Schlagwort-Archiv: Friedrich Wilhelm Baedeker

„Echoes of Service“ als Quelle für die Geschichte der deutschen Offenen Brüder

Ende April dieses Jahres stellte das Christian Brethren Archive die ersten 47 Jahrgänge von Echoes of Service, der wichtigsten Missionszeitschrift der englischen Offenen Brüder, ins Netz. Ich maß dieser Nachricht für mich zunächst keine große Bedeutung bei, da die Missionsgeschichte der Offenen Brüder mir bereits gut erforscht zu sein schien und auch nicht zu meinen zentralen Interessengebieten gehört. Aus Neugier schaute ich dann aber doch in einige Bände hinein – und stellte fest, dass von Anfang an fast jedes Jahr auch Berichte aus dem deutschsprachigen Raum abgedruckt wurden.

Entdeckungen

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Titelseite des ersten Jahrgangs (1872)

Erstaunlicherweise standen dabei insbesondere in den ersten Jahren (die Zeitschrift erschien ab 1872) Personen im Vordergrund, die in der bisherigen deutschsprachigen Geschichtsschreibung der Offenen Brüder praktisch unbekannt sind: Weder Karl Andreas noch Julius Rohrbach noch Carl Geier noch Gustavus Adolphus Eoll (um nur einige Beispiele zu nennen) kommen im hier einschlägigen Band 2 von Gerhard Jordys Brüderbewegung in Deutschland,1 in der Dissertation von Ulrich Bister2 oder in der älteren Darstellung von Walther Schwammkrug3 vor. Der einzige bekannte Name aus den frühen Jahren – neben den evangelistischen „Weltreisenden“ Georg Müller und Friedrich Wilhelm Baedeker – ist Jean Emil Leonhardt in Bad Homburg, aber auch hier hält Echoes of Service eine Überraschung bereit, die von der bisherigen Geschichtsschreibung abweicht und offenbar auch in Bad Homburg in Vergessenheit geraten ist: Als Gründungsjahr der dortigen Offenen Brüdergemeinde galt bislang immer 1887, weshalb auch 1947 das 60-jährige,4 1987 das 100-jährige5 und 2012 das 125-jährige Gemeindejubiläum gefeiert wurde; die Berichte Leonhardts in Echoes of Service belegen aber, dass das erste Brotbrechen in Bad Homburg bereits am 25. Juli 1886 stattfand6 – alle Jubiläen wurden also ein Jahr zu spät begangen!

Es handelt sich bei Echoes of Service demnach um eine erstklassige zeitgenössische Quelle über die Anfänge der deutschen Offenen Brüder, die trotz ihrer prinzipiellen Zugänglichkeit von der hiesigen Forschung bislang anscheinend völlig unbeachtet geblieben ist.7 Ich habe mir die Mühe gemacht, alle den deutschsprachigen Raum betreffenden Berichte aus den 47 Bänden der Jahre 1872–1918 zu extrahieren; seit heute stehen sie auf bruederbewegung.de als 187-seitige PDF-Datei zum Download zur Verfügung.

Die Zeitschrift

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Titelseite des ersten Heftes mit neuem Namen (1885)

Einige Hintergrundinformationen zur Zeitschrift mögen hier noch am Platze sein. Gegründet 1872 als The Missionary Echo, trug sie von 1885 bis 1969 den Namen Echoes of Service, unter dem sie heute noch am bekanntesten ist (ab 1970 lautete der Titel schlicht Echoes, seit 2018 Echoes International mission magazine). Herausgeber in den ersten Jahrzehnten waren Henry Groves (1872–1891), John Lindsay Maclean (1872–1906), William Henry Bennet (1891–1920), Robert Eugene Sparks (1894–1918), William Edwy Vine (1911–1949) und William Rhodes Lewis (1917–1963).8

Die Redaktion (die ab 1873 ihren Sitz in Bath hatte) fungierte von Anfang an auch als Sammel- und Weiterleitungsstelle für Spenden, sodass sich Echoes of Service im Laufe der Zeit zu einer Art Missionsgesellschaft entwickelte; 1886 stand man bereits mit ca. 100, 1909 mit ca. 600 Missionaren weltweit in Kontakt.9 Einen systematischen Überblick über die unterstützten Missionare bot das Jahresregister der Zeitschrift, das bereits ab dem 2. Jahrgang (1873) nicht mehr alphabetisch, sondern nach Kontinenten und Ländern geordnet war; ab 1883 wurden zusätzlich die Adressen der Missionare und (wenn bekannt) das Jahr des Beginns ihrer Tätigkeit angegeben.

Bis 1890 erschien die Zeitschrift monatlich, von 1891 bis 1917 zweimal monatlich und im letzten Kriegsjahr 1918 wieder monatlich. Die vom Christian Brethren Archive digitalisierten 47 Jahrgänge umfassen insgesamt genau 888 Hefte, von denen etwas über ein Drittel (306 Hefte) Berichte aus dem deutschsprachigen Raum enthalten.


Neuerscheinungen zur Brüderbewegung 2017

Es mag von Nutzen sein, am Ende des Jahres einmal die in den letzten zwölf Monaten erschienenen Veröffentlichungen zur Brüderbewegung übersichtlich zusammenzustellen und kurz zu kommentieren bzw. einzuordnen.


BÜCHER


Sylvain Aharonian: Les frères larges en France métropolitaine. Socio-histoire d’un mouvement évangélique de 1850 à 2010. Préface de Jean-Paul Willaime. Paris (Les éditions du cerf) 2017. 641 Seiten.

Ausführliche Sozialgeschichte der französischen Offenen Brüder.


Horia Azimioara: Mit beiden Flügeln fliegen. Das Leben von Teodor Popescu. Hückeswagen (CSV) 2017. 172 Seiten.

Teodor Popescu (1887–1963) gründete gemeinsam mit Dumitru Cornilescu (1891–1975) Anfang der 1920er Jahre in Rumänien eine Gemeindebewegung, die etwa zehn Jahre später mit den internationalen Kelly-Lowe-Continental-Brüdern in Gemeinschaft kam. Die hier vorliegende erbauliche Biografie erschien zuerst 2003 in englischer Sprache beim Gute-Botschaft-Verlag, Eschenburg.


Ian Burness: From Glasgow to Garenganze. Frederick Stanley Arnot and Nineteenth-Century African Mission. Studies in Brethren History. Lockerbie, UK (OPAL Trust) 2017. xvii, 339 Seiten.

Eine umfassende und gründliche Biografie des bekannten Afrikamissionars (1858–1914), die zum Standardwerk werden dürfte.


A[rthur] A. Fishburn: Resilience Tried and Tested. o.O. o.V. [Amazon CreateSpace] 2017. 474 Seiten. — Ders.: BCNW. Brethren Separating to God. o.O. o.V. [Amazon CreateSpace] 2017. 140 Seiten.

Beim erstgenannten Buch soll es sich um einen im Milieu der (Raven-Taylor?-)„Brüder“ angesiedelten Roman nach wahren Begebenheiten handeln, beim zweiten Buch um Hintergrundinformationen dazu.


Joan Kearney: Shaped to Fit. How God shaped a young woman for an unexpected calling to Brazil and back. Exeter (Onward & Upwards) 2017. 276 Seiten.

Autobiografie einer Wycliff-Missionarin (geb. 1936), die bis 1961 den Raven-Taylor-Brüdern angehört hatte.


Harvey G. Rees-Thomas: 100 Years on the Street. A Story of God’s Grace through Tory Street Hall, Elizabeth Street Chapel and The Street City Church. Wellington, NZ (HIS Services Limited) 2017. 547 Seiten.

Monumentale, aufwändig gestaltete Festschrift einer Offenen Brüdergemeinde in Neuseeland.


Robert Revie: India to Ethiopia. A 50 Year Journey. Kilmarnock, UK (Ritchie) 2017. 144 Seiten.

Autobiografie eines schottischen Missionars der Offenen Brüder.


stevensonMark R. Stevenson: The Doctrines of Grace in an Unexpected Place. Calvinistic Soteriology in Nineteenth-Century Brethren Thought. Foreword by Tim Grass. Eugene, OR (Pickwick) 2017. xvi, 304 Seiten.

Diese sorgfältig erarbeitete (und bibliophil gesetzte) Dissertation belegt, wie nahe die frühen „Brüder“ dem Calvinismus standen – näher, als sie selbst wahrscheinlich zugegeben hätten (und als vielen heutigen Lesern lieb ist, ich selbst inbegriffen). Nach zwei Kapiteln über die historische Entwicklung der calvinistischen Soteriologie seit dem 17. Jahrhundert untersucht Stevenson die ersten drei der „Fünf Punkte des Calvinismus“ und setzt sie zu den Schriften der „Brüder“ in Beziehung (jeweils nach Autoren geordnet). Es folgen ein hochinteressantes Kapitel über rettenden Glauben, Buße und Heilsgewissheit sowie eine zusammenfassende Bewertung.

Kritisch hätte ich anzumerken, dass der Autor seinem Thema nicht ganz neutral gegenübersteht: Er ist selbst calvinistischer „Bruder“ und hat daher ein offensichtliches Interesse daran, die Soteriologie der „Brüder“ als Variante des Calvinismus darzustellen; Lehren, die die „Brüder“ ablehnten (z.B. die doppelte Prädestination), erklärt er kurzerhand für weniger zentral oder für „hypercalvinistisch“. Bemerkenswert fand ich den Hinweis, dass die in der „Brüdertheologie“ übliche Unterscheidung zwischen Sühnung (propitiation) und Stellvertretung (substitution), „vorgeschattet“ in den beiden Böcken am großen Versöhnungstag (3Mo 16), eine originäre Erkenntnis Darbys war, die sich vor ihm nirgendwo in der Literatur findet (S. 180, Anm. 86).

Eine vorläufige Zusammenfassung der Arbeit erschien bereits 2010 in der Brethren Historical Review.


stottRebecca Stott: In the Days of Rain. London (4th Estate) 2017. 394 Seiten.

Das Genre der „Raven-Taylor-Aussteigerliteratur“ hat seit der Jahrtausendwende einen wahren Boom erlebt: Nach Ngaire Thomas (2004, ²2005), Em Amosa (2007), David Tchappat (2009), Lindsey Rosa (2010), James Bell (2014), Peter Wycherley Harrison (2014), Joy Nason (2015) und John L. Fear (2016) ist Rebecca Stott nun schon mindestens die neunte Vertreterin dieser Gattung in weniger als 15 Jahren. Aus zwei Gründen ragt ihr Buch allerdings aus der Reihe heraus: Es ist nach Meinung der meisten Rezensenten ungewöhnlich gut geschrieben (Rebecca Stott ist Literaturwissenschaftlerin und Romanautorin; ihre beiden historischen Thriller Ghostwalk und The Coral Thief liegen auch in deutscher Sprache vor), und es bietet Innenansichten aus einer „führenden Familie“: Rebeccas Großvater Robert Stott (1902–1976) war einer der Wortführer in der Aberdeen-Trennung von 1970 und verfasste gemeinsam mit seinem Sohn Roger – Rebeccas Vater (1938–2007) – die bekannte Schrift If We Walk in the Light. Die bisher ungedruckten Lebenserinnerungen von Roger Stott (der sich leider bald nach der Trennung ganz vom christlichen Glauben abwandte) sind im vorliegenden Buch mit verarbeitet – anders wäre es auch kaum zu schreiben gewesen, denn die Autorin selbst war zur Zeit der Trennung erst sechs Jahre alt. Kritiker wie der Religionssoziologe und „Sektenversteher“ Massimo Introvigne werfen dem Buch dennoch etliche historische und theologische Fehler vor. Laut der englischen Wikipedia ist auch eine deutsche Übersetzung in Vorbereitung.


Wilfried Weist / Reinhard Assmann: Dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde. Die Schrifttumsarbeit im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in der DDR. Baptismus-Dokumentation 7. Wustermark/Norderstedt (Oncken-Archiv des BEFG / BoD) 2017. 298 Seiten.

Der sehr interessante und sorgfältig recherchierte Band enthält auch einige Hinweise auf die Brüdergemeinden.


AUFSÄTZE


Christopher Cone / James I. Fazio (Hrsg.): Forged from Reformation. How Dispensational Thought Advances the Reformed Legacy. El Cajon, CA (Southern California Seminary Press) 2017. xiv, 582 Seiten.

In diesem zum 500. Reformationsjubiläum erschienenen Sammelband amerikanischer Dispensationalisten sind zwei Aufsätze über Darby enthalten:

James I. Fazio: „John Nelson Darby: The Unknown and Well Known Nineteenth Century Irish Reformer (S. 81–108)
Cory M. Marsh: „Luther Meets Darby: The Reformation Legacy of Ecclesiastical Independence (S. 109–144)


elthg2aHeinzpeter Hempelmann / Uwe Swarat (Hrsg.): ELThG². Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. Neuausgabe. Band 1. Holzgerlingen (SCM R. Brockhaus) 2017. LVIII, 1954 Spalten.

1992–94 in drei Bänden erstmals veröffentlicht, erscheint dieses verdienstvolle Lexikon nun in einer weitgehend neu geschriebenen, stark erweiterten 2. Auflage. Band 1 umfasst die Buchstaben A bis E; die geplanten drei weiteren Bände werden dem Vernehmen nach erst in zweijährlichen Abständen folgen. Aus dem Themenbereich Brüderbewegung sind in Band 1 nachstehende Artikel enthalten:

Kl(aus) vom Orde: „Baedeker, Friedrich Wilhelm (1823–1906) (Sp. 598f.)
G(erd) Goldmann: „Blücher, Toni von (1836–1906) (Sp. 954f.)
W(olfgang) Heinrichs: „Brockhaus, Carl Friedrich Wilhelm (1822–1899) (Sp. 1046–1048)
ders.: „Brüderverein, Evangelischer (Elberfelder) (Sp. 1058–1062)
B(erthold) Schwarz: „Darby, John Nelson (1800–1882) (Sp. 1326–1329)
R(oland) Deines: „Deichmann, Heinz-Horst (1926–2014) (Sp. 1340–1342)
Chr(istoph) Raedel: „Dispensationalismus (Sp. 1490–1493)

Einen Artikel „Brüderbewegung“ gibt es seltsamerweise nicht; stattdessen wird – wie in der 1. Auflage – auf das Stichwort „Versammlung, Christliche“ (und damit auf den wohl nicht vor 2023 zu erwartenden Band 4!) verwiesen. Die gesamte Brüderbewegung unter dieser nur noch von Geschlossenen und konservativen Freien Brüdern verwendeten Bezeichnung abzuhandeln erscheint kaum angemessen.


Howard Barnes: „Walter Wolston“. In: Precious Seed 72 (2017), Heft 3, S. 20f.

Lebensbild des bekannten Evangelisten und Autors, erschienen zum 100. Todestag am 11. März 2017 (auch online).


John Bennett: „John R. Caldwell“. In: Precious Seed 72 (2017), Heft 1, S. 24f.

Lebensbild des langjährigen Herausgebers der Zeitschrift The Witness, erschienen zum 100. Todestag am 14. Januar 2017 (auch online).


Peter van Beugen: „John Nelson Darby“. In: Focus op de Bijbel [9] (2017), Heft 35, S. 34–41.

Lebensbild Darbys in einer niederländischen Zeitschrift der „blockfreien“ Brüdergemeinden (auch online).


Arnd Bretschneider: „Kein Preis zu hoch!? Ein junger Mann stellt sich dem Anspruch von Jesus Christus“. In: Perspektive16 [recte 17] (2017), Heft 5, S. 21–23.

Über den Missionar und Märtyrer Jim Elliot (1927–1956), dessen Zugehörigkeit zu den Offenen Brüdern im Artikel allerdings nicht erwähnt wird.


Peter Ferry: „Assemblies in Thailand. From Islands to Hill Tribes“. In: Precious Seed 72 (2017), Heft 3, S. 28f.

Über die Offenen Brüdergemeinden in Thailand (auch online).


Ken Follett: „Wie ich meinen Glauben verlor“. In: Rheinische Post 228 (30. September / 1. Oktober 2017), Magazin, S. C1–C2.

Autobiografischer Essay des unter den „Needed-Truth-Brüdern“ aufgewachsenen Bestsellerautors, zuerst auf Englisch erschienen in Granta. The Magazine of New Writing 137 (2016), S. 53–61. (Die deutsche Übersetzung ist online verfügbar, vom englischen Original gibt es auf YouTube eine Lesung des Autors mit Interview.)


Erich Geldbach: „Geschichtsschau und Gemeindeideal bei John Nelson Darby und in der Brüderbewegung“. In: Freikirchenforschung 26 (2017), S. 167–175.

Vortrag auf der Herbsttagung 2016 des Vereins für Freikirchenforschung zum Thema „Reformatio oder Restitutio? Vorstellungen von Erneuerung der Kirche in der Geschichte der Freikirchen“. Die Ausführungen sind im Wesentlichen sachlich korrekt und mit Zitaten belegt, aber der bei Geldbach obligate Seitenhieb gegen die Romanreihe Left Behind (für die Darby nicht verantwortlich ist und die er niemals gebilligt hätte) darf selbstverständlich nicht fehlen.


Tim Grass: „Restorationists and New Movements“. In: The Oxford History of Protestant Dissenting Traditions. Volume III: The Nineteenth Century. Hrsg. von Timothy Larsen und Michael Ledger-Lomas. Oxford (Oxford University Press) 2017. S. 150–174.

Die Seiten 156–160 dieses Überblicksartikels sind der Brüderbewegung gewidmet. (Der eigentlich £ 95 teure Band kann merkwürdigerweise hier vollständig als PDF heruntergeladen werden.)


Óli Jacobsen: „Jógvan F. Kjølbro (1887–1967): Ein Geschäftsmann in der Brüdergemeinde der Färöer“. In: Tjaldur. Mitteilungsblatt des Deutsch-Färöischen Freundeskreises 57/58 (Juni 2017), S. 77–85.

Biografischer Artikel, zuerst auf Englisch erschienen in Brethren Historical Review 12 (2016), S. 34–48.


David C. Kirkpatrick: „‘Freedom from Fundamentalism’: Christian Brethrenism and the Rise of Latin American Protestant Evangelical Social Christianity“. In: The Journal of World Christianity 7 (2017), S. 211–233.

Laut diesem Artikel führte die Übergabe der Leitungsverantwortung von europäischen „Brüder“-Missionaren an Einheimische in Lateinamerika zu größerem sozialem Engagement und zu einer Abkehr vom Fundamentalismus.


Gerard Kramer: „William Kelly (1821–1906)“. In: Focus op de Bijbel [9] (2017), Heft 36, S. 18–23.

Lebensbild Kellys in einer niederländischen Zeitschrift der „blockfreien“ Brüdergemeinden (auch online).


Andreas Liese: „‚Wir konnten immer das Evangelium verkünden‘. Baptisten und Brüdergemeinden im ‚Dritten Reich‘“. In: Kirchliche Zeitgeschichte 30 (2017), S. 93–133.

Der Beitrag untersucht die Entwicklung von Baptisten- und Brüdergemeinden im NS-Staat bis hin zum Zusammenschluss im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden.


Armin Lindenfelser: „Elizabeth Paget (1783–1863). Die ‚Mutter der Brüderbewegung‘“. In: Zeit & Schrift 20 (2017), Heft 4, S. 31–35.

Lebensbild der „geistlichen Mutter“ von Anthony Norris Groves, Georg Müller und Robert Cleaver Chapman (auch online verfügbar).


Peter Lineham: „Learning from History: An Exclusive Brethren Story“. In: History Making a Difference: New Approaches from Aotearoa. Hrsg. von Katie Pickles, Lyndon Fraser, Marguerite Hill, Sarah Murray und Greg Ryan. Newcastle upon Tyne (Cambridge Scholars Publishing) 2017. S. 73–91.

Der erste Teil des Aufsatzes handelt vom Geschichtsverständnis der Brüderbewegung allgemein (einschließlich der Offenen Brüder), im zweiten Teil analysiert der Autor Material aus dem Geschichtsunterricht der Raven-Taylor-Hales-Privatschulen, das ihm von einem Aussteiger zugespielt wurde.


Berlin M[artin] Nottage: „Heroes of the Faith: Brothers Beloved“. In: Cornerstone 1 (2017), Heft 1, S. 12–14.

Über die drei von den Bahamas stammenden, aber hauptsächlich unter Schwarzen in den USA wirkenden Evangelisten Whitfield Nottage (1883–1986), Talbot Burton Nottage (1885–1972) und Berlin Martin Nottage (1889–1966) (auch online). Die Zeitschrift Cornerstone wurde dieses Jahr neu gegründet.


Sarah Ponzer: „‘Disease, Wild Beasts, and Wilder Men’: The Plymouth Brethren Medical Mission to Ikelenge, Northern Rhodesia“. In: Conspectus Borealis 2 (2017), Issue 1, Article 4. 25 Seiten.

Studentische Hausarbeit über ein sehr spezielles Missionsthema, erschienen in der Zeitschrift der Northern Michigan University in Marquette (auch online).


Richard E. Strout: „Ninety Years and Counting: The History of Assemblies in Quebec“. In: Cornerstone 1 (2017), Heft 2, S. 16f.

Zusammenfassung des vom selben Autor verfassten Buches Ebb and Flow. A History of Christian Brethren Churches in French Canada 1926–2010, Port Colborne, ON (Gospel Folio Press) 2016 (der Artikel ist auch online verfügbar).


Für Hinweise auf weitere, von mir übersehene Neuerscheinungen bin ich dankbar!

200. Geburtstag von Lord Cavan

Frederick John William Lambart, 8th Earl of Cavan

Frederick John William Lambart, der 8. Earl of Cavan, gehört ähnlich wie George Frederic Trench oder Henry Heath zu den hierzulande weniger bekannten „Chief Men“ der britisch-irischen Offenen Brüder. Er wurde heute vor 200 Jahren in Fawley (Hampshire) an der Südküste Englands geboren.

Lambarts Eltern waren George Lambart, Viscount Kilcoursie, der älteste überlebende Sohn des 7. Earl of Cavan, und seine Frau Sarah geb. Coppin. Beide starben früh – die Mutter 1823 und der Vater 1828 –, sodass Frederick bereits mit 13 Jahren Vollwaise war. Von 1829 bis 1833 besuchte er die bekannte Eliteschule in Eton, anschließend trat er ins 7. Dragonerregiment ein, das damals in Irland stationiert war. In Dublin besorgte er sich 1835 zum ersten Mal in seinem Leben eine Bibel.

1837 starb Fredericks Großvater Richard Lambart, der 7. Earl of Cavan. Da sein Sohn George, der eigentliche Anwärter auf den Titel des 8. Earl,1 ebenfalls schon verstorben war, ging der Titel direkt auf den knapp 22-jährigen Enkel Frederick über. Acht Monate später heiratete dieser in London die 21-jährige Caroline Augusta Littleton, eine Tochter des Politikers Edward John Littleton, 1. Baron Hatherton.2 Die beiden bekamen mindestens acht Kinder, von denen allerdings drei früh starben.3

Von 1839 bis 1844 hielten sich die Cavans vorwiegend auf dem europäischen Kontinent auf; einen Winter verbrachten sie in Frankfurt, einen Sommer in Bad Ems, danach zwei Jahre in München. Hier begann Lord Cavan, angeregt u.a. durch einen Brief seines Schwagers Charles Evelyn Pierrepont, Viscount Newark, mit einem systematischen Studium der Bibel. Zurück in England, schloss er sich den „Brüdern“ an, denen er bis zu seinem Lebensende verbunden blieb (nach 1848 den Offenen Brüdern). 1846 war er an der Gründung der Evangelischen Allianz beteiligt.

Ab 1864 sah sich Lord Cavan zunehmend in den Predigt- und Evangelisationsdienst berufen. Sein Biograf in Chief Men among the Brethren beschreibt seinen Predigtstil wie folgt:

Quiet in manner, with little action, and no attempt to seem a striking preacher, with his Bible in one hand and his eyeglass in the other, confidence in the Lord gave power to what he spoke. “I am,” he would say, “only a plain man; but I speak what I know.” He might begin without giving the impression of much power; but after a little, with his heart yearning over those he addressed, his tender manner became full of energy, his tones earnest, and his words very solemn. The true end of preaching was reached; his hearers felt that, whether for life of death, Lord Cavan’ s testimony was a message from God.4

1866 lud Lord Cavan, der seit 1860 in Weston-super-Mare wohnte, den Evangelisten Lord Radstock (1833–1913) zum Predigen dorthin ein. Es entstand eine kleine Erweckung, bei der u.a. Friedrich Wilhelm Baedeker (1823–1906) zum Glauben kam. Besonders am Herzen lag dem Ehepaar Cavan auch der Nachbarort Milton (heute ein Stadtteil von Weston); hier kümmerten sie sich finanziell um die Armen, und Lord Cavan ließ einen Missionssaal errichten, in dem er selbst oft predigte. Karitativ engagierte er sich ferner auf der irischen Insel Achill, wo er ein Anwesen besaß.

Am 16. Dezember 1887, genau zwei Wochen vor seinem 72. Geburtstag, erlag Lord Cavan in seinem Haus in Weston-super-Mare einer Bronchitis. Über seine Beerdigung am 22. Dezember berichtete der Taunton Courier:

The mortal remains of the late Lord Cavan were interred in the Weston-super-Mare cemetery on Thursday, in the presence of a large concourse of spectators. At 11.30 a.m a short service was held in the Lodge – the residence of deceased – at the conclusion of which the cortège was formed in the following order: – First came the coffin – which was of polished oak with handsome bras [sic] fittings – on which were deposited several handsome floral tributes. Then followed, on foot, the subjoined mourners: Lord Kilcoursie, M.P. (eldest son), Col. the Hon. Oliver Lambert (brother of deceased), Capt. the Hon. A. Lambert (youngest son), Col. Slanden (son.in-law [sic]), the Hon. R. Lambert (Lord Kilcoursie’s eldest son), Col. the Hon. E. Littleton and the Hon. W. Littleton (nephews of the Countess Cavan), Mr Bowens, London (nephew of Lord Cavan), Capt. Broughton (Ampthill), and Mr Nisbet solicitor, London). Next in the procession came several ladies and the servants of the Lodge, all carrying choice wreaths, and these were followed by a large number of the clergy and gentlemen of the town and neighbourhood. In the cemetery chapel a short service was held, in which Mr T. Newbery and Mr A. Rainey took part. Subsequently, at the graveside, Dr Baedeker, Mr Newbury, and the Rev. Colin Campbell (vicar of Christ church), concluded the service, among the spectators of the mournful ceremony being the tenantry of the deceased from Glastonbury and Cannington, Rev. Preb, [sic] Stephenson (Lympsham), Rev. W. H. Turner (Banwell), Mr W. Hurman [Mayor of Bridgwa er [sic]), Mr F. J. Thomson (Bridgwater), Mr B. P. Thomas (Clifton), Capt. West (Clifton), Bev. [sic] J. Ormiston (Bristol), &c. The site of the interment is alongside the graves of three of deceased’s sons, all of whom died in their youth[.] As a mark of respect to the memory of deceased, the prinioal [sic] places of business throughout the town were partially closed during the hour of interment; the Uuion [sic] Jack was flcated [sic] at half-mast on the tower of the parish church, and a muffled peal was rung on the bells of the same parochial edifice.5

Das Lebensbild Lord Cavans aus Chief Men among the Brethren ist online zugänglich, enthält allerdings mehr fromme Redewendungen als konkrete Fakten; informativer ist der Artikel in der englischsprachigen Wikipedia.


Brief von Julius Anton von Poseck an Theophil Wilms

poseck
Julius Anton von Poseck

August Jung erwähnt in seiner Poseck-Biografie1 mehrmals einen Brief, den Julius Anton von Poseck (1816–1896) zusammen mit seiner Broschüre Christus oder Park-Street (1882) an Theophil Wilms (1832–1896), den Gründer der Freien evangelischen Gemeinde Düsseldorf, gesandt hatte. Beide Dokumente, Broschüre und Brief, gelangten später in die Bibliothek des Predigerseminars des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (heute Theologisches Seminar Ewersbach), von wo sie eines Tages unter ungeklärten Umständen verschwanden. Als Jung sein Buch schrieb, befanden sie sich im Privatarchiv eines namentlich genannten Sammlers.2 Inzwischen ist dieser verstorben, und der größte Teil seines brüdergeschichtlichen Archivs wurde nach Nordirland verkauft. Es ist also davon auszugehen, dass die beiden Dokumente jetzt dort lagern.

Von der Broschüre wurde, als sie noch in Deutschland war, eine Fotokopie angefertigt, auf der links neben dem Titelblatt auch die letzte Seite des Briefes zu sehen ist. Diese Fotokopie lag August Jung vor, und von ihr zitierte er einen längeren Abschnitt (S. 134). Der größte Teil des Briefes (23 von 24 Seiten) war der Forschung jedoch unbekannt und unzugänglich, und daran dürfte sich auch durch den Verkauf nach Nordirland nichts geändert haben.

Umso größer war meine Überraschung, als mir neulich ein alter Bruder eine vollständige maschinengeschriebene Abschrift eben dieses Briefes gab, die er beim Aufräumen gefunden hatte! Es handelt sich um einen Durchschlag (es müssen also noch weitere Exemplare existiert haben), vermutlich aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wegen seiner Seltenheit habe ich das Dokument sofort digital ediert und stelle es nun auf bruederbewegung.de zum Download zur Verfügung.

Interessanterweise entspricht der Brief nicht ganz den Erwartungen, die man aufgrund der Darstellung bei August Jung an ihn haben könnte. Denn obwohl er der Broschüre Christus oder Park-Street beigelegt war, handelt er von einem völlig anderen Thema: von der Bethesda-Trennung bzw. den Offenen Brüdern. Theophil Wilms stand mit dem Offenen Bruder Friedrich Wilhelm Baedeker in Kontakt (der auch an der Gründung der FeG Düsseldorf beteiligt war), und Poseck meinte ihn (Wilms) eindringlich vor den Offenen Brüdern warnen zu müssen. Dazu zitierte bzw. übersetzte er ausführlich aus den OB-kritischen Schriften The Brethren (commonly so-called) von Andrew Miller und Is There Not a Cause? von Alexander Craven Ord und nannte abschreckende Beispiele aus seiner eigenen Erfahrung. Sein Hauptvorwurf lautete, dass die Offenen Brüder die Irrlehren Newtons nicht ausreichend verurteilt hätten und sie immer noch duldeten, ja teilweise sogar selbst verträten.

Was auch immer man von diesem Standpunkt halten mag – einige Behauptungen August Jungs müssen wohl korrigiert oder zumindest modifiziert werden. Ich denke da an folgende:

nachdem dieser [Wilms] ihn [Poseck] noch anfangs 1882 in London besucht hatte.3

Für diese Aussage nennt Jung keinen Beleg; nach dem Brief stellt sich die Situation anders dar. Wilms hatte Poseck brieflich um ein Exemplar der Schrift Christus oder Park-Street gebeten; diese erschien frühestens im September 1882. Zu dieser Zeit war Wilms dem Verfasser aber noch „persönlich unbekannt“, deshalb bat Poseck ihn, zuerst seinen „religiösen Standpunkt und Verbindung“ angeben, was Wilms auch tat. Die Antwort stellte Poseck zufrieden, aber dann verlegte er Wilms’ Brief und vergaß seinen Namen, sodass er ihm erst mit großer Verspätung antworten konnte – sein Brief muss nach dem 8. Mai 1883 geschrieben worden sein, denn er erwähnt den „kürzlich entschlafenen A. Miller“. Eine persönliche Begegnung Wilms’ mit Poseck Anfang 1882 in London ist daher wohl eher unwahrscheinlich.

so tadelt v. Poseck ihn [Darby] und seine Anhänger als solche, die mit „einem engen Herzen auf dem engen Pfade wandeln“ […]. Somit kämpft er an zwei Fronten: Gegen eine sektiererische Enge derer in Park Street […]4

Es ist nicht sicher, dass Poseck mit dem zitierten Satz auf Darby abzielt. Darby und Park-Street kommen in dem ganzen Brief nicht vor.

Gleichwohl kam er [Poseck] öfter als früher zurück nach Deutschland und verwirklichte sein neues, brüderliches Programm dahingehend, dass er in jene freistehenden Kreise ging, die von dem weit bekannten „Offenen Bruder“ Friedrich Wilhelm Baedeker (1823–1906) geprägt waren. […] Im Einzelnen handelt es sich darum, dass durch die Wirksamkeit Baedekers einzelne Gemeinden im Westen Deutschlands entstanden waren, die durch die „Open Brethren“ in England geprägt waren.5

Bedenkt man Posecks zurückhaltendes Urteil über Baedeker und sein vernichtendes Urteil über die Offenen Brüder, erscheint es eher zweifelhaft, ob er die beschriebenen Kreise wirklich regelmäßig aufgesucht und sich dort wohlgefühlt hat. Immerhin verfolgte sein Brief von 1883 ausdrücklich das Ziel, sowohl Wilms als auch Baedeker „zur Befreiung von einer Gemeinschaft [zu] dienen“, „die nach meiner innersten Überzeugung nicht zur Ehre Gottes ist und der Sie sowohl wie er, wie ich gerne glauben möchte, bisher nur aus Mangel an genauerer oder vielleicht wegen vorenthaltener Kenntnis des wahren Tatbestandes angehört haben“.