me to inquire into the reasons, which are probably these: – 1. That brother Craik is more spiritually minded than I am. 2. That he prays more earnestly for the conversion of sinners than I do. 3. That he more frequently addresses sinners, as such, in his public ministrations, than I do.” Mr Craik’s preaching drew a large and intelligent congregation to Bethesda Chapel, Great George Street – this place of worship having been secured when Gideon was found inadequate. It was not popular preaching, being deficient in manner and style, and without any of the gaudy rhetoric which is commonly relied on to fill chapels. Mr Craik had but one object in view – to instruct and impress his hearers, and in this he always succeeded. No one could complain that Mr Craik did not understand the text on which he preached. Whatever the subject might be Mr Craik was certain to master it thoroughly. His language was chaste and scholarly. Words singularly forcible and apposite were employed to convey his meaning upon topics to which he had given special attention. Frequently there was much warmth, always great earnestness, in his pulpit addresses and his prayers. Many thoughtful and pious members of the Church of England were drawn to Bethesda Chapel on the Sunday evenings to hear Mr Craik, and were not the least sincere among his numerous admirers. Mr Craik also preached, alternately with Mr Muller, at Salem Chapel.

Our own idea is, that Mr Craik’s forte was the professor’s chair rather than the pulpit. As a Hebraist he had few equals, still fewer could be named as his superiors; and among his friends and correspondents were some of the first scholars and divines of the day, including our own diocesan (Bishop Ellicott), with whom a strong intimacy was maintained, – the Bishop being fully alive to the extent and variety of Mr Craik’s learning and ability. Mr Craik had been a pupil, at Edinburgh University, of the late Dr. Chalmers, and was educated as a clergyman of the Church of Scotland, in which his brother (Rev. Dr. Craik, of Glasgow) occupies a conspicuous position. But the trammels of Presbyterianism were over much for him, and he became a decided Nonconformist, embracing the Congregational form of church polity. His habits, however, were too retiring to allow him to mingle in controversial strife. Only once do we remember his appearing in public to give his views on the connexion of Church and State. It was in 1860, at the Broadmead Rooms. A correspondence followed in these columns, his opponent being a well-known clergyman who figured on the same side at the July election of members of Parliament.

Mr Craik, while an active pastor, was also a frequent writer. His principal works are: “Principia Hebraica;” “The Distinguishing Characteristics and Essential Relationships of the Leading Languages of Asia and Europe;” “The Hebrew Language, its History and Characteristics;” “Hints and Suggestions on the Proposed Revision of our English Bible;” “Reply to certain Misrepresentations contained in Essays and Reviews;” “Pastoral Letters;” “An Amended Translation of the Epistle to the Hebrews;” “The Popery of Protestantism,” &c.

We understand that Mr Craik kept a diary, in which he has given the leading events of his interesting career, his correspondence and intercourse with eminent men of his time, and an account of the establishing of that great national institution, the Ashley Down Orphan Houses. This will shortly be published, we believe, and will form a valuable history of the thirty-four years’ life and labours of Mr Muller and Mr Craik – two of the most remarkable men, two of the most honoured servants of the Church of Christ, who have ever appeared in this or any other country.

Auf derselben Seite findet sich unter der Rubrik “Deaths” noch folgende knappe Notiz:

On the 22nd inst., at Holyrood Villa, Hampton Park, Clifton, the Rev. HENRY CRAIK, deeply and sincerely regretted by a wide circle of friends and admirers.

Über Craiks Beerdigung am 30. Januar erschien in der Western Daily Press ebenfalls ein ausführlicher Bericht, den ich mir für einen separaten Blogeintrag aufhebe.


200. Geburtstag von Lord Cavan

Frederick John William Lambart, 8th Earl of Cavan

Frederick John William Lambart, der 8. Earl of Cavan, gehört ähnlich wie George Frederic Trench oder Henry Heath zu den hierzulande weniger bekannten „Chief Men“ der britisch-irischen Offenen Brüder. Er wurde heute vor 200 Jahren in Fawley (Hampshire) an der Südküste Englands geboren.

Lambarts Eltern waren George Lambart, Viscount Kilcoursie, der älteste überlebende Sohn des 7. Earl of Cavan, und seine Frau Sarah geb. Coppin. Beide starben früh – die Mutter 1823 und der Vater 1828 –, sodass Frederick bereits mit 13 Jahren Vollwaise war. Von 1829 bis 1833 besuchte er die bekannte Eliteschule in Eton, anschließend trat er ins 7. Dragonerregiment ein, das damals in Irland stationiert war. In Dublin besorgte er sich 1835 zum ersten Mal in seinem Leben eine Bibel.

1837 starb Fredericks Großvater Richard Lambart, der 7. Earl of Cavan. Da sein Sohn George, der eigentliche Anwärter auf den Titel des 8. Earl,1 ebenfalls schon verstorben war, ging der Titel direkt auf den knapp 22-jährigen Enkel Frederick über. Acht Monate später heiratete dieser in London die 21-jährige Caroline Augusta Littleton, eine Tochter des Politikers Edward John Littleton, 1. Baron Hatherton.2 Die beiden bekamen mindestens acht Kinder, von denen allerdings drei früh starben.3

Von 1839 bis 1844 hielten sich die Cavans vorwiegend auf dem europäischen Kontinent auf; einen Winter verbrachten sie in Frankfurt, einen Sommer in Bad Ems, danach zwei Jahre in München. Hier begann Lord Cavan, angeregt u.a. durch einen Brief seines Schwagers Charles Evelyn Pierrepont, Viscount Newark, mit einem systematischen Studium der Bibel. Zurück in England, schloss er sich den „Brüdern“ an, denen er bis zu seinem Lebensende verbunden blieb (nach 1848 den Offenen Brüdern). 1846 war er an der Gründung der Evangelischen Allianz beteiligt.

Ab 1864 sah sich Lord Cavan zunehmend in den Predigt- und Evangelisationsdienst berufen. Sein Biograf in Chief Men among the Brethren beschreibt seinen Predigtstil wie folgt:

Quiet in manner, with little action, and no attempt to seem a striking preacher, with his Bible in one hand and his eyeglass in the other, confidence in the Lord gave power to what he spoke. “I am,” he would say, “only a plain man; but I speak what I know.” He might begin without giving the impression of much power; but after a little, with his heart yearning over those he addressed, his tender manner became full of energy, his tones earnest, and his words very solemn. The true end of preaching was reached; his hearers felt that, whether for life of death, Lord Cavan’ s testimony was a message from God.4

1866 lud Lord Cavan, der seit 1860 in Weston-super-Mare wohnte, den Evangelisten Lord Radstock (1833–1913) zum Predigen dorthin ein. Es entstand eine kleine Erweckung, bei der u.a. Friedrich Wilhelm Baedeker (1823–1906) zum Glauben kam. Besonders am Herzen lag dem Ehepaar Cavan auch der Nachbarort Milton (heute ein Stadtteil von Weston); hier kümmerten sie sich finanziell um die Armen, und Lord Cavan ließ einen Missionssaal errichten, in dem er selbst oft predigte. Karitativ engagierte er sich ferner auf der irischen Insel Achill, wo er ein Anwesen besaß.

Am 16. Dezember 1887, genau zwei Wochen vor seinem 72. Geburtstag, erlag Lord Cavan in seinem Haus in Weston-super-Mare einer Bronchitis. Über seine Beerdigung am 22. Dezember berichtete der Taunton Courier:

The mortal remains of the late Lord Cavan were interred in the Weston-super-Mare cemetery on Thursday, in the presence of a large concourse of spectators. At 11.30 a.m a short service was held in the Lodge – the residence of deceased – at the conclusion of which the cortège was formed in the following order: – First came the coffin – which was of polished oak with handsome bras [sic] fittings – on which were deposited several handsome floral tributes. Then followed, on foot, the subjoined mourners: Lord Kilcoursie, M.P. (eldest son), Col. the Hon. Oliver Lambert (brother of deceased), Capt. the Hon. A. Lambert (youngest son), Col. Slanden (son.in-law [sic]), the Hon. R. Lambert (Lord Kilcoursie’s eldest son), Col. the Hon. E. Littleton and the Hon. W. Littleton (nephews of the Countess Cavan), Mr Bowens, London (nephew of Lord Cavan), Capt. Broughton (Ampthill), and Mr Nisbet solicitor, London). Next in the procession came several ladies and the servants of the Lodge, all carrying choice wreaths, and these were followed by a large number of the clergy and gentlemen of the town and neighbourhood. In the cemetery chapel a short service was held, in which Mr T. Newbery and Mr A. Rainey took part. Subsequently, at the graveside, Dr Baedeker, Mr Newbury, and the Rev. Colin Campbell (vicar of Christ church), concluded the service, among the spectators of the mournful ceremony being the tenantry of the deceased from Glastonbury and Cannington, Rev. Preb, [sic] Stephenson (Lympsham), Rev. W. H. Turner (Banwell), Mr W. Hurman [Mayor of Bridgwa er [sic]), Mr F. J. Thomson (Bridgwater), Mr B. P. Thomas (Clifton), Capt. West (Clifton), Bev. [sic] J. Ormiston (Bristol), &c. The site of the interment is alongside the graves of three of deceased’s sons, all of whom died in their youth[.] As a mark of respect to the memory of deceased, the prinioal [sic] places of business throughout the town were partially closed during the hour of interment; the Uuion [sic] Jack was flcated [sic] at half-mast on the tower of the parish church, and a muffled peal was rung on the bells of the same parochial edifice.5

Das Lebensbild Lord Cavans aus Chief Men among the Brethren ist online zugänglich, enthält allerdings mehr fromme Redewendungen als konkrete Fakten; informativer ist der Artikel in der englischsprachigen Wikipedia.