Archiv für den Monat: Oktober 2022

100. Todestag von Christoph Köhler

koehler
Christoph Köhler (1860–1922)

Heute vor 100 Jahren starb Christoph Köhler, der erste Leiter der Allianz-Bibelschule Berlin, während eines Besuchs in Wiedenest. Ihn als Pionier der deutschen Offenen Brüder zu bezeichnen ist vielleicht nicht ganz korrekt – zum einen war er noch bis 1905 evangelischer Pfarrer, zum anderen verstanden sich sowohl die Allianz-Bibelschule Berlin als auch die Gemeinde Berlin-Hohenstaufenstraße (der er sich anschloss) um diese Zeit noch nicht als Offene Brüder im engeren Sinne (bei der Bibelschule ist dies bereits am Namen erkennbar, die Gemeinde Hohenstaufenstraße stellte sich laut Gerhard Jordy erst ab 1927 „unter der Führung Heinrich Neumanns ganz bewusst in die Gemeinschaft der sich nun ausbreitenden ‚Offenen Brüder‘ in Deutschland“1).

Was Köhler schon bis 1905 als landeskirchlicher Erweckungsprediger leistete, ist allerdings beeindruckend; das anonyme2 Lebensbild auf der Website der Gemeinde Hohenstaufenstraße gibt einen recht guten Einblick in diese Arbeit. Edmund Hamer Broadbent (1861–1945), der in vielerlei Hinsicht als „Geburtshelfer“ der deutschsprachigen Offenen Brüder gelten kann,3 besuchte Köhler zwei Monate vor dessen Kirchenaustritt in Schildesche bei Bielefeld und schrieb darüber in sein Tagebuch:

14. Dezember [1904]. Ich erreichte Bielefeld am Morgen und wurde von Johannes Warns abgeholt, der mich in das kleine Dorf Schildesche mitnahm, wo ich von Pastor Köhler, seiner Frau4 und seinem ganzen Haushalt in dem großen, altmodischen Pfarrhaus, einem 200 Jahre alten, schwarz-weißen Gebäude, sehr herzlich willkommen geheißen wurde. Dort blieb ich bis zum nächsten Tag. Es war eine außergewöhnlich angenehme Erfahrung, in diesen Haushalt in Schildesche zu kommen, denn er ist das Zentrum eines Werkes des Geistes, das in der ganzen Umgebung im Gange ist. Köhler ist Pfarrer eines großen Bezirks, ist bekehrt und macht seit Jahren Fortschritte in der Kenntnis des Wortes. Unter dem Widerstand der klerikalen Kräfte um ihn herum hat er so weit wie möglich die innerkirchliche „Gemeinschaft“ unterstützt, die dort wie an so vielen Orten entstanden ist. In Verbindung damit hat eine wahre Erweckung stattgefunden, und mehrere hundert haben sich bekehrt. Es wurde ein attraktiver, praktischer Versammlungssaal gebaut (wo ich über das Buch Nehemia sprach). Pastor Köhler hat einen Punkt erreicht, wo er keine andere Möglichkeit mehr sieht, als sein Amt niederzulegen und die Kirche zu verlassen. Er hofft, sich dem Werk des Evangeliums zu widmen und die Gläubigen in dieser Gegend zu erbauen. Es gibt bereits 16 oder 18 Dörfer und Städte, wo regelmäßige Zusammenkünfte stattfinden und wo einige Gläubige wohnen. Frau Köhler ist ganz in Übereinstimmung mit ihrem Mann; sie ist eine sehr freundliche und liebenswürdige Person. Ihre Schwester ist die Frau von Pfarrer Lohmann. Sie haben fünf Kinder, das älteste zehn, das jüngste drei Jahre alt. Die beiden ältesten Jungen sind bekehrt. Es wird keine leichte Sache für sie sein, das Haus, die Stellung und das Einkommen aufzugeben, über das sie so lange verfügten, aber sie haben nicht den geringsten Zweifel über den einzuschlagenden Weg.5

Köhlers Amtsniederlegung erfolgte am 7. Februar 1905; seine schriftliche Erklärung darüber ist im oben verlinkten Artikel nachzulesen. Noch im selben Jahr wurde in Berlin die Allianz-Bibelschule gegründet, deren Leitung Köhler übernahm. Als sie 1919 nach Wiedenest umzog, blieb er aus gesundheitlichen Gründen in Berlin und widmete sich dem Gemeindedienst in der Hohenstaufenstraße, kam aber gelegentlich noch als Gastlehrer nach Wiedenest. Er starb während einer dortigen Konferenz, erst knapp 62 Jahre alt.

An Online-Informationsquellen über Christoph Köhler sind mir außer dem erwähnten Lebensbild noch zwei bekannt: