Alle Beiträge von Michael Schneider

Neuerscheinungen zur Brüderbewegung 2025

Auch am Ende dieses Jahres möchte ich wieder die in den letzten zwölf Monaten erschienenen Veröffentlichungen zur Brüderbewegung übersichtlich zusammenstellen und kurz kommentieren bzw. einordnen.

In die Bibliografie von 2024 habe ich inzwischen noch einige Nachträge aufgenommen:

  • Bücher von Bailey, Butters, Daick/Rogers, Summerton und Wertheimer
  • Aufsätze von Liese und Miller/Montgomery/O’Hara
  • Hochschulschrift von Kanchan

BÜCHER


Tim Grass: Brethren. A Brief Introduction. Studies in Brethren History, Subsidia. Glasgow (Brethren Archivists and Historians Network) 2025. xxi, 199 Seiten. ISBN 978-1-73912-836-4.

Einführung in Geschichte und Praxis der Brüderbewegung. Der Schwerpunkt liegt auf Großbritannien und auf den Offenen Brüdern, aber der Blick richtet sich auch darüber hinaus. Im „Praxis“-Teil wird das Denken der „Brüder“ über Bibel, Evangelium, Kirche, Staat und ihre eigene Identität behandelt.


Tim Grass / T[homas] J[ohn] Marinello (Hrsg.): Brethren and the Last Things. Studies in Brethren History. Glasgow (Brethren Archivists and Historians Network) 2025. xiv, 242 Seiten. ISBN 978-1-73912-835-7.

Der Band enthält die Vorträge der 11. BAHN-Konferenz von 2023:

  • Andrew Crome: „Continuities or Changes? The Background to Early Nineteenth-Century British and Irish Eschatology“ (S. 5–22)
  • Timothy C. F. Stunt: „Early Brethren Tensions: Theoretical Diversity versus Dogmatic Reality“ (S. 23–34)
  • David J. MacLeod: „Brethren and the Millennium, 1: The Nineteenth Century“ (S. 35–62)
  • Jeff King: „J. N. Darby and the Function of Systems in his Thought“ (S. 63–71)
  • Mark R. Stevenson: „So Heavenly Minded, no Earthly Good? The Eschatological Spirituality of the Brethren“ (S. 73–95)
  • Neil Summerton: „Eschatological Dissent and Dissension among the Open Brethren to 1900“ (S. 97–129)
  • Tim Grass: „First and Last Things: Creation, Eschatology, and the Environment in Brethren Thinking“ (S. 133–149)
  • Roger N. Holden: „F. E. Raven, James Taylor Senior, and Eternal Life“ (S. 151–178)
  • John Barber: „Coleman Street Chapel and the Last Things (1966–77)“ (S. 179–188)
  • Mark S. Sweetnam: „The Rapture in Contemporary Brethren Thought“ (S. 189–201)
  • David J. MacLeod: „Brethren and the Millennium, 2: A Survey of Contemporary Thinking“ (S. 203–231)
  • Amy J. Frykholm: „Fiction, Last Things, and the Formation of Apocalyptic Imagination“ (S. 233–242)

Tim Grass / T[homas] J[ohn] Marinello (Hrsg.): The Open Brethren: A Global Movement. Studies in Brethren History. E-Book. Glasgow (Brethren Archivists and Historians Network) 2025. 441 Seiten. ISBN 978-1-73912-838-8.

Die Vorträge der 10. BAHN-Konferenz von 2022 wurden nur digital veröffentlicht (ergänzt um einige weitere Artikel) und können entweder im Format FlipHTML online gelesen oder als PDF heruntergeladen werden:

  • Neil Summerton: „The Brethren: A short Global History“ (S. 12–35)
  • Keziah Cracknell: „How did the Missionary Echo / Echoes of Service establish itself as the Dominant UK Brethren Mission Organization?“ (S. 36–46)
  • Peter Lineham: „Writing Brethren History“ (S. 47–65)
  • Timothy C. F. Stunt: „The First Two Decades“ (S. 66–93)
  • Sylvain Aharonian: „The Open Brethren Movement in France“ (S. 94–115)
  • Dániel Kovács: „The Hungarian Brethren Movement: History, Nature, and Outlook“ (S. 116–141)
  • Enris Nase: „A brief Account of Brethren Assemblies in Albania (and a Note on Kosovo)“ (S. 142–162)
  • Tórður Jóansson: „The Brethren in the Faeroes: Some Contexts for Growth“ (S. 163–184)
  • Mark R. Stevenson: „The Origins of the Brethren in North America“ (S. 185–203)
  • Eric S. Price: „The Contribution of Black Plymouth Brethren to the Development of African American Evangelicalism in the United States“ (S. 204–223)
  • Richard E. Strout: „The Evangelization of French Canadians and the Establishment of New Testament Assemblies in Canada’s Province of Quebec“ (S. 224–239)
  • Joel A. Hernandez: „Brethren Beginnings in Mexico“ (S. 240–251)
  • Gabriel Hyacinth: „A History of the Christian Brethren Assemblies of Trinidad and Tobago“ (S. 252–271)
  • Sam K. John: „Brethren in India“ (S. 272–306)
  • Vijaya Raju Bandela: „The Brethren Movement in Andhra“ (S. 307–337)
  • Sam K. John: „A Quest for Radical Reformation: The Emergence of the Kerala Brethren at the Dawn of the Twentieth Century“ (S. 338–373)
  • Jean DeBernardi: „The Brethren Movement in Southeast Asia and China“ (S. 374–384)
  • Suit Chee Tong: „A History of Brethren Churches in Singapore“ (S. 385–413)
  • Ronaldo Magpayo: „The Brethren in the Philippines: A Post-Missionary Perspective“ (S. 414–425)
  • Ossie Fountain: „A brief History of the Christian Brethren in Papua New Guinea“ (S. 426–441)

Weitere Bände mit Aufsätzen zur nationalen oder regionalen Brüdergeschichte sollen folgen.


Daniel R(obert) Krause: Truth and Fear. Breaking Free from Religious Fundamentalism. Ohne Ort (Selbstverlag/Amazon) 2025. 196 Seiten. ISBN 979-8-9924219-0-3.

Autobiografie. Der Autor wuchs in den 1960er und 1970er Jahren unter den Tunbridge-Wells-Brüdern im US-Bundesstaat New York auf.


Pedro L. Márquez: Alfredo Hockings. Un misionero inglés en Honduras. La vida y obra de un Pionero del Evangelio en Honduras. Choloma, Honduras (Buscadores de Historia en Honduras) 2025.

Biografie des Engländers Alfred Hockings (1885–1978), der von 1921 bis 1968 als Missionar der Offenen Brüder in Honduras arbeitete. Zum Buch gibt es eine eigene Website. Eine Vorabversion steht anderswo zum Download zur Verfügung.


Chris Nicolson: On the Rolling Tide. The story of the Shetland Brethren. Bridge End, Shetland (Selbstverlag) 2025. xxvi, 116 Seiten. ISBN 978-1-0369-1293-2.

Geschichte der Offenen Brüder auf den zu Schottland gehörenden Shetlandinseln.


Stafford Ray: Escaping from God through Oklahoma. Satan, the Exclusive Brethren and Surviving Excommunication. Ohne Ort? (Selbstverlag/Amazon) 2025. 388 Seiten. 978-1-7638888-9-0.

Autobiografie eines australischen Raven-Taylor-Aussteigers.


Roger Shuff Yatol (Hrsg.): Seriously Romantic. The Journal of William Collingwood RWS. Volumes I–III: 1819–1881. Transcribed and edited with contextual notes. Carlisle (Selbstverlag/Amazon) 2025. v, 546 Seiten. ISBN 979-8-39615473-5.

Roger Shuff Yatol (Hrsg.): Faithful Artistry. The Journal of William Collingwood RWS. Volumes IV–VI: 1881–1903. Transcribed and edited with contextual notes. Carlisle (Selbstverlag/Amazon) 2025. v, 569 Seiten. ISBN 979-8-31135124-9.

An den englischen Maler William Collingwood (1819–1903), der den Offenen Brüdern angehörte und einen kurzen Abriss ihrer Geschichte verfasste, habe ich anlässlich seines 200. Geburtstags 2019 hier im Blog schon einmal erinnert. Er hinterließ sechs Bände mit tagebuchartigen Aufzeichnungen über sein gesamtes Leben (den Zeitraum bis 1857 rekonstruierte er rückblickend), die sich bis heute in Familienbesitz befinden und hier erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Im Vorwort gibt Collingwood eine interessante Begründung dafür, warum sein Fokus mehr auf äußeren Ereignissen als auf seiner geistlichen Entwicklung liegt:

Erstens halte ich meine Gefühle im Allgemeinen nicht für aufzeichnungs- oder erinnerungswürdig. Gottes Handeln mit mir in seiner Vorsehung möchte ich stets in Erinnerung behalten – zu seiner Ehre. Aber meine Gefühle gehören mir allein. Ob gut oder schlecht, sie sind allesamt wertlos. Und ich möchte weder, dass mein Christsein darin besteht, noch dass sie im Gedächtnis bewahrt werden.

Zweitens lehne ich es entschieden ab, dass andere das Innenleben eines Menschen kennen, der doch mit Gott im Verborgenen wandeln sollte, oder dass sie sich daran messen – wie es allzu oft geschieht, wenn solche Tagebücher veröffentlicht werden. Ich denke, dass, was auch immer sich manche davon versprechen mögen, durch ihre Verbreitung sowohl den Lesern als auch dem Verfasser wahrscheinlich mehr Schaden zugefügt wird.

Collingwoods oft nur stichwortartige Eintragungen enthalten zahlreiche Hinweise auf Personen und Orte der Brüdergeschichte. Da seine Frau Marie Elisabeth Imhoff (1826–1873) aus der Schweiz stammte, nehmen auch Reisen dorthin breiten Raum ein. Die zweibändige Edition ist mit erläuternden Fußnoten und vielen Abbildungen von Collingwoods Gemälden versehen.


Sheila McGrath Silvernail: Gathered Together. History of the Assembly in Danbury/Brookfield, CT and Elsewhere. New Preston, CT (Selbstverlag) 2025. iv, 262 Seiten. Ohne ISBN.

Diese Lokalgeschichte einer Offenen Brüdergemeinde im US-Bundesstaat Connecticut steht als PDF zum Download zur Verfügung (43 MB); eine gedruckte Ausgabe ist online nicht zu ermitteln.


Núbia Siqueira: George Müller. An Example of Faith and Trust. E-Book. São Paulo (Unipro Editora) 2025. 143 Seiten. ISBN 978-65-5445-070-6.

Biografie. Laut Impressumseite, Google Books und Amazon 2025 erschienen, aber mit dem Copyright-Vermerk 2024. Auch auf Portugiesisch (vermutlich die Originalfassung), Spanisch und Französisch erhältlich.


David A[ndrew] Smith: The Brethren. A historical and theological review. 200th Anniversary Edition 1825–2025. Perth, Australien (Pandani Group) 2025. 64 Seiten. ISBN 978-0-646-71555-1.

Enthält Kapitel über Geschichte, Theologie, Praxis und Zukunft der (Offenen) Brüderbewegung. Eine frühere Version erschien offenbar im Jahr 2000, ist aber online nicht ermittelbar.


Andreas H. Tabert: Brethren Roots. The Triumph and the Tragedy of the Brethren Movement. Edmonton, Alberta (Selbstverlag/Amazon) 2025. 80 Seiten. ISBN 979-827667899-3.

Geschichtlicher Abriss sowohl der Geschlossenen als auch der Offenen Brüder mit Reflexionen zur aktuellen Situation.


W[illiam] G[eorge] Turner: John Nelson Darby – ein Lebensbild. Neustadt (Ernst Paulus) 2025. 76 Seiten. Ohne ISBN.

Die Originalausgabe dieser Biografie erschien 1926 beim „Kelly-Brüder“-Verlag C. A. Hammond in London (2. Auflage 1944) und wurde zwei Jahre später ins Deutsche übersetzt (Verlag von R. Müller-Kersting, Huttwil/Bern, Übersetzung und Vorwort von E. V. Tanner). Angesichts des Fortschritts der Darby-Forschung gerade in den letzten zehn Jahren (Akenson 2016 und 2018, Weremchuk 2021 und 2024, Gribben 2024) ist mir unbegreiflich, warum dieses hoffnungslos veraltete und überholte Buch nach fast einem Jahrhundert noch einmal neu auf den Markt gebracht wird. Längst überwunden geglaubte Irrtümer wie z.B. die Behauptung, Darbys Mutter sei verstorben, als er noch ein Kind war (bereits 1988 von Weremchuk widerlegt!), feiern hier „fröhliche Urständ“. Das Buch hat lediglich noch (forschungs)historischen Wert und kann keinesfalls als aktuelle, zuverlässige Biografie Darbys gelesen werden – was uninformierten Käufern jedoch verschwiegen wird.


AUFSÄTZE


John Bennett: „William Lincoln (1825–1888)“. In: Precious Seed 80 (2025), Heft 1, S. 28 (auch online).

Kurzes Lebensbild des Offenen Bruders William Lincoln, dessen Geburtstag sich am 29. Juni 2025 zum 200. Mal jährte (woran auch hier im Blog erinnert wurde).


Kate Brooks: „Blank, Light, Respectable, Useful: Nineteenth Century Orphan Bodies“. In: Childhood in the Past 18 (2025), S. 55–71 (auch online).

Analyse eines Fotos aus dem Archiv/Museum der Waisenhäuser Georg Müllers in Bristol.


Kate Brooks: „Uncomfortable secrets. Uncovering family history and other stories“. In: The Historian 165 (Spring 2025), S. 46–50.

Über Joseph Bolton Lowe (1853–1925), den Urgroßvater der Autorin, der in Georg Müllers Waisenhäusern aufwuchs.


Iva Ðakovic: „The Development and Activities of Christ’s Church of Brethren in Zagreb“. In: Kairos. Evangelical Journal of Theology 19 (2025), S. 219–261 (auch online).

Geschichte der 1946 gegründeten Brüdergemeinde in Zagreb, die ursprünglich „offen“ war, seit den 1970er Jahren aber anscheinend mit den deutschen „geschlossenen Brüdern“ in Gemeinschaft ist.


Neil Dickson: „Our Heritage: Plymouth Brethren Historiography“. In: The Gospel in the Past. Essays on the Historiography of the Evangelical Movement. Hrsg. von David W. Bebbington. Waco, TX (Baylor University Press) 2025. S. 167–195.

Über die Geschichtsschreibung der Brüderbewegung.


Joshua Fitzhugh: „Myrtlefield House. Resources to Deepen Faith in God and His Word“. In: Cornerstone 9 (2025), Heft 5, S. 10f., 14 (auch online).

Vorstellung des Verlags Myrtlefield House, der die Bücher von David Gooding (1925–2019) herausgibt.


Crawford Gribben: „Eschatology in Evangelical Historiography: Or, Whatever Happened to J. N. Darby?“ In: The Gospel in the Past. Essays on the Historiography of the Evangelical Movement. Hrsg. von David W. Bebbington. Waco, TX (Baylor University Press) 2025. S. 51–70.

Über die Rolle von Darbys Eschatologie in der evangelikalen Geschichtsschreibung.


Tiago Ferraz Heleodoro: „George Müller. Prática da fé na transformação da sociedade“. In: Pós-Escrito 10 (2025), Heft 2, S. 51–63 (auch online).

Übersetzung des Untertitels: „Glaubenspraxis in/bei der Transformation der Gesellschaft“. In portugiesischer Sprache.


Andrew R. Holmes: „Religious Revival and the Challenge of Evangelical Primitivism: Opposition to the Brethren and Lay Preachers in Ulster after the 1859 Revival“. In: Bulletin of the John Rylands Library 101 (2025), Heft 1, S. 61–82 (auch online).

Über den Widerstand gegen „Brüder“ und Laienprediger in Nordirland nach der Erweckungsbewegung von 1859, insbesondere durch die regional dominierende Presbyterian Church in Ireland.


Michael Kotsch: „Georg Müller (1805–1895 [sic]). Fünf Waisenhäuser und großes Vertrauen auf Gottes Versorgung“. In: ders.: Helden des Glaubens. 15 Kurzbiografien aus der Kirchengeschichte. Band IV. Dillenburg/Dübendorf (Christliche Verlagsgesellschaft / Missionswerk Mitternachtsruf) 2025. S. 204–243.

Recht umfangreiches Lebensbild Georg Müllers (1805–1898). Das falsche Todesjahr im Titel, das sich jetzt auch durch alle Bibliografien ziehen wird, wäre vermeidbar gewesen.


Hartmut Kretzer: „Rudolf Kretzer (1907–1975) als Sammler, Auswerter und Multiplikator von ‚Brüder‘-Literatur und -Archivalien“. In: Zeit & Schrift 28 (2025), Heft 3, S. 24–29 (auch online).

Lebensbild Rudolf Kretzers anlässlich seines 50. Todestags, verfasst von seinem Sohn Dr. Hartmut Kretzer, ehemaliger Leiter des Studienseminars Oldenburg für das Lehramt an Gymnasien und Honorarprofessor für Schulpädagogik an der Universität Oldenburg.


Sanja Nilsson / Peter Åkerbäck: „En skola mot strömmen: De exklusiva brödernas skola i Sverige“. In: DIN. Tidsskrift for religion og kultur 1/2025, S. 33–52 (auch online).

Übersetzung des Titels: „Eine Schule gegen den Strom: Die Schule der Exklusiven Brüder in Schweden“. Es handelt sich bereits um mindestens die dritte Veröffentlichung der erstgenannten Autorin über die Raven-Taylor-Symington-Hales-Schule in Nyby. Die Darstellung scheint von Wohlwollen getragen zu sein.


D. Ravikumar: „The Brethren Movement at 200 (1825–2025). Ecclesiology, Eschatology, and Enduring Influence. A Reflection on Two Centuries of Biblical Simplicity and Global Impact“. In: The BBI Journal 2 (2025), Heft 2, S. 123–160 (auch online).

Der Titel dieser Veröffentlichung aus Indien ist an sich selbsterklärend. Über weite Strecken wirkt der Text allerdings wie von einer KI erstellt; Indizien dafür sind nicht nur diverse historische Fehler (z.B. Cronin sei Zahnarzt gewesen, Darby habe bereits die sieben Dispensationen Scofields gelehrt, die Trennung in Plymouth 1845 sei wegen Newtons Christologie erfolgt), sondern vor allem die zu Dutzenden eingestreuten listenartigen Aufzählungen sowie mehrere frei erfundene bzw. „halluzinierte“ Literaturangaben (z.B. die auf S. 157 genannten Bücher von Flegg und McDowell).


Simon Runkel: „Brøðrasamkomur auf den Färöer. Islandness, christliche Moral und Politik aus religionsgeographischer Perspektive“. In: Berichte Geographie und Landeskunde 98 (2025), S. 408–417.

Auf den zwischen Schottland und Island gelegenen Färöer-Inseln ist der Anteil der (Offenen) „Brüder“ an der Gesamtbevölkerung mit 15–16 % weltweit am höchsten. Der Aufsatz geht der Frage nach, „inwiefern die Entstehung, die soziale Stabilität und die gesellschaftspolitische Wirkmächtigkeit“ der färöischen Brüdergemeinden „auch auf die geographische Insellage der Gesellschaft zurückgeführt werden kann und welche Auswirkungen dies mit Blick auf die Trennung von ‚Politik‘ und ‚Religion‘ in der färöischen Gesellschaft hat“. Der Verfasser, dessen Wurzeln in der Geschlossenen Brüderbewegung liegen, ist seit 2019 Professor für Sozialgeographie an der Universität Jena. Warum er sich der im Deutschen üblichen Deklination des Wortes Färöer konsequent verweigert (vgl. bereits den Titel), wurde mir nicht ersichtlich.


Michael Schneider: „Conrad Ferdinand Meyer und die ‚Brüder‘“. In: Zeit & Schrift 28 (2025), Heft 4, S. 27–33 (auch online).

Der Schweizer Dichter Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898) interessierte sich aufgrund zweier persönlicher Bekanntschaften um 1860 eine Weile für die „Brüder“ und setzte sich mit deren Ideen auseinander. Im Aufsatz wird vor allem die Geschichte dieser Freundschaften nachgezeichnet (vgl. auch den Blogeintrag zum 200. Geburtstag Meyers am 11. Oktober).


Gerrid Setzer: „William Kelly. Ein fähiger Bibelausleger“. In: Kraft und Gnade. Zehn Männer des Glaubens. Hrsg. von Gerrid Setzer. Hückeswagen (Christliche Schriftenverbreitung) 2025. S. 71–80.

Lebensbild des bekannten Geschlossenen Bruders William Kelly (1821–1906).


Steve Sherwin: „Henry William Soltau (1805–1875)“. In: Precious Seed 80 (2025), Heft 2, S. 14 (auch online).

Henry William Soltau, dessen Todestag sich am 1. Juli 2025 zum 150. Mal jährte, war der Enkel eines deutschen Einwanderers aus Bergedorf bei Hamburg. Durch eine Predigt Percy Francis Halls kam er 1837 in Plymouth zum Glauben und wurde gemeinsam mit Joseph Clulow einer der ersten Verleger der „Brüder“. 1847 trennte er sich von Benjamin Wills Newton, nach 1848 wählte er aber die Seite der Offenen Brüder. Er galt als Spezialist für die Typologie der Stiftshütte und der Opfer und schrieb mehrere Bücher darüber.


Stephen Sherwin: „‘Above the bright blue sky’. Albert Midlane 1825–1909“. In: Precious Seed 80 (2025), Heft 4, S. 12f. (auch online).

Albert Midlane ist im englischen Sprachraum als Liederdichter sehr bekannt. Von seinen über 800 Liedern scheint allerdings nur eines ins Deutsche übersetzt worden zu sein („Revive Thy work, o Lord“), und auch das nur in einer von Fanny Crosby überarbeiteten Version und mit großer übersetzerischer Freiheit („Beleb dein Werk, o Herr“; enthalten in über 20 deutschen Liederbüchern, darunter Glaubenslieder, Nr. 292). Midlane gehörte nacheinander den Baptisten, den Geschlossenen und den Offenen Brüdern an. Sein Geburtstag jährte sich am 23. Januar 2025 zum 200. Mal.


Jeremy Singer: „Saints’ CVs: Anthony Norris Groves“. In: Precious Seed 80 (2025), Heft 3, Beilage YPS (Young Precious Seed), S. [4] (auch online).

Kurzes Lebensbild des bekannten Brüderpioniers (1795–1853) für junge Leser.


Richard Strout: „ancestry.brethren“. In: Cornerstone 9 (2025), Heft 1, S. 2f. (auch online); Heft 2, S. 12f. (auch online); Heft 3, S. 14f. (auch online).

Dreiteilige Artikelserie. Teil 1 behandelt die Anfänge der Brüderbewegung in Großbritannien, insbesondere ihre Bibeltreue, Teil 2 die Geschichte bis zur Bethesda-Trennung und Teil 3 typische Merkmale wie Eschatologie, Missiologie und Hymnologie.


Ken Totton: „Brian Clatworthy 1947–2025“. In: Precious Seed 80 (2025), Heft 3, S. 15 (auch online).

Nachruf auf einen Mitherausgeber der Zeitschrift Precious Seed.


Ausgabe 21 (2025) der Brethren Historical Review konnte bis Jahresende noch nicht ausgeliefert werden und wird daher erst in der nächsten Bibliografie berücksichtigt.


Für Hinweise auf weitere, von mir übersehene Neuerscheinungen bin ich dankbar!

100. Todestag von Samuel Trevor Francis

Obwohl der Liederdichter Samuel Trevor Francis der Brüderbewegung angehörte und eines seiner Lieder spätestens seit den 1960er Jahren auch im deutschen Sprachraum gesungen wird, war sein Name hierzulande bis vor kurzem nahezu unbekannt. Das auf ihn zurückgehende Lied „O die tiefe Liebe Jesu“ stand im Liederbuch Jesu Name nie verklinget (Band 1) nämlich ohne Autorenvermerk und wurde so auch in mehrere andere Liederbücher übernommen, darunter das in manchen Brüderkreisen gern genutzte Loben (CLV 2007) – wo der Dichter immer noch als „unbekannt“ und die Melodie als „Volksweise“ gilt. Inzwischen hat sich glücklicherweise herumgesprochen, dass beides nicht zutrifft, und so kommen im Liederbuch Einklang (CLV 2018) Dichter und Komponist endlich zu ihrem Recht.

Leben

Samuel Trevor Francis (1834–1925)

Samuel Trevor Francis wurde am 19. November 1834 in Cheshunt (Hertfortshire) geboren. Bereits als Kind liebte er Gedichte und stellte einen eigenen kleinen Gedichtband zusammen. Er entwickelte auch eine Leidenschaft für Musik und trat mit neun Jahren zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder dem Kirchenchor von Hull bei, wo die Familie mittlerweile wohnte.

Während seiner kaufmännischen Berufsausbildung in London wurde Francis durch ein Traktat auf die „Brüder“ aufmerksam und schloss sich der „exklusiven“ Versammlung im Stadtteil Kennington an, zu der auch Edward Cronin and William Joseph Lowe gehörten. Später muss er jedoch zu den Offenen Brüdern gewechselt sein – vielleicht im Zuge der Erweckungsbewegung von 1859/60, an der er als Evangelist mitwirkte.

Francis’ Gedichte erschienen großenteils zuerst in Zeitschriften, bevor sie 1898 zu dem Band Whence–Whither and other Poems zusammengestellt wurden. Im Vorwort sprach sich der Autor (ähnlich wie Sir Edward Denny) gegen jede inhaltliche Veränderung und Anpassung seiner Texte aus, falls sie in Liederbücher aufgenommen werden sollten:

He [the autor] trusts that those poems that are hymn-like will not be altered to suit the whims or theology of hymn-book compilers. This book is not written in the interests of any sect, denomination or party, but for all who “love our Lord Jesus Christ in sincerity and truth.”

Als Negativbeispiel stand ihm dabei wahrscheinlich u.a. das „Brüder“-Liederbuch A Few Hymns and Some Spiritual Songs Selected … for the Little Flock vor Augen, das sich zahlreiche solcher Eingriffe erlaubte. „Ich bin genauso inspiriert wie Darby“, soll er selbstbewusst geäußert haben. William Kelly nahm 1894 Francis’ Lied „Now around Thee, Lord, we meet“ ins Liederbuch der Kelly-Brüder auf, wo es bis heute steht – ob mit oder ohne Veränderungen, konnte ich nicht ermitteln, da die Vorlage nicht in Francis’ Whence–Whither enthalten ist. Auch in Liederbücher der Offenen Brüder fanden einige seiner Texte Eingang.

Im Ruhestandsalter unternahm Francis noch Reisen nach Kanada, Australien, Palästina und Nordafrika. Er starb am 28. Dezember 1925, heute vor 100 Jahren, in einem Pflegeheim in Worthing (Sussex), nicht weniger als 91 Jahre alt.

Francis’ Eintrag im National Probate Calendar 1926

“O the deep, deep love of Jesus”

Francis’ bekanntestes Lied trägt in seiner Sammlung Whence–Whither (S. 174f.) den Titel „Love of Jesus“ und umfasst acht Strophen, von denen in Liederbüchern jedoch üblicherweise nur drei abgedruckt werden: die erste, die dritte und eine Kombination aus der ersten Hälfte der vierten und der ersten Hälfte der sechsten. Die anonyme deutsche Übersetzung in Jesu Name nie verklinget hält sich erstaunlich eng an diese Vorlage – nur an drei Stellen ist der Text aus Gründen des Reims oder Metrums nennenswert inhaltlich verändert, was bei Lyrikübersetzungen wirklich eine Seltenheit ist:

In Strophe 1 war ein Reim auf „Strom“ (current) erforderlich, was der Übersetzer recht kühn, aber nicht ungeschickt mit „Himmelsdom“ löste (ein Wort, das laut Duden allerdings eigentlich nur das Himmelsgewölbe oder Firmament bezeichnet). Die Abweichungen in der zweiten Strophe sind etwas größer und vermutlich ebenfalls durch den Reimzwang („Thron“) bedingt, aber die Übersetzung wirkt trotzdem auch hier stimmig, umso mehr als sie in die Zeilen 5 und 7 einen zusätzlichen Reim einbaut, den nicht einmal das Original hat. In Strophe 3 fällt der ungewöhnliche Ausdruck „Port“ auf, der den Sinn des englischen haven aber ohne weiteres trifft; überhaupt ist in dieser Strophe die inhaltliche Übereinstimmung besonders gut gelungen.

Das Liederbuch Einklang (CLV 2018) gibt den deutschen Text mit einigen kleinen Änderungen wieder, die auf Prof. Dr. Hanswalter Giesekus (1922–2017) zurückgehen. Giesekus war seit 1998 regelmäßiger Beiträger des Magazins Zeit & Schrift und hatte den Herausgebern im April 2017 einen kurzen Artikel über dieses Lied zugesandt mit der Bitte, ihn erst nach seinem Tod zu veröffentlichen – was zehn Monate später in Heft 1/2018 auch geschah. Der Artikel schildert zunächst Giesekus’ persönliche Geschichte mit dem Lied und schlägt dann die besagten Textänderungen vor, da die Übersetzung in Jesu Name nie verklinget „in einigen Wendungen nicht [s]einem Sprachverständnis“ entspreche:

  • In Strophe 1 störte ihn augenscheinlich das Wort „Himmelsdom“, das er durch das vertrautere „Vaterhaus“ ersetzte. Infolgedessen musste auch ein neues Reimwort gefunden werden, was m.E. weniger glücklich gelang – aus dem textgenauen und natürlichen „reiche[n] Strom“ wurde ein etwas gekünstelter „Wogenbraus“. In der Zeile dazwischen ersetzte Giesekus noch „aufwärts“ durch das originalgetreuere „heimwärts“.
  • Die zweite Strophe blieb bis auf die letzte Zeile erhalten; hier hielt Giesekus die Änderung von „auch noch droben vor dem Thron“ in „droben vor dem Gnadenthron“ für nötig – auch dies eine Annäherung an die vertrautere „Versammlungssprache“.
  • In Strophe 3 schließlich wurde nur ein einziges Wort ersetzt: „süßer Ruh“ durch „sichrer Ruh“ – vermutlich um den Eindruck von Sentimentalität zu vermeiden.

Es folgen im Artikel noch einige interessante Ausführungen über die Melodie des Liedes, die Giesekus weiterhin für eine „Volksweise“ hielt; andernorts wird sie jedoch dem walisischen Organisten und Chorleiter Thomas John Williams (1869–1944) zugeschrieben, was auch das Liederbuch Einklang so übernimmt.

Links

Abschließend sei noch auf einige online verfügbare Lebensbilder von Samuel Trevor Francis hingewiesen (am ausführlichsten ist Bjorlie):

200. Geburtstag von Conrad Ferdinand Meyer

Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898)

Normalerweise wird in diesem Blog nur an Geburts- und Todestage von Personen erinnert, die der Brüderbewegung (zumindest zeitweise) angehörten. Von dem Schweizer Dichter Conrad Ferdinand Meyer, der heute vor 200 Jahren in Zürich geboren wurde, kann dies höchstwahrscheinlich nicht gesagt werden. Allerdings ist Meyer der einzige mir bekannte namhafte deutschsprachige Schriftsteller, der die „Brüder“ nicht nur kannte, sondern sich sogar eine Weile für sie interessierte – auch wenn dies zugegebenermaßen Jahre vor seiner Hauptschaffensperiode war.

In den meisten Biografien (die neueste erschien vor zwei Monaten im Wallstein-Verlag) bleibt diese Tatsache unerwähnt, aber die in hoher Auflage verbreitete Rowohlt-Bildmonografie von 1975 wusste zu berichten:

Schon in Zürich hatte ihn Rochat mit den Darbyisten und anderen Sekten näher vertraut gemacht […].1

Mit Rochat ist der Waadtländer Romanist Alfred Rochat (1833–1910) gemeint, der ab Ende der 1850er Jahre mit Meyer befreundet war und den „Geschlossenen Brüdern“ angehörte. Heute kennt man ihn vor allem noch als Überarbeiter des Alten Testaments der Elberfelder Bibel – ein Projekt, über das er 1882 auch Meyer ausführlich berichtete (s.u.).

Seitdem ich das obige Zitat vor ca. 35 Jahren zum ersten Mal in der Rowohlt-Bildmonografie las, wollte ich mehr über diese Freundschaft und über Meyers Kontakte mit den „Brüdern“ herausfinden. Leider gibt der Autor David Jackson keine Quelle für seine Behauptung an, und es ist mir in all den Jahren trotz ausgedehnter biografischer Lektüre zu Meyer auch nicht gelungen, ein Dokument ausfindig zu machen, das genau diese Aussage belegt. 2001 habe ich sogar einmal eine E-Mail an Jackson geschrieben, die leider unbeantwortet blieb (zu seinen Gunsten will ich annehmen, dass er die Frage 26 Jahre nach Erscheinen seines Buches selbst nicht mehr beantworten konnte). Inzwischen weiß ich allerdings, dass es nicht Rochat war, durch den Meyer zum ersten Mal von den „Darbysten“ hörte, denn bereits 1853 erwähnte er sie in einem Brief – den auch Jackson kennen konnte, da er schon seit 1913 gedruckt vorliegt.

Lausanne

Louis Vulliemin (1797–1879)

Meyer hielt sich den größten Teil des Jahres 1853 in Lausanne bei dem Historiker Louis Vulliemin (1797–1879) auf, der der Evangelischen Freikirche des Kantons Waadt (Église évangélique libre du canton de Vaud) angehörte. In einem undatierten Brief, den der Herausgeber zwischen dem 29. Mai und dem 3. Juni einordnet, schrieb Meyer an seine (platonische) Freundin Cécile Borrel (1815–1894):

Ich gehe regelmäßig in die Kirche, auch wenn ich mich weder der Église libre noch den Darbysten noch den Mormonen angeschlossen habe, die hier ebenfalls ihr kleines Lokal haben.2

Mindestens einen „Darbysten“ hatte er auch persönlich kennengelernt, nämlich den Genfer Charles Eynard (1808–1876), der Vulliemin im April 1853 in Lausanne besucht hatte und den Meyer in einem Brief an seine Mutter einen „seltsame[n] Mensch[en]“ nennt.3 Zu dieser Zeit stand Meyer – trotz seines Kirchenbesuchs – dem christlichen Glauben noch distanziert gegenüber, aber dies änderte sich im weiteren Verlauf des Jahres. Am 15. Januar 1854, zwei Wochen nach seiner Rückkehr ins heimatliche Zürich, schrieb seine fromme Mutter beglückt an Vulliemin:

Der Eindruck, den ich von der moralischen und religiösen Wandlung Conrads empfangen habe, war so entschieden, dass ich dem Herrn dafür mit gefalteten Händen danke. […] Sie haben nicht zuviel gesagt. Mein Sohn ist Christ. Der Geist Gottes hat ihm seine Sündhaftigkeit vor Augen geführt. Wenn Conrad nicht seine eigene Schwachheit gefühlt hätte, wäre er nie zu Jesus gegangen, um Vergebung und die Wandlung seines Herzens zu erlangen … Er hat ein so tiefes Bewusstsein von seiner Verderbtheit und von dem göttlichen Erbarmen, dass unsere Gebete hoffentlich völlige Erhörung finden. Was ihm noch fehlt, sind Ausdauer und Beharrlichkeit […].4

Rochat

Alfred Rochat (1833–1910)

Wie es einige Jahre später zu der Freundschaft mit Alfred Rochat kam, ist leider nicht bekannt. Rochat erinnerte sich 1899 in einem Brief an Meyers Biografen Adolf Frey:

Während jener Zeit machten wir allwöchentlich große Spaziergänge miteinander und spielten dann gewöhnlich eine Partie Schach, wenn wir ein Wirtshaus trafen wo ein Schachbrett zu finden war. Sehr häufig wanderten wir nach der romantisch gelegenen Trichterhauser [sic] Mühle. Auf solchen Spaziergängen unterhielt mich M. von seinen Zukunftsplänen; er dachte damals lediglich daran, Dramen zu schreiben, und entwickelte mir mit großem Eifer die Karaktere und Situationen: Ne croyez-vous pas que ce sera beau, ne croyez-vous pas? wiederholte er. Ich war, von der fortwährenden Conversation ermüdet, oft ganz zerstreut und antwortete: oui, oui, ohne recht zu wissen um was es sich eig. handelte. […] Die Grundlage war stets rein geschichtlich.5

Ein gemeinsames Übersetzungsprojekt der beiden scheiterte an Schwierigkeiten mit dem Verlag, und Meyer begann sich zunehmend auf sein dichterisches Schaffen zu konzentrieren, wobei ihn Rochat unterstützte und beriet:

Wann er seine ersten Balladen schrieb, weiß seine Schwester besser als ich. Damals kam er regelmäßig zu uns und las sie uns vor. Was mich als eine Seltenheit (obwohl allerdings keine Seltenheit bei wirklichem Talent) frappirte, war daß er alle meine Kritiken sofort annahm, sobald ich auf dieselben beharrte und deren Richtigkeit ihm zu beweisen suchte. Gut! sagte er, ich werde das ändern. Tags darauf war eine neue Strophe erfunden und der Gedanke anders gestaltet.6

Dass Meyers erstes Buch, die 1864 anonym erschienenen Zwanzig Balladen von einem Schweizer, überhaupt das Licht der Öffentlichkeit erblickte, war nicht zuletzt Rochat zu verdanken, wie der Dichter 1878 in einem Brief an den Philosophen Friedrich Theodor Vischer (1807–1887) anmerkte:

Freilich bin ich derselbe, der vor mehr als einem Jahrzehnt Ihnen meine Erstlinge, noch sehr plumpe Tastungen, zusendete. Es war mein jetzt seit Jahren in Stuttgart lebender Freund Rochat, der mir zuredete.7

Wingfield

Betsy Meyer (1831–1912)

Außer Rochat lernte Meyer Ende der 1850er Jahre noch einen weiteren „Bruder“ kennen, nämlich den am Bodensee lebenden Engländer Henry Mills Wingfield (1823–1886). Laut den nachgelassenen Aufzeichnungen von Meyers Schwester Betsy (1831–1912) war vor allem er es, der die Geschwister Meyer zur Auseinandersetzung „mit religiösen Fragen und Problemen mannigfacher Art“ anregte und ihnen „gewisse, damals viele regsamen Geister beschäftigende Ideen nahe brachte“8 – gemeint sind die Ideen der „Brüder“. Die über 40 Jahre später niedergeschriebenen Erinnerungen Betsys verraten eine bemerkenswerte Kenntnis dieser Ideen, aber auch ein sicheres Urteil über deren Grenzen:

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts schon versuchte es eine Schar erlesener Geister in England und anderwärts sich zu sammeln aus allen christlichen Kirchen, deren Versteinerung und Unzulänglichkeit sie erkannte, zu einer freien Gemeinde christlicher „Brüder“. Sie wollten keine neue Kirche gründen, nur ohne Kirchengesetz und geistliches Amt sich unter dem Banner des reinen Bibelwortes verständigen, sich vereinigen, um eine Gemeinde der „Wartenden“ zu bilden. In England war es Darby, der weite Gesellschaftskreise für diese von ihm vertretene Idee begeisterte. In Genf war es ein feiner Geist, eine edle Persönlichkeit der Laienwelt, die in heiligem Eifer für sie Propaganda machte [= Eynard]. Und gerade dieser vornehme Genfer war es, mit dem der Baron Ricasoli auf religiösem Gebiet innerlich am nächsten verwandt sich fühlte.

Auch unser von Conrad im Engelbergertal gefundener englischer Freund [= Wingfield] gehörte, sagte er uns, als er in der Blüte seiner religiösen Begeisterung stand, prinzipiell keiner andern Gemeinde zu, als dieser im Gedanken ihrer Stifter von aller äußern Form befreiten Brüdergemeinde. In Zürich war es Conrads Freund Dr. phil. A. Rochat, der Sohn eines bekannten Waadtländergeistlichen und einer englischen Mutter, der schon durch seine Erziehung und durch die in Vevey und Montreux hochgeachtete Familie seiner Frau derselben Richtung angehörte.

Einfache brüderliche Einigung und das Festhalten an reiner Lehre und weiten Horizonten war das ursprüngliche Prinzip dieses Bundes. Wie aber bildete es sich in der Praxis aus! –

Die erstrebte Freiheit von den Kirchenordnungen führte zum unseligsten Individualismus in Lehre und Lebensanschauung, zu beständigen Differenzen unter den Brüdern, die sich gegenseitig in Bann erklärten, zu immer neuen Trennungen in immer kleiner und kleinlicher werdende einflußlose Sekten. – Statt zu weiten Verbrüderungen – zu schroffster ausschließlicher Engherzigkeit.9

Die im letzten Absatz beschriebene Entwicklung dürfte um 1860 noch kaum erkennbar gewesen sein; möglicherweise liegt diesen nach 1901 formulierten Gedanken weniger eigenes Erleben und Erfahren zugrunde als die Lektüre kritischer Literatur – es ist durchaus vorstellbar, dass Betsy etwa William Blair Neatbys History of the Plymouth Brethren (1901) kannte. Wenn um 1860 das Interesse ihres Bruders Conrad Ferdinand an den Ideen der „Brüder“ nicht von Dauer war, hatte dies jedenfalls andere Ursachen:

Er erkannte, was der englische Freund erlebte, als historisch festgestellte Begleiterscheinungen des Urchristentums, als Spiegelungen, Nebensonnen, die schon vor vielen Jahrhunderten in der Kirche aufgetaucht und von ihr als Irrlehre überwunden worden waren.10

Briefe

Monogramm Rochats

Der Freundschaft mit Rochat tat dies freilich keinen Abbruch; Meyer sandte ihm regelmäßig seine Neuerscheinungen zu, und sie blieben auch nach Rochats Umzug nach Stuttgart (1875) in Briefkontakt. 14 Briefe Rochats – durchweg in französischer Sprache – haben sich in Meyers Nachlass in der Zentralbibliothek Zürich erhalten. Ich hatte dieses Jahr Gelegenheit, mir Digitalisate davon zukommen zu lassen, die ich anschließend ausgewertet und vor zwei Wochen im Arbeitskreis „Geschichte der Brüderbewegung“ in Wiedenest vorgestellt habe. Das 72-seitige Skript, in dem ich auch alles mir bisher Bekannte über Rochat und über Meyers Kontakte mit den „Brüdern“ dokumentiert habe, ist seit heute online zugänglich.

Brüdergeschichtlich interessant ist vor allem der Brief vom 21. August 1882, mit sieben Seiten der längste im ganzen Bestand, da Rochat hier u.a. ausführlich von seiner Arbeit am Elberfelder Alten Testament berichtet sowie Neuigkeiten über die Familien Graffenried und Rossier erzählt, die Meyer somit ebenfalls ein Begriff gewesen sein müssen (Rochats Frau Rosalie war eine Schwester von Henri Rossier). Sogar die mit Meyer befreundete Heidi-Autorin Johanna Spyri (1827–1901) muss die Rossiers gekannt haben, denn Meyer teilte ihr 1885 mit:

Ernst Naville war hier und erzählte mir das Ende Eugenie Roßier’s, die, wie Sie gleichfalls wißen werden, als eine Madame Berthoud heimgegangen ist –11

Eugénie Rossier, eine Schwägerin Rochats, hatte am 27. März 1885 im Alter von 53 Jahren den 62-jährigen Maler Léon Berthoud geheiratet und war exakt zwei Wochen später verstorben. Johanna Spyri reagierte auf diese Nachricht folgendermaßen:

Daß unsere liebe Eugénie, die ernste Darbistin, mit solchem Roman schließen würde, hatte ich nicht erwartet.12

Schluss

Conrad Ferdinand Meyers Glaube war im Laufe seines Lebens Schwankungen unterworfen. Im Jahrzehnt von 1875 bis 1885 durchlebte er eine eher skeptische Phase13 – und ausgerechnet aus dieser Zeit stammt der allergrößte Teil der erhaltenen Briefe Rochats an ihn (Meyers Antwortbriefe scheinen verlorengegangen zu sein). Trotzdem (oder gerade deswegen?) werden Fragen des persönlichen Glaubens in den Briefen nie berührt; auch wenn Rochat z.B. von der Bibelrevision spricht, liegt sein Fokus ganz auf dem philologischen Aspekt. Ein einziger dezenter Hinweis findet sich nur im letzten Dokument, einer an Meyers Witwe Louise (1837–1915) gerichteten Beileidskarte. Sie endet mit den Worten:

Ich sage ihm mit Zuversicht: Auf Wiedersehen!


Forum wieder aktiv

Seit mehr als zweieinhalb Jahren war das Forum von bruederbewegung.de wegen eines technischen Problems nicht mehr nutzbar – lesen konnte man die Diskussionen zwar noch (jedenfalls die öffentlich sichtbaren), aber einloggen oder neu registrieren konnte man sich nicht mehr. Anfang dieses Monats ist es mir (bzw. dem Support der Hostingfirma) endlich gelungen, das Problem zu beseitigen, und heute habe ich auch die Forensoftware aktualisiert. Einem Neustart sollte also nichts mehr im Wege stehen.

Natürlich könnte man die Frage stellen, ob solche Foren überhaupt noch ein zeitgemäßes Medium sind. Wirklich aktiv war unser Forum nur bis etwa 2015, danach ging die Nutzung kontinuerlich zurück. Wahrscheinlich wird heute lieber auf Social Media diskutiert als in Foren, so wie Letztere wiederum den Mailinglisten den Rang abgelaufen hatten, die um 2000 der letzte Schrei waren (aber auch heute noch hier und da existieren). Beim Durchsehen der alten Diskussionen im hiesigen Forum beschlich mich auch der Verdacht, dass Foren offenbar gerne eine gewisse Art von Querulanten und Krawallmachern anlocken, während seriöse und besonnene Diskutanten sich dort oft viel zu sehr zurückhalten. Möge es im forum.bruederbewegung.de künftig anders sein!

200. Geburtstag von William Lincoln

William Lincoln (1825–1888)

Heute vor 200 Jahren wurde der Prediger William Lincoln in Bethnal Green, einem östlichen Vorort von London, geboren. Früh verwaist, wollte er nach seiner Bekehrung (im Alter von 17 Jahren) eigentlich Missionar in Indien werden, aber die Church Missionary Society nahm ihn nicht an, weil in seiner Familie die „Schwindsucht“ (Tuberkulose) erblich sei. Daraufhin schlug er eine reguläre Laufbahn in der anglikanischen Kirche ein, wurde 1849 ordiniert und übernahm nach mehreren anderen Stationen 1859 die Beresford Chapel im südlichen Londoner Vorort Walworth – eine eher schmucklose, aber geräumige Kapelle mit 1300 (nach anderen Quellen sogar 1600) Sitzplätzen. Die anfangs kleine Zuhörerschaft wuchs durch seine kraftvollen Predigten rasch an.

Innerhalb der nächsten drei Jahre kamen Lincoln jedoch zunehmend Zweifel an der engen Verbindung zwischen Kirche und Staat. 1862 rang er sich zu dem Entschluss durch, die Church of England zu verlassen, was er seiner Gemeinde am Sonntag, dem 23. November mitteilte. Die Zeitung Wilts and Glo’stershire Standard berichtete:

Wilts and Glo’stershire Standard, 29. November 1862, S. 4

Das im letzten Satz angekündigte Werk – ein Band von 587 Seiten – erschien 1863 unter dem Titel The Javelin of Phinehas; or, Christ’s Own Judgment upon Christendom; and More Particularly upon the Union of Church and State.

Erstaunlicherweise war es Lincoln möglich, die Beresford Chapel zu pachten und sie so weiterhin für seinen Dienst zu nutzen. Nicht alle Glieder der Gemeinde bejahten freilich seinen Kirchenaustritt; ein Teil kehrte sich von ihm ab, doch allmählich erholte sich die Besucherzahl wieder. In den folgenden Monaten und Jahren wandelte sich die Gemeinde Schritt für Schritt zu einer Offenen Brüdergemeinde, in der jeden Sonntag das Brot gebrochen wurde und die Möglichkeit zur freien Beteiligung bestand. William Lincoln schrieb eine Reihe weiterer Bücher, die großenteils beim Verlag von John Ritchie in Kilmarnock (Schottland) erschienen. Er starb am 25. April 1888 im südlichen Londoner Vorort Camberwell, noch keine 63 Jahre alt.

Lebensbilder Lincolns erschienen in Henry Pickerings Chief Men among the Brethren (1918, ²1931), David J. Beatties Brethren: The Story of a Great Recovery (1940, Kap. 17) und ganz aktuell in der Zeitschrift Precious Seed (1/2025).

150. Geburtstag von August von Wedekind

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August Freiherr von Wedekind (1875–1948)

Heute vor 150 Jahren wurde August von Wedekind, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der namhaftesten deutschen Offener Brüder, in Darmstadt geboren. Mit freundlicher Erlaubnis von Pastor i.R. Hartmut Wahl (Velbert) darf ich hier einige Ergebnisse seiner Recherchen über Wedekind vorstellen.

Georg Ludwig August14 Freiherr von Wedekind, wie er mit vollständigem Namen hieß, war das vierte Kind und der zweite Sohn des Rittmeisters und Amtmanns Friedrich Georg Freiherr von Wedekind (1841–1891) und seiner Frau Berta Friederike Johanna Luise Ferdinande geb. Decker. Er wurde im März 1891 in Oranienstein konfirmiert. Im Februar 1895 legte er an der Preußischen Hauptkadettenanstalt in Groß-Lichterfelde bei Berlin sein Abitur ab und trat anschließend als Fähnrich ins Infanterie-Regiment 81 in Frankfurt am Main ein. Von Sommer 1895 bis Januar 1896 verbrachte er ein halbes Jahr an der Kriegsschule Danzig; 1898 absolvierte er ein französisches Dolmetscherexamen in Lausanne. Am 19. Januar 1900 heiratete er in Frankfurt die Bankierstochter Elsa Lackmann (1878–1945).

1903 unternahm Wedekind eine ausgedehnte Reise, die ihn über Ungarn, Bulgarien, die Türkei, Griechenland, Malta, Tunesien und Algerien bis nach Portugal führte. Ein Jahr später wurde er Oberleutnant und Ordonnanzoffizier im Infanterie-Regiment 81. 1905 fand er in Bad Homburg durch Arnd von Lettow zum persönlichen Glauben.

Von 1908 bis 1911 war Wedekind an seinem Geburtsort Darmstadt stationiert. Während dieser Zeit kam es – aus unbekannten Gründen – am 1. August 1910 zur Scheidung von seiner Ehefrau Elsa (die fünf Jahre später in Heidelberg den Rechtsanwalt Hans Hermann Kienitz heiratete). Im November 1911 wurde Wedekind als Hauptmann nach Sonderburg (heute Dänemark) versetzt.

Im Ersten Weltkrieg diente er an der Westfront. Zwei Tage vor seinem Ausrücken (am 8. August 1914) ging er in Hamburg eine zweite Ehe ein, und zwar mit Nanette Mathilde Irene Hildegard Anne-Marie Kruska (1886–1976), einer Tochter des Generalmajors Benno Kruska (1849–1933).

1918 wurde Wedekind als Major aus dem Heeresdienst verabschiedet. Von nun an widmete er sich hauptsächlich der „Reichsgottesarbeit“. Obwohl er 1917 in Berlin ein Haus gekauft hatte – hier war im selben Jahr auch seine Tochter Irene geboren worden –, zog die Familie 1918 nach Derschlag und 1920 nach Wiedenest, wo Wedekind eine Lehrtätigkeit an der Bibelschule aufnahm. Sein zweites Kind Arnd kam 1919 in Derschlag, das dritte Kind Horst 1924 in Wiedenest zur Welt. Da dem Asthmatiker Wedekind jedoch das Wiedenester Klima zu schaffen machte, siedelte die Familie 1927 nach Friedrichsdorf im Taunus und 1932 nach Bad Homburg über. Hier brachte sich Wedekind aktiv in die Offene Brüdergemeinde ein; auch im Reise- und Seelsorgedienst war er tätig. Die Zusammenschlüsse mit den Geschlossenen Brüdern (1937) und mit den Baptisten (1941/42) trug er aus Überzeugung mit.

1943 wurde Wedekinds 24-jähriger Sohn Arnd, inzwischen Medizinstudent, wegen „landesverräterischer“ Äußerungen verhaftet, vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Seine Eltern konnten ihren Sohn wenige Tage vor der Hinrichtung noch einmal sehen und waren, so Arnds Schwester Irene 1964 in einem Brief,

sehr getröstet durch sein Zeugnis, daß er innerlich Frieden habe und voller Freude sei, wie es auch in einem seiner letzten Briefe zum Ausdruck kommt, wo er schreibt … „eine halbe Stunde vor meiner Hinrichtung schreibe ich diese Zeilen. Ich bin überglücklich, meinen Heiland gleich zu sehn …“ […]

Als ehemaligem Offizier und „der Obrigkeit untertan“ war meinem Vater dieser Weg bezügl. seines Sohnes besonders schwer, aber er wusste auch, daß sein Kind getröstet war und aus dem Glauben zum Schauen ging.15

Wedekinds zweiter Sohn Horst kämpfte an der Ostfront und wurde nach dem Vormarsch auf Schytomyr (Ukraine) als vermisst gemeldet.

August Freiherr von Wedekind starb am 4. Dezember 1948 in seiner Wohnung in Bad Homburg, Ferdinandstraße 30, an Herzschwäche. Er wurde 73 Jahre alt.


150. Todestag von Sir Gillery Pigott

Der heutige „Jubilar“ (wenn man eine Person, deren Todestag sich jährt, überhaupt so nennen kann) schloss sich der Brüderbewegung erst wenige Wochen vor seinem Tod an, aber gerade das führte auf seiner Beerdigung zu einem Eklat, über den in der Presse breit berichtet wurde.

Leben und Karriere

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Sir Gillery Pigott (1813–1875)

Gillery Pigott wurde am 18. September 1813 als vierter Sohn des Landbesitzers Paynton Pigott (1770–1862) und seiner Frau Maria Lucy geb. Gough (1783–1860) in Oxford geboren.16 Er schlug eine juristische Laufbahn ein und trat 1836 dem Middle Temple, einer der vier englischen Anwaltskammern, bei. Im selben Jahr heiratete er Frances Drake (1814–1894) aus London. Sie bekamen zehn Kinder – vier Söhne (von denen zwei bereits früh starben) und sechs Töchter.17

Nach seiner Anwaltszulassung 1839 wirkte Pigott zunächst im Gerichtsbezirk Oxford. Ab 1854 war er bei der britischen Steuerbehörde (Inland Revenue) tätig, 1857–62 nahm er parallel noch die Teilzeitaufgabe eines Stadtrichters (Recorder) in Hereford wahr. 1863 wurde er zum Richter (Baron) am Schatzkammergericht (Court of Exchequer) ernannt und in den niederen nichterblichen Adelsstand (Knight) erhoben, sodass er sich von nun an Sir Gillery Pigott nennen durfte. Mit der Nobilitierung verlor er allerdings auch seinen Sitz im britischen Parlament (House of Commons), den er seit 1860 als Abgeordneter der Liberal Party für die Stadt Reading innegehabt hatte.

Geistliche Entwicklung

Von Hause aus Anglikaner, hatte sich Pigott im Laufe der Jahre zunehmend von seiner Kirche entfremdet.18 Vor allem die starre Liturgie und die formellen, von allen Anwesenden unterschiedslos mitzusprechenden Gebete missfielen ihm. Ab etwa 1870 besuchte er die Gottesdienste in der Baptistenkapelle von William Landels (1823–1899) am Londoner Regent’s Park.19 Hier schätzte er das freie Gebet des Pastors, aber er vermisste nach wie vor die Möglichkeit, sich auch als Gemeindeglied an der Anbetung zu beteiligen. Sein älterer Sohn Arthur Gough Pigott (1850–1878), den offenbar ähnliche Gedanken umtrieben, kam mit den Geschlossenen Brüdern in Kontakt und empfahl seinem Vater ein Studium der neutestamentlichen Gemeindepraxis. Nach einer Begegnung mit William Kelly (1821–1906) nahm Gillery Pigott am 4. April 1875 in einer bescheidenen Hausversammlung der „Brüder“ – höchstwahrscheinlich bei dem Schuhmacher William Franklin in Sherfield Green20 (Hampshire) – zum ersten Mal am Brotbrechen teil.

Einen Tag später erlitt er einen Sturz vom Pferd, der ihn bettlägerig machte. In dieser Zeit las er einige Schriften von Kelly (u.a. Christian Worship und Christian Ministry), die dieser ihm zugesandt hatte und die ihn endgültig vom Standpunkt der „Brüder“ überzeugten, wie er Kelly am 17. April brieflich mitteilte. Am 23. April richtete er auch an den örtlichen Pfarrer Alfred Gresley Barker (1835–1906), mit dem er sich anscheinend schon vorher über solche Fragen ausgetauscht hatte, einen Brief, machte ihn auf schwerwiegende Irrtümer in einer gedruckten Predigt aufmerksam und legte zwei Schriften der „Brüder“ bei (Is the Anglican Establishment a Church of God? von William Kelly und Who is a Priest, and What is a Priest? von John Nelson Darby). Vier Tage später, am 27. April 1875,21 heute vor 150 Jahren, starb Gillery Pigott in seinem Anwesen Sherfield Hill House bei Basingstoke überraschend an einer Herzerkrankung. Er wurde nur 61 Jahre alt.

Beisetzung

Einige Tage nach Pigotts Tod schrieb sein knapp 25-jähriger Sohn Arthur, ebenfalls Jurist und 1873 als Anwalt (Barrister) zugelassen,22 einen Brief an Pfarrer Barker und bat um die Erlaubnis, die Beerdigung seines Vaters von einem Freund (also einem Geschlossenen Bruder) abhalten zu lassen.23 Barker lehnte dies ab mit der Begründung, dass er gesetzlich verpflichtet sei, keine Abweichungen von der Begräbnisliturgie der Church of England zuzulassen. Hierauf erwiderte Arthur Pigott, dass es auch der Wunsch seiner Mutter sei, dass die Beerdigung nicht nach anglikanischem Ritus erfolge, da sein Vater sich den „Plymouth Brethren“ angeschlossen habe. Sollte der Pfarrer bei seiner Weigerung bleiben, würden sie auf einen Gottesdienst auf dem Friedhof ganz verzichten. Bei einem persönlichen Besuch im Pfarrhaus von Sherfield on Loddon machte Pigott noch einen letzten Versuch, den Pfarrer umzustimmen, aber vergebens.

Die Beerdigung wurde auf Mittwoch, den 5. Mai festgesetzt.24 Um 14.15 Uhr fand zunächst eine Trauerfeier auf einem Rasenplatz bei Pigotts Haus statt, auf der William Kelly und Christopher McAdam (1807–1892) sprachen.25 Anschließend setzte sich der Trauerzug in Richtung Friedhof (gut 1 km nordöstlich gelegen) in Bewegung, wo er kurz vor 16 Uhr eintraf. Pfarrer (Rector) Barker und sein Hilfspfarrer (Curate) John Henry Sandall (1847–1925) sowie die Kirchenvorsteher Richard Tubb (1837–1904) und George Moss26 (1828–1912) hatten die Prozession bereits seit 14 Uhr am Friedhofstor erwartet.

Der Bestatter James Moody (1826–1888), der den Sarg begleitete, gab Barker sogleich zu verstehen, dass seine Dienste nicht erwünscht seien. Barker begann dennoch die Begräbnisliturgie zu verlesen und schritt dabei auf die Kirche zu. Während des dritten Satzes merkte er, dass der Sarg bereits zum Grab gebracht und eilig hinuntergelassen wurde. Er wies nun seinen Hilfspfarrer Sandall an, den am Grab zu sprechenden Teil der Liturgie vorzutragen. Sandall setzte dazu an, wurde aber durch Zurufe der Trauergäste unterbrochen. Schließlich ging der Rechtsanwalt der Familie Pigott, Arthur Walker (1809–1875), auf Sandall zu und protestierte im Namen der Hinterbliebenen gegen die weitere Fortsetzung der Liturgie. Die Vertreter der Kirche waren auf diesen Fall vorbereitet und hatten ihrerseits eine schriftliche Protestnote verfasst, die Walker von Kirchenvorsteher Tubb überreicht wurde. Daraufhin schlossen Barker und Sandall ihre Bücher und verließen den Friedhof.

Wie bereits erwähnt, erregte der Vorfall großes Aufsehen und wurde von zahlreichen Zeitungen aufgegriffen, wobei die Berichterstattung nicht immer exakt den Tatsachen entsprach. Als Beispiel sei der Artikel der Londoner Zeitung The Standard vom 7. Mai 1875, S. 2 zitiert, der vielfach nachgedruckt wurde:

SCENE AT BARON PIGOTT’S FUNERAL. – We regret to record a scandalous disturbance at the burial of the late Baron Pigott on Wednesday, at Sherfield Churchyard, near Basingstoke. The baron had been dead more than a week, but it was not till the day before the funeral that his two sons, who are members of the sect known as the “Plymouth Brethren,” intimated that they did not wish the Church Service to be used. Mr. Osborne Morgan’s27 opinion was at once telegraphed for, and he replied that, the deceased having been baptised, the clergyman was bound to read the service over the body, but that, if the clergyman was interfered with, he might shut up his book and walk away, but the burial could not be stopped. The clergyman, the Rev. A. G. Barker, went early to the churchyard, and exhorted the crowds to seemly and decent behaviour. He and his curate, the Rev. H. Sandall, afterwards met the funeral at the gate, and proceeded with the words, “I am the Resurrection and the Life,” when some of the mourners shouted to him to stop, and others to go on. Meanwhile, the bearers, commanded by one of the Baron’s sons, pushed along, and threw the coffin into the grave near the gate. A solicitor was then sent to say that in the name of the executors he protested against the service being read. The rector shut his book, and walked quietly away with his curate. The churchwardens have served a notice on the solicitor for the two sons, stating that they hold him legally responsible for stopping the rector in the performance of his duty. The great crowd then quietly dispersed. There is much indignation at the outrage, especially as it would have been quite easy to bury the deceased in Basingstoke Cemetery with any ceremonies the relations might have thought proper.

Pigotts zweiter Sohn, der 19-jährige Cecil Ernest (1855–1893), wehrte sich am folgenden Tag in einem Leserbrief gegen die Behauptung, er sei ein „Plymouth Brother“, und distanzierte sich auch von den Ereignissen auf dem Friedhof:

SIR, – I am the younger of the late Baron Pigott’s two sons, and having seen a paragraph in the Standard of to-day, headed “Scene at Baron Pigott’s Funeral,” I wish to state that I am not “a member of the sect known as Plymouth Brethren,” and that I did not “intimate” to any person at any time “that I did not wish the Church service to be used.” CECIL E. PIGOTT.28

Laut Arthurs späterer Aussage vor Gericht müssen neben seiner Mutter aber auch mindestens eine seiner Schwestern und andere Verwandte mit seinem Vorgehen einverstanden gewesen sein.

Prozess

Für Arthur Pigott und den Familienanwalt Arthur Walker sollte die Episode nämlich noch gerichtliche Konsequenzen haben. Kirchenvorsteher Richard Tubb verklagte sie wegen Störung einer Begräbnisfeier, wobei er sich auf den Ecclesiastical Courts Jurisdiction Act von 1860 berief. In dessen zweitem Abschnitt heißt es,

dass jede Person, die einen Priester im kirchlichen Amt bei der Ausübung eines Ritus in einer Kirche oder auf einem Friedhof in England oder Wales belästigt, behindert, stört oder beunruhigt oder ihn auf sonstige Weise daran hindert oder in seiner Tätigkeit beeinträchtigt, bei Verurteilung durch zwei Friedensrichter mit einer Geldstrafe von höchstens fünf Pfund oder mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Monaten belegt werden kann.29

Die Verhandlung fand am 2. Juni 1875 vor dem County Magistrates’ Court (eine Art Amtsgericht) im Rathaus von Basingstoke statt. Da Arthur Pigott – der sich selbst verteidigte – die volle Verantwortung für die Geschehnisse auf dem Friedhof übernahm, wurde die Klage gegen Arthur Walker nach dem Eröffnungsplädoyer fallengelassen. Als Zeugen vernahm man Pfarrer Barker, Hilfspfarrer Sandall, Colonel Pigott (einen Bruder des Verstorbenen30), Colonel Pigott-Carleton (einen Neffen des Verstorbenen31), Rechtsanwalt Walker, die Bestatter James Moody und John Gray Hill sowie die Sargträger William Franklin und Daniel Brown.32 Bis auf die beiden Geistlichen sagten alle übereinstimmend aus, dass es keine Störung und keinen Aufruhr gegeben habe, womit sie ein zentrales Verteidigungsargument des Beklagten stützten. Pigott berief sich außerdem auf die juristische Meinung, dass jeder Einwohner einer Pfarrei das Recht auf Beisetzung auf dem örtlichen Friedhof habe – ob mit oder ohne kirchliche Liturgie.

Auf das Angebot des gegnerischen Anwalts, die Klage nicht weiterzuverfolgen, wenn der Beklagte anerkenne, im Unrecht gewesen zu sein, und sich für sein Verhalten entschuldige, ging Pigott nicht ein. Das Gericht verurteilte ihn nach 35-minütiger Beratung einstimmig zu der relativ geringen Geldstrafe von £ 1 (nach heutiger Kaufkraft etwa £ 120–140) plus Gerichtskosten. Pigott legte sofort Berufung ein, scheint diese aber später zurückgenommen zu haben, denn über einen weiteren Prozess konnte ich in der zeitgenössischen Presse nichts finden.

Nachkommen

Gillery Pigotts Söhnen war leider durchweg kein langes Leben beschieden. Die beiden ältesten, Gillery Paynton Francis Drake (1843–1847) und Frederic Thomas (1846–1847), wurden nur vier bzw. ein Jahr alt und weilten zur Zeit der hier geschilderten Ereignisse schon lange nicht mehr unter den Lebenden. Aber auch Arthur Gough und Cecil Ernest erreichten kein hohes Alter: Ersterer starb zweieinhalb Jahre nach dem Prozess, am 8. Januar 1878, im südspanischen Málaga, nur 27 Jahre alt (sein Grab ist noch heute vorhanden), Letzterer am 6. Mai 1893 im elterlichen Sherfield Hill, 37 Jahre alt. Beide waren unverheiratet geblieben.

Besser erging es den sechs Töchtern – sie wurden mit einer Ausnahme zwischen 72 und 88 Jahre alt. Die Ausnahme war Mabel Lucy Sarah (1852–1894), Ehefrau von Henry Edward Tredcroft (1853–1912), die vier Tage nach der Geburt ihres neunten Kindes im Alter von 42 Jahren starb. Sie war zugleich das einzige der Pigott-Kinder, das Nachkommen hinterließ. Ihre Schwester Rosalie Archer (1840–1924) schloss erst im relativ fortgeschrittenen Alter von 41 Jahren eine Ehe, und zwar mit dem Witwer Archer Anderson Morshead (1846–1911); die übrigen vier Schwestern Frances Drake (1837–1910), Alice Isabella (1848–1920), Edith Caroline (1853–1931) und Beatrice Barbara (1859–1947) blieben alle unverheiratet.

Wie viele Mitglieder der Familie sich der Brüderbewegung anschlossen, wäre noch zu erforschen. Gillery Pigotts Schwester Isabella (1821–1902) war jedenfalls mit dem „Bruder“ Charles Gilbert Eversfield (1822–1886) verheiratet, und von seinen beiden Schwiegersöhnen scheint mindestens Henry Edward Tredcroft einen „Brüder“-Hintergrund gehabt zu haben – Tredcrofts Schwester Theodosia Isabella (1851–1924) war die Frau von Dennis Lambart Higgins (1847–1943), einem angeheirateten Großneffen von George Vicesimus Wigram (1805–1879).


Vorträge zur Glaubenstaufe online

500_jahre_glaubenstaufe

Die drei Vorträge der Veranstaltung „500 Jahre Glaubenstaufe“ sind nun auf dem YouTube-Kanal der Freien Brüdergemeinde Dillenburg-Manderbach öffentlich zugänglich:

Am selben Wochenende, an dem diese Tagung des Arbeitskreises „Geschichte der Brüderbewegung“ stattfand, feierte die Gemeinde in Manderbach auch ihre 75-jährige Zugehörigkeit zum Freien Brüderkreis. Die beiden Festvorträge sind ebenfalls auf YouTube abrufbar:

 

Erinnerung: Brüderbewegung und Glaubenstaufe

taeuferbewegungEine Woche vor dem Termin möchte ich gerne noch einmal an die Veranstaltung des Arbeitskreises „Geschichte der Brüderbewegung“ zum Thema „500 Jahre Glaubenstaufe“ erinnern und herzlich dazu einladen. Nähere Informationen in meinem Post vom 18. Oktober.

Gegenüber dem veröffentlichten Programm wird es eine Änderung geben: Der Vortrag von Hartwig Schnurr muss leider krankheitsbedingt ausfallen; stattdessen wird der thematisch verwandte Vortrag von Gerd Goldmann vorgezogen und durch eine moderierte Diskussion ergänzt.

Max Weremchuk: Klarstellungen zu “Becoming J.N.D.”

Max Weremchuk liegt es am Herzen, einige Missverständnisse aufzuklären, die durch ein YouTube-Interview über sein jüngstes Buch entstanden sind. Ich veröffentliche seinen Text auch hier im Blog.


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Since Shawn Willson’s interview with Brian Reynolds regarding my book Becoming “J.N.D” on his “Rev Reads” site on YouTube has generated some comments which are misleading and incorrect in their claims, I’d like to clarify a point or two.

Actually I am a Canadian and not German. I am not Reformed in any stereotype sense of the term, and I definitely do not have a “high regard for the Puritans Divines and their law-centric systems,” but rather a high regard for any who honor the Word of God and endeavor to make it accessible to people and effective in their lives.

Since the interview I was able to correspond with Brian and clear up some misunderstan‍dings. For example, his statement that the book contained nothing new to him referred to Darby’s teaching, and he wrote to me: “My statement had to do with the doctrinal development 1827–29.” I was definitely not attempting to reveal any new “disco‍veries” in this regard, though I am sure that more than a few readers were not aware of the fact that Darby held to the “day = year” theory for a very long time (i.e. into the 1830s) or of his initial negative attitude towards pre-tribulational premillennialism. (See James Fazio’s excellent paper “John Nelson Darby’s Early Resistance to Pre-Tribulational Premillennialism As Expressed at the 1831 Powerscourt Prophecy Conference”.) My book does contain much new historical/background material never published in this way before.

As for a “thesis” on my part, while admitting that a writer cannot avoid being subjective to a certain degree, it was my honest endeavor to be as objective as possible. I was not at‍tempting to paint a certain picture of Darby that I had formed of him in my mind and wanted to convince my readers of. For example, my contradiction of his claims regarding an oath proposed by Archbishop Magee or the number of weekly converts was the result of very thorough research in these areas and not because I wanted to refute him in any way. In fact, I originally undertook intensive research in these areas to verify his claims and dis‍covered that the facts proved the opposite.

What became clear to me through my research was that Darby often claimed to be the cause or origin of something that he ultimately was not. I was not trying to prove this from the start and had not set this up as a thesis for myself that I wanted to demonstrate or have confirmed. It was simply an undeniable fact that kept turning up and could not with any honesty be ignored or sidestepped. Darby may have felt or thought he was the originator – I am not accusing him of willful/conscious dishonesty –, but that was often (not always) a very subjective impression on his part. He was involved, at times prominently so, but not necessarily the originator.

In the example of Joseph C. Philpot’s conversion, it was Philpot’s son who attributed his father’s conversion to Anne Pennefather’s influence, and the pain and despair caused by their not being allowed to come together, and not a fanciful idea of mine to contradict Darby’s claim in the matter.

Donald Akenson may be too harsh in his criticism of Darby at times, but we can fall off the other side of the horse by attempting to excuse and justify everything. Someone has com‍mented, “Puritanism dominated the evangelical Protestant world up to JND’s ‘reco‍very’ of Pauline truths.” That is obviously an honest conviction, but one that is not ne‍cessarily correct because it is expressed with conviction and in all sincerity. Darby is not the “recoverer” of Pauline truths for all sincere Christian believers. He is for some, and that must be respected, and exchanges over differences of opinion regarding the same must be conducted in a spirit of true Christian charity and not as attacks and counter-attacks.

I hope that those who accuse me of following a particular “thesis” in my book are ready to acknowledge that they are also influenced by the “thesis” that Darby was the “recoverer” of Pauline truths and feel that anything which seems to contradict that conviction must be opposed and discredited.

Darby definitely made a “contribution,” but he was not alone. The so-called Brethren Move­ment may not have become what it became without him, but he could not have be‍come who he was without it, i.e. without the contribution of so many others who today can be described as “unsung heroes”. In order to properly honor and value Darby’s contri‍butions, we must be fair and honest in our evaluations, and even if in the end we don’t always agree with each other, simple Christian courtesy must be maintained, other‍wise we are damaging the testimony of Christ in this world.