John Nelson Darby – ein Fundamentalist?

John Nelson Darby gilt heute vielen – auch unter seinen Verehrern – als einer der Väter, wenn nicht als der Vater des modernen protestantischen „Fundamentalismus“.1 Dabei wird häufig übersehen, dass er auf manchen Gebieten erstaunlich „unfundamentalistisch“ und tolerant dachte. Zwei davon möchte ich hier vorstellen.

Länge der Schöpfungstage
darby
John Nelson Darby

Im heutigen Junge-Erde-Kreationismus ist die Länge der Schöpfungstage nicht verhandelbar: Es muss sich um „gewöhnliche Tage“ à 24 Stunden gehandelt haben, alles andere wäre Bibelkritik. Darby sah dies wesentlich gelassener. Einerseits schreibt er in Hints on the Book of Genesis (CW 19:57, Übersetzung von mir):

Ich selbst glaube, dass es sechs Tage von je vierundzwanzig Stunden waren, denn ich habe keinen biblischen Grund dagegen.

Andererseits lässt er im Second Dialogue on the Essays and Reviews erkennen, dass er auch mit abweichenden Auffassungen kein grundsätzliches Problem hatte (CW 9:104f.):

Ich habe keine Meinung und keinen moralischen Einwand dagegen, die Tage als ausgedehnte Perioden aufzufassen, aber es erscheint mir ein wenig gezwungen/gekünstelt.

„Ein wenig gezwungen/gekünstelt“ (somewhat forced) – im Vergleich zum Vorwurf der Irrlehre oder Bibelkritik nimmt sich dieses Urteil doch recht milde aus. (Allerdings waren die frühen „Brüder“ als Vertreter der „Lückentheorie“ ja ohnehin keine Junge-Erde-Kreationisten im modernen Sinne.)

Quellen im Pentateuch

Viele „fundamentalistische“ Bibelleser sind überzeugt, dass Mose der Pentateuch vom ersten bis zum letzten Buchstaben direkt von Gott offenbart wurde (vielleicht mit Ausnahme des letzten Kapitels, das Moses Tod schildert). Auch dafür hätte Darby seine Hand nicht ins Feuer gelegt. Die in der Bibelwissenschaft des 19. Jahrhunderts aufkommende Unterscheidung zwischen „jahwistischen“ und „elohistischen“ Teilen lehnte er zwar mit Recht als “stupid theory” ab, aber die Existenz von Quellen an sich stellte für ihn kein Problem dar, wie er im Second Dialogue on the Essays and Reviews deutlich macht (CW 9:88):

Ich hätte keine Schwierigkeit damit, zwei, zwanzig oder zwanzigtausend Dokumente [im Pentateuch] anzunehmen, vorausgesetzt, dass ich Gottes Bericht über die Ereignisse darin finde. Menschliche Vermittlung kann ich in jedem Maße zugestehen, vorausgesetzt, dass ich göttliche Sicherheit und göttliche Absicht [darin] finde.

Noch pointierter drückt er es in The Irrationalism of Infidelity aus (CW 6:183):

Es ist mir völlig gleichgültig, ob Mose fünfhundert Dokumente benutzt hat, solange das Ergebnis exakt, vollkommen und vollständig das ausdrückt, was Gott mir mitteilen wollte.

Darby besteht also nicht auf der einheitlichen Autorschaft Moses, sondern erklärt die ganze Frage letztlich für irrelevant; maßgebend für ihn ist, dass die Endgestalt des Textes Gottes autoritatives und zuverlässiges Wort ist. An der überlegenen Ironie, mit der er die Sache behandelt (“twenty thousand documents”), sollte man sich heute vielleicht ein Beispiel nehmen.

Anmerkungen:

  1. So z.B. Erich Geldbach in seiner Rezension von Berthold Schwarz’ Darby-Monografie Leben im Sieg Christi (Theologische Beiträge 41 [2010], S. 361–363, hier 362).