Kategorie-Archiv: Geschlossene Brüder

150. Todestag von Christopher James Davis

davis
Christopher James Davis (1842–1870)

Christopher James Davis, dessen Todestag sich heute zum 150. Mal jährt, stellt in mehrerer Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung unter den (Geschlossenen) „Brüdern“ des 19. Jahrhunderts dar: Zum einen war er wohl der einzige prominente Schwarze unter ihnen, zum anderen war er mindestens ebenso sehr für sein humanitäres Engagement bekannt wie für sein geistliches.

Leben

Geboren am 23. April 1842 in Barbados als Sohn eines britischen Vaters und einer barbadischen Mutter, erlernte Davis zunächst den Lehrerberuf und war daneben als methodistischer Laienprediger aktiv. Bald schloss er sich jedoch den „Brüdern“ an. 1866 ging er nach London, um Medizin zu studieren; im April 1870 erwarb er in Aberdeen den Grad eines Bachelor of Medicine (M.B.).1 Nach einigen Monaten ärztlicher Tätigkeit im St Bartholomew’s Hospital in London sah er sich im September 1870 berufen, verwundete Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg zu versorgen und die Einrichtung von Suppenküchen zu unterstützen. Bei diesem aufopferungsvollen Dienst infizierte er sich mit den Pocken und verstarb innerhalb weniger Tage am 27. November 1870 in Pont Maugis, erst 28 Jahre alt.

Sein Tod fand in der Presse breite Aufmerksamkeit. The Daily News brachte am 5. Dezember 1870 einen ausführlichen Nachruf von W. H. Bullock, der in mehreren anderen Zeitungen (auszugsweise) nachgedruckt wurde,2 und am folgenden Tag einen weiteren Bericht über seine Arbeit. Das medizinische Fachblatt The Lancet veröffentlichte am 10. Dezember einen kürzeren Artikel mit dem Titel „Le Bon Docteur Noir“, der ebenfalls in mehrere Zeitungen Eingang fand.3 Interessant ist die folgende Charakterisierung Davis’ aus dem Aberdeen Journal vom 14. Dezember 1870 (Hervorhebung hinzugefügt):

As is known to many of our readers, Dr Davis was a blythe, handsome-looking man, with exceedingly frank and affable manners. He possessed considerable ability, and graduated at the University here in the spring at the present year. He was perhaps best known in this quarter in connection with his evangelical meetings, and his able advocacy of the doctrines of Plymouthism. He took a very earnest and active interest in the welfare of the poor and degraded classes, during the time of his residence here as a medical student, and we know from thoroughly impartial testimony, was the means of doing a great deal of good. He did all this without in the slightest manner obtruding himself upon the notice of the public, and more than one good deed, which deserves to be proclaimed, was kept secret at his own express desire.

The Dundee Courier & Argus druckte am 15. Dezember 1870 Auszüge aus einem Brief ab, den Richard Chrimes, Organisator der finanziellen Unterstützung von Davis’ Arbeit in Frankreich, an die Spender geschickt hatte. Er schilderte darin die letzten Tage des Verstorbenen sowie seine Beisetzung am 29. November auf dem protestantischen Friedhof von Sedan, bei der – sicher ungewöhnlich für die Beerdigung eines Geschlossenen Bruders – drei Pastoren sprachen (darunter auch ein Deutscher).

Auch christliche Zeitschriften begannen sich nun für Davis zu interessieren. Im Mai 1871 machten mehrere englische Zeitungen auf eine Kurzbiografie in The Sunday at Home aufmerksam,4 und wenige Monate später erschien im Baseler Evangelischen Missions-Magazin (herausgegeben von Hermann Gundert) einer der ersten deutschsprachigen Artikel über Davis – unter dem nun geradezu sprichwörtlich werdenden Titel „Der gute schwarze Doktor“, der ihm in Frankreich beigelegt worden war. Dieses Lebensbild habe ich bereits 2017 auf bruederbewegung.de wiederveröffentlicht.

An weiteren online zugänglichen Informationsquellen über Davis sind u.a. zu nennen:

Schriften und Vorträge

In seinem kurzen Leben veröffentlichte Davis mehrere Broschüren und Bücher, die auf der Website STEM Publishing größtenteils digital verfügbar sind. Als Beispiele für seinen evangelistischen Verkündigungsdienst mögen hier einige Zeitungsausschnitte dienen:

1869-03-27 Berkshire Chronicle 5
Berkshire Chronicle, 27. März 1869, S. 5
1869-03-27 Reading Mercury 3
Reading Mercury, 27. März 1869, S. 3
1869-04-03 Reading Mercury 5
Reading Mercury, 3. April 1869, S. 5
1869-04-22 The Glasgow Herald 8
The Glasgow Herald, 22. April 1869, S. 8
1870-04-23 The Sheffield & Rotherham Independent 1
The Sheffield & Rotherham Independent, 23. April 1870, S. 1

Kritik

Dass Davis’ humanitäres Engagement in den Kreisen der Geschlossenen Brüder durchaus nicht auf ungeteilte Zustimmung stieß, berichtet Neatby in seiner History of the Plymouth Brethren (Hervorhebung hinzugefügt):

[Darby] once overheard a company of them discussing the recent death of Dr. Davis – a young coloured man, known as “the good black doctor,” who after qualifying in London as a surgeon lost his life from small-pox while attending on the wounded in the Franco-Prussian war. The work for which he laid down his life was deemed a sadly worldly piece of philanthropy by the zealots of Darbyism, and the group was actually discussing whether it were not by a judgment mingled with mercy that the young surgeon had been called hence. Darby broke in on the debate with an impatient, “Well, well, God has accepted his service and taken him home”.5

William Kelly war in diesem Punkt derselben Ansicht wie Darby:

I heard Dr. D[avis] censured (by the S[toney?] following in general) for going on behalf of the sick and of souls to Sedan. This I never did and I did not think it was for me, or for them, to judge.6


200. Geburtstag von Charles Henry Mackintosh

mackintosh
Charles Henry Mackintosh (1820–1896)

In diesem Monat wäre Charles Henry Mackintosh, einer der bekanntesten Geschlossenen Brüder des 19. Jahrhunderts, 200 Jahre alt geworden. Leider ist sein genaues Geburtsdatum (ebenso wie das seines sieben Monate jüngeren Landsmanns William Kelly) nicht bekannt und auch von seinem Biografen Edwin Cross nicht ermittelt worden – vielleicht weil die betreffenden Kirchenbücher bei der Zerstörung des Public Record Office im Irischen Bürgerkrieg (1922) verloren gingen?1

Leben

Über Mackintoshs Leben sind bereits etliche Darstellungen online verfügbar:

Ich begnüge mich deshalb hier mit einer Übersetzung des knappen Artikels von Edward Elihu Whitfield aus The New Schaff-Herzog Encyclopedia of Religious Knowledge (Bd. 7, 1910):

MACKINTOSH, CHARLES HENRY: Plymouth-Bruder; * 1820 in der Grafschaft Wicklow, Irland; † 2. November 1896 in Cheltenham (7 Meilen nordöstlich von Gloucester). Er war einige Jahre Lehrer in Westport, Grafschaft Mayo, Irland. Den größten Teil seines Lebens widmete er sich jedoch der Evangelisation, dem Hirtendienst, dem religiösen Journalismus (als Herausgeber der Monatszeitschrift Things New and Old) und der religiösen Literatur. Er war der Autor der Gedanken zu den fünf Büchern Mose, die sich großer Beliebtheit erfreuten und besonders in den Vereinigten Staaten in enormer Zahl verkauft wurden, sodass die Initialen „C.H.M.“, unter denen sie erschienen, vielen vertraut waren – der Name, für den sie standen, aber wahrscheinlich nicht. Mr Gladstone lobte seinen englischen Stil; Spurgeon lobte die Gedanken, insbesondere den Band über das 2. Buch Mose, auch wenn er mit ihrem „Darbysmus“ nicht einverstanden war.

Darby über Mackintosh

Einige interessante Hinweise auf Mackintosh sind in John Nelson Darbys Briefwechsel mit George Vicesimus Wigram zu finden, der letztes Jahr erstmals im Druck erschien2 (die Originale werden im Christian Brethren Archive in Manchester aufbewahrt). Am 8. Mai 1854 schrieb Darby an Wigram:

There is blessing in Ireland, and Macintosh active.3

Im August 1854 leitete Darby eine Anfrage Mackintoshs an Wigram weiter:

Macintosh desires to know the best elementary books to learn Hebrew. I thought you would know them better than me, so I write to you […].4

Mitte Dezember desselben Jahres wusste Wigram zu berichten:

McIntosh is supplying for Miller, who is in Scotland for 10 days, & is lecturing round London meeting rooms.5

Anfang Dezember 1857 hatte Darby von Mackintoshs geplanter neuer Zeitschrift Things New and Old gehört und schrieb darüber aus Gebweiler (Elsass) an Wigram:

I hear you are to have a new periodical by Mackintosh. lt is all well if there are not too many, that makes four. They may reach different classes, and if so it will be a most happy result.6

Im Januar 1862 wurden Mackintoshs Notes on Leviticus in der Zeitschrift The Quarterly Journal of Prophecy attackiert; Darby äußerte sich dazu im Juli wie folgt:

I have no doubt Macintosh has expressed himself unguardedly in his expressions, but the accusing him of denying the true humanity of Christ is simple unrighteousness: he is just as plain and clear as any of us on it. The poor Church people glutton in what attacks brethren and feed on ordure: I am sorry for it but how can one help it? That is all the feeling I have about it. lt is a very bad sign for them.7

1863 kam es erneut zu Angriffen auf Mackintosh; Darby schrieb Mitte August aus Kanada:

I judge Macintosh has been very rash in some of his papers which I had never seen or heard of before, and then words used against it which could also be attacked, as all human language can on such subjects. […] still certainly Macintosh has given occasion, by strong statements on it, to this spirit which has arisen, tho’ that be not the origin.8

1865 fühlte sich schließlich sogar Darby gedrängt, öffentlich gegen eine Schrift Mackintoshs (über Buße) Stellung zu beziehen.9 Er sandte einen entsprechenden Artikel an Wigram für dessen Zeitschrift The Present Testimony, doch Wigram lehnte ab: Für kontroverse Veröffentlichungen dieser Art sei die Zeitschrift nicht gedacht.10 Darbys Kritik wurde Mackintosh jedoch privat zugeschickt, und er nahm sie sofort demütig an.11 In welche Richtung die Kritik ging, wird aus einem Brief Darbys an Wigram von Ende Juni 1865 deutlich:

The last thing I should desire would be to pain dear Macintosh. But the system is one of great importance. What I fear is superficiality and jumping into peace, the conscience unreached. Previous inward work hinders this in Macintosh & others like him, but this is not so with those who receive the doctrine.12

Todesanzeige

Mackintoshs Todesnotiz in der Gloucestershire Chronicle fiel kurz und bündig aus:

1896-11-07 Gloucestershire Chronicle 4 (Mackintosh)
Gloucestershire Chronicle, 7. November 1896, S. 4

Neuedition und Übersetzung des „prophetischen Briefs“

groves
Anthony Norris Groves (1795–1853)

Der berühmte „prophetische Brief“, den Anthony Norris Groves am 10. März 1836 an John Nelson Darby schrieb, gehört seit dem ersten Tag zum Download-Angebot von bruederbewegung.de (erstaunlicherweise scheint es bis heute keine andere Online-Version als eigenständiges Dokument zu geben). Als Textgrundlage hatte ich damals den Abdruck in F. Roy Coads History of the Brethren Movement (Exeter 1968, S. 287–291) verwendet, da mir keine ältere Vorlage zugänglich war; ein grober Fehler in der Jahreszahl (1863 statt 1836), den ich stillschweigend berichtigte, ließ jedoch schon damals Zweifel an der Zuverlässigkeit des Textes aufkommen.

Das Original

Für Februar 2020 hatte ich mir die Edition einer lesbaren und korrekten deutschen Übersetzung des Briefes vorgenommen. In diesem Zusammenhang habe ich nun auch das englische Original noch einmal überprüft, und zwar durch einen Vergleich mit dem wahrscheinlich ältesten Abdruck im Anhang des Memoir of the Late Anthony Norris Groves, herausgegeben von seiner Witwe Harriet Groves (1856, ²1857, ³1869). Neben einigen Abweichungen in Rechtschreibung, Zeichensetzung und Typografie kamen dabei immerhin auch fünf Fehler im Wortlaut zutage (falsch → richtig):

  • having so few opportunities → having had so few opportunities
  • our principle of union → our principle of communion
  • What I mean is this, that → What I mean is, that
  • against any dark → against any darkness
  • neither by frowns, nor smiles → neither by frowns, or smiles

Keiner dieser Fehler ist grob sinnentstellend, aber insbesondere der zweite erscheint doch erwähnenswert. Eine korrigierte Fassung des Briefes auf der Grundlage der 3. Auflage des Memoir (die vielleicht als „Ausgabe letzter Hand“ gelten kann) steht seit heute auf bruederbewegung.de zur Verfügung.

Übersetzungen

Gedruckte deutsche Übersetzungen des vollständigen Briefes sind mir bisher zwei bekannt: eine ältere von Christian Schatz in der Artikelserie „Rückblicke und Ausblicke“ (Saat und Ernte 10 [1929], S. 8–15), die offenbar auch als Grundlage für die auszugsweise Wiedergabe in E. H. Broadbents Gemeinde Jesu in Knechtsgestalt diente (Dillenburg 1965 u.ö., S. 369–371), und eine neuere in dem Band Gemeinde Jesu global: Episoden der europäisch-indischen Zusammenarbeit in Andhra Pradesh 1833–2008, herausgegeben vom Verein zur Förderung des Waisenhauses Hyderabad (Wettingen/Schweiz 2008, S. 67–73). Die ältere Übersetzung ist freier und dadurch flüssiger lesbar, aber oft auch ungenau; die neuere ist wörtlicher und schwerfälliger, aber ebenfalls nicht frei von Ungenauigkeiten und Fehlern. Ein Beispiel zur Veranschaulichung (Fettdruck hinzugefügt):

I send you this letter as we were the first to act on these principles, rather than to H— and C—, whose faith and love I do so truly desire to follow.

Dieser an sich nicht besonders komplexe Satz – an anderen Stellen hält Groves’ Syntax wesentlich größere Herausforderungen bereit – wird von Christian Schatz wie folgt wiedergegeben:

Da wir die ersten waren, die nach diesen Grundsätzen handeln wollten, schreibe ich diesen Brief lieber an Sie als an H. und C., von denen ich mir so sehr wünsche, daß sie im Glauben und in der Liebe Gefolgschaft leisten mögen.

Der letzte Satzteil ist ganz offenkundig falsch übersetzt, denn das Subjekt des ursprünglichen Satzes lautet „I“, d.h. Groves selbst wünscht dem „Glauben“ und der „Liebe“ von H. und C. „nachzufolgen“, nicht umgekehrt. Der Übersetzer in Gemeinde Jesu global erkennt zwar „I“ richtig als Subjekt, bezieht das Relativpronomen „whose“ aber seltsamerweise auf Darby anstatt auf H. und C.:

Ich sende diesen Brief lieber Ihnen als H. und C., weil wir die ersten waren, die nach diesen Grundsätzen handelten, und es mein aufrichtiger Wunsch ist, Ihrem Glauben und Ihrer Liebe folgen zu können.

Eine sowohl lesbare als auch zuverlässige deutsche Fassung des Briefes schien mir daher nach wie vor ein Desiderat zu sein, und so habe ich die Übersetzung von Christian Schatz in den letzten Tagen noch einmal Satz für Satz mit dem Original verglichen und korrigiert. An besonders schwierigen Stellen habe ich die Version in Gemeinde Jesu global und eine weitere, bisher ungedruckte Übersetzung von privater Hand (die noch wörtlicher und schwerfälliger ist, aber auch einige gelungene Formulierungen bietet) hinzugezogen. Das Ganze stellte sich als mühsamer und arbeitsintensiver heraus als ursprünglich gedacht, aber das hoffentlich zufriedenstellende Ergebnis (ergänzt durch einige Fußnoten mit Namenerklärungen) ist seit heute ebenfalls auf bruederbewegung.de verfügbar.

Nachbemerkung

Groves’ Brief gilt als eines der Grundlagendokumente des Offenen Brüdertums und wurde auch aus diesem Grund immer wieder nachgedruckt. Was die Geschlossenen Brüder von dem Brief und seinem Verfasser hielten – eine Antwort Darbys ist leider nicht überliefert –, macht ein Artikel des Kelly-Bruders Robert Beacon in The Bible Treasury 16 (1886/87) deutlich.

Neuerscheinungen zur Brüderbewegung 2019

Auch am Ende dieses Jahres möchte ich wieder die in den letzten zwölf Monaten erschienenen Veröffentlichungen zur Brüderbewegung übersichtlich zusammenstellen und kurz kommentieren bzw. einordnen. (In die Bibliografie von 2018 habe ich inzwischen noch mehrere Nachträge aufgenommen; siehe die Bücher von Cargill & Brown, Costen, Dickson & Marinello, Herriot und Mutton sowie den Aufsatz von Dennison.)

Zu einigen Neuerscheinungen des Jahres 2019 liegen mir noch nicht alle bibliografischen Informationen vor; diese Bücher werden später hier nachgetragen.


BÜCHER


despinsGilles Despins: La Bible Darby et son histoire. Sa rédaction, ses objectifs et ses principes. Trois-Rivières, QC (Éditions Impact) 2019. 210 Seiten.

Auch wenn der Autor es offenbar nirgendwo erwähnt, handelt es sich hier um eine gekürzte französische Ausgabe seiner 2015 am South African Theological Seminary eingereichten Dissertation A Critical Assessment of J. N. Darby’s Translation Work. Thema der Arbeit sind die drei mit Darbys Namen verbundenen Bibelübersetzungen (deutsch [Elberfelder], französisch und englisch), deren Entstehungsgeschichte (Kapitel 2), Ziele (Kapitel 3), Prinzipien (Kapitel 4) und Grundtext (Kapitel 5) im Einzelnen untersucht werden.

Da der Autor sich praktisch durchweg auf bereits veröffentlichtes Material stützt, kommt er zu keinen revolutionär neuen Erkenntnissen. Als Primärliteratur zieht er vor allem Darbys Briefe und die Vorworte zu seinen Bibelübersetzungen heran; bei der Sekundärliteratur verlässt er sich zu sehr auf veraltete (z.B. Ischebeck, Ehlert) oder populäre (z.B. Field) Darstellungen. Literatur in deutscher Sprache war ihm offenbar unzugänglich, was sich besonders in den Abschnitten zur Elberfelder Bibel als eklatanter Mangel bemerkbar macht; allein Martin Arhelgers knappe Online-Veröffentlichung zur Geschichte der Elberfelder Bibel ist schon wesentlich zuverlässiger und informativer als alles, was Despins (auf der Grundlage von Ehlert und anderen) über dieses Thema zu sagen weiß. Widersprüchliche Aussagen verschiedener Autoren stellt er teilweise einfach nebeneinander, ohne den Versuch einer Lösung oder Klärung zu unternehmen. So heißt es auf S. 37 (unter Berufung auf Ehlert), der Initiator der Elberfelder Bibel sei ein „F. W. Brockhaus“ gewesen (die Fußnote vermerkt: „Einziger bekannter Hinweis auf diesen F. W. Brockhaus“!), während im nächsten Satz (unter Bezugnahme auf Field) richtig „Carl Brockhaus“ genannt wird (Fußnote: „Manchmal ‚Karl‘ geschrieben“!). Bereits eine einfache Google-Suche hätte dem Autor deutlich machen können, dass es sich hier um ein und dieselbe Person handelt, nämlich Carl Friedrich Wilhelm Brockhaus (1822–1899). In einer weiteren Fußnote ist von „einem gewissen Dr. Alfred Rochat“ die Rede (S. 38, Anm. 74), als ob über diesen Mann außer dem Namen nichts bekannt wäre – wo es doch sogar einen (deutschen) Wikipedia-Artikel über ihn gibt.

Die Kapitel 3–5 über Darbys Übersetzungsziele und -prinzipien sowie den verwendeten Grundtext sind insgesamt von besserer Qualität, auch wenn mir der sprachliche Duktus manchmal seltsam naiv vorkommen will. Das akademische Niveau der in den letzten Jahren aus dem Brethren Archivists and Historians Network hervorgegangenen Arbeiten erreicht diese Dissertation jedenfalls nicht.


Tim Grass: Ernest and May Trenchard. Evangelical Mission in Franco’s Spain. Studies in Brethren History, Subsidia. Glasgow (Brethren Archivists and Historians Network) 2019. xx, 195 Seiten. — Spanische Ausgabe: Ernesto y Gertrudis Trenchard. La enseñanza que permanece. Aus dem Englischen von Alison Barrett. Madrid (Centro Evangélico de Formación Bíblica) 2019. 288 Seiten.

Biografie eines englischen Missionarsehepaars der Offenen Brüder, das jahrzehntelang in Spanien arbeitete.


kurianAlexander Kurian: Faith and Practices of the Brethren. What they are and Why they matter. Ohne Ort (Selbstverlag/Amazon) 2019. 219 Seiten.

Überlegungen eines indisch-amerikanischen Offenen Bruders zu den besonderen Merkmalen von Brüdergemeinden. Für den Autor sind folgende 17 Kennzeichen zentral (S. 39–41):

1. nichtdenominationeller und nichtsektiererischer Charakter (kein besonderer Name)
2. Christus als Mittelpunkt („versammelt zum Namen Jesu“)
3. Autorität der Schrift („Sola Scriptura“)
4. Priestertum aller Gläubigen
5. Beachtung der „vier Säulen“ aus Apg 2,42
6. wöchentliches Brotbrechen
7. offene und spontane Anbetung
8. Gemeinschaft statt Mitgliedschaft
9. Leitung durch mehrere Älteste
10. Selbständigkeit und Unabhängigkeit der örtlichen Gemeinde
11. Glaubensprinzip (kein bezahlter Dienst)
12. antiochenisches Missionsmodell (örtliche Gemeinde sendet Missionare aus)
13. Schweigen und Kopfbedeckung der Frauen
14. keine Wundergaben in der heutigen Zeit
15. freiwillige Spenden (keine Verpflichtung zum Zehnten)
16. Betonung der Jüngerschaft und eines aufopferungsvollen Lebens
17. Naherwartung des Herrn Jesus

Das (typografisch leider sehr laienhaft gestaltete) Buch ist über Amazon erhältlich.


douthwaiteSheila McClure: Letters from Chefoo. Constance Douthwaite’s Life in China 1887–1896. Southampton (Little Knoll Press) 2019. 328 Seiten.

Constance Harriet Douthwaite geb. Groves (1867–1896) war eine Tochter von Edward Kennaway Groves (1836–1917) und somit eine Enkelin von Anthony Norris Groves (1795–1853). Als 19-Jährige reiste sie, empfohlen von der Bethesda-Gemeinde in Bristol, mit der China-Inland-Mission nach Chefoo in China aus. 1890 heiratete sie dort den 19 Jahre älteren, verwitweten Missionsarzt Arthur William Douthwaite (1848–1899). Bereits sechs Jahre später verstarb sie jedoch, vier Wochen nach der Geburt ihres vierten Kindes. Während ihrer Zeit in China schrieb sie über 200 Briefe an ihre Familie in Bristol, die hier, herausgegeben von ihrer Urenkelin, erstmals im Druck erscheinen.


bmww2019Ken und Jeanette Newton (Hrsg.): The Brethren Movement Worldwide. Key Information 2019. 5th edition. Lockerbie (OPAL Trust) 2019. xxviii, 346 Seiten.

Die 3. Auflage dieses Buches (2011) habe ich bereits früher hier vorgestellt. In der aktualisierten Neuausgabe sind 117 Länder enthalten; neu hinzugekommen sind Finnland, Schweden, Kroatien, Griechenland, Nigeria, Puerto Rico, die Dominikanische Republik, Haiti, Ecuador, Surinam, Libanon, Iran, Bhutan, Korea, Indonesien und Tuvalu. Gestrichen wurden die Republik Kongo, Mauritius und Neukaledonien, da die Herausgeber aus diesen Ländern seit mehreren Auflagen keine aktuellen Informationen mehr erhalten haben.

Der Abschnitt über Deutschland (S. 121–128) wurde grundlegend überarbeitet (vermutlich von Lothar Jung; S. 128) und listet nun minutiös alle Zeitschriften, Arbeitskreise und Werke der Freien Brüder und der AGB-Gemeinden auf. Die in der vorigen Auflage noch genannten „blockfreien“ Verlage und Zeitschriften (CLV, Daniel, Rigatio, Zeit & Schrift) fielen dabei leider gänzlich unter den Tisch. Bei den statistischen Angaben wurden nur die der Freien Brüder aktualisiert (wobei die Zahl der Gemeinden auffallenderweise stark nach unten korrigiert werden musste: von 265 auf 190!), während die übrigen Daten auf dem Stand von 2015 geblieben sind (was den Eindruck erhärtet, dass ein Freier Bruder für die Überarbeitung verantwortlich war).

Das Buch ist auch online lesbar, kann im Gegensatz zu früheren Auflagen aber nicht mehr als PDF heruntergeladen werden.


Valerie Elliot Shepard: Devotedly, The Personal Letters and Love Story of Jim and Elisabeth Elliot. Nashville, TN (B & H) 2019. 285 Seiten.

Auf der Grundlage von bisher teilweise unveröffentlichten Briefen und Tagebüchern wird hier die Liebesgeschichte zwischen dem Missionar Jim Elliot (1927–1956), der aus einer Offenen Brüdergemeinde stammte, und seiner späteren Frau Elisabeth Howard (1926–2015) nachgezeichnet. Die Autorin ist die 1955 geborene Tochter der beiden.


spinksJohn D. Spinks: Cult Escape. My Journey to Freedom. Ohne Ort (Selbstverlag/Amazon) 2019. 195 Seiten.

Der Boom der Raven-Taylor-Aussteigerliteratur setzt sich fort: Nach Ngaire Thomas (2004, ²2005), Em Amosa (2007), David Tchappat (2009), Lindsey Rosa (2010), James Bell (2014), Peter Wycherley Harrison (2014), Joy Nason (2015), John L. Fear (2016) und Rebecca Stott (2017) ist dies nun schon mindestens der zehnte Vertreter dieses Genres innerhalb von 15 Jahren. Spinks verließ die Raven-Taylor-Brüder 1988 im Alter von 22 Jahren; der größere Teil seines Buches handelt allerdings von der Zeit danach und versucht Lesern in ähnlichen Situationen Hilfestellung zu geben. Wie den meisten selbst verlegten Büchern mangelt es auch diesem an der straffenden, glättenden und ordnenden Hand eines Lektors. Parallel zum Buch hat der Autor eine Website mit Beratungsangebot eingerichtet.


Mark R. Stevenson: Die Brüder und die Lehren der Gnade. Wie stand die Brüderbewegung des 19. Jahrhunderts zur calvinistischen Heilslehre? Aus dem Englischen von Alois Wagner. Bielefeld (CLV) 2019. 476 Seiten.

Die amerikanische Originalausgabe dieser Dissertation, The Doctrines of Grace in an Unexpected Place (2017), habe ich vor zwei Jahren kurz vorgestellt; eine ausführlichere Besprechung der deutschen Übersetzung erschien bereits in Zeit & Schrift 6/2019 und auf der Hauptseite von bruederbewegung.de, sodass ich hier auf weitere Erläuterungen verzichten kann. Das Buch steht auf der Website des Verlags auch zum kostenlosen Download zur Verfügung.


Rebecca Stott: Erlöst. Mein Weg aus der Sekte. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. München (btb) 2019. 383 Seiten.

Obwohl die Raven-Taylor-Brüder in der deutschen Öffentlichkeit praktisch keine Rolle spielen, hielt die Verlagsgruppe Random House es offenbar für erfolgversprechend, Rebecca Stotts Aussteigerbiografie In the Days of Rain (2017) auch hierzulande auf den Markt zu bringen. Im Klappentext wird die Glaubensgemeinschaft denn auch gar nicht beim Namen genannt, sondern es ist nur von einer „ultra-konservativen“ bzw. „fundamentalistischen christlichen Sekte“ die Rede. Die Übersetzung macht auf den ersten Blick einen guten Eindruck; die von Stott verwendete Bezeichnung (Exclusive) Brethren wurde unübersetzt gelassen, was sicher keine schlechte Idee war.

Von den deutschen Feuilletons scheint das Buch (das jetzt knapp zwei Monate auf dem Markt ist) bisher noch nicht beachtet worden zu sein; auch bei Amazon findet sich derzeit noch keine einzige Kundenrezension. Auf einige Stärken und Schwächen hatte ich bei meiner Vorstellung der englischen Originalausgabe vor zwei Jahren hingewiesen; eine ausführlichere Besprechung der deutschen Ausgabe ziehe ich in Erwägung.


Terence-Pablo Wickham Ferrier: Renovarse o morir. Pasado, presente y futuro de las Asambleas de Hermanos. Barcelona (wobebo/Bibliasfera) 2019. 174 Seiten.

Überlegungen eines englischstämmigen Missionars zur Situation der Offenen Brüdergemeinden in Spanien. Die Haltung des Autors ist konservativer, als es der Titel vermuten ließe („Erneuern oder Sterben: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Brüdergemeinden“).


David Woodbridge: Missionary Primitivism and Chinese Modernity. The Brethren in Twentieth-Century China. Studies in Christian Mission 54. Leiden/Boston (Brill) 2019. xii, 174 Seiten.

Buchausgabe der Dissertation des Autors von 2012 (die auch online zugänglich ist). Behandelt werden vor allem die missionarischen Aktivitäten von Echoes of Service (Kapitel 1, 3, 4, 5) und die Little-Flock-Bewegung von Watchman Nee (Kapitel 2).


AUFSÄTZE


bhr2018Ausgabe 15 (2019) der Brethren Historical Review enthält (neben etlichen Rezensionen) die folgenden Beiträge:

Bill Anderson: „Andersons and Chrystalls: Scottish Pioneers in Aotearoa/New Zealand (S. 1–11)
P[aul] David Wilkin: „Education at Chitokoloki, 1914–1924: The Vision of George Suckling (S. 12–39)
William E. Buntain: „The Exclusive Brethren, Watchman Nee, and the Local Churches in China (S. 40–72)
Jonathan Side: „Some Reflections on the Life and Scientific Work of Robert Rendall (1898–1967) (S. 73–82)
Michael Schneider: „New Writing on Brethren History (S. 83–88)
Timothy Stunt: „Philip Murray Jourdan McNair (1924–2018) (S. 142–145)
S[amuel] J[ames] McBride / N[eil] Dickson: „David Willoughby Gooding (1925–2019) (S. 146–149)
Neil Dickson: „Richard Stephen Saunders (1930–2018) (S. 150–153)

Besonders hervorheben möchte ich hier den Nachruf auf Philip McNair. Der aus dem Exklusiven Brüdertum stammende, um 1960 in die Church of England übergetretene Experte für italienische Literatur verfasste u.a. eine Biografie John Nelson Darbys von offenbar herausragender Qualität, deren Veröffentlichung er jedoch aus Bescheidenheit und Perfektionismus zeitlebens verweigerte. Von den wenigen, die sie bisher zu Gesicht bekamen, wurde sie in den höchsten Tönen gelobt; Max Weremchuk etwa schrieb 2004 auf My Brethren, sie sei wie die Mona Lisa im Vergleich mit dem Gekritzel eines dreijährigen Kindes und habe ihm selbst jeden Mut genommen, mit der Überarbeitung seines eigenen Darby-Buches fortzufahren. Marion Field konnte sie für ihre Darby-Biografie von 2008 immerhin nutzen und mehrmals daraus zitieren. Dem Vernehmen nach besteht die Chance, dass das nachgelassene Typoskript nun in ein Archiv überführt und der Forschung zugänglich gemacht werden kann.

Philip McNair veröffentlichte übrigens 1986 einen Artikel über die Brüderbewegung in der Zeitschrift Christian History und gab 2008 im Selbstverlag Briefe seines Vaters aus dem Ersten Weltkrieg heraus (A Pacifist At War: Military Memoirs of a Conscientious Objector in Palestine, 1917–1918).


Offene Türen 111 (2019), Heft 4 brachte einige kurze Beiträge aus dem Arbeitskreis „Geschichte der Brüderbewegung“ zum 100-jährigen Jubiläum des Umzugs der Bibelschule von Berlin nach Wiedenest:

Gerd Goldmann: „100 Jahre Bibelschule in Wiedenest. Historisches vom Arbeitskreis ‚Geschichte der Brüderbewegung‘“ (S. 18)
Hartmut Wahl: „Bibelschule Wiedenest: Weltweite Wirkungen (S. 18f.)
Erich Sauer: „Von Berlin nach Wiedenest – der Weg der Allianz-Bibelschule (S. 19)
Hartmut Wahl: „Johannes Warns – Lehrer freier Gemeinden (S. 20)
Horst Afflerbach: „Erich Sauer und die Bibelschule (S. 21)
Hartwig Schnurr: „Ernst Schrupp (S. 22)


John Bennett: „Major-General Sir Charles H. Scott, KCB, RA 1848–1919“. In: Precious Seed 74 (2019), Heft 1, S. 15.

Kurzes Lebensbild zum 100. Todestag des Offenen Bruders Charles Henry Scott am 6. Oktober 2019 (auch online).


Bert Cargill: „Joseph Medlicott Scriven (1819–1886)“. In: Precious Seed 74 (2019), Heft 3, S. 28f.

Scriven war der Dichter des Liedes What a Friend We Have in Jesus (Welch ein Freund ist unser Jesus). Geboren in Irland, wo er während seines Studiums auch mit den „Brüdern“ in Verbindung kam, wanderte er später nach Kanada aus und arbeitete dort als Lehrer, Holzfäller, Farmarbeiter und Evangelist. Gleich zwei Verlobungen scheiterten durch den tragischen Tod der Verlobten (1843 und 1860). Gegen Ende seines Lebens litt Scriven an Depressionen; ob sein Tod in einem Mühlenteich ein Unfall oder Selbstmord war, blieb ungeklärt.

Der Gedenkartikel erschien zum 200. Geburtstag am 10. September 2019 und ist auch online zugänglich; als Name des Autors wird hier allerdings „Mitchell Cargill“ angegeben, und das beigegebene Bild zeigt nicht Scriven, sondern den Komponisten von What a Friend We Have in Jesus, Charles Crozat Converse (1832–1918).


María Eugenia Cornou: „Formative Worship ‘at the End of the World’: The Worship Practices of Methodists, Baptists and Plymouth Brethren in the Emergence of Protestantism in Argentina, 1867–1930“. In: Studies in World Christianity 25 (2019), S. 166–186.

Von diesem Artikel war mir nur ein Abstract zugänglich, aber der Titel scheint deutlich zu benennen, worum es geht.


Keith Keyser: „Homecall: David Gooding (September 16, 1925 – August 30, 2019)“. In: Cornerstone 3 (2019), Heft 6, S. 14.

Nachruf auf den bekannten Alttestamentler, der den Offenen Brüdern angehörte und viel mit John Lennox zusammenarbeitete (auch online verfügbar). Von seinen zahlreichen Publikationen wurden etliche auch ins Deutsche übersetzt (zuletzt Das Evangelium nach Lukas und In der Schule des Meisters).


Andreas Liese: „‚Zum Fluch für die Nationen gesetzt‘? Die Geschlossenen Brüder und ihr Verhältnis zum jüdischen Volk“. In: Freikirchenforschung 28 (2019), S. 189–213.

Der Autor untersucht ausführlich die 1934/35 geführte briefliche Diskussion zwischen Wilhelm Stücher, Fritz von Kietzell, Franz Kaupp und David Kogut, auf die er 2018 bereits in seinem Lebensbild Koguts hingewiesen hatte, und ordnet sie in die Israeltheologie der Geschlossenen Brüder ein, wobei er Äußerungen von 1840 (John Nelson Darby) bis 2017 (Ernst-August Bremicker) heranzieht.


Alexander Rockstroh: „Frömmigkeitsformen in der Brüderbewegung“. In: Die Gemeinde [74] (2019), Heft 3, S. 8f.

Der neue Geschäftsführer der AGB, der ursprünglich aus der Landeskirche stammt, beschreibt in diesem Beitrag, „welche Ausdrucksformen der Frömmigkeit er innerhalb der Brüderbewegung besonders schätzt“ (auch online).


Gerrid Setzer: „Johannes Meyer. Er schonte sein Leben nicht. 05.04.1814 – 01.09.1847“. In: Treue und Hingabe. Hrsg. von Alexander Schneider und Gerrid Setzer. Hückeswagen (CSV) 2019. S. 106–117.

Der gebürtige Schweizer Johannes Meyer wurde bei der Basler Mission und bei der Londoner Church Missionary Society zum Missionar ausgebildet, trennte sich aber 1839 von Letzterer und schloss sich den „Brüdern“ an. 1840 heiratete er und reiste nach Britisch-Guayana aus, wo Leonard Strong (1797–1874) bereits seit einigen Jahren wirkte. Nach siebenjähriger aufopferungsvoller Missionstätigkeit starb er 1847 an einem Fieber.

Das in erzählender Form geschriebene, in erster Linie wohl an junge Leser gerichtete Lebensbild ist wahrscheinlich die erste Veröffentlichung über Meyer aus der deutschen Brüderbewegung seit Emil Dönges’ Artikel von 1906 („Johannes Meyer, das Lebensbild eines treuen Mannes aus dem vorigen Jahrhundert“, Botschafter des Friedens 16 [1906], S. 35–44, 47–51; auch als Separatdruck erschienen).


Für Hinweise auf weitere, von mir übersehene Neuerscheinungen bin ich dankbar!

150. Geburtstag von Christian Schatz

schatz
Christian Schatz (1869–1947)

Von den meisten Pionieren der deutschen Offenen Brüder liegen bislang keine umfangreicheren Lebensbilder vor; auch Christian Schatz bildet da keine Ausnahme. Anlässlich seines heutigen 150. Geburtstages möchte ich hier wenigstens drei kurze Skizzen veröffentlichen, die sonst noch nicht online zugänglich sind.

Ich beginne mit einem Blatt aus einer als Typoskript überlieferten Chronik der Familien Brackelsberg/Braselmann aus Ennepetal-Milspe:1

In Urach im schönen Württemberg ist Christian Schatz am 6. Oktober 1869 geboren. Er heiratete Anna Osthoff, die ihm aber keine Kinder schenkte.

Christian war Lehrer an einer Mittelschule, trat aber mit etwa 22 Jahren aus der Kirche aus, um einer von Darby gegründeten freikirchlichen Gemeinschaft angehören zu können. Deshalb musste er auch seinen Beruf aufgeben, und so kam er nach Wuppertal-Barmen zu einem Orgelbauer. Später war er Hauslehrer bei Julius und Daniel Brackelsberg und Carl Osthoff, dessen Tochter er ehelichte. Nachdem er zwei Jahre als Soldat in Metz gedient hatte, heiratete er 1893.2

Später war Christian Hausverwalter der Familie Menzel in Düsseldorf, dann Kaufmann in einer Giesserei in Altenvoerde. Nach dem Konkurs dieser Fabrik wurde er Metallwarenvertreter in Bad Homburg.

Christian Schatz war ein sehr ernster Christ, dabei auch in der biblischen Auslegung sehr bewandert. Das zeigt auch, dass er Mitbegründer der „Offenen Brüder“ geworden ist. Nebenbei schriftstellerte er auch.

Am 1. Januar 1947 hauchte Schatz sein vielbewegtes Leben aus. Er starb an Altersschwäche aufgrund der schlechten Ernährungslage in damaliger Zeit. Sein Sterbeort ist Bad Homburg.

Interessant ist hier u.a. die Information, dass Schatz erst mit ca. 22 Jahren zu den „Brüdern“ kam, also etwa 1891/92. Um diese Zeit fanden auf dem europäischen Kontinent gerade die Auseinandersetzungen über die Lehren F. E. Ravens statt. Möglicherweise gehörte Schatz also nie den „Elberfelder Brüdern“ an, sondern trat gleich den Raven-Brüdern bei, deren Zeitschrift Worte der Gnade und Wahrheit er von 1897 bis 1900 in Altenvoerde herausgab (nachdem sich der erste Herausgeber, Max Springer, den Offenen Brüdern zugewandt hatte).

saalburg1927
Ausflug auf die Saalburg anlässlich der Bad Homburger Osterkonferenz 1927; Christian Schatz in der hinteren Reihe rechts

Die zweite Skizze stammt aus der Festschrift zum 60-jährigen Bestehen der Offenen Brüdergemeinde Bad Homburg, die in Schatz’ Todesjahr 1947 erschien. Auf deren Seite 12 heißt es zunächst knapp:

Vom Jahre 1917 an nahm Bruder Schatz, der inzwischen nach Homburg übergesiedelt war, regen Anteil an dem Dienst in der Gemeinde.3

Sechs Seiten weiter wird ausführlicher berichtet:

Am 1. 1. 47 ging Bruder Schatz im Alter von 77 Jahren nach längerer Krankheit heim. Drei Tage vor seinem Tode sang ihm der Gemischte Chor einige Lieder zur Ermunterung, die ihn auch sichtlich erfreuten. Ein arbeitsreiches Leben fand damit seinen Abschluß. Bruder Schatz war durch seine umfassende Schriftkenntnis und seine eiserne Energie über den Rahmen der örtlichen Gemeinde hinaus bekannt und bemühte sich unablässig für das Werk des Herrn, besonders auch für die Brüder in der Mission. Obwohl er selbst kinderlos war, so hatte er doch stets ein warmes Empfinden für die Jugend.

Bei der Vereinigung der verschiedenen Gemeindegruppen war er mithelfend tätig und freute sich, als diese Bemühungen zum Erfolg führten.

Bruder Schatz mußte im November 1945 seine Tätigkeit als Gemeindeleiter krankheitshalber aufgeben. Bruder Friedrich Adolf Zeuner wurde in einer Gemeindeversammlung als Nachfolger gewählt und dient seitdem unserer Gemeinde als Gemeindeleiter in vorbildlicher Treue. Bruder Friedrich Kleemann steht ihm als Stellvertreter zur Seite.4

Mit der „Vereinigung der verschiedenen Gemeindegruppen“ ist natürlich der Beitritt der Offenen Brüder zum BfC (1937) und der Zusammenschluss des BfC mit den Baptisten (1941/42) gemeint. Dass Schatz sich über den letzteren durchaus nicht ganz ungeteilt „freute“, verrät die Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Bad Homburger Gemeinde (1987):

Der gebürtige Württemberger war Lehrer, mußte jedoch diesen Beruf aufgeben, weil er sich der „Christlichen Versammlung“ angeschlossen hatte. Als Privatlehrer in Wuppertal hielt er Kontakt zu den Versammlungen am Ort. 1917 zog er nach Bad Homburg und arbeitete als Industriekaufmann. In die Arbeit der Gemeinde brachte er seine reichen Gaben ein und wurde zu einem der führenden Männer unter den „Offenen Brüdern“ in Deutschland. Zusammen mit Joh. Warns von der Bibelschule in Wiedenest gab er die Zeitschrift „Saat und Ernte“ im Verlag Zeuner heraus. Er war ab 1937 ein überzeugter Förderer des Zusammenschlusses mit den sogenannten „Elberfeldern“, der darbystischen Gruppe unter den Versammlungen. Den Zusammenschluß mit dem Bund der Baptistengemeinden in Deutschland im Jahre 1942 vollzog er zunächst zögernd, dann – um der Einheit der Gemeinde willen – bewußt mit.5

Von Christian Schatz’ Veröffentlichungen hat bruederbewegung.de bisher vier zugänglich gemacht:


200. Geburtstag von Wilhelm Brockhaus

brockhausw
Wilhelm Brockhaus (1819–1888)

Heute vor 200 Jahren wurde Peter Friedrich Wilhelm Brockhaus, einer der bekanntesten deutschen „Brüder“ der ersten Generation, in Himmelmert bei Plettenberg geboren. Anstelle eines vollständigen Lebensbildes verweise ich hier auf den Wikipedia-Artikel, den ich 2007 über ihn verfasst und heute noch einmal ergänzt habe.

Der Schriftsteller

Anders als bei seinem jüngeren Bruder Carl, mit dem gemeinsam er Ende 1852 den Evangelischen Brüderverein verließ, spielte sich ein großer Teil von Wilhelm Brockhaus’ Wirken auch danach noch außerhalb der Brüderbewegung ab. Er blieb nämlich bis zu seinem Lebensende Schriftleiter des Kinderboten, der Zeitschrift des Elberfelder Erziehungsvereins, und veröffentlichte außerdem in dessen Reihe Saat und Ernte mindestens 15 historische Romane „für die reifere Jugend und ihre Freunde“. Einer davon, Der Burgvogt oder: Feurige Kohlen. Eine Erzählung aus den Zeiten des deutschen Bauernkrieges (ca. 18701), ist als Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek auch online zugänglich.

Die Bände beginnen in der Regel mit einer ausführlichen historischen Einleitung, die beachtliche Kenntnisse verrät und oft durchaus hohe Ansprüche an die jugendlichen Leser stellt. Über Brockhaus’ Arbeitsweise schreibt der FeG-Historiker Gustav Ischebeck (1863–1937):

Dieser Bruder war, so berichtete man uns, auf seinen vielen Reisen meist in seinem schriftstellerischen Geiste so Aug’ und Ohr, daß er anderes ganz vergaß. Wo er auch las, sah, hörte, erzählte oder sich erzählen ließ, war er gebannt und sammelte er. Dabei soll er vielerorten von seinen Reisestücken dies und das so völlig vergessen haben, daß man erst im Familienkreise hernach das Fehlen merkte. Gott segnete seinen Sammelfleiß, der mit einer schönen schriftstellerischen Gabe vereint war. Er hat mit seinem Pfunde treu gedienet!2

Der Elberfelder Erziehungsverein warb mit folgenden Worten für seinen Autor:

Es dürfte für die Jugend kaum etwas Schöneres, Fesselnderes und Gediegeneres geben, wie [sic] diese positiv christlichen Erzählungen, die auch für Jugend-, Jünglings-Vereins- und Volksbibliotheken sehr begehrt sind.3

Aus heutiger Sicht wirkt Brockhaus’ Erzählstil oft etwas pathetisch, wenn nicht prätentiös; ein Romananfang wie etwa der von Der Vater Tim (1862) würde heute wohl nur noch wenige Leser zum Weiterlesen anregen (schon gar keine Jugendlichen):

Wenn man von La Rochelle in Frankreich, der Küste des Ozeans entlang, weiter nach Süden wandert, so genießt das Auge auf beiden Seiten den wunderlieblichsten Anblick. Unter betäubendem Getöse und mit stürmisch wildem Drängen wälzen sich die Schaumwellen der nahen Brandung gegen das felsige Gestade, als ob sie es zu zersprengen und sich einen Durchgang zu brechen gedächten; und während das Auge vergeblich in der ungewissen Ferne einen Rahmen grünender Hügel sucht, der die unruhig wogende Wassermasse zu einem bestimmten Ganzen umschließe, gewahrt man nur hie und da ein schwankendes Fahrzeug, das, einem riesigen Seevogel gleich, der Tiefe zu entsteigen und sich in den Fluten zu schaukeln scheint.4

Der Komponist

Stärker gegenwärtig ist Wilhelm Brockhaus noch als Komponist, denn mindestens 12, möglicherweise sogar 22 Melodien der Kleinen Sammlung Geistlicher Lieder stammen von ihm. Gesichert erscheint seine Urheberschaft an folgenden Kompositionen:5

  • 12 (O Herr, mein Hirt) = 68 (Weit vorgerückt)
  • 16 (Es kennt der Herr die Seinen) = 28 (O Jesu, treuer Hirte)
  • 25 (O Gott, an Deiner Gnade) = 51 (Herr, lenke unsre Herzen) = 63 (Du brachst des Todes Bande)
  • 43 (Nichts, o Jesu, finde ich hienieden)
  • 66 (Du bist, o Herr, gegangen) = 86 (O Vater, reich gesegnet)
  • 76 (Ich walle in der Fremde)
  • 78 (Auf dem Lamm ruht meine Seele) = 122 (Gott, Dich würdig zu verehren)
  • 96 (Still’, o Jesu, das Verlangen) = 123 (Nur bei Jesu möcht’ ich weilen)
  • 97 (Du, o Herr, bist unser Leben) = 113 (Lieblich ist’s, bei Dir zu wohnen)
  • 102 (Dank, Anbetung sei geweihet) = 118 (Süßer Trost! der Herr wird kommen)
  • 103 (Alles sei Dir übergeben) = 114 (Guter Hirte! welch Erbarmen)
  • 110 (Bilde unsre Herzen)

Bei nachstehenden Melodien, die ihm traditionell ebenfalls zugeschrieben werden, setzt die aktuelle Ausgabe der Kleinen Sammlung Geistlicher Lieder ein Fragezeichen hinter seinen Namen:

  • 6 (Du, Herr, hast unsre Schuld gesühnt)
  • 13 (Wo ist ein Vater, Gott, wie Du)
  • 19 (Jesu Du, Jesu Du!)
  • 44 (Ich sehne mich nach Dir)
  • 49 (Durch eine Wüst’ ich reise)
  • 53 (O lasset uns lobsingen ) = 77 (Herr Jesu Christ, mein Leben)
  • 82 (Jesu, Quelle unsrer Freuden)
  • 85 (Dein Erlösungswerk auf Erden)
  • 89 (Wer findet Worte, Dir zu danken) = 99 (Was sichtbar, zeitlich ist auf Erden) = 117 (Von Deiner Gnade will ich singen)
  • 108 (Freudig ziehen, voll Verlangen) = 116 (Nicht mehr lange – sel’ge Worte)

Zu fünf Liedern verfasste Wilhelm Brockhaus den Text:

Drei, wenn nicht vier Lieder können also – von möglichen herausgeberischen Eingriffen seines Bruders Carl abgesehen – vollständig als Schöpfungen Wilhelm Brockhaus’ gelten: die Nummern 113, 114, 118 und ggf. 99.


200. Geburtstag von John Leche Kraushaar

kraushaar
John Leche Kraushaar (1819–1899)

Der heutige Jubilar wird meines Wissens in keiner Geschichte der Brüderbewegung erwähnt, aber in Julius Anton von Posecks Christus oder Park-Street? (1882). Er gehörte wie Poseck zu den Gegnern der „Haus(halts)taufe“ und gab offenbar eine Zeitschrift mit dem Titel The Occasional heraus, in der er geharnischte Kritik an dieser Taufpraxis übte. Poseck zitiert bzw. übersetzt daraus mehrere Seiten; hier einige Kostproben:

Sogar solche, die Christum offen verwerfen, sollen getauft werden, wenn sie zu dem Haushalt gehören, und sich (der Taufe) unterwerfen wollen; ja sogar „Trunkenbolde“, da ja der H. Geist innerhalb des Kreises der Getauften wohnt und wirksam ist, und alle die außerhalb sind, sich im Gebiete des Teufels befinden! […]

Ich kann nicht umhin, an die schreckliche Verantwortlichkeit derjenigen zu denken, die ihre unbekehrten Dienstboten durch ein äußerliches Bekenntniß zu „Christen“ machen, da ich sehe, wie der H. Geist die Verherrlichung Gottes mit diesem Namen verknüpft hat. […]

Jedes äußere Bekenntniß muß entweder ächt oder unächt sein. Wenn es ächt ist, so giebt es keine Schwierigkeit. Wenn es unächt ist, so muß eins von beiden der Grund davon sein. Entweder ist der Bekenner betrogen worden, oder er ist ein Betrüger oder Heuchler. O, wer zählt die Namen der so Betrogenen, sterbend und zur Hölle gehend! Wer sollte bei dem Gedanken an sie nicht blutige Thränen weinen! Da man sie gelehrt hat, daß sie durch die Taufe zu Christen gemacht worden sind und sich in der Kirche Gottes befinden, so glauben sie leicht, was sie gern für wahr halten möchten, um ihr Gewissen zu beruhigen. Was verstehen solche von den durch Menschen gemachten Unterscheidungen zwischen „dem Haus“ und „dem Leib?“

Solch ein armes Mädchen war in einer Bibelstunde zugegen gewesen, wo man diese Verfertigung von Christen mittelst der Taufe gelehrt hatte. Und als eine betagte, um des Mädchens Seelenheil sehr bekümmerte Schwester mit ihr über diesen Gegenstand sprach, sagte das Mädchen zu ihr: „Ich bin ebenso gut eine Christin wie Sie. Herr … hat uns dies in der Bibelstunde gesagt. Jeder der gechristet (getauft) ist, ist ein Christ. Daher brauchen Sie sich um mich nicht zu kümmern.“

Ach! diese armen Seelen glauben was man ihnen sagt, und besänftigen ihr wundes Gewissen mit dieser schmeichelnden Salbe. Und so fahren sie dahin in die Ewigkeit mit dieser Lüge in ihrer rechten Hand!1

Hat sich die Brüdergeschichtsschreibung bisher kaum mit Kraushaar beschäftigt, so liegen immerhin doch einige familiengeschichtliche Erkenntnisse über ihn vor, darunter ein von seiner Enkelin Grace Ermyntrude Clist (1886–1974) verfasstes Lebensbild, ein übersichtliches Kurzporträt und eine Geschichte seiner Familie. Demnach wurde Kraushaar am 4. Februar 1819 – heute vor 200 Jahren – im Londoner Vorort Stepney als Enkel eines deutschen Einwanderers geboren, studierte Griechisch und Latein, wurde zunächst Lehrer, dann Mitarbeiter der Londoner Stadtmission und schloss sich 1858 den „Brüdern“ an. In den folgenden Jahrzehnten zog er mit seiner Familie viel um, wirkte als Reiseprediger, schrieb einige Bücher (online verfügbar ist The Tabernacle in the Wilderness, 18732) und gab die oben genannte, offenbar verschollene Zeitschrift heraus. In den Auseinandersetzungen um Ryde und Ramsgate stellte er sich 1881 vermutlich auf die Seite Kellys. Am 4. April 1899, genau zwei Monate nach seinem 80. Geburtstag, starb er in West Buckland (Somerset).


Neuerscheinungen zur Brüderbewegung 2018

Auch am Ende dieses Jahres möchte ich wieder die in den letzten zwölf Monaten erschienenen Veröffentlichungen zur Brüderbewegung übersichtlich zusammenstellen und kurz kommentieren bzw. einordnen. (In die Bibliografie von 2017 habe ich übrigens inzwischen etliche Nachträge aufgenommen; siehe die Bücher von Aharonian, Azimioara, Burness, Kearney und Revie sowie die Aufsätze von Cone/Fazio, Hempelmann/Swarat, Beugen, Grass, Kirkpatrick, Kramer, Liese und Ponzer.)


BÜCHER


akenson2Donald Harman Akenson: Exporting the Rapture. John Nelson Darby and the Victorian Conquest of North-American Evangelicalism. New York (Oxford University Press) 2018. xiv, 505 Seiten.

Nach seinem fulminanten Buch Discovering the End of Time (2016), in dem der amerikanische Profanhistoriker und Irlandspezialist Donald Akenson die Anfänge des „apokalyptischen Millennialismus“ im Irland des frühen 19. Jahrhunderts nachzeichnete, legt er nun den zweiten Teil einer geplanten Trilogie vor, in dessen Mittelpunkt die Ausbreitung dieser Idee in Großbritannien steht (noch nicht so sehr in Amerika, wie der Untertitel suggeriert – dies wird vermutlich erst Thema des dritten Teils sein).

In beiden Bänden nimmt die Biografie John Nelson Darbys breiten Raum ein, wobei der Autor immer wieder auch Seitenpfade einschlägt, die mit dem übergeordneten Thema eigentlich wenig zu tun haben, aber doch äußerst spannend zu lesen sind – zumal Akenson sich nie mit dem aus der Brüdergeschichtsschreibung bereits Bekannten zufriedengibt, sondern vieles kritisch hinterfragt und manches Neue zutage fördert. So widmet er im ersten Band mehrere Seiten der Beziehung Darbys zu Lady Powerscourt, im zweiten Band ein ganzes Kapitel der Bagdad-Mission von Groves und seinen Freunden (an der Darby gar nicht beteiligt war) und wiederum mehrere Seiten und einen Anhang dem vor einigen Jahren wiederentdeckten Pamphlet A Statement of Facts (1857), in dem Darby eine unangemessene Beziehung zu einer Fünfzehnjährigen unterstellt wird. Selbstverständlich kommen aber auch alle wichtigen Ereignisse der Brüdergeschichte (bis ca. 1870) ausführlich zur Sprache, darunter Darbys Tätigkeit in der Schweiz (1837–44), die Trennungen in Plymouth und Bethesda (1845/48) und die Kontroverse über Darbys Sufferings of Christ (1866).

Akenson schreibt nicht aus christlicher, sondern aus rein säkularer Perspektive. Wer ein erbauliches Buch sucht, das die „Lehre der Brüder“ bestätigt und verteidigt, wird hier also nicht fündig werden; wer dagegen an der vorurteilsfreien Suche nach historischer Wahrheit interessiert ist, wird dieses Werk mit Gewinn lesen. Dazu trägt auch der brillante Stil des Autors bei, den der Verlag schon beim ersten Band mit Recht als „zugleich gelehrt, unterhaltsam und humorvoll“ (at once erudite, conversational, and humorous) charakterisierte.

Crawford Gribben führte im November ein 34-minütiges Interview mit dem Autor, das auf der Website New Books Network nachgehört werden kann.


Bert Cargill / James Brown: Trailblazers and Triumphs of the Gospel. “Making Disciples of all Nations”. Brief accounts of some of those who pioneered with the Gospel in several countries and of some great revivals in recent times. Christian Heritage Series 2. Kilmarnock (Ritchie) 2018. 233 Seiten.

Der Band enthält Lebensbilder und Episoden aus der Missionsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, die zuerst 2013–16 als Artikelserie im Believer’s Magazine erschienen. Von Relevanz für die Brüderbewegung sind vor allem die Kapitel über Anthony Norris Groves (S. 37–44), Friedrich Wilhelm Baedeker (S. 80–87), Leonard Strong (S. 117–120), Stuart Edmund McNair (S. 122–124), William Williams (S. 125–127) und die „Operation Auca“ (S. 128–136).


Van Costen (Hrsg.): The Last Days of James Butler Stoney (1895–1897). Chesapeake, VA (Hold Fast What Thou Hast) 2018. 294 Seiten.

Im einleitenden Teil (S. 17–61) sind Erinnerungen von Stoneys Tochter Anna Maria Elizabeth abgedruckt („‘From Glory to Glory’ (2 Corinthians 3:18). The Closing Days of James B. Stoney (1895–1897). A Record kept by His Daughter“), im Hauptteil (S. 63–288) fünfzig „Meditations and Papers“, die Stoney in den letzten fünfzehn Monaten seines Lebens schrieb oder diktierte. Den Abschluss bilden ein kurzer Bericht über Stoneys Beerdigung und zwei Briefauszüge von Coates und Raven (S. 289–294).


btbNeil Dickson / T[homas] J. Marinello (Hrsg.): Bible and Theology in the Brethren. Studies in Brethren History. Glasgow (Brethren Archivists and Historians Network) 2018. xiv, 277 Seiten.

Der fünfte Band der Reihe Studies in Brethren History versammelt die Vorträge der BAHN-Konferenzen von 2013 und 2015:

James M. Houston: „Bible Reading Through the History of the Church (S. 5–14)
Neil Dickson: „Worn Symbols: Women’s Hair and Head Coverings in Brethren History“ (S. 17–38)
Dirk Jongkind: „Samuel Prideaux Tregelles: A Nineteenth-Century Evangelical Apology for New Testament Textual Criticism (S. 39–50)
Beth Dickson: „In the World and of It Too: Bible or Culture? The Role of Women in Brethren Assemblies, 1880–1940 (S. 51–67)
Roger N. Holden: „‘You have to go by Scripture’: Taylorite Exclusive Brethren, the Bible, and the Holy Spirit (S. 69–86)
Kovina Mutenda: „The Brethren and the Bible in Central Africa (S. 87–94)
Alan Millard: „Brethren and Biblical Scholarship in Britain in the Twentieth Century (S. 95–105)
Tórður Jóansson: „Victor Danielsen (1894–1961): Teacher – Translator – Evangelist (S. 107–113)
Ian Randall: „Wilfred James Wiseman (1891–1970): The Bible Society and the Brethren (S. 115–131)
Tim Grass: „F. F. Bruce and the Bible (S. 133–144)
T. J. Marinello: „Use of the Bible among the New Brethren in Flanders (S. 145–154)
Mark R. Stevenson: „The Brethren and Systematic Theology: Outspoken Objectors; Unconscious Practitioners (S. 157–169)
Neil Summerton: „The Theology of George Müller (S. 171–202)
Anne-Louise Critchlow: „William Kelly and his Mystic Spirituality (S. 203–211)
Neil Dickson: „A Darbyite Mystic: Frances Bevan (1827–1909) (S. 213–247)
Roger N. Holden: „‘I do not know that there is such a term in Scripture as eternal sonship’: James Taylor and the Question of the Eternal Son (S. 249–277)


Peter Herriot: The Open Brethren. A Christian Sect in the Modern World. Cham (Palgrave Macmillan) 2018. xi, 194 Seiten.

Untersuchungen eines emeritierten Psychologieprofessors über den konservativen Flügel der britischen Offenen Brüder (“Tight Open Brethren”), den er für ein „archetypisches Beispiel des Fundamentalismus“ hält. Der Autor stammt ursprünglich selbst aus der Brüderbewegung, ist heute aber „liberaler Methodist“.


introvigneMassimo Introvigne: The Plymouth Brethren. New York (Oxford University Press) 2018. x, 141 Seiten.

Introvigne ist ein italienischer Religionssoziologe, der sich seit Jahren für „diskriminierte“ religiöse Minderheiten jedweder Couleur einsetzt, so auch für die Raven-Taylor-Symington-Hales-Brüder. Bereits 2007 legte er gemeinsam mit dem ehemaligen Offenen Bruder Domenico Maselli (1933–2016) das Buch I Fratelli. Una critica protestante alla modernità („Die Brüder. Eine protestantische Kritik der Moderne“) vor, auf dem der nun erschienene Band in weiten Teilen basiert. Die erste Hälfte ist der Geschichte der Brüderbewegung bis 1848 gewidmet, die zweite Hälfte den verschiedenen Gruppierungen der Geschlossenen Brüder mit Schwerpunkt auf den Raven-Taylor-Symington-Hales-Brüdern (die sich seit 2012 offiziell „Plymouth Brethren Christian Church“ [PBCC] nennen).

Introvignes Ansatz ist primär soziologisch, nicht theologisch; in letzterer Hinsicht lässt sein Buch manches zu wünschen übrig, wie Timothy Stunt und Neil Dickson in ihrer Rezension in BHR 2018 (s.u.) an mehreren Beispielen gezeigt haben. Auch historisch enthält das Werk etliche Fehler, auf die der Autor teilweise schon nach Erscheinen der italienischen Erstfassung 2007 aufmerksam gemacht wurde. Als deutscher Leser stolpert man z.B. über folgende Darstellung (S. 74):

Others went even further in their condemnation of Raven and separated from the Brethren III, accusing them of maintaining elements of the Raven system. They included Rudolf Brockhaus, the son of the most influential German leader of the Brethren, Carl Brockhaus. Some 600 members of his ‘Alte Elberfelder’ Brethren still exist in Germany, and their conferences attract several thousand sympathisers.

Hier wird also behauptet, Rudolf Brockhaus und andere hätten sich von den Brethren III getrennt (Introvigne benutzt das veraltete, willkürliche Nummerierungssystem des United States Census Bureau, das die Lowe-Continental-Brüder als Brethren III führte), und von dieser Gruppe gebe es heute noch 600 Mitglieder in Deutschland. Wie der Autor auf diese völlig aus der Luft gegriffenen Aussagen kommt, bleibt unerfindlich.

Wenn Introvigne in Fußnoten auf Quellen hinweist, sind die Angaben nicht immer zuverlässig (manche Erscheinungsorte sind falsch oder erfunden – Internetquellen werden wie Druckwerke zitiert, z.B. eine auf bruederbewegung.de wiederveröffentlichte Broschüre von Alfred Wellershaus mit dem Erscheinungsort Gütersloh!). Wiederholt wird auch pauschal auf ganze Bücher (ohne Seitenangabe) verwiesen, die die im Text aufgestellten Behauptungen gar nicht enthalten. Stunt nennt Introvignes “approach to scholarship” deshalb “astonishingly capricious” und das Buch “a sloppy and imprecise piece of work”.

Noch schwerer wiegt vielleicht die Kritik an der distanzlosen Darstellung der Raven-Taylor-Symington-Hales-Brüder, deren Binnensicht der Autor völlig übernimmt und die er gegen alle Vorwürfe verteidigt (z.B. in Sachen Absonderung von „ungläubigen“ Familienangehörigen, Gemeinnützigkeit, Prozessfreudigkeit). Von Seiten der „PBCC“ wird das Buch daher in Zukunft ohne weiteres für PR-Zwecke eingesetzt werden können (so wie früher die Arbeiten des Soziologen Bryan R. Wilson). Dass einer der renommiertesten Wissenschaftsverlage der Welt ein solches Werk in sein Programm aufgenommen hat, erscheint kaum nachvollziehbar.

Eine etwas wohlwollendere, die Mängel aber ebenfalls benennende Rezension von Crawford Gribben findet sich auf der Website Reading Religion.


ironsidebwHenry Allen Ironside: Die Brüderbewegung – ein historischer Abriss. Aus dem Englischen von Günther Schwalb und Alois Wagner. Bielefeld (CLV) 2018. 352 Seiten.

Über 75 Jahre nach Erscheinen der amerikanischen Originalausgabe (1942) wurde nun eine deutsche Übersetzung von Ironsides Historical Sketch of the Brethren Movement vorgelegt. Den neuesten Forschungsstand wird man daher nicht erwarten dürfen, wohl aber eine knappe, gut lesbare, relativ unparteiische (aber auch nicht standpunktlose) Darstellung der ersten hundert Jahre der Brüderbewegung mit Schwerpunkt auf dem englischen Sprachraum.

Gegenüber der Originalausgabe wurden über 500 Fußnoten mit historischen, biografischen, bibliografischen und sonstigen Hintergrundinformationen hinzugefügt (was zusammen mit dem großzügigen Zeilenabstand dazu führte, dass die deutsche Ausgabe um 60 % umfangreicher ist als die englische). Die meisten dieser Fußnoten sind hilfreich, manche aber auch etwas redundant, da mehrmals in identischer Form wiederholt (so z.B. die Publikationsliste Belletts in den Fußnoten 31–34 und 484, die Biografie Robert T. Grants in den Fußnoten 221, 251 und 362 oder die Publikationsliste Walter Scotts in den Fußnoten 285, 403, 414 und 441). Einige längere Fußnoten wurden leider ohne Quellenangabe aus anderen Werken abgeschrieben (so die Fußnote 49 über Darbys Bibliothek aus Max S. Weremchuks John Nelson Darby und die Anfänge einer Bewegung, S. 63, oder die Fußnoten 324–325 über Frederick E. Raven aus Wikipedia).

Das Buch steht beim Verlag zum kostenlosen Download zur Verfügung, aber der Kauf der gedruckten Version lohnt sich allein schon wegen des bibliophil gestalteten Umschlags (Klappenbroschur; innen Porträts, Zitate und ein Manuskriptfaksimile). Eine Rezension von Gerrit Alberts (der auch das Vorwort zum Buch schrieb) erschien in fest und treu 1/2018, S. 22f. Lesenswert ist auch die Rezension von Hanniel Strebel auf amazon.de.


Edwin O. P. Mutton: History of the “Little Flock Hymn Book” and its Authors. Editing and Layout by W. S. Chellberg. Wheaton, IL (Bibles, etc.) 2018. 88 Seiten.

Kompaktes Nachschlagewerk zum Liederbuch Hymns and Spiritual Songs for the Little Flock in der von James Taylor jun. besorgten Ausgabe von 1962. (Der Autor gehört allerdings einer der 1970 von Taylor abgefallenen Brüdergruppen an.)


schnurrwarnsJohannes Warns: Gemeinde nach dem Neuen Testament. Schriften zur Gemeindefrage mit acht unveröffentlichten Manuskripten. Hrsg. von Hartwig Schnurr. edition Forum Wiedenest. Muldenhammer (Jota) 2018. 348 Seiten.

Im ersten Teil dieses Sammelbandes sind acht bisher unveröffentlichte Aufsätze abgedruckt, in denen sich Johannes Warns (1874–1937), der erste Leiter der Bibelschule Wiedenest, kritisch mit der Ekklesiologie der Geschlossenen Brüder auseinandersetzt: „Darbys Lehre über das große Haus und den Verfall der Kirche“ (S. 10–47), „Versammelt im Namen Jesu“ (S. 48–66), „Gemeinde oder Versammlung?“ (S. 67–77), „Aufnahme und Gemeinschaft“ (S. 78–90), „Gaben und Dienste“ (S. 91–112), „Die Gemeindezucht“ (S. 113–137), „Der Tisch des Herrn“ (S. 138–168) und „Die sogenannte Haushaltstaufe“ (S. 169–174). Im zweiten Teil folgen die bereits zu Warns’ Lebzeiten gedruckten Schriften „Georg Müller und John Nelson Darby“ (S. 176–224; ergänzt durch einen Briefwechsel zwischen Rolf Brockhaus und Johannes Warns, S. 225–231), „Die Kindertaufe“ (S. 232–251), „Gedanken über eine schriftgemäße Abendmahlsfeier“ (S. 252–291), „Kennt das Neue Testament die Bedienung einer örtlichen Gemeinde durch einen einzelnen Prediger?“ (S. 292–312) und „Grenzen der Schriftauslegung“ (S. 313–340). Abgerundet wird der Band durch einen Nachruf auf Johannes Warns von Erich Sauer (S. 342–348).

Eine erste Rezension (von Matthias Schmidt) erschien im Wiedenester Magazin Offene Türen.


AUFSÄTZE


Heft 13 (2017) der Brethren Historical Review erschien erst Ende Januar 2018 und wird daher auch erst in dieser Bibliografie berücksichtigt. Es enthält (neben etlichen Rezensionen) die folgenden Beiträge:

Roger N. Holden: „Are We Worshipping at the Right Shrine? Fitzwilliam Square, Dublin (S. 1–5)
Timothy C. F. Stunt: „An Early Forgotten Letter by J. N. D. (S. 6–8)
David Brady: „David Walther (1794–1871) and His Family: With a Catalogue of Walther’s Known Publications (S. 9–58)
Timothy C. F. Stunt: „John William Peters (1791–1861): Some Clarifications (S. 59–74)
Christina Evangelina Lawrence: „Carter’s Kitchen: ‘Extraordinary tea drinkings for the starving poor.’ (S. 75–94)
Roger Shuff: „Romantic Affinities: A Brethren-tinted Perspective on the Spiritual Journey of John Ruskin (S. 95–107)
Alastair J. Durie: „A Morningside Brethren Meeting. The Old Schoolhouse (S. 108–132)
Michael Ward Thompson: „George Ward Ainsworth (1882–1938): Brethren Evangelist (S. 133–141)
Ian Wallace: „Peter Brandon (1925–2015) (S. 158–164)
Graham Rand: „John Samuel Andrews (1926–2016) (S. 164–167)
Ulrich Brockhaus: „Gerhard Jordy (1929–2017) (S. 167–169)
Carl E. Armerding: „Ian S. Rennie (1929–2015) (S. 170–174)
Tórður Jóansson: „Zacharias Zachariassen (1935–2017) (S. 175–180)
Neil Dickson: „Alastair J. Durie (1946–2017) (S. 180f.)

Von Interesse sind besonders die Artikel von Holden (über den Ort des ersten Brotbrechens in Dublin: nach seinen Recherchen das Haus Fitzwilliam Square 45), Brady (über den Autor und Verleger David Walther, von dem bereits 1850 in Düsseldorf die von Poseck übersetzte Schrift Die Persönlichkeit des Trösters erschien) und Brockhaus (Nachruf auf Gerhard Jordy, in kürzerer Form auch in AGB aktuell 7/2017, S. 2 veröffentlicht).


bhr2018Heft 14 (2018) der Brethren Historical Review folgte dann im „richtigen“ Jahr. Enthalten sind (wieder abgesehen von den Rezensionen) nachstehende Aufsätze:

Timothy C. F. Stunt: „Robert Nelson (1798–1895): Administrator, Judge, and Plymouth Brother (S. 1–15)
Vijaya Raju Bandela: „The Brethren Movement in Andhra (S. 16–46)
Timothy C. F. Stunt: „A Note Concerning Hannah Kilham Burlingham (1842–1901) (S. 47–54)
Sylvain Aharonian: „The Open Brethren Movement in France (S. 55–77)
Rose Dowsett: „Brethren Listed in the CIM Register, 1865–1948 (S. 78–88)
Dániel Kovács: „The Hungarian Brethren Movement: History, Nature, and Outlook (S. 89–119)
Crawford Gribben: „The Church of God in Belfast: Needed Truth, the Vernalites, and the Howard Street Christians, 1890–1924 (S. 120–148)
Timothy C. F. Stunt / Neil Dickson: „The Plymouth Brethren: A Review Article (S. 149–156)
Michael Schneider: „New Writing on Brethren History (S. 157–164)
Ruth Collins: „Stephen Somerset Short (1920–2018) (S. 193–200)

Der Beitrag von Aharonian ist eine Zusammenfassung seines in der vorigen Bibliografie verzeichneten Buches von 2017, der Beitrag von Kovács eine Zusammenfassung seiner Wiedenester Abschlussarbeit von 2014, der Beitrag von Stunt und Dickson eine Rezension des oben genannten Buches von Introvigne.


christianhistory128Ausgabe 128 der amerikanischen Zeitschrift Christian History (erschienen im November 2018) war ganz dem Thema „Living on a prayer: George Müller, the Brethren, and faith missions“ gewidmet. Die einzelnen Artikel:

Roger Steer: „Delighted in God. The prayer-full, faith-full life of George Müller (S. 6–12)
George Müller: „Nothing but the blood of Jesus (S. 13)
Philip Thomas: „A substantial work. How God led Müller to provide homes for children (S. 14–17)
Dan Graves: „Even the wind obeyed. George Müller’s testimony of 50,000 answered prayers (S. 18–20)
George Müller: „‘Ready to do the Lord’s will’. How to ascertain the will of God, according to Müller (S. 21)
The Christian History Timeline: From orphans to martyrs. The influence of Müller, his friends, his movement was long-lasting (S. 22f.)
Tim Grass: „Müller and friends. The development of the Brethren (S. 24–28)
Robert Bernard Dann: „The ‘simple standard of God’s word’: Anthony Norris Groves (S. 29)
Lisa Nichols Hickman: „‘Thus far the Lord has helped us’. How Hudson Taylor learned to live by faith (S. 30–33)
Roger Robins: „Caught up to meet Jesus in the clouds. John Nelson Darby’s view of the last things (S. 34–36)
Jennifer Boardman: „For the love of God’s Word. A legacy of Brethren influence (S. 37–40)
[Jennifer Woodruff Tait / Phil Thomas:] „A Christian organization with integrity (S. 41)
Recommended resources (S. 42f.).

Das Heft kann kostenlos online gelesen und auch heruntergeladen werden.


Howard Barnes: „Sir Robert Anderson (1841–1918)“. In: Precious Seed 73 (2018), Heft 1, S. 22f.

Lebensbild des bekannten Autors, der in leitender Stellung bei Scotland Yard tätig war und zeitweise den Offenen Brüdern nahestand. Erschienen aus Anlass des 100. Todestages am 15. November 2018 (auch online).


John Bennett: „Robert Eugene Sparks 1844–1918“. In: Precious Seed 73 (2018), Heft 3, S. 28.

Der laut Artikel selbst im englischen Sprachraum heute kaum noch bekannte Sparks war von 1894 bis 1918 Mitherausgeber der Missionszeitschrift Echoes of Service. Das Lebensbild erschien zum 100. Todestag am 18. Oktober 2018 (auch online).


John Dennison: „The Seam of Light: The Bible, the Gospel Hall, the Poet“. In: Journal of New Zealand Literature 36 (2018), Heft 2, S. 160–169.

Autobiografische Notizen eines neuseeländischen Dichters (* 1978), der unter den Offenen Brüdern aufwuchs.


Neil Dickson: „‘Sweet feast of love divine’“. In: Partnership Perspectives 63 (Summer 2018), S. 47–51.

Kurzer Artikel über Abendmahlsverständnis und -praxis der „Brüder“ (auch online). Der Titel ist der Beginn eines Liedes von Sir Edward Denny, das ins Liederbuch der britischen Offenen Brüder Eingang fand (aber offenbar nicht in das der Geschlossenen).


Neil Dickson: „Brethren and their Buildings“. In: The Chapels Society Journal 3 (2018), S. 24–40.

Über Versammlungshäuser der britischen „Brüder“ (offen wie geschlossen) in Vergangenheit und Gegenwart.


Liselotte Frisk / Sanja Nilsson: „Raising and Schooling Children in the Plymouth Brethren Christian Church: The Swedish Perspective“. In: Liselotte Frisk / Sanja Nilsson / Peter Åkerbäck: Children in Minority Religions. Growing up in Controversial Religious Groups. Sheffield/Bristol (Equinox) 2018. S. 333–361.

Wie in mehreren anderen Ländern haben die Raven-Taylor-Symington-Hales-Brüder auch in Schweden eine Privatschule gegründet, die zurzeit von ca. 50 Kindern besucht wird. Der Aufsatz untersucht Erziehung und Schulbildung dieser Kinder, insbesondere mit Blick auf das Prinzip der „Absonderung“.


Crawford Gribben: „Continuities and disjunctions in evangelical thinking about the last things“. In: Partnership Perspectives 62 (Spring 2018), S. 46–52.

Über die calvinistischen Hintergründe des Dispensationalismus (auch online). Die frühen „Brüder“ waren laut Gribben die „young, restless Calvinists“ des 19. Jahrhunderts.


Andreas Liese: „Deportiert nach Theresienstadt. Zum 75. Todestag von David Kogut“. In: Zeit & Schrift 21 (2018), Heft 6, S. 26–29.

Erstes Lebensbild des im KZ Theresienstadt umgekommenen Judenchristen David Kogut (1877–1943), der den Geschlossenen Brüdern angehörte (auch online).


Gabriele Naujoks: „‚Das Leben ist für mich Christus‘. Zum 175. Geburtstag von Alexander Hume Rule“. In: Zeit & Schrift 21 (2018), Heft 2, S. 28–35.

Lebensbild eines schottisch-amerikanischen Evangelisten und Lehrers der Lowe-Brüder (1843–1906). Bereits im Mai 2018 hier im Blog vorgestellt (auch online).


John Piper: „Georg Müller. Eine Strategie, Gott zu zeigen – Glauben in Einfalt, Gottes Wort, Genüge in Gott“. In: ders.: Vereint im Vertrauen. Die Frucht siegreichen Glaubens im Leben von Charles Spurgeon, Georg Müller und Hudson Taylor. Aus dem Englischen von Alois Wagner. Bielefeld (CLV) 2018. S. 103–138.

Lebensbild Georg Müllers mit Schwerpunkt auf seinem Calvinismus (wie bei diesem Autor zu erwarten). Die Bethesda Chapel in Bristol wird als „eine Art unabhängige, calvinistisch geprägte Gemeinde“ bezeichnet, „die ein zukünftiges Tausendjähriges Reich auf Erden erwartete, das Mahl des Herrn wöchentlich feierte und auch Menschen ohne Glaubenstaufe als Gemeindeglieder aufnahm“ (S. 103f.), ohne dass die Zugehörigkeit zur Brüderbewegung auch nur erwähnt würde. Das Buch steht zum kostenlosen Download zur Verfügung.


Dave Porsche: „Brüdergemeinden – wo geht es hin?“ In: Perspektive 17 [recte 18] (2018), Heft 3, S. 44f.

Der Autor befürchtet, dass Brüdergemeinden aussterben werden, und zeigt sechs Symptome dafür auf (wenig Nachwuchs in Leitungsverantwortung und vollzeitlichem Dienst, wenig Innovationsbereitschaft, wenig neue Lieder, kaum neue Gemeinden, Zufriedenheit mit dem Status quo).


Martin von der Mühlen: „Eine kritisch-konstruktive Ergänzung zum Artikel ‚Brüdergemeinden – wo geht es hin?‘ von Dave Porsche in der ‚Perspektive‘ 3/18“. In: Perspektive 17 [recte 18] (2018), Heft 5, S. 26f.

Der Verfasser kritisiert die Ausführungen Porsches als einseitig und verallgemeinernd und ruft dazu auf, alle Generationen (und nicht nur die junge) im Blick zu behalten.


Barbara Schieb / Jutta Hercher: „Aktion ‚Arbeitsscheu Reich‘ im Juni 1938“. In: 1938. Warum wir heute genau hinschauen müssen. Hrsg. von Barbara Schieb und Jutta Hercher. Mit einem Vorwort von Klaus von Dohnanyi. München (Elisabeth Sandmann) 2018. S. 146f.

Kurzes Porträt des Judenchristen Kurt Seelig (1887–1954), der der „Christlichen Versammlung“ angehörte und im Juni 1938 zwei Wochen im KZ Buchenwald inhaftiert war.


Mark R. Stevenson: „The Brethren and Systematic Theology: Outspoken Objectors; Unconscious Practitioners“. In: Reflections from the Emmaus Road. Essays in Honor of John H. Fish III, David A. Glock, and David J. MacLeod. Hrsg. von Franklin S. Jabini, Raju D. Kunjummen und Mark R. Stevenson. Dubuque, IA (Emmaus Bible College) 2018. S. 112–131.

Über das zwiespältige Verhältnis der „Brüder“ zur Systematischen Theologie.


Timothy C. F. Stunt: „The Formation of a Seceder. John Nelson Darby at Trinity College, 1815–1819“. In: A Flight of Parsons. The Divinity Diaspora of Trinity College Dublin. Hrsg. von Thomas P. Power. Eugene, OR (Pickwick) 2018. S. 41–59.

Überlegungen zur Frage, welchen Einfluss das Studium am Trinity College (Dublin) auf Darbys geistige und geistliche Entwicklung hatte.


Hartmut Wahl: „Vergesst eure Lehrer nicht! War Karl von Rohr-Levetzow am Widerstand gegen Hitler beteiligt?“ In: Perspektive 17 [recte 18] (2018), Heft 5, S. 31f.

Erste Erkenntnisse über den Offenen Bruder Karl von Rohr-Levetzow (1878–1945), der bis 1939 BfC-Reisebruder war und im April 1945 unter ungeklärten Umständen von der SS ermordet wurde – möglicherweise wegen seiner Kontakte zum Widerstand (Henning von Tresckow war sein Neffe).


Joseph Webster: „The Exclusive Brethren ‘Doctrine of Separation’. An Anthropology of Theology“. In: Theologically Engaged Anthropology. Hrsg. von J. Derrick Lemons. Oxford (Oxford University Press) 2018. S. 315–335.

Über Absonderungslehre und -praxis der Raven-Taylor-Symington-Hales-Brüder. Zu Beginn berichtet der Autor ausführlich über seine Schwierigkeiten, an einem ihrer Gottesdienste teilnehmen zu dürfen.


Für Hinweise auf weitere, von mir übersehene Neuerscheinungen bin ich dankbar!

Neues über Max Springer (3): Die Familie

Dem im letzten Blogeintrag angeführten Zitat aus Unsearchable Riches war zu entnehmen, dass Max Springer mindestens eine Tochter hatte, die 1931 in Düsseldorf wohnte. Weitere Informationen über seine Familie liegen bislang nicht vor; die Datenbanken auf FamilySearch können jedoch zumindest einige Hinweise auf seine Geschwister geben.

Amerikareisen

cedric1921 und 1923 taucht Max Springers Name auf Schiffspassagierlisten auf: In diesen beiden Jahren reiste er jeweils für mehrere Monate in die Vereinigten Staaten, um – so die Eintragung in den Listen – seine Schwester Elise Warwas zu besuchen, die in Forest Park (Illinois) lebte. Dass es sich tatsächlich um „unseren“ Max Springer handelt, wird durch die Heimatadresse in Berlin-Wilmersdorf bestätigt, die mit der aus Unsearchable Riches bekannten übereinstimmt: Güntzelstraße 29 (in der Liste von 1921 fälschlich „Gunkelstrasse“ geschrieben). Springers Beruf wird 1921 als „priest“, 1923 als „Pastor“ angegeben, seine Größe beide Male als „5 Feet 8 Inches“ (= 1,73 m), seine Haarfarbe 1921 als „mixed“, 1923 als „grey“, seine Augenfarbe beide Male als „grey“. Interessanter als diese äußerlichen Details ist sein Geburtsort, der in beiden Listen dokumentiert ist: Springer wurde im oberschlesischen Neisse (heute Nysa, Polen) geboren, stammte also nicht aus dem Wuppertal, wo er in den 1890er und 1900er Jahren wirkte (ältere Nachrichten über ihn lagen ja bisher nicht vor). Sein Alter ist offensichtlich nur auf der Liste von 1923 korrekt angegeben (65; daraus ergibt sich dasselbe Geburtsjahr wie aus dem Nachruf von Adolph E. Knoch), während die Liste von 1921 ihn fünf Jahre jünger macht (58 statt 63).

Die 1921er Reise war laut Passagierliste Springers erster Besuch in den USA. Sein Schiff „Noordam“ legte am 3. August in Rotterdam ab und traf am 13. August in New York ein. Springers Aufenthalt war auf sechs Monate veranschlagt; das amerikanische Bürgerrecht – auch danach wurde in der Passagierliste gefragt – hatte er nicht vor zu beantragen. Wenn alles wie geplant verlief, müsste er also im Februar 1922 zurückgekehrt sein. Am 8. Dezember des folgenden Jahres machte er sich von Liverpool aus erneut auf die Reise, und zwar mit dem Schiff „Cedric“, das am 17. Dezember in New York ankam. Diesmal wollte er ein ganzes Jahr bleiben, und die Frage nach der Beantragung des Bürgerrechts blieb offen („Uncer[tain]“). Vermutlich ist es dazu nicht gekommen, aber das Jahr 1924 dürfte Springer größtenteils in den USA verbracht haben.

Interessanterweise hielt sich ein alter Freund und Mitstreiter Springers um diese Zeit ebenfalls in den Vereinigten Staaten auf: Heinrich Großmann war acht Monate vor ihm, am 7. April 1923, in New York eingetroffen und blieb bis 1929. Auch wenn er sich in der Nähe von New York niederließ – die Passagierliste nennt das unmittelbar benachbarte Jersey City als Zielort –, ist es doch gut möglich, dass die beiden Kontakt miteinander aufnahmen. Großmann lernte während seines sechsjährigen Aufenthalts auch Adolph Ernest Knoch kennen;1 es ist nicht auszuschließen, dass dies auch für Springer gilt.

Ein weiterer alter Bekannter lebte seit über zehn Jahren ganz in der Nähe von Springers Schwester: Prediger Julius Rohrbach, der drei Jahrzehnte in Moabit und Charlottenburg tätig gewesen war und 1908 in einem Brief an Echoes of Service Springers „gesegnetes Zeugnis“ in Berlin gelobt hatte,2 war 1910 oder spätestens 1913 in die USA emigriert und wohnte in einem nördlichen Vorort von Chicago, knapp 30 km von Forest Park entfernt. Über eventuelle Kontakte während Springers erstem oder zweitem Amerikaaufenthalt lässt sich natürlich auch hier nur spekulieren.

Geschwister

elisewarwasElise Warwas geb. Springer, Max’ Schwester, hatte bereits 1892 bis 1896 in den Vereinigten Staaten gelebt und wanderte 1898 von Charlottenburg endgültig dorthin aus. Als Bezugsperson in den USA wird ein Schwager namens „Jan Johannsen“ genannt. Zwei Jahre später, als der Census 1900 erhoben wurde, war Elise bereits Witwe und wohnte mit ihren beiden Kindern Richard (* September 1877; Beruf: „Painter“) und Freda (* Januar 1884; Beruf: „Milliner“ = Hutmacherin oder -verkäuferin) sowie ihrem unverheirateten Bruder Frederick Springer (* Mai 1861; Beruf: „Pocket Book Maker“) im Chicagoer Stadtteil West Town. Ihr Geburtsdatum wird mit September 1857 angegeben; demnach war sie ein Jahr älter als ihr Bruder Max.

1915 meldete Elise Warwas den Tod einer Agnes Springer, Tochter von Wm. Springer und Johanne Wacke, geboren am 29. November 1859 in Deutschland, verstorben am 11. Juli 1915 in Oak Park (Illinois), unverheiratet – also offensichtlich eine weitere Schwester. Agnes hatte beim Census 1900 als Hausangestellte der Familie Augustus J. Wampler im Chicagoer Stadtteil Hyde Park gelebt; eingewandert war sie bereits 1886 und somit wohl als Erste der Springer-Familie. 1910 arbeitete sie im Haushalt zweier alter Damen, Katarina Viering (82, verwitwet) und Eliza Brenneman (89, unverheiratet), beide aus Deutschland gebürtig.

Elise Warwas kann ich im Census von 1910 nicht finden. Ihr Bruder Frederick wohnte zu dieser Zeit bei der Familie seines Schwagers Jens Johansen (43 Jahre alt, geboren in Dänemark, Kupferschmied; offenbar identisch mit dem bereits genannten „Jan Johannsen“). Wenn Johansen ein Schwager der Springers war, muss seine Frau Christina (40 Jahre alt, geboren in Deutschland, eingewandert 1892, seit 17 Jahren verheiratet) eine dritte Schwester gewesen sein. Im Census 1900 findet sie sich unter dem Namen Christina Johanson (Ehefrau von „John Johanson“); ihr Geburtsdatum wird mit Oktober 1869 angegeben, ihre Kinder heißen William (* Mai 1895) und Annie (* Juni 1897). 1910 ist noch ein Sohn Walter (* 1902) dazugekommen.

Mit dem Census 1920 nähern wir uns dem Zeitraum, in dem Max Springer sich in den USA aufhielt. Wie sich zeigt, war die in den Schiffspassagierlisten angegebene Zieladresse „504 Elgin Avenue, Forest Park“ nicht das Haus von Elise Warwas, sondern das ihres (ebenfalls deutschstämmigen) Schwiegersohns Henry O. Lessner, bei dessen Familie sie nun wohnte. Der Name ihrer inzwischen 36-jährigen Tochter erscheint jetzt als „Elfrieda“; zum Haushalt gehörten ferner die Kinder Herbert (11) und Margaret (7) sowie der „Roomer“ Gustav Knausch (49).

Schwester Christina Johansen (diesmal „Christine“ geschrieben) war beim Census 1920 bereits Witwe3 und mit ihren drei Kindern William, Anna (sic) und Walter an derselben Chicagoer Adresse gemeldet wie 1910. Drei Jahre später, am 7. November 1923, starb auch sie, erst 54 alt. Die Todesmeldung enthält ihr exaktes Geburtsdatum: 6. Oktober 1869.

Bruder Frederick ist im Census von 1920 unauffindbar. Am Censustag 1930 (dem 1. April) befand er sich im Chicago State Hospital, einer psychiatrischen Klinik; zweieinhalb Monate später, am 15. Juni 1930, starb er im Alter von 69 Jahren. Seine Todesmeldung liefert wiederum das genaue Geburtsdatum (11. Mai 1861) und bestätigt die bereits im Zusammenhang mit Agnes erwähnten Namen der Eltern (wenn auch wieder in leicht abweichender Form – wahrscheinlich transkriptionsbedingt): William und Johanna Wache. In einer anderen Datenbank werden sogar die Geburtsorte der Eltern genannt: Der Vater stammte aus dem niederschlesischen Brieg (heute Brzeg, Polen), die Mutter (hier Johanna Woche geschrieben4) aus Neisse, wo auch Frederick (ursprünglich sicher Friedrich) geboren wurde.5

oldpeopleshomeSchwester Elise wohnte 1930 im „German Baptist Old People’s Home“ in Chicago – der einzige bislang vorliegende Hinweis auf die Glaubensstellung eines der „amerikanischen“ Springer-Kinder. Auch sie starb jedoch noch im selben Jahr, nämlich am 22. Oktober. Gemeldet wurde ihr Tod von einem gewissen Henry Koch, der offenbar nur ungenau über sie Bescheid wusste: So wird der Vorname ihres Vaters mit „Friedrich“ und ihr Geburtsdatum mit dem 7. September 1856 angegeben (statt 1857). Immerhin erfahren wir hier aber den Vornamen ihres verstorbenen Mannes (Henry, also wohl Heinrich) und finden wieder den Geburtsort Neisse bestätigt.

Es ist bemerkenswert, dass nicht weniger als vier Geschwister von Max Springer ihr Glück in Amerika suchten. Ob außer Max noch weitere in Deutschland blieben, lässt sich derzeit noch nicht sagen, da für den deutschsprachigen Raum keine vergleichbaren Online-Datenbanken existieren. Auch die Namen und Lebensdaten von Max’ Frau und Kindern wären wohl nur durch Archivrecherchen herauszufinden (aus der Passagierliste von 1923 geht immerhin hervor, dass der Name seiner Frau mit E begann).

Die Lebensdaten der fünf bekannten Springer-Geschwister sollen hier abschließend noch einmal übersichtlich zusammengestellt werden (zum Vergrößern klicken):

geschwisterspringer

Anhang: Der Erfinder

patentblattSucht man per Google nach „Max Springer Vohwinkel“, so stößt man auf mehrere Einträge in alten Patentzeitschriften, die leider (noch) nicht im Volltext zugänglich sind. Offensichtlich ließ Springer Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Erfindungen patentieren, darunter ein „Pneumatisches Schutzband gegen Wundwerden und zum Schutz für Wunden, aus einem mit Befestigungsringen (Bändern) versehenen Schlauch mit Lufteinblasventilschlauch bestehend“ (Patentblatt 1897), einen „Elastischen Schutzring für Wunden, mit freistehendem Ventilschlauch und Schutzhülfe für denselben“ (ebd.), ein „Elastisches Schutzkissen gegen Wundwerden und zum Schutze vor Wunden“ (Illustrirtes Österreichisch-Ungarisches Patent-Blatt 1897) oder einen „Elastischen Schutzring für Zugthiere gegen Wundwerden und zum Schutze von Wunden mit auswechselbarem Luftkissen“ (Patentblatt 1900). Eine dieser Erfindungen wurde 1898 in der französischen Landwirtschaftszeitschrift Journal de l’agriculture wie folgt beschrieben:6

Um diese Nachteile zu überwinden, erfand Herr Max Springer aus Vohwinkel (Rheinprovinz) pneumatische Wundschutzringe. Dieses Gerät ist aus Leder gefertigt und mit einem Gummiring ausgestattet, der je nach Bedarf mit einer Luftpumpe mehr oder weniger aufgeblasen werden kann; dies ist von hohem hygienischem Wert, insbesondere bei Verspannungen, Abszessen, Schwellungen nach Operationen usw. Er ist außerdem mit einem freien Lüftungsloch A ausgestattet, das nach dem Aufblasen in einem Schutzzwickel platziert wird. Das Gerät wird verwendet, um verschiedene Wunden und Schrammen zu schützen.

Die Erfindung und Herstellung solcher Geräte war demnach wohl der Beruf, von dem sich Max Springer 1899 nach Einschätzung des Offenen Bruders Max Isaac Reich „immer mehr freimachen“ konnte, „um am Wort zu dienen“.7