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200. Geburtstag von John Leche Kraushaar

kraushaar
John Leche Kraushaar (1819–1899)

Der heutige Jubilar wird meines Wissens in keiner Geschichte der Brüderbewegung erwähnt, aber in Julius Anton von Posecks Christus oder Park-Street? (1882). Er gehörte wie Poseck zu den Gegnern der „Haus(halts)taufe“ und gab offenbar eine Zeitschrift mit dem Titel The Occasional heraus, in der er geharnischte Kritik an dieser Taufpraxis übte. Poseck zitiert bzw. übersetzt daraus mehrere Seiten; hier einige Kostproben:

Sogar solche, die Christum offen verwerfen, sollen getauft werden, wenn sie zu dem Haushalt gehören, und sich (der Taufe) unterwerfen wollen; ja sogar „Trunkenbolde“, da ja der H. Geist innerhalb des Kreises der Getauften wohnt und wirksam ist, und alle die außerhalb sind, sich im Gebiete des Teufels befinden! […]

Ich kann nicht umhin, an die schreckliche Verantwortlichkeit derjenigen zu denken, die ihre unbekehrten Dienstboten durch ein äußerliches Bekenntniß zu „Christen“ machen, da ich sehe, wie der H. Geist die Verherrlichung Gottes mit diesem Namen verknüpft hat. […]

Jedes äußere Bekenntniß muß entweder ächt oder unächt sein. Wenn es ächt ist, so giebt es keine Schwierigkeit. Wenn es unächt ist, so muß eins von beiden der Grund davon sein. Entweder ist der Bekenner betrogen worden, oder er ist ein Betrüger oder Heuchler. O, wer zählt die Namen der so Betrogenen, sterbend und zur Hölle gehend! Wer sollte bei dem Gedanken an sie nicht blutige Thränen weinen! Da man sie gelehrt hat, daß sie durch die Taufe zu Christen gemacht worden sind und sich in der Kirche Gottes befinden, so glauben sie leicht, was sie gern für wahr halten möchten, um ihr Gewissen zu beruhigen. Was verstehen solche von den durch Menschen gemachten Unterscheidungen zwischen „dem Haus“ und „dem Leib?“

Solch ein armes Mädchen war in einer Bibelstunde zugegen gewesen, wo man diese Verfertigung von Christen mittelst der Taufe gelehrt hatte. Und als eine betagte, um des Mädchens Seelenheil sehr bekümmerte Schwester mit ihr über diesen Gegenstand sprach, sagte das Mädchen zu ihr: „Ich bin ebenso gut eine Christin wie Sie. Herr … hat uns dies in der Bibelstunde gesagt. Jeder der gechristet (getauft) ist, ist ein Christ. Daher brauchen Sie sich um mich nicht zu kümmern.“

Ach! diese armen Seelen glauben was man ihnen sagt, und besänftigen ihr wundes Gewissen mit dieser schmeichelnden Salbe. Und so fahren sie dahin in die Ewigkeit mit dieser Lüge in ihrer rechten Hand!1

Hat sich die Brüdergeschichtsschreibung bisher kaum mit Kraushaar beschäftigt, so liegen immerhin doch einige familiengeschichtliche Erkenntnisse über ihn vor, darunter ein von seiner Enkelin Grace Ermyntrude Clist (1886–1974) verfasstes Lebensbild, ein übersichtliches Kurzporträt und eine Geschichte seiner Familie. Demnach wurde Kraushaar am 4. Februar 1819 – heute vor 200 Jahren – im Londoner Vorort Stepney als Enkel eines deutschen Einwanderers geboren, studierte Griechisch und Latein, wurde zunächst Lehrer, dann Mitarbeiter der Londoner Stadtmission und schloss sich 1858 den „Brüdern“ an. In den folgenden Jahrzehnten zog er mit seiner Familie viel um, wirkte als Reiseprediger, schrieb einige Bücher (online verfügbar ist The Tabernacle in the Wilderness, 18732) und gab die oben genannte, offenbar verschollene Zeitschrift heraus. In den Auseinandersetzungen um Ryde und Ramsgate stellte er sich 1881 vermutlich auf die Seite Kellys. Am 4. April 1899, genau zwei Monate nach seinem 80. Geburtstag, starb er in West Buckland (Somerset).


Schaubilder zur Geschichte der Brüderbewegung

In dem Buch Was uns die Bibel lehrt (CV Dillenburg 2001) ist auf Seite 75 ein Schaubild zur Geschichte der deutschen Brüderbewegung abgedruckt, das ich etwas erweitert und modifiziert habe (zum Vergrößern anklicken):

bruedergeschichte_deutschland

Gegenüber der Vorlage habe ich u.a. die Raven-Brüder hinzugefügt (auch wenn sie heute zahlenmäßig unbedeutend sein mögen), außerdem die Glanton-Brüder (deren deutsche Geschichte noch weitgehend im Dunkeln liegt), die Abwanderung aus dem BEFG nach der Wende in der DDR sowie die „blockfreien“ Neugründungen (z.B. in Süddeutschland). Die variierende Balkenbreite soll einen groben Eindruck von den Größenverhältnissen geben (das kann natürlich nur annähernd geschehen). Zwischen Brüder- und Baptistengemeinden im BEFG habe ich eine dünne weiße Linie gelassen, da von einem wirklichen Zusammenschluss bis heute ja eigentlich nicht die Rede sein kann.

Überraschend mag vielleicht der Pfeil von den Raven- zu den Offenen Brüdern 1904/05 erscheinen. Meines Wissens ist in der Brüdergeschichtsliteratur bis heute nicht ausreichend gewürdigt worden, dass etliche namhafte Offene Brüder in Deutschland von den Raven-Brüdern herkamen, so etwa Christian Schatz (1897–1900 Herausgeber der Raven-Zeitschrift Worte der Gnade und Wahrheit!), Albert von der Kammer, Ferdinand Braselmann oder Ferdinand Hilliges. Oft nahmen diese Brüder beim Übertritt „ihre“ Versammlungen mit (z.B. Albert von der Kammer in Wolgast). Noch in den 1920er Jahren druckte Christian Schatz in seiner Zeitschrift Saat und Ernte gelegentlich Texte von Stoney, Coates oder Raven ab, und auch die eigentümliche damalige Lehre der Offenen Brüder über den Tisch des Herrn (vgl. die Broschüren von Braselmann, Schatz, Schreuder und von der Kammer) ist wahrscheinlich von ihrer Raven-Herkunft beeinflusst.

Ein vergleichbares Schaubild zur angloamerikanischen Brüdergeschichte wurde in den 1980er Jahren von Grant W. Steidl erstellt. Mir liegen davon zwei Versionen vor:

brethren_history_steidl_hawke

brethren_history_steidl_jamieson

Einige wichtige Gruppen fehlen hier allerdings, so z.B. der „Needed-Truth“-Zweig der Offenen Brüder, der „Independent“-Zweig der Grant-Brüder und die verschiedenen Raven-Abspaltungen. Außerdem kann man wohl nicht von einer generellen Vereinigung der Grant- und Stuart-Brüder 1885 sprechen.