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200. Geburtstag von Carl Brockhaus

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Carl Brockhaus (1822–1899)

Bei allen Reformationen und Erweckungen hat Gott Männer gegeben, die durch seine Kraft Herrliches vollbracht und Großes gewirkt haben. Und wenn später die Kirchengeschichte des jetzigen Jahrhunderts geschrieben werden wird, dann wird gewiß auch der Name Karl Brockhaus genannt werden als der des Mannes, der die herrliche Bewegung für die Wahrheit der Absonderung der Kinder Gottes und ihrer Aufnahme dem Herrn entgegen in die Luft in Deutschland anregte.1

Diese bemerkenswerten Sätze sagte Hermanus Cornelis Voorhoeve im Mai 1899 auf der Beerdigung von Carl Brockhaus. Bemerkenswert sind sie zum einen wegen des Freimuts, dem Verstorbenen einen derartigen Ausnahmerang zuzuerkennen (die „Brüder“-typische Beteuerung „wir sind nicht hierher gekommen, um Menschen zu loben“2 durfte allerdings trotzdem nicht fehlen), zum anderen aber auch wegen der selbstverständlichen Annahme, dass in Zukunft noch einmal eine Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts geschrieben werden würde – ein eigenartiger Kontrast zur unmittelbaren Nah­erwartung der Wiederkunft Jesu, die auch Voorhoeve am Schluss seiner Ansprache deutlich zum Ausdruck brachte:

Bald kommt der Herr Jesus, um alle die Seinigen aufzunehmen in das herrliche Haus des Vaters, wo er eine Stätte für uns bereitet hat. […] Noch wenige Augenblicke, und die Pilgerreise ist beendet und wir genießen ewige Ruhe und ewige Freude bei Jesu.3

123 Jahre später können wir jedenfalls sagen, dass Carl Brockhaus tatsächlich einen Platz in der Kirchengeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts gefunden hat, wenn auch vor allem in der freikirchlichen und „Brüder“-internen. Er gilt unbestritten als Gründervater der deutschen Brüderbewegung, denn erst seit seiner Reisetätigkeit ab 1853 kann von einer „Bewegung“ im eigentlichen Sinne gesprochen werden – die älteren Gemeindegründungen in Stuttgart und Tübingen blieben lokal begrenzt, und der Arbeit von Julius Anton von Poseck und William Henry Darby im Rheinland fehlten zu größerem Erfolg vielleicht die Volkstümlichkeit und die Kontakte, die Carl Brockhaus vom Evangelischen Brüderverein mitbrachte.

Lebensbilder

Über Carl Brockhaus’ Leben ist bereits so viel geschrieben worden, dass ich hier auf eine eigene Skizze verzichten kann. Leider ist die maßstabsetzende, wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Monografie von Rolf-Edgar Gerlach seit vielen Jahren vergriffen; online liegen immerhin Darstellungen folgender Autoren vor (chronologisch sortiert):

Den frühen Arbeiten von Eylenstein und Meister kommt teilweise der Wert von Primärquellen zu, da sie Auszüge aus den im Zweiten Weltkrieg verlorengegangenen Briefen von Carl Brockhaus zitieren (Eylenstein spricht von allein 195 Briefen an seine Frau aus den Jahren 1852 bis 18954). Es existiert ferner ein brauchbarer, wenn auch knapper Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia.

Neue Erkenntnisse

Der FeG-Kirchenhistoriker August Jung räumte um die Jahrtausendwende mit der bis dahin in der Literatur vorherrschenden Ansicht auf, es sei Heinrich Thorens gewesen, der Carl Brockhaus mit den Erkenntnissen John Nelson Darbys bekannt gemacht habe. Nach Jung kommt dieses Verdienst vielmehr Julius Anton von Poseck zu,5 und tatsächlich scheint ein erst später wiederentdecktes Zeugnis Darbys diese Version zu bestätigen. Darby berichtete am 24. November 1853 anlässlich eines „Tea Meetings“ in London:

Unser Bruder Von Poseck kam an einen oder zwei aus diesem Brüderverein heran, die umherzogen, Bibeln verkauften und sie anderen vorlasen. Durch sie verbreitete er unter ihnen verschiedene Traktate, die er aus dem Englischen übersetzt hatte, wie z.B. „Die Hoffnungen der Kirche“ usw., und einige aus dem Brüderverein nahmen die Wahrheit aus diesen Traktaten auf und gaben sie an andere weiter.6

Laut Walther Hermes stand allerdings auch Heinrich Thorens (der nichts mit dem Brüderverein zu tun hatte) in Kontakt mit den von William Henry Darby und Julius Anton von Po­seck in Düsseldorf und Hilden gegründeten Versammlungen und wurde von W. H. Darby auch mindestens einmal in Elberfeld besucht.7 Die für Jung so essentielle Frage „Thorens oder Poseck?“ muss also gar nicht als rigoroses Entweder-Oder betrachtet werden, wie Jung vorauszusetzen scheint, sondern es können durchaus auch beide Brüder an Carl Brockhaus’ Hinwendung zu Darbys Lehren beteiligt gewesen sein.

Dass Poseck bereits vor Brockhaus auch im Wuppertal aktiv war und z.B. 1852 in Gemarke (ca. 5 km nordöstlich von Elberfeld) Versammlungen mit Abendmahl abhielt, ist durch einen zeitgenössischen kirchlichen Bericht belegt.8 Aus dem 2019 erstmals veröffentlichten Briefwechsel zwischen Darby und Wigram geht jedoch hervor, dass sogar in Elberfeld bereits 1852 eine Versammlung der „Brüder“ bestanden haben muss. Wigram schrieb nämlich am 4. Dezember 1852 an Darby:

Von Poseck lässt Sie herzlichst grüßen. Er hat drei Tage Gefängnis bekommen und hatte dadurch Zeit, mit sieben Gefangenen zu sprechen. Er sagt, dass in Eberfeldt jetzt 50 [Personen] das Brot brechen.9

Einen Ort namens „Eberfeldt“ gibt es in Deutschland nicht – man kann wohl davon ausgehen, dass hier ein Schreib- oder Lesefehler vorliegt und Elberfeld gemeint ist.10 Bedenkt man die Kontakte zwischen Thorens und den „Düsseldorfern“, ist die Existenz dieser Versammlung – vielleicht in Thorens’ Wohnung? – im Grunde auch gar nicht verwunderlich; die Größe von 50 Personen (Abendmahlsteilnehmern!) erscheint allerdings beachtlich.

Der Briefwechsel zwischen Darby und Wigram ermöglicht auch sonst noch einige Erweiterungen und Korrekturen unseres bisherigen Kenntnisstandes. Darbys erste Erwähnung von Carl Brockhaus im März 1854 macht z.B. deutlich, dass die übersteigerten Heiligkeits- und Sündlosigkeitslehren, die den „Brüdern“ in zeitgenössischen Berichten oft vorgeworfen wurden, auch im Kreis um Brockhaus durchaus verbreitet waren:

Ich hatte vor, Ihnen insbesondere deshalb zu schreiben, weil die deutschen Brüder, Müller,11 Brockhaus usw., sich sehr wünschen, Sie zu sehen, falls Sie auf Ihrer Rückreise12 durch Deutschland kommen. Es sind liebe Menschen, die, wie Sie wissen, in der Gefahr standen, das Fleisch in der Praxis nicht anzuerkennen – nicht in der Lehre, sondern weil sie ausschließlich auf Christus schauten; aber ich hoffe, sie sind völlig davon befreit. […] Müller und Brockhaus wohnen in der Deweerthstraße, Elberfeld.13

Ein halbes Jahr später, während seines Besuchs in Elberfeld zur Übersetzung des Neuen Testaments, kam Darby nochmals auf dieses Thema zu sprechen:

In einer Person – und vielleicht in einer zweiten, aber ich war nicht ganz sicher, ob ich ihn verstand – fand ich noch Reste des Irrtums, der sie bedrohte; der Erste war sehr gesprächsbereit und der Zweite ein lieber Mensch, aber ich denke, die Wurzel des Irrtums ist zerstört, und ich habe Brockhaus für den Botschafter einen Artikel über Römer 7 diktiert;14 die Gefahr ist durch [Gottes] Barmherzigkeit gebannt.15

Im selben Brief berichtete Darby über die begonnene Übersetzungsarbeit:

Ich diktiere Brockhaus jetzt eine Übersetzung des Neuen Testaments; Brockhaus sorgt für das deutsche Idiom, und ich hoffe, [auch noch] Posecks Hilfe zu bekommen.16

Zur Entstehung der Elberfelder Bibel finden sich in der Briefausgabe noch viele weitere bisher unbekannte Informationen, die im Rahmen dieses Carl Brockhaus gewidmeten Beitrags aber nicht alle ausgewertet werden können. Relevant ist noch folgendes Lob im Zusammenhang mit der Übersetzung des Alten Testaments 1869/70:

Brockhaus verfügt über ein gutes Deutsch und Voorhoeve über einen sehr klaren Kopf und das Gedächtnis, alle Punkte zu bemerken, die übersehen werden könnten, während ich mich im Hebräischen vergraben habe […].17

Wigram erwähnte 1863 eine Geldspende aus England an die Geschwister um Brockhaus:

[…] da ich von Carl Brockhaus gehört habe, dass in seiner Umgebung die Unseren in großer Not sind, erschien es besser, £ 1518 an ihn zu senden (es war die zweite Summe für ihn, denn Ralph Evans’19 Notgroschen, den er an Mrs Wheeler oder sonst jemand geschickt hatte, war auf £ 17 angewachsen und vorher [an Brockhaus] gegangen), wo die Not gegenwärtig am stärksten drückt, als sie im Stich zu lassen […]20

Abschließend noch eine tragische Kuriosität, die sich Anfang 1861 in Ründeroth zutrug und sogar von einer österreichischen Zeitung gemeldet wurde:

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Kremser Wochenblatt, 23. Februar 1861, S. 3

50. Todestag von Wilhelm Koll

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Wilhelm Koll (1882–1971)

China war bis zur kommunistischen Machtübernahme eines der wichtigsten Missionsgebiete der Kelly-Lowe-Continental-Brüder. Auch mehrere deutsche Missionare arbeiteten dort, darunter Wilhelm Koll, dessen Todestag sich heute zum 50. Mal jährt. Ich fasse im Folgenden ein Referat zusammen, das Klaus Mauden 2017 im Arbeitskreis Geschichte der Brüderbewegung hielt,1 und ergänze es lediglich durch einige genealogische Daten.

Johannes Wilhelm Koll wurde am 13. März 18822 in Barmen geboren und erlernte zunächst den Kaufmannsberuf. Nach einer Begegnung mit dem englischen Chinamissionar Thomas Hutton (1856–1926) ging er im Oktober 1911 gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Gustav (1887–1957) nach London, um sich am Livingstone Medical College für den Missionsdienst medizinisch ausbilden zu lassen. 1912 reisten die beiden Brüder nach China aus und begannen ihre Arbeit in Hinghwa.

Im Ersten Weltkrieg wurde Wilhelm Koll zum Militärdienst in der deutschen Kolonie Tsingtau einberufen, die allerdings bereits wenige Monate später in die Hände der Japaner fiel, was für Koll fünf Jahre japanische Kriegsgefangenschaft zur Folge hatte. Nach seiner Entlassung setzte er die Arbeit in Hinghwa fort, wobei er besonders in der medizinischen Versorgung der Chinesen tätig war. Als 1922 der Arzt Hans Neuffer (1892–1968) nach China kam, unterstützte Koll dessen Arbeit im neu gebauten Krankenhaus.

Nach einem Heimaturlaub in Deutschland ab 1926 heiratete Wilhelm Koll am 7. Oktober 1929 in Shanghai die Engländerin Elsie Alice Ransom (1896–1977), die bereits einige Jahre als Lehrerin in China gearbeitet hatte. In den beiden folgenden Jahren wurden die Kinder Ruth Elsie (1930–2006) und Godfrey Ernest (1931–2019) geboren. 1937 machte die Familie eine Reise nach England und von dort im Mai 1938 nach Deutschland, wo sie verbotene Zusammenkünfte der „Nichtbündler“ besuchten. Wilhelm Koll kehrte noch im selben Jahr nach China zurück; seine Familie konnte erst 1940 über die USA nachreisen.

Die Missionsarbeit in Hinghwa endete 1946, als die Stadt von den Kommunisten erobert wurde. Auf abenteuerliche Weise gelangte die Familie Koll nach Shanghai, doch Wilhelm erhielt als Deutscher kein Ausreisevisum, sodass Elsie mit den beiden Kindern im Dezember 1946 allein nach England aufbrechen musste. Erst Ostern 1947 durfte Wilhelm nachkommen. Die Familie ließ sich in Iver Heath westlich von London nieder und zog 1969 nach Eastbourne.

Wilhelm Koll war in mehreren Ländern noch oft im Verkündigungsdienst aktiv, Elsie arbeitete in der Kinder- und Jugendarbeit von Jean André in der Schweiz mit und übersetzte auf den Konferenzen in Zürich. Am 13. September 1971, heute vor 50 Jahren, starb Wilhelm Koll im 90. Lebensjahr.

150. Geburtstag von Daniel Jacob Danielsen

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Daniel Jacob Danielsen (1871–1916)

Das Gebiet der heutigen Demokratischen Republik Kongo war von 1885 bis 1908 Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II. (1835–1909). Während dieser Zeit wurden die Kautschukvorkommen des Landes von europäischen Unternehmen mittels Sklaverei und Zwangsarbeit systematisch ausgeplündert, wobei es „massenhaft zu Geiselnahmen, Tötungen, Verstümmelungen und Vergewaltigungen“ kam (Wikipedia). Einer der Ersten, die dieses Unrecht öffentlich anprangerten, war der färöische Offene Bruder (Ludvig) Daniel Jacob Danielsen. Von 1901 bis 1903 als Ingenieur auf einer Missionsstation im Kongo tätig, erfuhr er aus erster Hand von den Gräueltaten und fertigte von etlichen Verstümmelungsopfern Beweisfotos an, die er Ende 1903 in Schottland und Anfang 1904 auf den Färöer-Inseln in mehreren Vortragsveranstaltungen öffentlich zeigte, womit er einen wesentlichen Beitrag zur Aufdeckung der Verbrechen leistete.

Genaueres über Danielsens Leben wissen wir erst seit wenigen Jahren durch die Forschungen des färöischen Historikers Óli Jacobsen. Geboren am 25. Juni 1871, heute vor 150 Jahren, in Kopenhagen als unehelicher Sohn einer färöischen Mutter, wuchs er auf den Färöer-Inseln auf. Mit 18 Jahren ging er nach Schottland, ließ sich zum Schiffsingenieur ausbilden und bereiste anschließend die Welt. Zum Glauben kam er 1897 nach einer Freiluftevangelisation in Glasgow. Er engagierte sich eine Weile in der Glasgower Seemannsmission und studierte dann ein Jahr an dem von Henry Grattan Guinness (1835–1910) gegründeten East London Institute for Home and Foreign Missions. Es folgte der oben erwähnte Missionseinsatz im Kongo, den er allerdings wegen seines aufbrausenden Temperaments schon nach zwei Jahren abbrechen musste (der Vorwurf, er habe Einheimische ausgepeitscht, erwies sich dagegen als Verleumdung).

Im Mai 1904 heiratete Danielsen die Färöerin Nicoline Henriette Niclasen (genannt Lina, 1878–1937), die er bei einem seiner Vorträge in Edinburgh kennengelernt hatte. Zwei Monate später kehrten sie auf die Färöer-Inseln zurück, wo Danielsen in den verbleibenden zwölf Jahren seines Lebens als Evangelist tätig war und zahlreiche Gemeinden der Offenen Brüder gründete. Er starb am 16. Oktober 1916 in der färöischen Hauptstadt Tórshavn. Kurz vor seinem Tod konnte er noch seinen Cousin Victor Danielsen (1894–1961) taufen, der später seine evangelistische Arbeit fortsetzte und die erste Bibelübersetzung in die färöische Sprache schuf.

Die Forschungsergebnisse Óli Jacobsens – sowohl sein 33-seitiger Artikel „Daniel J. Danielsen (1871–1916): The Faeroese who Changed History in the Congo“ (2012) als auch sein 200-seitiges Buch Daniel J. Danielsen and the Congo: Missionary Campaigns and Atrocity Photographs (2014) – sind online frei zugänglich. Einen knappen Überblick über Danielsens Leben bietet der Artikel in der englischsprachigen Wikipedia.


Dieser Beitrag erschien zuerst zum 100. Todestag Danielsens am 16. Oktober 2016.

200. Geburtstag von William Kelly

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William Kelly (1821–1906)

Diesen Beitrag kann ich genauso beginnen wie den über Charles Henry Mackintosh am 1. Oktober 2020:

In diesem Monat wäre William Kelly, einer der bekanntesten Geschlossenen Brüder des 19. Jahrhunderts, 200 Jahre alt geworden. Leider ist sein genaues Geburtsdatum (ebenso wie das seines sieben Monate älteren Landsmanns Charles Henry Mackintosh) nicht bekannt und auch von seinem Biografen Edwin Cross nicht ermittelt worden – vielleicht weil die betreffenden Kirchenbücher bei der Zerstörung des Public Record Office im Irischen Bürgerkrieg (1922) verloren gingen?1

Leben

Über Kellys Leben liegen online mindestens 20 kürzere oder längere Biografien, Würdigungen, Artikel und sogar eine Dissertation vor, sodass ich hier wie üblich auf eine eigene Skizze verzichte und nur eine sprachlich und chronologisch sortierte Linkliste biete:

In deutscher Sprache:

In englischer Sprache:

In niederländischer Sprache:

Nachrufe

Bei meinen Recherchen im British Newspaper Archive (BNA) bin ich auf mehrere Zeitungsartikel über Kellys Tod gestoßen, die meines Wissens bisher noch nie vollständig zitiert worden sind und daher hier einen Platz finden mögen. Den Anfang scheint die renommierte Londoner Times gemacht zu haben, die im BNA leider nicht vertreten ist; der Wortlaut ihres Nachrufs lässt sich aber der Yorkshire Post vom 2. April 1906 entnehmen:

1906-04-02 The Yorkshire Post 8 Obituary (Kelly)
The Yorkshire Post, 2. April 1906, S. 8

Dieser von einem ungenannten Korrespondenten (vielleicht E. E. Whitfield?) eingesandte Nachruf bildete wohl die Grundlage für die weiteren Zeitungsartikel über Kellys Tod. Die Brighton Gazette brachte am 5. April eine Notiz in der Spalte „Personal Gossip“:

1906-04-05 Brighton Gazette 7 Personal Gossip (Kelly)
Brighton Gazette, 5. April 1906, S. 7

Ein deutlich längerer Text, der den Times-Nachruf ebenfalls mit verwertet, aber auch die Trennung von 1881 erwähnt und von Kellys Beerdigung berichtet, erschien einen Tag später im Kentish Mercury (Greenwich). Der besseren Lesbarkeit halber gebe ich ihn in Transkription wieder:

The death occurred on Tuesday last week, at The Firs, Denmark-road, Exeter, of Mr. William Kelly, of Verner Lodge, Belmont-park, Lee. The deceased gentleman, who was a well-known member of the Plymouth Brethren, was born in the north of Ireland in 1820 [sic!]. He graduated at Trinity College, Dublin, with the highest honours in Classics, and joined the Plymouth Brethren in 1840. In 1860 he published a critical Greek Text of the Revelation of St. John, which Ewald pronounced in the Göttinger Jahrbücher to be the best piece of work of the kind that had come under his notice. For 50 years Mr. Kelly was editor of the monthly Bible Treasury, a periodical which the late Archdeacon Denison in his old age described as “the only one worth reading.” A book on the Mosaic Cosmogony – In the Beginning – brought to the writer a warm appreciation from Archbishop Benson. The Times says: – “In the judgment of outsiders he was a representative of erudition second only to Tregelles. Mr. Kelly was characteristically a lecturer; his discourses on the Apocalypse – from the Futurist point of view – and those on the New Testament doctrine of the Holy Spirit have been widely circulated. His last most considerable work is entitled God: [sic] Inspiration of the Scriptures (1903), in which he combated the Higher Criticism. A man of incisive intellect and a keen controversialist, he was the chief henchman of the late John Nelson Darby (‘J.N.D.’), and editor of his Collected Writings.” But in 1881 their friendship was broken, and the “Close Brethren” divided into “Kellyites” and “Darbyites.” For a considerable period Mr. Kelly resided in Guernsey, but for the last 30 years his home was at Lee, he attending the meeting at Bennett-park, Blackheath. He recently, on the suggestion of the Archbishop of York, presented his large and valuable theological library to the town of Middlesbrough. The funeral took place at Charlton Cemetery on Saturday, between 500 and 600 persons being present. In accordance with deceased’s strong aversion to anything like display the ceremony was of a very quiet and unostentatious character. At the graveside the hymns “For ever with the Lord” and “Saviour before Thy face we fall” were sung, and appropriate portions of Scripture were read. Addresses were given by Dr. Heyman Wreford, of Exeter (at whose house Mr. Kelly died), and Mr. T. Moore, of Bournemouth, the latter saying that a fortnight before his death Mr. Kelly remarked that there were three things that were real, the Cross of Christ, hatred of the world, and love of God. The funeral arrangements were entrusted to Messrs. Francis Chappell and Sons, of Lee Bridge and Catford.2

Der Rat der Stadt Middlesbrough, der Kelly seine Bibliothek gestiftet hatte, drückte in seiner Sitzung vom 10. April sein Bedauern über den Tod des Spenders aus:

1906-04-11 The Yorkshire Post 9 (Kelly)
The Yorkshire Post, 11. April 1906, S. 9

Zweieinhalb Wochen später war in der Presse – heute unvorstellbar – sogar der Wert von Kellys Nachlass zu lesen:

1906-04-28 Irish Independent 6 (Kelly)
Irish Independent, 28. April 1906, S. 6
1906-05-04 The Kentish Mercury 2 (Kelly)
The Kentish Mercury, 4. Mai 1906, 2

£ 5892 bzw. 5891 entsprechen nach heutiger Kaufkraft mindestens £ 630.800 (= ca. € 734.500).

Ewald über Kelly

Die drei im Times-Nachruf genannten prominenten Kelly-„Bewunderer“ Ewald, Denison und Benson werden auch in späteren Lebensbildern Kellys immer wieder zitiert (was einigermaßen erstaunlich ist, legen die Geschlossenen Brüder doch sonst auf den Beifall der „Welt“, auch der „religiösen Welt“, wenig Wert). Besonders interessant – da nachprüfbar – ist die Aussage des gemäßigt bibelkritischen3 Göttinger Theologieprofessors Heinrich Ewald (1803–1875) über Kellys Edition des griechischen Neuen Testaments. Das Zitat tritt in zwei leicht voneinander abweichenden Varianten auf: Laut der Times hielt Ewald das Buch für “the best piece of work of the kind that had come under his notice”; in Chief Men among the Brethren überliefert Whitfield später den Wortlaut “the best piece of English work of the kind that he had seen”.

Ewalds Rezension erschien 1861 im 11. Band seiner Jahrbücher der Biblischen wissenschaft [sic], umgangssprachlich Göttinger Jahrbücher genannt, S. 247f. (für eine schärfere Version bitte Bild anklicken):

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Jahrbücher der Biblischen wissenschaft 11 (1860/61), S. 247f.

Hat man sich einmal an die eigenartige Rechtschreibung gewöhnt (Ewald folgte den Reformvorschlägen Jacob Grimms), so stellt man überrascht fest, dass das Times-Zitat nirgendwo im Text vorkommt. Der Ton der Besprechung ist zwar insgesamt wohlwollend („recht nüzlich“, „sehr genau“, „manche gute bemerkung“), aber den Superlativ “best piece of work of the kind that had come under his notice” sucht man vergebens. Entweder hat Ewald sich noch woanders (vielleicht mündlich?) über das Buch geäußert, oder (wahrscheinlicher) wir haben es hier mit einer ungenauen Überlieferung zu tun, die mit der Zeit den Charakter einer frommen Legende annahm (immerhin vergingen zwischen der Rezension und Kellys Tod 45 Jahre).

Hätte Ewald gewusst, dass Kelly der Brüderbewegung angehörte, wäre seine Besprechung übrigens vielleicht kritischer ausgefallen. Zwölf Jahre zuvor hatte er nämlich zwei der frühen Übersetzungen von Julius Anton von Poseck und William Henry Darby in die Hände bekommen und in den Jahrbüchern rezensiert – falls man diesen unsachlichen, rein emotionalen Verriss überhaupt eine Rezension nennen kann:

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Jahrbücher der Biblischen wissenschaft 2 (1849), S. 77

150. Todestag von Sir Alexander Campbell

Sir Alexander Campbell gehört zu jenen „Brüdern“ der ersten Generation, deren Name in jeder Geschichte der Brüderbewegung vorkommt, über deren Leben aber darüber hinaus nicht sehr viel bekannt ist. Ouweneel beispielsweise erwähnt ihn in Het Verhaal van de “Broeders” siebenmal, meist jedoch nur in Verbindung mit anderen Personen. So gehörte Campbell zu den Besuchern der Powerscourt-Konferenz von 18331 und zu den frühen „Brüdern“ in Plymouth, von wo er aber bereits Ende der 1830er Jahre wegzog.2 Nach Darbys Trennung von Newton im Oktober 1845 war Campbell einer der Brüder, die nach Plymouth kamen, „um den Zustand zu untersuchen“, wobei er deutlich mit Darbys Seite sympathisierte.3 Bei der Informationsveranstaltung in der Londoner Rawstorne Street im Februar 1847 schließlich legten er und etliche andere Brüder „klare und ernste Zeugnisse” gegen Newton ab.4

Jugend

Wer war Sir Alexander Campbell? Die bisher einzige nennenswerte Veröffentlichung über ihn ist ein kurzer Artikel von Timothy C. F. Stunt in der Brethren Historical Review 12 (2016),5 der wesentliche Eckpunkte seines Lebens benennt, aber ebenfalls noch manche Fragen offenlassen muss. Da er (im Gegensatz zu vielen anderen BHR-Artikeln) nicht online verfügbar ist, fasse ich ihn hier zusammen und ergänze ihn um einige neuere Erkenntnisse.

Campbell wurde am 22. Oktober6 1804 als Alexander Thomas Cockburn7 in Madras (Indien) geboren, wo sein Großvater mütterlicherseits, der Schotte Alexander Campbell (1760–1824), in der britischen Militärverwaltung tätig war. Mit knapp drei Jahren wurde er von seinem Großvater nach England gebracht, doch bereits im folgenden Jahr verlor er beide Eltern (die Mutter durch einen Schiffsuntergang), sodass er bei seinem Onkel Thomas Cockburn in Devon oder Cornwall aufwuchs. Sein Großvater verfolgte unterdessen seine Karriere weiter, wurde 1815 in den niederen Adelsstand erhoben (Baronet) und brachte es 1820 bis zum Oberbefehlshaber der Madras Army. Als er am 11. Dezember 1824 ohne überlebenden Sohn starb, ging der Adelstitel durch eine (bereits 1821 getroffene) Ausnahmeregelung auf seinen 20-jährigen Enkel Alexander Thomas Cockburn über, der sich fortan Sir Alexander Thomas Cockburn-Campbell, 2nd Baronet nennen durfte.

Bei den „Brüdern“

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Schwiegervater Sir John Malcolm (1769–1833)

Über Campbells nächstes Lebensjahrzehnt ist fast nichts bekannt, außer dass er 1827 seine Cousine Margaret Malcolm heiratete und das folgende Jahr mit ihr in Indien zubrachte (als Adjutant seines Schwiegervaters Sir John Malcolm). Die Rückkehr nach England erfolgte offenbar wegen Margarets Gesundheit. Spätestens 1836 lebten sie in Plymouth, denn im Januar dieses Jahres wurde dort ihre zweite Tochter Olympia geboren (die erste, Charlotte Isabella, war 1834 im Londoner Vorort Teddington zur Welt gekommen8). Der Übertritt zu den „Brüdern“ muss sich bereits einige Jahre früher ereignet haben, da James Butler Stoney Campbells Anwesenheit auf der Powerscourt-Konferenz von 1833 bezeugt.9 Als der Schweizer Pastor Carl von Rodt 1836 die Gemeinde in Plymouth besuchte, logierte er bei Campbell und berichtete:

Unter den begabtesten Brüdern bemerkt man den Capitän Hill10 und den Baron [sic] Campbell, von welchem letztern ich gastfreundlich aufgenommen worden bin; sein Haus ist ein Muster eines christlichen Hauses, und seine Einfachheit ist um so bemerkenswerther, da die Engländer im Allgemeinen die Pracht lieben. Sein Haus wird, obgleich es gut bedient und geräumig ist, doch selbst dem ängstlichen Gewissen nicht Anstoß geben. Der Hausgottesdienst breitet Frieden und herzliche Liebe unter den Hausgenossen aus.11

Campbells Frau Margaret schrieb mehrere Lieder, die später in die Liederbücher der „Brüder“ Eingang fanden, doch sie starb bereits 1841 im Alter von knapp 33 Jahren.12 Zu dieser Zeit lebte die Familie in Exeter, wo Campbell 1840 ein Versammlungsgebäude namens Providence Chapel hatte errichten lassen.

1842 heiratete Campbell erneut, und zwar die 37-jährige Grace Spence, die zuvor wahrscheinlich Gouvernante seiner Töchter gewesen war. Sie brachte in den folgenden Jahren zwei Söhne (Alexander und Thomas) und eine Tochter (Cecilia) zur Welt. In diese Zeit fielen die oben beschriebenen Auseinandersetzungen um Benjamin Wills Newton, die Campbell anscheinend recht mitnahmen, denn ein Teilnehmer der Konferenz in Bath im Mai 1848 hielt folgende Beobachtung für erwähnenswert:

During an interval between the meetings he remained in the room, with his legs resting on one of the benches, looking desolate and dejected.13

Tatsächlich muss es in den folgenden Jahren bei Campbell sogar zu einer ernsten Glaubenskrise gekommen sein. Darby schrieb am 18. Januar 1851 aus Montpellier an George Vicesimus Wigram in Le Vigan:

Campbell goes I suppose to St Hipp[*olyte?] Tuesday. You will see I suppose how he is; he reads now the bible, but it is astonishing how he is numbed. It is a miserable thing infidelity. I never saw it so near morally, but I hope there is progress.14

Demnach war Campbell also in Zweifel, wenn nicht gar in offenen „Unglauben“ (infidelity) geraten und begann soeben erst wieder in der Bibel zu lesen. Wigram ließ ihm im März 1853 Darbys Schrift The Irrationalism of Infidelity zukommen,15 in der Darby die Bibel und den christlichen Glauben gegen die Angriffe des Skeptikers Francis William Newman verteidigte – auch dies ein Hinweis auf Campbells (offenbar ähnliche) geistliche Situation.

Europa

Die Erwähnung von „St Hipp“ – die Herausgeber der Briefedition identifizieren den Ort als Saint-Hippolyte im südfranzösischen Département Gard, etwa 50 km nördlich von Darbys Aufenthaltsort Montpellier und 30 km östlich von Wigrams Aufenthaltsort Le Vigan – liefert uns den derzeit einzigen Aufschluss über Campbells Verbleib in diesen Jahren. Spätestens Ende 1847 war die Familie von Exeter nach Barnstaple gezogen, aber im britischen Census von 1851 ist sie (mit Ausnahme der beiden Töchter aus erster Ehe) unauffindbar – was sich mit einem Auslandsaufenthalt gut erklären lässt. Nach Stunt könnten dafür finanzielle Gründe ausschlaggebend gewesen sein:

Many British aristocrats and gentry, living on a fixed income from annuities, found that they could buy more with their pounds when living abroad.16

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Robert von Mohl (1799–1875)

1855 finden wir die Familie (offenbar einschließlich der beiden ältesten Töchter) in Heidelberg, und hier stoßen wir nun auf das größte ungelöste Rätsel in Campbells Leben. Robert von Mohl (1799–1875), der zu dieser Zeit Juraprofessor in Heidelberg war, berichtet in seinen Lebenserinnerungen Folgendes:

Von dem fluktuierenden Teile der Heidelberger Gesellschaft ausführlich zu berichten, wäre nicht am Platze. Solche Zugvögel hatten doch zu wenigen Einfluß auf die wirklichen Verhältnisse, obgleich unter ihnen sehr nette Leute waren, schöne Frauen und Mädchen, erfahrene und weitgereiste Weltmänner. So zum Beispiel […] Sir A. Campbell, ein Schwiegersohn von Sir John Malcolm, er für seine Person ein schuftiges Subjekt, welches die Familie schließlich an dem Swan River in Australien als Polizeibeamten unterbrachte, dessen Töchter aber reizende Erscheinungen waren; […]17

„Ein schuftiges Subjekt“ – welches Fehlverhalten Campbells mag zu diesem erstaunlichen, an Geringschätzung kaum zu überbietenden Urteil Mohls geführt haben? Bisher liegen darüber keinerlei gesicherte Erkenntnisse vor. Heutige Nachkommen Campbells in Australien nehmen an, dass er nach wie vor finanzielle Probleme hatte – beging er vielleicht ein Betrugsdelikt? Die nachfolgende Karriere als „Polizeibeamter“ käme dann freilich sehr überraschend. Tatsache ist, dass Campbell 1858 ohne seine Familie nach Australien emigrierte; seine zweite Tochter, die „reizende Erscheinung“ Olympia, hatte 1857 noch den Heidelberger Kaufmann Charles Uhde (1814–1859), Besitzer des Schlösschens in Handschuhsheim, geheiratet.18

Australien

In der weit entfernten britischen Kolonie wirkte Campbell zunächst als Superintendent of Police in Perth, dann als Magistrate (Friedensrichter) in Albany.19 Nach Europa kehrte er, soweit bekannt, nur noch zweimal zurück: 1859 rekrutierte er in Irland Männer für den australischen Polizeidienst,20 und 1869/70 besuchte er die Schweiz und England. Dass er in dieser Phase seines Lebens noch (oder wieder) den „Brüdern“ angehörte, ist unwahrscheinlich; dennoch erfuhren diese von seinem Besuch, denn Darby schrieb im Dezember 1869 an Wigram:

Sir A Campbell, poor fellow, is back, thinking to take them all to Australia. I wrote to him: I have not yet heard.21

You know doubtless that poor Campbell is back, going with family to Australia.22

Warum die Familie und insbesondere seine Frau Grace ihn nicht bereits 1858 nach Australien begleitet hatte, liegt im Dunkeln; Grace zog dies wohl zeitweise in Erwägung,23 konnte sich jedoch nie dazu entschließen, auch nicht Ende 1869, als Darby die obigen Zeilen schrieb. Über die Beziehung der getrennt lebenden Eheleute kann man überhaupt nur Spekulationen anstellen. Grace blieb im Gegensatz zu ihrem Mann den „Brüdern“ treu; soweit wir wissen, lebte sie 1859–61 in der Schweiz, 1861–64 auf Guernsey, 1864–68 in England, 1868–70 erneut in der Schweiz und zum Schluss wieder in England. Campbell besuchte sie Ende 1869 in der Schweiz, reiste dann allerdings gleich weiter nach England, wohin Grace ihm erst im März 1870 folgte. Als sie am 31. Juli 1870 in Southport im Alter von knapp 65 Jahren starb, waren ihre Kinder Cecilia und Alexander und möglicherweise auch ihr Mann bei ihr.24

Auch Campbell selbst waren nur noch wenige Lebensmonate beschieden. Er kehrte wahrscheinlich im Herbst 1870 nach Australien zurück und heiratete dort im April 1871 die 32-jährige Sophia Jane Trimmer, eine ältere Schwester seiner Schwiegertochter Lucy Ann (die im Mai 1870 – also während Campbells Aufenthalt in England – seinen jüngeren Sohn Thomas geheiratet hatte). Nur drei Wochen nach dieser dritten Eheschließung, am 23. April 1871, heute vor 150 Jahren, starb Sir Alexander Campbell an seinem Wohnort Albany, 66 Jahre alt.

Nachkommen

Über Campbells älteste Tochter Charlotte Isabella habe ich nach 1851 nichts Sicheres mehr herausfinden können; da Mohl von „reizenden Erscheinungen“ im Plural spricht, fand auch sie möglicherweise einen Ehepartner auf dem europäischen Kontinent.

Die zweite Tochter Olympia wurde bereits nach zwei Jahren Ehe mit Charles Uhde Witwe und heiratete 1863 den deutschen Adligen Friedrich James Ernst Ochoncar Bruno von Poellnitz (1840–1903), mit dem sie fünf Kinder hatte.25 Sie starb am 7. September 1892 im österreichischen Bregenz.26

Alexander, der ältere Sohn aus Campbells zweiter Ehe, besuchte seinen Vater 1867/68 in Australien, ließ sich aber nicht dauerhaft dort nieder und blieb unverheiratet. Er erbte nach dem Tod seines Vaters den Adelstitel, starb jedoch selbst bereits weniger als fünf Monate später, am 6. September 1871.

Damit ging die Baronetswürde auf seinen jüngeren Bruder Thomas über, der 1864 seinem Vater nach Australien gefolgt war und den heute noch existierenden australischen Zweig der Familie begründete. Er arbeitete als Landvermesser, Farmer, Politiker und Zeitungsherausgeber und starb am 27. September 1892 in Perth. Mit der oben genannten Lucy Ann Trimmer hatte er sechs Kinder; sein ältester Sohn Alexander Thomas (1872–1935) erbte den Adelstitel, der bis heute fortgeführt wird.

Die Tochter Cecilia, die ebenfalls unverheiratet blieb, emigrierte erst nach dem Tod ihres Vaters nach Australien und wurde katholisch. Wann und wo sie starb, ist unbekannt.27


150. Todestag von David Walther

troesterAls Julius Anton von Poseck und William Henry Darby 1849 begannen, englische und französische „Brüderliteratur“ ins Deutsche zu übersetzen, war ihr bevorzugter Autor John Nelson Darby – mehr als die Hälfte der „Düsseldorfer Schriften“ stammte aus seiner Feder. Unter den sonstigen Übersetzungen trug nur eine einzige einen Autorenvermerk: Die 22-seitige Broschüre Die Persönlichkeit des Trösters. Aus dem Englischen (1850) enthielt ein von „D. Walther“ unterzeichnetes Vorwort.

Angesichts der th-Schreibweise des Nachnamens würde man den Verfasser vielleicht eher im deutschen als im englischen Sprachraum vermuten, und tatsächlich stammte der Vater von David Walther aus Deutschland: Johann Heinrich Walther (1745/46–1835) war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Hannover nach London ausgewandert, wo er sich Henry nannte und in den 1780er Jahren eine Buchbinderei gründete. Als ältester überlebender Sohn aus seiner 1790 geschlossenen zweiten Ehe mit Henrietta Petit (1756–1815) wurde 1794 der hier in Rede stehende David geboren.

Leben

Über Walthers Leben und Wirken hat der langjährige CBA-Archivar David Brady 2017 in der Brethren Historical Review einen ausführlichen Artikel veröffentlicht, der in einer 2020 nochmals erweiterten und aktualisierten Fassung auf der BAHN-Website verfügbar ist. Ich kann mich daher im Folgenden auf einen knappen Überblick beschränken.

David Walther ließ sich – nach einigen frühen Versuchen als Dichter – spätestens 1820 als Buchhändler und Verleger in der Brydges Street im Londoner Stadtteil Covent Garden nieder. 1823 heiratete er Isabella Hawkins, die in den folgenden Jahren zwei Töchter zur Welt brachte, jedoch bereits 1831 starb. 1834 zog Walther mit seinem Geschäft in die Straße Piccadilly, 1836 schloss er sich wahrscheinlich den „Brüdern“ an. In seinem Verlag hatte er von Anfang an neben säkularen auch christliche Titel herausgegeben, darunter 1833 ein Buch aus eigener Feder (Vindiciæ Biblicæ: A Series of Notices and Elucidations of Passages in the Old and New Testaments, which have been the Subject of Attack and Misrepresentation by Deistical Writers). Das Werk, das mit fünf Auflagen wohl zum größten Bestseller des Unternehmens wurde, erschien ab 1838: Jean-Henri Merle d’Aubignés History of the Great Reformation of the Sixteenth Century in Germany, Switzerland, etc. in anfangs drei, später fünf Bänden.

Von 1841 bis 1846 verlegte Walther auch Schriften von Darby. Nach der Spaltung von 1848 kam seine Versammlung in der Londoner Orchard Street jedoch auf der „offenen“ Seite zu stehen, die Walther mit mehreren Schriften auch publizistisch unterstützte, allerdings nicht mehr im eigenen Verlag: Etwa um diese Zeit stellte er seine Geschäftstätigkeit ein und ließ die ca. 40 meist knappen Schriften seiner letzten beiden Lebensjahrzehnte (die umfangreichste darunter war eine 74-seitige Erwiderung auf Francis William Newmans Phases of Faith, 1851) bei anderen Londoner Verlagen wie Campbell, Yapp oder Nisbet erscheinen. Am 16. April 1871, heute vor 150 Jahren, starb David Walther in seiner Londoner Wohnung.

1871-04-20 The Whitehaven News 5 Died (Walther)
The Whitehaven News, 20. April 1871, S. 5
walther_npc
National Probate Calendar 1871

„Die Persönlichkeit des Trösters“

Als die Broschüre Die Persönlichkeit des Trösters 1850 in Düsseldorf erschien, gehörte ihr Autor demnach bereits den Offenen Brüdern an. Möglicherweise war dies den Übersetzern gar nicht bekannt – Julius Anton von Poseck war ja erst im Sommer 1848 (ziemlich genau zur Zeit der Bethesda-Trennung) zum Glauben gekommen, und William Henry Darby hielt sich seit Herbst 1848 in Düsseldorf auf (die Versammlung Walthers in der Orchard Street wurde erst 1849 von der Trennung erreicht). Vielleicht war ihnen aber auch der Inhalt wichtiger als die Gemeindezugehörigkeit des Verfassers – mit Jerusalem und der Mensch der Sünde (ebenfalls 1850) brachten sie immerhin sogar eine Schrift heraus, die (zumindest teilweise) auf Benjamin Wills Newton zurückging.1

Das englische Original der Walther-Broschüre, The Personality of the Comforter, Briefly Considered, war 1848 in London erschienen und ist heute extrem selten: Außer in der British Library scheint nirgendwo mehr ein Exemplar erhalten geblieben zu sein, auch nicht im Christian Brethren Archive. Thema der Schrift ist die Personalität oder Personhaftigkeit des Heiligen Geistes – das griechische Wort parakletos (Joh 14,16.26; 15,26; 16,7; 1Joh 2,7), das in der Elberfelder Bibel traditionell mit „Sachwalter“ übersetzt wurde (in der revidierten Ausgabe seit 1985 „Beistand“), erscheint in der englischen Authorized oder King James Version (und auch noch in der Übersetzung Darbys2) als „Comforter“.

walther_vorwortDie Wiedergabe mit „Tröster“ war zeitgenössischen deutschen Lesern aus der Lutherbibel vertraut; insofern bot der Titel der Broschüre keine Verständnisschwierigkeiten. Vom Innenteil lässt sich dies leider nicht sagen; tatsächlich ist die Übersetzung von einer derartigen Sperrigkeit und Schwerfälligkeit, dass man viele Sätze mehrmals lesen muss, um ihnen überhaupt einen Sinn abzugewinnen.

Bereits die ersten zwei Absätze des Vorworts sind keine stilistische Meisterleistung, wenn auch noch nachvollziehbar:

Ein Wort, das ich mit einem theuern Bruder gewechselt habe, veranlaßt mich, eine Bemerkung zu machen in der Weise eines Vorwortes.

Indem der heilige Geist gegeben ist, um der Kirche zu helfen, damit sie ihr Nahesein zu Gott bewirklichen möge; so ist der Geist doch oft so sehr mißverstanden worden, daß der Herr dadurch sogar in Entfernung gestellt ward. (S. [3])

„In der Weise eines Vorwortes“, „Nahesein zu Gott bewirklichen“, „in Entfernung gestellt“ – das war auch Mitte des 19. Jahrhunderts kein geläufiges, idiomatisches Deutsch (für keine dieser Wendungen findet man Treffer auf Google Books). Aber es wird noch deutlich schlimmer:

Das Andenken an den heiligen Geist, als an eine gesandte Person, was eine große Schriftwahrheit ist, wird als ganz besonders hervorgehoben von der heil. Schrift unterhalten; – und es beugt dem nebelartigen Wahrnehmen, unter welchem die Kenntniß von Gott zuweilen entwickelt wird, vor. (S. 9)

Von der Heiligen Schrift wird also „das Andenken als ganz besonders hervorgehoben unterhalten“, und die Kenntnis von Gott wird „zuweilen unter einem nebelartigen Wahrnehmen entwickelt“ – was damit gemeint ist, kann man allenfalls erahnen, und man hätte gerne die englische Vorlage zum Vergleichen! Dass es keine bessere Möglichkeit gab, diese Sätze ins Deutsche zu übertragen, mag man jedenfalls kaum glauben.

Der Gesandte für die gegenwärtige Heilsanstalt trägt das Zeugniß von Ihm, – welchen zu sehen den Vater sehen war. (S. 10)

„Heilsanstalt“ ist möglicherweise ein früher Übersetzungsversuch für das englische Wort dispensation, aber ob den Zeitgenossen die Bedeutung dadurch wirklich transparent wurde, erscheint zweifelhaft. Auch der Satzteil nach dem Gedankenstrich kann schwerlich als gutes, idiomatisches Deutsch durchgehen.

Wir träumen und plaudern von Einfluß, wann er mit unserem Geiste in Vertraulichkeit umgeht, und das bis zum Unerforschlichen der frohen Gegenstände dieser Wahrheit. (S. 12)

Der erste Satzteil (bis „umgeht“) soll offenbar betonen, dass der Heilige Geist eine Person ist und kein bloßer „Einfluß“, aber der letzte Teil hängt sowohl syntaktisch als auch semantisch seltsam in der Luft – was soll man sich unter dem „Unerforschlichen der frohen Gegenstände dieser Wahrheit“ vorstellen?

Ich schätze die Thatsache, daß die Form [„den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“] nur bei Matthäus vorkommt. (S. 13)

„Schätzen“ ergibt hier wenig Sinn; in der Vorlage könnte acknowledge gestanden haben, was zwar auch „schätzen, würdigen“ bedeuten kann, hier aber besser mit „zugeben, einräumen“ zu übersetzen wäre.

Tragen wir dieß im Gemüthe, dann werden wir fähiger sein, den Grund für die theilweise Oeffnung der Wahrheit, wo diese vorkömmt, zu verstehen, welche wir in der Unruhe der Neugierde erfolglos zuvergrößern [sic] suchen.

Ich kann mich keiner Sache erinnern, die als ein Bedürfniß der Kirche eine weitere Eröffnung der Verhältnisse zwischen den Personen der Dreieinheit erheischen könnte, als schon gegeben ist. (S. 18)

Man versteht hier – wie an vielen Stellen der Broschüre – zwar einzelne Satzteile, aber es wäre mir nicht möglich, den Sinn dieser beiden Absätze mit eigenen Worten wiederzugeben.

Ob Die Persönlichkeit des Trösters ein repräsentatives Beispiel für die Qualität der Poseck-Darby’schen Übersetzungen ist, bedürfte einer genaueren Untersuchung; in den bisherigen Darstellungen (Ischebeck, Hermes, Jung usw.) sind die „Düsseldorfer Schriften“ ja immer nur aufgelistet, aber nie inhaltlich oder sprachlich analysiert worden. Wahrscheinlich wird man davon ausgehen können, dass der schriftliche Dienst von Carl Brockhaus ab 1853 auch deswegen eine größere Wirkung erzielte, weil er es verstand, sich volkstümlicher auszudrücken. Was David Walther angeht, so blieb Die Persönlichkeit des Trösters wohl die einzige seiner Schriften, die ins Deutsche übersetzt wurde.


200. Geburtstag von Charles Stanley

stanley
Charles Stanley (1821–1890)

Heute vor 200 Jahren wurde Charles Stanley, einer der bekanntesten Evangelisten der Geschlossenen Brüder im 19. Jahrhundert, in Laughton-en-le-Morthen bei Rotherham (Nordengland) geboren. Im Brotberuf selbständiger Geschäftsmann, nutzte er seine häufigen Reisen zur Verkündigung des Evangeliums und ließ später auch zahlreiche Traktate drucken, die als „C. S. tracts“ weite Verbreitung fanden. Ab etwa 1880 war er Herausgeber der von Charles Henry Mackintosh gegründeten Zeitschrift Things New and Old.

Über Stanleys Leben liegen online die Kurzbiografie aus Henry Pickerings Chief Men among the Brethren (mit falschem Todesjahr), ein Artikel von John Bjorlie (aus Uplook, 1992), Stanleys autobiografischer Bericht The Way the Lord has Led Me; or, Incidents of Gospel Work sowie Hugh Henry Snells Recollections of the Last Days of Charles Stanley (auch als Faksimile) vor. Das Kapitel über Stanley aus Arend Remmers’ Gedenket eurer Führer scheint – im Gegensatz zu vielen anderen Lebensbildern aus diesem Buch – bisher nicht digitalisiert worden zu sein.

Nachrufe

Welche Bekanntheit Stanley zu Lebzeiten genoss, macht die Presseberichterstattung über seinen Tod und sein Begräbnis deutlich. Am 31. März 1890 brachten der Sheffield Daily Telegraph und der Evening Telegraph & Star gleichlautend folgenden Artikel:

Sheffield Daily Telegraph, 31. März 1890, S. 6

Im Sheffield & Rotherham Independent hieß es am selben Tag:

The Sheffield & Rotherham Independent, 31. März 1890, S. 3

Die Altersangabe 72 ist offensichtlich falsch; das richtige Alter konnten die Leser der Zeitung einen Tag später unter den Familiennachrichten finden:

The Sheffield & Rotherham Independent, 1. April 1890, S. 6

Beisetzung

In großer Ausführlichkeit wurde über Stanleys Beisetzung am 3. April 1890 berichtet; tatsächlich sind zwei der Artikel so lang, dass ich sie nicht als Bilddateien wiedergeben kann, sondern transkribieren musste. Hier zunächst der Bericht des Sheffield Daily Telegraph vom 4. April 1890, S. 7, der auch einige sonst nicht überlieferte Einzelheiten über Stanleys berufliche Tätigkeit enthält:

THE INTERMENT OF MR. CHAS. STANLEY OF ROTHERHAM.

Yesterday the funeral of Mr. Charles Stanley, of Moorgate Grove, Rotherham, took place in the Rotherham Cemetery amid many manifestations of respect. Mr. Stanley died whilst seated at the dinner table on Sunday last. For many years he had carried on the business of an export merchant in Sheffield and Birmingham, and at one time the growth of the Indian trade for general Birmingham goods necessitated his removal from Sheffield to the Midland town. Just over quarter of a century ago Mr. Stanley was offered the sole right of working a French patent brought out by the brother of a great friend of his, and seeing that it could be turned to good account he gradually relinquished the Sheffield and Birmingham businesses. This patent was a new plan for chemically scouring wool, in fact for the extraction of oil or fatty matter from any material, seeds, &c. His son, Mr. C. L. Stanley, joined him at this time, and greatly improved the machinery, which quickened the process, making the business a great success. The works at Wath grew, and are now the largest of the kind in the country. Although Mr. Stanley retired from business ten or eleven years ago, he did not give up work. He laboured hard in other ways. He conducted a religious periodical, was the writer of a very large number of tracts, preached regularly in the meeting-room of the brethren in Moorgate, and had a large correspondence with friends all over the world. In public affairs he never seemed to take any prominent part, but he was nevertheless very widely known. The large attendance at the graveside yesterday was some slight testimony of the loss which has been sustained by his decease. The funeral cortége left the residence in Moorgate Grove at about half-past eleven o’clock, and proceeded to the meeting room in Moorgate, where service was held in the presence of a large congregation. Mr. H. H. Snell, of Sheffield, officiated, and with Dr. Davy, of Sheffield, assisted in the ceremony at the grave. The mourners were: – First carriage: Mr. C. L. Stanley, of Oakwood, Rotherham; Mrs. Stanley, widow; Mr. and Mrs. Thomas Andrews, of Wortley. Second carriage: Mr. and Mrs. W. A. Stanley, of East Farleigh, Kent, and Mr. and Mrs. P. H. C. Chrimes, of Plumtree, Bawtry. Third carriage: Mr. C. H. Stanley, Mrs. C. L. Stanley, Mr. S. H. Burrows, of Sheffield, and Dr. Dyson, of Sheffield. Fourth carriage: Mr. and Mrs. Richard Chrimes and Mr. and Mrs. J. Kay. Fifth carriage: Mr. J. H. Burrows, of Sheffield; Mr. Fred. Elgar, of Rochester; Mr. H. H. Snell, of Sheffield; and Dr. Oxley, the deceased gentleman’s medical attendant. Sixth carriage: Dr. Davy and family, of Sheffield. Seventh carriage: Mr. Charles E. Chrimes and family. The private carriages brought into requisition were those of the deceased gentleman, Mr. C. L. Stanley, Mr. P. H. C. Chrimes, Mr. R. Chrimes, Mr. S. H. Burrows, and Dr. Davy. Amongst those attending the funeral were Mr. P. H. Stanley, Mr. E. Stanley, Miss Stanley, the Misses Lillian, Beatrice, and Irene Stanley, Mr. Thomas Barker (Otley), Dr. Snell (Sheffield), Mr. Moore, Mr. Hardy, Mr. Loveridge (Harrogate), Mr. Cutting (Derby), Mr. C. Spink (Chiselhurst), Mr. A. Mace (London), Mr. G. Morrish (London), Mr. J. Morrish (London), Mr. Sharpley (Sheffield), Mr. Brammer (Sheffield), Mr. Bowen (Ollerenshaw Hall), Mr. P. B. Coward, Mr. E. G. Cox, Mr. F. L. Harrop, Mr. H. Bray, Dr. Branson, Mr. F. Myers, Mr. J. S. Ward, Mr. J. Dickinson, Mr. J. M. Horsfield, Mr. H. Leedham, Mr. W. H. Sheldon, Mr. J. Hudson, Mr. J. Rodgers, Mr. Joseph France, Dr. Wolston (Nottingham), Mr. J. M. Radcliffe, Mr. J. Gillett, Mr. O. Fox, Mr. Pontis, and many other friends. The coffin, which was of polished oak with brass mountings, had placed upon it beautiful wreaths sent by grandchildren – Irene and Harry Cecil Stanley, of Oakwood. The interment was in the family vault. Mr. W. Arnett, of Rotherham, had charge of the funeral arrangements, and Mr. J. Hutchinson was the undertaker.

Weniger Informationen über Stanleys Leben, aber dafür noch mehr Details über die Beisetzung lieferte der Bericht des Sheffield & Rotherham Independent vom 4. April 1890, S. 6:

INTERMENT OF THE LATE MR. C. STANLEY, OF ROTHERHAM.

Yesterday afternoon the remains of Mr. Charles Stanley, of Moorgate Grove, who died suddenly on Sunday, were interred at the General Cemetery, Rotherham. The deceased gentleman was greatly respected by the members of the denomination of Christians known as “The Brethren,” and his local philanthropy and consistency of life had gained for him the esteem and regard of his neighbours. The attendance at the funeral was therefore large, and included many from distant parts of the country with whom the deceased gentleman had been connected in various ways, amongst them being gentlemen of distinction in the religious denomination to which the deceased belonged. The funeral procession left Moorgate Grove about noon. Preceding the hearse were about forty workmen from the oil and silver refineries at Wath. The coffin, which had been supplied by Mr. James Hutchinson, was of polished oak with brass mountings, and bore the inscription, “Char[l]es Stanley, born March 10, 1821; died March 30, 1890.” The mourning carriages contained the following relatives: – First carriage, Mr. C. L. Stanley, Mrs. Stanley, Mr. Andrews, and Mrs. Andrews, of Wortley; second carriage, Mr. and Mrs. W. Stanley, East Farleigh, Maidstone, Kent; Mr. P. H. C. Chrimes and Mr. H. Chrimes; third carriage, Mrs. Luther Stanley, Mr. Charles Stanley, Mr. L. Burrows[,] Sheffield, and Dr. Dyson, Sheffield; fourth carriage, Mr. J. H. Burrows, Mr. Farr, Mr. H. H. Snell, Sheffield; Mr. Elgar, Maidstone, Kent; fifth carriage, Mr. and Mrs. Chrimes, Mr. and Mrs. Kay. The carriages following were those of Mr. Stanley, Mr. Hy. Chrimes, Mr. Luther Stanley, Mr. S. H. Burrows, and Dr. Davy. The cortege proceeded to the church of the Brethren, Moorgate, and this being the first service of the kind held in the building, there was a large attendance, every seat being occupied, and many persons unable to obtain admission. Among those present were Captain Thompson, Bedford ; Mr. C. Spink, London; Mr. Walsh, Bedford; Mr. George Cutting, Derby; Dr. Snell, Sheffield; Mr. F. Smith, Hoyland; Mr. Doughty, Barnsley; Mr. Bowen, Whaley Bridge; Mr. Heighway, Manchester; Mr. Young, Hull; Mr. Garbutt, Driffield; Mr. T. Barker[,] Otley; Mr. Oglesby and Mr. Springthorpe, Barnsley; Mr. Hardy, Mr. Moore, Mr. Loveridge, and Mr. Mace, Harrogate; Mr. Ramsden, Carlton Hall; Mr. F. C. Harrop, Swinton; Mr. T. Bramah and Mr. C. J. Bramah, Clifton; Dr. Davy, Mr. R. Jardine, Mr. R. Brown, Mr. J. Dalton, and Mr. M. Harrison, Sheffield; Dr. Oxley, Dr. Branson, and Messrs. P. B. Coward, J. M. Radcliffe, H. Bray, J. S. Ward, F. J. Myers, W. H. Sheldon, J. France, J. Rodgers, J. Dickinson, T. Horsfield, Dawson, Marcroft, Pontis, &c., Rotherham. The service was conducted by Dr. H. H. Snell, Sheffield, who offered prayer, and then selected the words, “He is Lord of all,” from Acts, x., 36, upon which he delivered a discourse. He remarked that he did not suppose he could select any words in the whole compass of the Scriptures more comprehensive, more solemn, or more personal to every one that day. He dwelt on how Christ came to be Lord over all, and the fact that all things were subjected to Him. He created everything, and had a right by reason of His deity, His eternal Godhead, to everything. He pointed out how that Christ died, rose, and revived to the end that he might be Lord both of the dead and the living. He did not think that was the time and place to say much of the departure of their brother. He himself felt bereaved. He was not using the word without meaning, for personally he felt bereaved. Through God’s mercy for more than twenty years he had been in happy Christian fellowship with the deceased, for the most part in fellowship beyond that which usually existed between men. The last occasion they met together was he thought the happiest they had ever had, and he could only say to them, as brethren and sisters in Christ, that they would be happy in eternity. Let them therefore own God together, and God would take and keep them. He believed none of them were yet sensible of the loss they had sustained, but they had confidence in the confidence their departed brother had in Christ, and he believed that he was lifted up where they would see him again. They would take and deposit the body in the grave feeling that the spirit had gone to the Lord himself who was Lord of all, of the dead and the living. A hymn was then sung and prayer was offered by Mr. Harrison, and the service ended. The procession was re-formed, there being about 300 persons preceding the hearse, and at the cemetery the coffin was lowered into the family vault, and prayer was offered by Dr. H. H. Snell and Dr. Davy. Two of the children of Mr. Luther Stanley placed beautiful wreaths at the entrance, and the sad ceremony terminated. Mr. Arnett was the undertaker, and Mr. J. Moorhouse supplied the hearse and mourning coaches.

Der Leeds Mercury fasste sich kürzer, wusste aber noch einige neue Einzelheiten zu berichten (auch wenn er sich im Blick auf Stanleys Gemeindezugehörigkeit nicht sonderlich gut informiert zeigte):

The Leeds Mercury, 4. April 1890, S. 8

Nachlass

Wie erfolgreich Stanley als Geschäftsmann gewesen war, zeigt sein Eintrag im National Probate Calendar:


Das angegebene persönliche Vermögen von £ 20.448 6s. 11d. entspricht nach heutiger Kaufkraft mindestens 2,258 Millionen Pfund (= ca. 2,635 Millionen Euro).

151. Geburtstag von Dan Crawford

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Dan(iel) Crawford (1869–1926)

Eigentlich sollte dies ein Post zum 150. Geburtstag des schottischen Afrikamissionars Dan(iel) Crawford werden, aber bei der Vorbereitung stieß ich zu meinem Erstaunen auf die Tatsache, dass sein Geburtsjahr fast überall falsch angegeben wird: Sowohl die englische Wikipedia als auch das Dictionary of African Christian Biography als auch das Christian Brethren Archive als auch die Website Missiology.co.uk nennen 1870, aber tatsächlich wurde Crawford bereits am 7. Dezember 1869, also heute vor 151 Jahren, geboren. Das belegen seine Geburtsurkunde, von der mir eine Kopie zugesandt wurde, sowie der Eintrag in der Datenbank Scotland Births and Baptisms, 1564–1950. Auch Henry Pickerings Chief Men among the Brethren, dessen Daten sonst nicht immer zu trauen ist, liefert hier die richtige Jahreszahl.

Crawford wurde besonders durch seinen Buchtitel Thinking Black bekannt, der prägnant zusammenfasst, was die Grundlage seiner Missionsarbeit in Afrika war. J. Keir Howard schreibt dazu im oben verlinkten Artikel aus dem Dictionary of African Christian Biography:

In many ways he was far ahead of his time, as his books (Thinking Black and Back to the Long Grass) show very clearly. His approach to others was summed up in his words, “I am de-nationalized – a brother to all men; Arab, African, Mongol, Aryan, Jew; seeing in the Incarnation a link that binds us up with all men”. This attitude led him to an identification with the Africans and their culture that was not generally welcomed by his European associates at the time […].

Über Crawfords Leben liegen online bereits genügend Darstellungen vor (s.o.), sodass ich hier auf eine eigene Skizze verzichte. Stattdessen gebe ich drei Zeitungssausschnitte zu seinem Tod wieder, die ich bei meinen Recherchen im British Newspaper Archive fand:

1926-06-10 Evening Telegraph and Post, Dundee 6 (Crawford)
Evening Telegraph and Post, Dundee, 10. Juni 1926, S. 6
1926-06-11 Evening Telegraph and Post, Dundee 2 Here and There (Crawford)
Evening Telegraph and Post, Dundee, 11. Juni 1926, S. 2
1926-06-23 The Western Morning News 9 The Free Church Outlook (Crawford)
The Western Morning News, Plymouth, 23. Juni 1926, S. 9

150. Todestag von Christopher James Davis

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Christopher James Davis (1842–1870)

Christopher James Davis, dessen Todestag sich heute zum 150. Mal jährt, stellt in mehrerer Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung unter den (Geschlossenen) „Brüdern“ des 19. Jahrhunderts dar: Zum einen war er wohl der einzige prominente Schwarze unter ihnen, zum anderen war er mindestens ebenso sehr für sein humanitäres Engagement bekannt wie für sein geistliches.

Leben

Geboren am 23. April 1842 in Barbados als Sohn eines britischen Vaters und einer barbadischen Mutter, erlernte Davis zunächst den Lehrerberuf und war daneben als methodistischer Laienprediger aktiv. Bald schloss er sich jedoch den „Brüdern“ an. 1866 ging er nach London, um Medizin zu studieren; im April 1870 erwarb er in Aberdeen den Grad eines Bachelor of Medicine (M.B.).1 Nach einigen Monaten ärztlicher Tätigkeit im St Bartholomew’s Hospital in London sah er sich im September 1870 berufen, verwundete Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg zu versorgen und die Einrichtung von Suppenküchen zu unterstützen. Bei diesem aufopferungsvollen Dienst infizierte er sich mit den Pocken und verstarb innerhalb weniger Tage am 27. November 1870 in Pont Maugis, erst 28 Jahre alt.

Sein Tod fand in der Presse breite Aufmerksamkeit. The Daily News brachte am 5. Dezember 1870 einen ausführlichen Nachruf von W. H. Bullock, der in mehreren anderen Zeitungen (auszugsweise) nachgedruckt wurde,2 und am folgenden Tag einen weiteren Bericht über seine Arbeit. Das medizinische Fachblatt The Lancet veröffentlichte am 10. Dezember einen kürzeren Artikel mit dem Titel „Le Bon Docteur Noir“, der ebenfalls in mehrere Zeitungen Eingang fand.3 Interessant ist die folgende Charakterisierung Davis’ aus dem Aberdeen Journal vom 14. Dezember 1870 (Hervorhebung hinzugefügt):

As is known to many of our readers, Dr Davis was a blythe, handsome-looking man, with exceedingly frank and affable manners. He possessed considerable ability, and graduated at the University here in the spring at the present year. He was perhaps best known in this quarter in connection with his evangelical meetings, and his able advocacy of the doctrines of Plymouthism. He took a very earnest and active interest in the welfare of the poor and degraded classes, during the time of his residence here as a medical student, and we know from thoroughly impartial testimony, was the means of doing a great deal of good. He did all this without in the slightest manner obtruding himself upon the notice of the public, and more than one good deed, which deserves to be proclaimed, was kept secret at his own express desire.

The Dundee Courier & Argus druckte am 15. Dezember 1870 Auszüge aus einem Brief ab, den Richard Chrimes, Organisator der finanziellen Unterstützung von Davis’ Arbeit in Frankreich, an die Spender geschickt hatte. Er schilderte darin die letzten Tage des Verstorbenen sowie seine Beisetzung am 29. November auf dem protestantischen Friedhof von Sedan, bei der – sicher ungewöhnlich für die Beerdigung eines Geschlossenen Bruders – drei Pastoren sprachen (darunter auch ein Deutscher).

Auch christliche Zeitschriften begannen sich nun für Davis zu interessieren. Im Mai 1871 machten mehrere englische Zeitungen auf eine Kurzbiografie in The Sunday at Home aufmerksam,4 und wenige Monate später erschien im Baseler Evangelischen Missions-Magazin (herausgegeben von Hermann Gundert) einer der ersten deutschsprachigen Artikel über Davis – unter dem nun geradezu sprichwörtlich werdenden Titel „Der gute schwarze Doktor“, der ihm in Frankreich beigelegt worden war. Dieses Lebensbild habe ich bereits 2017 auf bruederbewegung.de wiederveröffentlicht.

An weiteren online zugänglichen Informationsquellen über Davis sind u.a. zu nennen:

Schriften und Vorträge

In seinem kurzen Leben veröffentlichte Davis mehrere Broschüren und Bücher, die auf der Website STEM Publishing größtenteils digital verfügbar sind. Als Beispiele für seinen evangelistischen Verkündigungsdienst mögen hier einige Zeitungsausschnitte dienen:

1869-03-27 Berkshire Chronicle 5
Berkshire Chronicle, 27. März 1869, S. 5
1869-03-27 Reading Mercury 3
Reading Mercury, 27. März 1869, S. 3
1869-04-03 Reading Mercury 5
Reading Mercury, 3. April 1869, S. 5
1869-04-22 The Glasgow Herald 8
The Glasgow Herald, 22. April 1869, S. 8
1870-04-23 The Sheffield & Rotherham Independent 1
The Sheffield & Rotherham Independent, 23. April 1870, S. 1

Kritik

Dass Davis’ humanitäres Engagement in den Kreisen der Geschlossenen Brüder durchaus nicht auf ungeteilte Zustimmung stieß, berichtet Neatby in seiner History of the Plymouth Brethren (Hervorhebung hinzugefügt):

[Darby] once overheard a company of them discussing the recent death of Dr. Davis – a young coloured man, known as “the good black doctor,” who after qualifying in London as a surgeon lost his life from small-pox while attending on the wounded in the Franco-Prussian war. The work for which he laid down his life was deemed a sadly worldly piece of philanthropy by the zealots of Darbyism, and the group was actually discussing whether it were not by a judgment mingled with mercy that the young surgeon had been called hence. Darby broke in on the debate with an impatient, “Well, well, God has accepted his service and taken him home”.5

William Kelly war in diesem Punkt derselben Ansicht wie Darby:

I heard Dr. D[avis] censured (by the S[toney?] following in general) for going on behalf of the sick and of souls to Sedan. This I never did and I did not think it was for me, or for them, to judge.6


200. Geburtstag von Charles Henry Mackintosh

mackintosh
Charles Henry Mackintosh (1820–1896)

In diesem Monat wäre Charles Henry Mackintosh, einer der bekanntesten Geschlossenen Brüder des 19. Jahrhunderts, 200 Jahre alt geworden. Leider ist sein genaues Geburtsdatum (ebenso wie das seines sieben Monate jüngeren Landsmanns William Kelly) nicht bekannt und auch von seinem Biografen Edwin Cross nicht ermittelt worden – vielleicht weil die betreffenden Kirchenbücher bei der Zerstörung des Public Record Office im Irischen Bürgerkrieg (1922) verloren gingen?1

Leben

Über Mackintoshs Leben sind bereits etliche Darstellungen online verfügbar:

Ich begnüge mich deshalb hier mit einer Übersetzung des knappen Artikels von Edward Elihu Whitfield aus The New Schaff-Herzog Encyclopedia of Religious Knowledge (Bd. 7, 1910):

MACKINTOSH, CHARLES HENRY: Plymouth-Bruder; * 1820 in der Grafschaft Wicklow, Irland; † 2. November 1896 in Cheltenham (7 Meilen nordöstlich von Gloucester). Er war einige Jahre Lehrer in Westport, Grafschaft Mayo, Irland. Den größten Teil seines Lebens widmete er sich jedoch der Evangelisation, dem Hirtendienst, dem religiösen Journalismus (als Herausgeber der Monatszeitschrift Things New and Old) und der religiösen Literatur. Er war der Autor der Gedanken zu den fünf Büchern Mose, die sich großer Beliebtheit erfreuten und besonders in den Vereinigten Staaten in enormer Zahl verkauft wurden, sodass die Initialen „C.H.M.“, unter denen sie erschienen, vielen vertraut waren – der Name, für den sie standen, aber wahrscheinlich nicht. Mr Gladstone lobte seinen englischen Stil; Spurgeon lobte die Gedanken, insbesondere den Band über das 2. Buch Mose, auch wenn er mit ihrem „Darbysmus“ nicht einverstanden war.

Darby über Mackintosh

Einige interessante Hinweise auf Mackintosh sind in John Nelson Darbys Briefwechsel mit George Vicesimus Wigram zu finden, der letztes Jahr erstmals im Druck erschien2 (die Originale werden im Christian Brethren Archive in Manchester aufbewahrt). Am 8. Mai 1854 schrieb Darby an Wigram:

There is blessing in Ireland, and Macintosh active.3

Im August 1854 leitete Darby eine Anfrage Mackintoshs an Wigram weiter:

Macintosh desires to know the best elementary books to learn Hebrew. I thought you would know them better than me, so I write to you […].4

Mitte Dezember desselben Jahres wusste Wigram zu berichten:

McIntosh is supplying for Miller, who is in Scotland for 10 days, & is lecturing round London meeting rooms.5

Anfang Dezember 1857 hatte Darby von Mackintoshs geplanter neuer Zeitschrift Things New and Old gehört und schrieb darüber aus Gebweiler (Elsass) an Wigram:

I hear you are to have a new periodical by Mackintosh. lt is all well if there are not too many, that makes four. They may reach different classes, and if so it will be a most happy result.6

Im Januar 1862 wurden Mackintoshs Notes on Leviticus in der Zeitschrift The Quarterly Journal of Prophecy attackiert; Darby äußerte sich dazu im Juli wie folgt:

I have no doubt Macintosh has expressed himself unguardedly in his expressions, but the accusing him of denying the true humanity of Christ is simple unrighteousness: he is just as plain and clear as any of us on it. The poor Church people glutton in what attacks brethren and feed on ordure: I am sorry for it but how can one help it? That is all the feeling I have about it. lt is a very bad sign for them.7

1863 kam es erneut zu Angriffen auf Mackintosh; Darby schrieb Mitte August aus Kanada:

I judge Macintosh has been very rash in some of his papers which I had never seen or heard of before, and then words used against it which could also be attacked, as all human language can on such subjects. […] still certainly Macintosh has given occasion, by strong statements on it, to this spirit which has arisen, tho’ that be not the origin.8

1865 fühlte sich schließlich sogar Darby gedrängt, öffentlich gegen eine Schrift Mackintoshs (über Buße) Stellung zu beziehen.9 Er sandte einen entsprechenden Artikel an Wigram für dessen Zeitschrift The Present Testimony, doch Wigram lehnte ab: Für kontroverse Veröffentlichungen dieser Art sei die Zeitschrift nicht gedacht.10 Darbys Kritik wurde Mackintosh jedoch privat zugeschickt, und er nahm sie sofort demütig an.11 In welche Richtung die Kritik ging, wird aus einem Brief Darbys an Wigram von Ende Juni 1865 deutlich:

The last thing I should desire would be to pain dear Macintosh. But the system is one of great importance. What I fear is superficiality and jumping into peace, the conscience unreached. Previous inward work hinders this in Macintosh & others like him, but this is not so with those who receive the doctrine.12

Todesanzeige

Mackintoshs Todesnotiz in der Gloucestershire Chronicle fiel kurz und bündig aus:

1896-11-07 Gloucestershire Chronicle 4 (Mackintosh)
Gloucestershire Chronicle, 7. November 1896, S. 4