Neues über Max Springer (1): Der Offene Bruder

Als ich im April 2017 in diesem Blog Max Springers Artikelserie „Ist der Darbysmus, was er vorgibt zu sein?“ (1912) vorstellte, schrieb ich über den Autor:

Über Springers Leben ist bisher außerordentlich wenig bekannt; nicht einmal seine Geburts- und Todesdaten und sein vollständiger Name (er publizierte unter den Initialen „W. C. M.“ Springer) liegen uns vor. Sicher ist, dass er bis 1892 den „Elberfelder Brüdern“ angehörte, sich dann aber auf die Seite Ravens stellte – vielleicht weniger aus Sympathie mit Ravens Lehren als aus Opposition gegen die „zentralistische“ Art und Weise, wie die kontinentaleuropäischen „Brüder“ 1890/91 auf zwei Elberfelder Konferenzen ihre Entscheidung gegen Raven gefällt hatten. So richtete er am 5. Juni 1892 in einem Rundschreiben „eine scharfe Anklage gegen die autoritäre Haltung einiger führender Brüder“.1 […]

Max Springer gründete 1893 die erste Zeitschrift der deutschen Raven-Brüder, Worte der Gnade und Wahrheit. Bereits Ende 1894 scheint er jedoch auch mit den Raven-Brüdern in Konflikt geraten zu sein, denn Raven schrieb am 17. Dezember 1894 an Thomas Henry Reynolds (1830–1930): “I am quite pained to hear about Springer and am quite in sympathy with your appeal.”2 Etwa 1896 wandte Springer sich dann offenbar ganz von der Brüderbewegung ab; die Worte der Gnade und Wahrheit wurden 1897 von Christian Schatz (1869–1947) übernommen.

In den letzten Wochen war es mir möglich, das Dunkel um Springers Leben nach 1896 ein wenig zu erhellen. Dazu trug zunächst die Veröffentlichung der 47 Bände Echoes of Service bei, über die ich in meinem letzten Blogeintrag berichtete – denn ab 1898 begegnete den Lesern dieser Zeitschrift der Name Max Springer in großer Regelmäßigkeit!3 Springer wandte sich also nach seiner Trennung von den Raven-Brüdern durchaus noch nicht von der Brüderbewegung ab, sondern er war in den folgenden Jahren eine der wichtigsten Kontaktpersonen der Offenen Brüder in Deutschland.

Versammlungen im Rheinland

springer_eos1898Erstmals erwähnt wird Springer im zweiten Septemberheft 1898 in einem Bericht Joseph W. Jordans,4 aus dem hervorzugehen scheint, dass sich im Rheinland unter Springers Einfluss bereits mehrere Versammlungen von den Geschlossenen (oder Raven-) Brüdern gelöst hatten bzw. dabei waren, sich zu lösen:5

Wir waren erfreut, im Rheinland eine Anzahl von Gemeinden zu finden, die im Namen des Herrn versammelt waren, und konnten einige davon besuchen und Zusammenkünfte abhalten, nämlich in Elberfeld und Barmen sowie in Vohwinkel, wo wir den Sonntag verbrachten. Es gibt in diesem Teil Deutschlands viele, die zum Volk Gottes gehören, und manche von ihnen sehnen sich danach, von menschlicher Knechtschaft frei zu sein und die Freiheit zu genießen, mit der der Herr uns freimacht. Ich möchte die Kinder Gottes bitten, für die Arbeit in diesem Teil Deutschlands zu beten und dass die Hände unseres Bruders Max Springer in seiner Arbeit für den Herrn gestärkt werden mögen.6

Offenbar dieselben Versammlungen besuchte der Singapurmissionar Alexander Grant Anfang 1899:

Im Rheinland fand Mr. Grant […] kleine Versammlungen, ruhig, fast bis zur Trägheit, mit äußerster Hochachtung vor der Autorität der Schrift, und doch scheinen kaum Seelen gewonnen zu werden. Dennoch gab es offensichtliche Anzeichen wahrer Gottesfurcht. Unser Bruder suchte ihnen die Wahrheit vorzustellen, dass die Aufgabe des Dieners Gehorsam ist und nicht bloß die Ausführung von „Grundsätzen“.7

Im Frühjahr 1899 kam der deutsch-englische Judenmissionar Max Isaac Reich ins Rheinland und besuchte gemeinsam mit Max Springer („der sich immer mehr von seinem Beruf freimachen kann, um am Wort zu dienen“8) die Versammlungen in Vohwinkel (Springers Wohnort), Elberfeld, Mettmann und Wald:

In vielen Herzen ist ein wirkliches Sehnen, dem in Johannes 17 ausgedrückten Wunsch unseres Herrn Jesus „auf dass sie alle eins seien“ ein Stück weit nachzukommen. Nicht die bloße Einheitlichkeit einer kirchlichen Körperschaft, sondern die lebendige Einheit in der Kraft göttlichen Lebens, die Christus zum Mittelpunkt und Gegenstand hat.9

Auch in den folgenden Jahren statteten englische Offene Brüder dem Rheinland immer wieder Besuche ab (und wurden häufig von Springer übersetzt): Im Mai 1900 nahmen Reich und der angehende Österreichmissionar Frederick Butcher an einer Konferenz in Vohwinkel teil,10 im Juni 1900 kam Edmund Hamer Broadbent nach Vohwinkel, Düsseldorf und Krefeld,11 im August 1901 Echoes-Mitherausgeber William Henry Bennet in Begleitung von Reich und eventuell wieder Broadbent nach Köln, Vohwinkel, Barmen und Düsseldorf,12 im Februar 1904 Belgienmissionar William J. Nock nach Vohwinkel, Velbert und Neviges13 und im August 1904 wiederum Bennet nach Solingen, Vohwinkel und Velbert.14

Der Evangelist

springer_eos1900Springer selbst betätigte sich ab 1900 zunehmend als Evangelist, zunächst in Vohwinkel und Umgebung,15 bald aber auch darüber hinaus – mit sehr erfreulichen Resultaten:

  • Im Mai 1904 konnte er von jeweils vierzehntägigen Evangelisationen in Bochum (40–50 Bekehrungen) und Werden (70–80 Bekehrungen) sowie einem Evangelisationsnachmittag in Langerfeld berichten,16 im November 1904 von einer Evangelisation in Mülheim.17
  • Ende 1905 bis Anfang 1906 hielt Springer mehrere gut besuchte Evangelisationen in Mülheim, Vohwinkel und Oberhausen ab: „Es gibt einen tiefen Seelenhunger, der das Werk des Herrn selbst ist. […] Gottes Gnade besucht Deutschland. Oh, mögen sich Herzen dafür öffnen!“18
  • Im März 1906 folgte eine weitere zweiwöchige Evangelisation in Oberhausen,19 im Mai/Juni 1906 eine dritte, zu der jeden Abend 300–500 Personen kamen; über 90 bekehrten sich, „und ich hoffe, dass der Herr einige dahin führen wird, sich einfach zu seinem Namen hin zu versammeln“.20
  • Im Juli 1906 predigte Springer in Holten (heute ein Stadtteil von Oberhausen-Sterkrade): „Ich hatte jeden Tag zwei Zusammenkünfte und fühlte mich sehr glücklich unter den lieben Brüdern dort, die in der Wahrheit sehr gute Fortschritte machen.“21

Bereits 1904 hatte Springer auch Missionsreisen ins Ausland zu unternehmen begonnen; so evangelisierte er im Herbst 1904 sechs Wochen lang in Siebenbürgen, Bukarest und Budapest,22 Anfang 1905 erneut in Siebenbürgen,23 im Herbst 1905 fünf Wochen lang in Biel (Schweiz) und danach abermals in Siebenbürgen und Budapest,24 im Februar/März 1906 in Ungarn25 und im Herbst 1906 in Kroatien und Ungarn.26

Ab 1907 verlagerte er seinen Lebensmittelpunkt vom Rheinland zunehmend in Richtung Berlin, wo er in zunächst halbjährlichen Abständen mehrwöchige Vortragsreihen hielt, bevor er sich Ende 1910 dauerhaft dort niederließ:27

  • Im Frühjahr 1907 veranstaltete er sechs Wochen lang abends Evangelisationen und nachmittags Zusammenkünfte für Christen „aus allen Benennungen“, die „ein Sehnen nach der Wahrheit zeigten und ein tiefes Verlangen, den Herrn besser zu kennen“.28
  • Im Herbst 1907 fand eine fünfwöchige Vortragsreihe (vorwiegend für Christen) in Charlottenburg und Halensee mit zwei Veranstaltungen täglich statt. Abends erschienen oft 700–800 Zuhörer, an Sonntagen über 1000, und es kam zu etlichen Bekehrungen (allein am 20. Oktober z.B. 60–70).29
  • Im Frühjahr 1908 evangelisierte Springer im Osten Berlins („Ich spreche nicht gerne von Ergebnissen, aber der Meister hat mich sehr ermutigt, und ich hatte die Freude, viele zu Christus kommen zu sehen“) und hielt nachmittags Vorträge für Christen, die besonders bei Angehörigen der höheren Gesellschaftsschichten auf zunehmende Resonanz stießen:30 „An einem Ort im Zentrum Berlins hatte ein Komitee adliger Damen Zusammenkünfte um 11 Uhr morgens anberaumt, die von dieser Klasse gut besucht wurden, darunter auch einigen mit Verbindungen zu unserem Königshof. Der Herr öffnete die Herzen vieler für seine Wahrheit.“31
  • Im Herbst 1908 kam Springer erneut zu einer sechswöchigen Vortragsreihe mit zwei Vorträgen täglich nach Charlottenburg; die Zuhörerzahl wuchs zum Schluss auf 400–700 Personen.32
  • Im Herbst 1909 arbeitete Springer mehrere Monate in Berlin; zuerst hielt er täglich zwei Vorträge in Charlottenburg, ab November evangelisierte er im Osten der Stadt „im sozialistischen und anarchistischen Viertel“.33

springer_eos1906Springers Missionsreisen in die Ferne wurden während dieser Zeit fortgesetzt und verstärkt; so finden wir ihn im Sommer 1907 wieder in Siebenbürgen,34 im November 1907 auf der Insel Usedom,35 im April 1908 auf Schloss Schedlau in Schlesien (wo er auf Einladung von Graf Pückler neun Vorträge hielt),36 im Sommer 1908 in Lettland (u.a. in Riga und auf Schloss Kremon, wo er mit der Familie Lieven das Brot brach),37 im November 1908 in Herrnhut,38 im Januar 1909 in Königsberg,39 im Januar 1910 in Ungarn und eventuell Siebenbürgen40 und Ende 1910 in Polen.41

Anfang der 1910er Jahre kühlte seine Beziehung zu den Offenen Brüdern dann aber offensichtlich ab – sein letzter Bericht in Echoes of Service erschien im Januar 1911, und bereits ein Jahr später bezeichnete er die Offenen Brüder in seiner pseudonym erschienenen Artikelserie „Ist der Darbysmus, was er vorgibt zu sein?“ als „Neudarbysten“, die sich aus seiner Sicht offenbar nur wenig von den anderen „Schülern Darbys“ unterschieden.42 Welche gemeindliche Richtung er nun einschlug, möchte ich in einem zweiten Beitrag darstellen.


Anmerkungen:

  1. W. J. Ouweneel: Het verhaal van de ”Broeders”. 150 jaar falen en genade, Deel II (1890–1978), Winschoten (Uit het Woord der Waarheid) 1978, S. 237.
  2. Letters of F. E. Raven, S. 100.
  3. Daher wird Springer auch in der auf den Echoes-Berichten basierenden, hierzulande bisher wenig beachteten Missionsgeschichte von Frederick Albert Tatford mehrmals erwähnt (That the World May Know, Bd. 8: West European Evangel, Bath [Echoes of Service] 1985, S. 495, 498f.). Allerdings dürfte Tatford nichts von Springers Elberfelder- und Raven-Vergangenheit gewusst haben.
  4. Joseph W. Jordan war Herausgeber zweier internationaler Adressbücher der Offenen Brüder (List of Some Meetings in the British Isles and Regions Beyond Where Believers professedly gather in the Name of the Lord Jesus for Worship and Breaking of Bread in Remembrance of HIM, upon the first day of the week, 1897 und 1904).
  5. Im Mai 1900 gab es im Rheinland an 8–9 Orten Gruppen von Gläubigen „in örtlicher Gemeinschaft“ (Echoes of Service 456 [Juni 1900 II], S. 180). Die List of Some Meetings von 1904 nennt zwölf Gemeinden in der Rheinprovinz: Beeck bei Ruhrort, Beuel bei Bonn, Duisburg, Elberfeld, Godesberg, Holten bei Oberhausen, Kupferdreh, Neviges, Solingen, Velbert, Vohwinkel und Wermelskirchen (S. 192).
  6. Echoes of Service 414 (September 1898 II), S. 277 (Übersetzung von mir).
  7. Echoes of Service 425 (März 1899 I), S. 67.
  8. Echoes of Service 430 (Mai 1899 II), S. 147.
  9. Echoes of Service 429 (Mai 1899 I), S. 131.
  10. Echoes of Service 454 (Mai 1900 II), Umschlagseite 19.
  11. Echoes of Service 458 (Juli 1900 II), Umschlagseite 27.
  12. Echoes of Service 485 (September 1901 I), S. 325.
  13. Echoes of Service 546 (März 1904 II), S. 105.
  14. Echoes of Service 557 (September 1904 I), S. 327.
  15. Echoes of Service 465 (November 1900 I), S. 323f.; Echoes of Service 476 (April 1901 II), S. 142.
  16. Echoes of Service 552 (Juni 1904 II), S. 239f.
  17. Echoes of Service 564 (Dezember 1904 II), S. 464. – Im selben Bericht erwähnt Springer auch Vorträge über die Stiftshütte im Mülheimer Stadtteil „Taarn“ (= Saarn).
  18. Echoes of Service 589 (Januar 1906 I), S. 5; Echoes of Service 592 (Februar 1906 II), S. 79; Echoes of Service 593 (März 1906 I), S. 87.
  19. Echoes of Service 593 (März 1906 I), S. 87; Echoes of Service 596 (April 1906 II), S. 142.
  20. Echoes of Service 605 (September 1906 I), S. 327.
  21. Echoes of Service 605 (September 1906 I), S. 327f. – Im Frühjahr 1907 schilderte Springer den besonders krassen Fall eines jungen Katholiken, dessen Eltern ihn nach seiner Bekehrung tagelang verprügelt und gefangengehalten hatten (Echoes of Service 623 [Juni 1907 I], S. 219).
  22. Echoes of Service 560 (Oktober 1904 II), S. 399; Echoes of Service 562 (November 1904 II), S. 426; Echoes of Service 563 (Dezember 1904 I), S. 459.
  23. Echoes of Service 568 (Februar 1905 II), S. 62; Echoes of Service 571 (April 1905 I), S. 126f.
  24. Echoes of Service 589 (Januar 1906 I), S. 5; Echoes of Service 592 (Februar 1906 II), S. 79; Echoes of Service 593 (März 1906 I), S. 87. – Auf dem Rückweg besuchte er in Berlin Christoph Köhler und Johannes Warns.
  25. Echoes of Service 593 (März 1906 I), S. 87; Echoes of Service 596 (April 1906 II), S. 142.
  26. Echoes of Service 612 (Dezember 1906 2), S. 464.
  27. Echoes of Service 710 (Januar 1911 II), S. 39; auch im Index 1910 ist erstmals eine Berliner Adresse angegeben.
  28. Echoes of Service 620 (April 1907 II), S. 160.
  29. Echoes of Service 637 (Januar 1908 I), S. 5.
  30. Echoes of Service 643 (April 1908 I), S. 139.
  31. Echoes of Service 648 (Juni 1908 II), S. 239.
  32. Echoes of Service 661 (Januar 1909 I), S. 5.
  33. Echoes of Service 685 (Januar 1910 I), S. 19.
  34. Echoes of Service 631 (Oktober 1907 I), S. 366.
  35. Echoes of Service 637 (Januar 1908 I), S. 5.
  36. Echoes of Service 648 (Juni 1908 II), S. 239. – Gemeint ist wahrscheinlich Eduard Graf von Pückler (1853–1924), einer der Begründer der Gemeinschaftsbewegung.
  37. Echoes of Service 655 (Oktober 1908 I), S. 368.
  38. Echoes of Service 661 (Januar 1909 I), S. 5f.
  39. Echoes of Service 664 (Februar 1909 II), S. 67.
  40. Echoes of Service 685 (Januar 1910 I), S. 19.
  41. Echoes of Service 710 (Januar 1911 II), S. 39.
  42. Titus Blicker: „Ist der Darbysmus, was er vorgibt zu sein?“ [Teil 2], in: Auf der Warte 9 (1912), Heft 48, S. 3f., hier 4 (PDF S. 8).