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Neues über Max Springer (3): Die Familie

Dem im letzten Blogeintrag angeführten Zitat aus Unsearchable Riches war zu entnehmen, dass Max Springer mindestens eine Tochter hatte, die 1931 in Düsseldorf wohnte. Weitere Informationen über seine Familie liegen bislang nicht vor; die Datenbanken auf FamilySearch können jedoch zumindest einige Hinweise auf seine Geschwister geben.

Amerikareisen

cedric1921 und 1923 taucht Max Springers Name auf Schiffspassagierlisten auf: In diesen beiden Jahren reiste er jeweils für mehrere Monate in die Vereinigten Staaten, um – so die Eintragung in den Listen – seine Schwester Elise Warwas zu besuchen, die in Forest Park (Illinois) lebte. Dass es sich tatsächlich um „unseren“ Max Springer handelt, wird durch die Heimatadresse in Berlin-Wilmersdorf bestätigt, die mit der aus Unsearchable Riches bekannten übereinstimmt: Güntzelstraße 29 (in der Liste von 1921 fälschlich „Gunkelstrasse“ geschrieben). Springers Beruf wird 1921 als „priest“, 1923 als „Pastor“ angegeben, seine Größe beide Male als „5 Feet 8 Inches“ (= 1,73 m), seine Haarfarbe 1921 als „mixed“, 1923 als „grey“, seine Augenfarbe beide Male als „grey“. Interessanter als diese äußerlichen Details ist sein Geburtsort, der in beiden Listen dokumentiert ist: Springer wurde im oberschlesischen Neisse (heute Nysa, Polen) geboren, stammte also nicht aus dem Wuppertal, wo er in den 1890er und 1900er Jahren wirkte (ältere Nachrichten über ihn lagen ja bisher nicht vor). Sein Alter ist offensichtlich nur auf der Liste von 1923 korrekt angegeben (65; daraus ergibt sich dasselbe Geburtsjahr wie aus dem Nachruf von Adolph E. Knoch), während die Liste von 1921 ihn fünf Jahre jünger macht (58 statt 63).

Die 1921er Reise war laut Passagierliste Springers erster Besuch in den USA. Sein Schiff „Noordam“ legte am 3. August in Rotterdam ab und traf am 13. August in New York ein. Springers Aufenthalt war auf sechs Monate veranschlagt; das amerikanische Bürgerrecht – auch danach wurde in der Passagierliste gefragt – hatte er nicht vor zu beantragen. Wenn alles wie geplant verlief, müsste er also im Februar 1922 zurückgekehrt sein. Am 8. Dezember des folgenden Jahres machte er sich von Liverpool aus erneut auf die Reise, und zwar mit dem Schiff „Cedric“, das am 17. Dezember in New York ankam. Diesmal wollte er ein ganzes Jahr bleiben, und die Frage nach der Beantragung des Bürgerrechts blieb offen („Uncer[tain]“). Vermutlich ist es dazu nicht gekommen, aber das Jahr 1924 dürfte Springer größtenteils in den USA verbracht haben.

Interessanterweise hielt sich ein alter Freund und Mitstreiter Springers um diese Zeit ebenfalls in den Vereinigten Staaten auf: Heinrich Großmann war acht Monate vor ihm, am 7. April 1923, in New York eingetroffen und blieb bis 1929. Auch wenn er sich in der Nähe von New York niederließ – die Passagierliste nennt das unmittelbar benachbarte Jersey City als Zielort –, ist es doch gut möglich, dass die beiden Kontakt miteinander aufnahmen. Großmann lernte während seines sechsjährigen Aufenthalts auch Adolph Ernest Knoch kennen;1 es ist nicht auszuschließen, dass dies auch für Springer gilt.

Ein weiterer alter Bekannter lebte seit über zehn Jahren ganz in der Nähe von Springers Schwester: Prediger Julius Rohrbach, der drei Jahrzehnte in Moabit und Charlottenburg tätig gewesen war und 1908 in einem Brief an Echoes of Service Springers „gesegnetes Zeugnis“ in Berlin gelobt hatte,2 war 1910 oder spätestens 1913 in die USA emigriert und wohnte in einem nördlichen Vorort von Chicago, knapp 30 km von Forest Park entfernt. Über eventuelle Kontakte während Springers erstem oder zweitem Amerikaaufenthalt lässt sich natürlich auch hier nur spekulieren.

Geschwister

elisewarwasElise Warwas geb. Springer, Max’ Schwester, hatte bereits 1892 bis 1896 in den Vereinigten Staaten gelebt und wanderte 1898 von Charlottenburg endgültig dorthin aus. Als Bezugsperson in den USA wird ein Schwager namens „Jan Johannsen“ genannt. Zwei Jahre später, als der Census 1900 erhoben wurde, war Elise bereits Witwe und wohnte mit ihren beiden Kindern Richard (* September 1877; Beruf: „Painter“) und Freda (* Januar 1884; Beruf: „Milliner“ = Hutmacherin oder -verkäuferin) sowie ihrem unverheirateten Bruder Frederick Springer (* Mai 1861; Beruf: „Pocket Book Maker“) im Chicagoer Stadtteil West Town. Ihr Geburtsdatum wird mit September 1857 angegeben; demnach war sie ein Jahr älter als ihr Bruder Max.

1915 meldete Elise Warwas den Tod einer Agnes Springer, Tochter von Wm. Springer und Johanne Wacke, geboren am 29. November 1859 in Deutschland, verstorben am 11. Juli 1915 in Oak Park (Illinois), unverheiratet – also offensichtlich eine weitere Schwester. Agnes hatte beim Census 1900 als Hausangestellte der Familie Augustus J. Wampler im Chicagoer Stadtteil Hyde Park gelebt; eingewandert war sie bereits 1886 und somit wohl als Erste der Springer-Familie. 1910 arbeitete sie im Haushalt zweier alter Damen, Katarina Viering (82, verwitwet) und Eliza Brenneman (89, unverheiratet), beide aus Deutschland gebürtig.

Elise Warwas kann ich im Census von 1910 nicht finden. Ihr Bruder Frederick wohnte zu dieser Zeit bei der Familie seines Schwagers Jens Johansen (43 Jahre alt, geboren in Dänemark, Kupferschmied; offenbar identisch mit dem bereits genannten „Jan Johannsen“). Wenn Johansen ein Schwager der Springers war, muss seine Frau Christina (40 Jahre alt, geboren in Deutschland, eingewandert 1892, seit 17 Jahren verheiratet) eine dritte Schwester gewesen sein. Im Census 1900 findet sie sich unter dem Namen Christina Johanson (Ehefrau von „John Johanson“); ihr Geburtsdatum wird mit Oktober 1869 angegeben, ihre Kinder heißen William (* Mai 1895) und Annie (* Juni 1897). 1910 ist noch ein Sohn Walter (* 1902) dazugekommen.

Mit dem Census 1920 nähern wir uns dem Zeitraum, in dem Max Springer sich in den USA aufhielt. Wie sich zeigt, war die in den Schiffspassagierlisten angegebene Zieladresse „504 Elgin Avenue, Forest Park“ nicht das Haus von Elise Warwas, sondern das ihres (ebenfalls deutschstämmigen) Schwiegersohns Henry O. Lessner, bei dessen Familie sie nun wohnte. Der Name ihrer inzwischen 36-jährigen Tochter erscheint jetzt als „Elfrieda“; zum Haushalt gehörten ferner die Kinder Herbert (11) und Margaret (7) sowie der „Roomer“ Gustav Knausch (49).

Schwester Christina Johansen (diesmal „Christine“ geschrieben) war beim Census 1920 bereits Witwe3 und mit ihren drei Kindern William, Anna (sic) und Walter an derselben Chicagoer Adresse gemeldet wie 1910. Drei Jahre später, am 7. November 1923, starb auch sie, erst 54 alt. Die Todesmeldung enthält ihr exaktes Geburtsdatum: 6. Oktober 1869.

Bruder Frederick ist im Census von 1920 unauffindbar. Am Censustag 1930 (dem 1. April) befand er sich im Chicago State Hospital, einer psychiatrischen Klinik; zweieinhalb Monate später, am 15. Juni 1930, starb er im Alter von 69 Jahren. Seine Todesmeldung liefert wiederum das genaue Geburtsdatum (11. Mai 1861) und bestätigt die bereits im Zusammenhang mit Agnes erwähnten Namen der Eltern (wenn auch wieder in leicht abweichender Form – wahrscheinlich transkriptionsbedingt): William und Johanna Wache. In einer anderen Datenbank werden sogar die Geburtsorte der Eltern genannt: Der Vater stammte aus dem niederschlesischen Brieg (heute Brzeg, Polen), die Mutter (hier Johanna Woche geschrieben4) aus Neisse, wo auch Frederick (ursprünglich sicher Friedrich) geboren wurde.5

oldpeopleshomeSchwester Elise wohnte 1930 im „German Baptist Old People’s Home“ in Chicago – der einzige bislang vorliegende Hinweis auf die Glaubensstellung eines der „amerikanischen“ Springer-Kinder. Auch sie starb jedoch noch im selben Jahr, nämlich am 22. Oktober. Gemeldet wurde ihr Tod von einem gewissen Henry Koch, der offenbar nur ungenau über sie Bescheid wusste: So wird der Vorname ihres Vaters mit „Friedrich“ und ihr Geburtsdatum mit dem 7. September 1856 angegeben (statt 1857). Immerhin erfahren wir hier aber den Vornamen ihres verstorbenen Mannes (Henry, also wohl Heinrich) und finden wieder den Geburtsort Neisse bestätigt.

Es ist bemerkenswert, dass nicht weniger als vier Geschwister von Max Springer ihr Glück in Amerika suchten. Ob außer Max noch weitere in Deutschland blieben, lässt sich derzeit noch nicht sagen, da für den deutschsprachigen Raum keine vergleichbaren Online-Datenbanken existieren. Auch die Namen und Lebensdaten von Max’ Frau und Kindern wären wohl nur durch Archivrecherchen herauszufinden (aus der Passagierliste von 1923 geht immerhin hervor, dass der Name seiner Frau mit E begann).

Die Lebensdaten der fünf bekannten Springer-Geschwister sollen hier abschließend noch einmal übersichtlich zusammengestellt werden (zum Vergrößern klicken):

geschwisterspringer

Anhang: Der Erfinder

patentblattSucht man per Google nach „Max Springer Vohwinkel“, so stößt man auf mehrere Einträge in alten Patentzeitschriften, die leider (noch) nicht im Volltext zugänglich sind. Offensichtlich ließ Springer Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Erfindungen patentieren, darunter ein „Pneumatisches Schutzband gegen Wundwerden und zum Schutz für Wunden, aus einem mit Befestigungsringen (Bändern) versehenen Schlauch mit Lufteinblasventilschlauch bestehend“ (Patentblatt 1897), einen „Elastischen Schutzring für Wunden, mit freistehendem Ventilschlauch und Schutzhülfe für denselben“ (ebd.), ein „Elastisches Schutzkissen gegen Wundwerden und zum Schutze vor Wunden“ (Illustrirtes Österreichisch-Ungarisches Patent-Blatt 1897) oder einen „Elastischen Schutzring für Zugthiere gegen Wundwerden und zum Schutze von Wunden mit auswechselbarem Luftkissen“ (Patentblatt 1900). Eine dieser Erfindungen wurde 1898 in der französischen Landwirtschaftszeitschrift Journal de l’agriculture wie folgt beschrieben:6

Um diese Nachteile zu überwinden, erfand Herr Max Springer aus Vohwinkel (Rheinprovinz) pneumatische Wundschutzringe. Dieses Gerät ist aus Leder gefertigt und mit einem Gummiring ausgestattet, der je nach Bedarf mit einer Luftpumpe mehr oder weniger aufgeblasen werden kann; dies ist von hohem hygienischem Wert, insbesondere bei Verspannungen, Abszessen, Schwellungen nach Operationen usw. Er ist außerdem mit einem freien Lüftungsloch A ausgestattet, das nach dem Aufblasen in einem Schutzzwickel platziert wird. Das Gerät wird verwendet, um verschiedene Wunden und Schrammen zu schützen.

Die Erfindung und Herstellung solcher Geräte war demnach wohl der Beruf, von dem sich Max Springer 1899 nach Einschätzung des Offenen Bruders Max Isaac Reich „immer mehr freimachen“ konnte, „um am Wort zu dienen“.7


„Echoes of Service“ als Quelle für die Geschichte der deutschen Offenen Brüder

Ende April dieses Jahres stellte das Christian Brethren Archive die ersten 47 Jahrgänge von Echoes of Service, der wichtigsten Missionszeitschrift der englischen Offenen Brüder, ins Netz. Ich maß dieser Nachricht für mich zunächst keine große Bedeutung bei, da die Missionsgeschichte der Offenen Brüder mir bereits gut erforscht zu sein schien und auch nicht zu meinen zentralen Interessengebieten gehört. Aus Neugier schaute ich dann aber doch in einige Bände hinein – und stellte fest, dass von Anfang an fast jedes Jahr auch Berichte aus dem deutschsprachigen Raum abgedruckt wurden.

Entdeckungen

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Titelseite des ersten Jahrgangs (1872)

Erstaunlicherweise standen dabei insbesondere in den ersten Jahren (die Zeitschrift erschien ab 1872) Personen im Vordergrund, die in der bisherigen deutschsprachigen Geschichtsschreibung der Offenen Brüder praktisch unbekannt sind: Weder Karl Andreas noch Julius Rohrbach noch Carl Geier noch Gustavus Adolphus Eoll (um nur einige Beispiele zu nennen) kommen im hier einschlägigen Band 2 von Gerhard Jordys Brüderbewegung in Deutschland,1 in der Dissertation von Ulrich Bister2 oder in der älteren Darstellung von Walther Schwammkrug3 vor. Der einzige bekannte Name aus den frühen Jahren – neben den evangelistischen „Weltreisenden“ Georg Müller und Friedrich Wilhelm Baedeker – ist Jean Emil Leonhardt in Bad Homburg, aber auch hier hält Echoes of Service eine Überraschung bereit, die von der bisherigen Geschichtsschreibung abweicht und offenbar auch in Bad Homburg in Vergessenheit geraten ist: Als Gründungsjahr der dortigen Offenen Brüdergemeinde galt bislang immer 1887, weshalb auch 1947 das 60-jährige,4 1987 das 100-jährige5 und 2012 das 125-jährige Gemeindejubiläum gefeiert wurde; die Berichte Leonhardts in Echoes of Service belegen aber, dass das erste Brotbrechen in Bad Homburg bereits am 25. Juli 1886 stattfand6 – alle Jubiläen wurden also ein Jahr zu spät begangen!

Es handelt sich bei Echoes of Service demnach um eine erstklassige zeitgenössische Quelle über die Anfänge der deutschen Offenen Brüder, die trotz ihrer prinzipiellen Zugänglichkeit von der hiesigen Forschung bislang anscheinend völlig unbeachtet geblieben ist.7 Ich habe mir die Mühe gemacht, alle den deutschsprachigen Raum betreffenden Berichte aus den 47 Bänden der Jahre 1872–1918 zu extrahieren; seit heute stehen sie auf bruederbewegung.de als 187-seitige PDF-Datei zum Download zur Verfügung.

Die Zeitschrift

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Titelseite des ersten Heftes mit neuem Namen (1885)

Einige Hintergrundinformationen zur Zeitschrift mögen hier noch am Platze sein. Gegründet 1872 als The Missionary Echo, trug sie von 1885 bis 1969 den Namen Echoes of Service, unter dem sie heute noch am bekanntesten ist (ab 1970 lautete der Titel schlicht Echoes, seit 2018 Echoes International mission magazine). Herausgeber in den ersten Jahrzehnten waren Henry Groves (1872–1891), John Lindsay Maclean (1872–1906), William Henry Bennet (1891–1920), Robert Eugene Sparks (1894–1918), William Edwy Vine (1911–1949) und William Rhodes Lewis (1917–1963).8

Die Redaktion (die ab 1873 ihren Sitz in Bath hatte) fungierte von Anfang an auch als Sammel- und Weiterleitungsstelle für Spenden, sodass sich Echoes of Service im Laufe der Zeit zu einer Art Missionsgesellschaft entwickelte; 1886 stand man bereits mit ca. 100, 1909 mit ca. 600 Missionaren weltweit in Kontakt.9 Einen systematischen Überblick über die unterstützten Missionare bot das Jahresregister der Zeitschrift, das bereits ab dem 2. Jahrgang (1873) nicht mehr alphabetisch, sondern nach Kontinenten und Ländern geordnet war; ab 1883 wurden zusätzlich die Adressen der Missionare und (wenn bekannt) das Jahr des Beginns ihrer Tätigkeit angegeben.

Bis 1890 erschien die Zeitschrift monatlich, von 1891 bis 1917 zweimal monatlich und im letzten Kriegsjahr 1918 wieder monatlich. Die vom Christian Brethren Archive digitalisierten 47 Jahrgänge umfassen insgesamt genau 888 Hefte, von denen etwas über ein Drittel (306 Hefte) Berichte aus dem deutschsprachigen Raum enthalten.